Geschichte der Schachuhren


Das Zeitalter der Industriellen Revolution brachte es mit sich, daß die Zeit begann, kostbar zu werden. „Zeit ist Geld“ lautete nicht nur der Leitspruch der Puritaner, deren protestantische Arbeitsethik nach dem Soziologen Max Weber stark zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen habe. Sie war auch grundsätzlich die Devise der Fabrik- und -Minenbesitzer, um sich in dem Haifischbecken der Stahl- und Kohleindustrie zu behaupten, und sie wurde der neuen Klasse der Fabrikarbeiter, die vom Dorf in die Stadt zogen, aufgezwungen. Feste geregelte Arbeitszeiten ersetzten die Arbeit nach Bedarf, die es im Dorfe gab, und wo sich die Bauern noch an dem Stand der Sonne orientierten konnten. Die Stechuhr wurde zum Symbol einer ganzen Epoche. Die Gesellschaft sah sich Verwerfungen gegenüber, die in ihrem Ausmaß an die Verwerfungen des Informationszeitalters in der heutigen digitalen Revolution erinnern. Sowohl Moderne als auch Postmoderne brachten der Schachwelt neue Schachuhren.
Als in London 1851 das erste Schachturnier des beginnenden Industriezeitalters abgehalten worden war, war dies auch der erste Gradmesser dafür, wie ein solches Turnier künftig organisiert werden könnte. Neben Schwierigkeiten wie dem Londoner KO-Modus, der sich nicht durchgesetzt hatte, dem organisatorischen Problem, Remispartien zu wiederholen, zeigte sich vor allem die fehlende Bedenkzeitregelung als Problem. So konnten konditionell stärkere Spieler die freie Bedenkzeitregelung als Waffe einsetzen, ihren Gegner einzuschläfern oder den letzten Nerv zu rauben. Howard Staunton selbst, der das Turnier mit organisiert hatte, hatte das Spiel um Platz drei gegen seinen Landsmann Elijah Williams entnervt aufgegeben und im Turnierbuch vermerkt, daß auch die Zuschauer mit Partien, die auf eine solche Art in eine Länge von bis zu 20 Stunden getrieben wurden, nicht einverstanden gewesen seien (vgl. Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 55). Zwar war dieses Problem seit dem epischen Duell zwischen McDonnell und Bourdonnais bekannt, aus dem immerhin dahingehend gelernt werden konnte, potentiell störende Zuschauer aus dem Spielbereich fernzuhalten. Aber eine solch antiquierte Spielweise paßte nicht mehr in das schnelllebige beginnende Industriezeitalter, und im Gegensatz zu früher gab allmählich Techniken, gegen ein solches Problem vorzugehen.

 

Foto: by Michael Hofmann, Kitzingen.

Foto: by Michael Hofmann, Kitzingen.

Die ersten allgemeinen Zeituhren tauchten in ihrer mechanischen Form im 13. Jahrhundert auf, die ersten Schachuhren nach London 1851 waren in Form von Sanduhren, wie sie zum ersten Mal beim Wettkampf Anderssen gegen Kolisch 1861 in London eingesetzt wurden (Anderssen gewann mit 5:4), allerdings archaisch. Näher an der Moderne waren da die im Wettstreit zwischen Steinitz und Anderssen 1866 wiederum in London eingesetzten Stopuhren, die allerdings das Problem mangelnder Genauigkeit mit sich brachten und von daher dem Ideal noch fern waren. Es war schließlich dem Uhrmacher und Sekretär des Schachvereins Manchester, Thomas Bright Wilson, zu verdanken, der mit den mechanischen Schachuhren eine Lösung fand, die so gut und exakt war, daß sie mehr als ein ganzes Jahrhundert trotz in dieser Zeit stattfindenden explosionsartigen technischen Entwicklung überdauerte. Abermals in London erlebten die mechanischen Schachuhren ihre Feuertaufe, als sie 1883 beim großen Schachturnier, wo der spätere Steinitzrivale Johannes Hermann Zukertort bei der ersten offiziellen Schach-WM 1886 in den USA sein Turnier seines Lebens spielte und die Konkurrenz einschließlich Steinitz´ um mindestens drei Punkte deklassierte, erfolgreich eingesetzt wurden und sich fortan in den Turniersälen der Welt rasch verbreiteten.

 

Die Schwierigkeit bei der Erfindung eines solchen Modells war die Verbindung zweier in Abhängigkeit voneinander stehender Uhren, bei dem immer nur eine Uhr laufen sollte, und zwar die Uhr des Spielers, der gerade am Zug war. Die neuen mechanischen Schachuhren, die auch Kippuhren genannt wurden, bedeuteten die Lösung des Problems, da jeder Spieler nach Ausführung seines Zugs ohne weiteres dazu in der Lage war, seine eigene laufende Zeit bequem auf Knopfdruck anzuhalten und gleichzeitig die Zeit des Gegners zum Laufen zu bringen. Nun war man der Perfektion bereits nahe.

 

Erst in den 80er Jahren wurden durch den niederländischen Studierenden Ben Bulsink, aber auch durch Robert Fischer, der nach einer Lösung dafür gesucht hatte, seinen heute so beliebten „Fischer-Bonus“ umsetzen zu können, die Digitaluhren entwickelt, die wie die mechanischen Uhren zum Industriezeitalter mit dem heutigen digitalen Zeitalter korrespondierten. Die neuen Digitaluhren mögen am Anfang zwar schwerer einzustellen sein, doch sind sie weniger störanfällig als die alten mechanischen Kippuhren, welche die unangenehme Eigenschaft hatten, inmitten schönster Zeitnotschlachten einfach stehenzubleiben. Diese Eigenschaft hatte übrigens auch auf internationaler Spitzenebene für einen ebenso unschönen wie folgenschweren Zwischenfall gesorgt. Denn bei dem Schachturnier 1924 in New York City war Laskers Uhr, von ihm unbemerkt, in seiner Partie gegen Capablanca stehengeblieben, was diesen so erzürnt hatte, daß er beim Nachfolgeturnier 1927 nicht mehr teilnahm, und sich im Laufe dieser Zeit eine Schlammschlacht  entwickelte, die immer weitere Kreise zog und immer mehr Schachspieler in Mitleidenschaft brachte.

 

Den neuen Effekt der beseitigten Geräuschkulisse durch das Ticken der Uhren während der Partien möchte ich zwar nicht als Vorteil herausstreichen, weil manche Schachspieler dieses Ticken durchaus vermissen, und sich wohl jeder Schachspieler zumindest schnell daran gewöhnt hatte wie die Anwohner an der Schwebebahntrasse an der erst am 18.12.2016 durch die neuen Wagenmodelle drastisch reduzierten Geräuschkulisse durch auch in den Abendstunden vorbeifahrende Schwebebahnen. Ein flexibles Handling bezogen auf neue Zeitformate entschädigt aber für diesen nun nicht mehr vorhandenen Effekt, so daß neue Bedürfnisse, die lange Zeit als unrealisierbar galten, gestillt werden konnten. Die digitalen Schachuhren sind die vorläufig letzte Stufe der Schachuhrentechnik, und angesichts des Erfolges dieser Schachuhren, die binnen relativ kurzer Zeit die alten mechanischen Schachuhren verdrängen und neue Zeitformate ermöglichen konnten, die in den Meisterschaften und Turnieren immer mehr zum Standard werden, ist es gut möglich, daß auch hier wieder ein Jahrhundert vergehen könnte, bis sich neue Bedürfnisse bezüglich der Schachuhren herausbilden und auch technisch realisiert werden können. Vorausgesetzt, daß die Welt dann noch steht.

 

Ein Beitrag von Bastian Kissing
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