70 Jahre Schachturnier in Groningen (NED)


Der Sieger von Groningen 1946: Mikhail Botvinnik

Der Sieger von Groningen 1946: Mikhail Botvinnik

Groningen 1946 war das erste große internationale Schach-Turnier nach dem Zweiten Weltkrieg. In Groningen, im August und September 1946 war es ein Wunder, dass die Niederlande ein solches Ereignis nur fünfzehn Monate nach dem Ende des Krieges inszenieren konnten.

Mikhail Botvinnik gewann das Turnier einen halben Punkt vor dem ehemaligen Weltmeister Max Euwe. Es war Botvinniks erster Sieg außerhalb der Sowjetunion und Euwes letzter großer Erfolg (Quelle Wikipedia).

Vom 21. bis 30. Dezember wird wieder über Weihnachten in Groningen gespielt. Auch an Heiligabend. Nur der 1. Weihnachtsfeiertag ist ein spielfreier Tag. Es gibt ein A-B- und C-Open. Gespielt werden 9 Runden mit einer Bedenkzeit von 90 Minuten für 40 Züge, plus 30 Minuten für den Rest der Partie. Dazu einen Zeitbonus von 30 Sekunden ab dem ersten Zug.

Die Spitzenbretter werden live über das Internet übertragen. Lesen Sie auch den ausführlichen und gut recherchierten Beitrag von Bastian Kissing, über Groningen 1946, im Anschluss an diese Zeilen!

 

Turnierseite

 

Groningen 1946 – Frühling der Schachgeschichte – Ein Beitrag von Bastian Kissing

Es gibt viele Gründe, den Ersten und Zweiten Weltkrieg mitsamt der nervösen Zwischenkriegszeit als Einheit zu sehen und damit als Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts aufzufassen. Der Zweite Weltkrieg baute auf dem Ersten Weltkrieg auf, die Hauptkriegsmächte blieben dieselben, und die Zerstörungen in Europa waren 1648 und 1945 ähnlich massiv, so daß sich geradezu eine neue europäische Friedensordnung aufdrängte.

In diesem Zusammenhang wurden die Jahre 1648 und 1945 von den Überlebenden als Neuanfang gewertet, für deren Perspektiven ein friedliches Miteinander der einzelnen Staaten unabdingbar war. Sowohl 1648 als auch 1945 wurde der Friede in ein Vertragswerk gegossen, an das sich alle Beteiligten halten mußten. Nach 1945 sollten die Vereinten Nationen unabhängig von den Friedensbeschlüssen der Siegermächte den Weltfrieden gewährleisten. Die UN-Charta garantierte die Unverletzlichkeit staatlicher Territorien und gab dem UN-Sicherheitsrat weitreichende Sanktionsbefugnisse zur Hand. Als wichtigster Garant für den Frieden schien, daß die Gründung der Vereinten Nationen, die mehr sein wollten als der krisengeschüttelte Völkerbund, der sich nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gebildet hatte, von den einflußreichsten Staaten auf der Welt konsensual vorangetrieben worden ist. Die fünf ständigen Mitglieder waren die Siegermächte USA, die Sowjetunion, die beiden vorzüglichsten Vertreter des “Alten Europas”, England und Frankreich, sowie die bevölkerungsreiche Republik China. Der Konsenscharakter der Vereinten Nationen drückte sich durch das Vetorecht aus, das jedes der fünf ständigen Mitglieder bei einer Entscheidung besaß. Das militaristische Deutschland war besiegt, die Siegermächte waren bereit, die Zukunft der Weltgeschichte gemeinsam und nicht gegeneinander zu bestreiten, eine durch den gemeinsamen Sieg gegen die Achsenmächte neue Form der Toleranz wird dazu führen, daß eine gemeinsame Politik trotz unterschiedlicher Interessenssphären und Weltanschauungen möglich ist, das war die große Hoffnung, die aus dieser gemeinsamen Politik nach einer langen, dunklen Nacht erblühte; eine Hoffnung, die gespeist war aus dem Wunsch eines Neuanfangs und dem Wunsch, daß die Menschheit nach schwersten Verheerungen endlich wieder in bessere Entwicklungsstufen aufsteigen kann.

Ein Neuanfang, das hieß auch, daß sich das in vielen Formen während der Kriegsjahre unterbrochene zivile Leben wieder entfalten und auf sportlichem und kulturellem Parkett an die Veranstaltungen der Vorkriegsjahre anknüpfen konnte. Auch die fast zum Erliegen gekommene Schachwelt sollte wieder Schachfeste feiern können in Form von internationalen Turnieren der stärksten Spieler der Welt. Die Niederlande, das Land des nach dem Tode des geächteten “Kollaborateurs” und “Antisemiten” Alexander Aljechin letzten lebenden Schachweltmeisters Max Euwe, hatte die Ehre, die Schachgeschichte mit dem ersten großen Nachkriegsturnier wiederaufzunehmen. Als Spielort entschieden sich die Niederlande in jenem Sommer für Groningen, eine mittelgroße und durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogene Stadt. Geladen wurden die stärksten Spieler der Welt; die 20 Teilnehmer, die dem Turnier schließlich die Ehre erweisen sollten, machten durch diesen Rahmen deutlich, daß Groningen 1946 alles dafür tat, nach den langen Jahren der Dunkelheit an legendären Schachfesten der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Dabei waren Michail Botwinnik, Alexander Kotov, Salo Flohr, Isaak Boleslawski und Wassili Smyslow aus der Sowjetunion; Arnold Denker und Herman Steiner aus den USA; Erik Lundin und Gösta Stoltz aus Schweden; Laszlo Szabo aus Ungarn, Milan Vidmar aus Jugoslawien; Miguel Najdorf und Carlos Guimard aus Argentinien; Savielly Tartakover und Ossip Bernstein aus Frankreich; Alberic O´Kelly de Galway aus Belgien; Martin Christoffel aus der Schweiz; Cenek Kottnauer aus der Tschechoslowakei; Daniel Yanofski aus Kanada, während sich die Niederlande, untypisch für ein Gastgeberland, nur durch ihren Weltmeister von 1935-1937, Max Euwe, vertreten ließen.

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