Samstag in Wijk aan Zee: Reise- und Fotobericht


Das rein schachliche Geschehen lasse ich weitgehend aussen vor – das kommt dann im üblichen Zwischenbericht zum ersten Ruhetag. Ich kann nicht völlig ignorieren, dass Partien, die gespielt und zum Teil im Pressebereich analysiert wurden, Ergebnisse hatten, aber es wird vor allem ein Reisebericht. Neu ist, dass ich diesmal vor allem eigene Fotos verwende. Die haben wohl nicht die sonst übliche professionelle Qualität – fotografiert habe ich mit meinem neuen Handy, das ich seit etwa einer Woche besitze und noch nicht gut kenne. Dafür stammen sie von insgesamt sieben Schauplätzen – fünf im Gebäude De Moriaan (nicht nur Haupt-Spielsaal und Pressebereich), zwei ausserhalb. Ergänzend einige Fotos, die ich ab der Turnierseite auf Facebook und Twitter gefunden habe. Sie stammen wohl weitgehend von Alina l’Ami – in einem Fall weiss ich es sicher, in einem Fall weiss ich sicher dass sie nicht selbst fotografiert hat.

Da sich in der A-Gruppe in Runde eins noch nicht allzu viel tat, gebe ich das Titelfoto Markus Ragger. Ich könnte es zurechtschneiden, aber so ist klar dass es in Wijk aan Zee aufgenommen wurde. Er konnte in Runde eins im B-Turnier bereits einen wichtigen Sieg erzielen, aber noch ist das Turnier natürlich noch nicht vorbei.

Zuerst, auch wenn ich mich im Vergleich zu den letzten Jahren vielleicht wiederhole, Anreise und Geschehen vor/bis Rundenbeginn. Der Bus nach Wijk aan Zee steht abfahrbereit am Bahnhof Beverwijk, dann kommen viele angerannt – wohl aus dem Zug aus Richtung Amsterdam, Zug- und Busfahrplan ist schlecht (oder perfekt!?) koordiniert. Sie “sehen aus wie Schachspieler” – was immer das heissen mag, leicht zu sagen wenn man weiss dass es wohl Schachspieler sind. Erkennbar war es auch anhand aufgeschnappter Gesprächsfetzen und sichtbarer Utensilien wie Tata Steel Partieheft.

Vor Ort wie immer am ersten Tag zuerst die Pressebadge abholen, damit hat man Zugang hinter den Kulissen. Im Gang begegnete ich IM Robert Ris, der mich begrüsste aber es offenbar eilig hatte – ich auch, allzu viel Zeit war nicht mehr bis Rundenbeginn. Dann sah ich ebenfalls im Gang noch ein bekanntes Gesicht – Wesley So, der von seiner “Wahlmutter” (oder was ist der korrekte Begriff? Chessbase schreibt auf Englisch “surrogate mother”) gekämmt wurde. Worunter seine Frisur offenbar zuvor gelitten hatte, wurde später klar. Tisch im Presseraum sichern, Laptop starten, und dann zum Rundenbeginn … diesmal auf die Bühne – das Recht habe ich, wobei ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbst fotografierte. Wiederum das mir bekannte Bild aus anderer Perspektive: zuerst erscheinen die Fotografen – noch haben sie nichts zu tun, bis auch Spieler auftauchen: generell zuerst die B-Gruppe, und zuletzt Magnus Carlsen, der dann (zusammen mit seinem Gegner) im Mittelpunkt des Interesses steht:

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Dieses Foto stammt – siehe rechts unten – von der Turnier -Facebookseite, hat Alina l’Ami mal wieder die andere Perspektive gewählt? Zentral stehend Joachim Schulze für Chessbase, neben ihm eine mir nicht namentlich bekannte russische Dame, und noch einige andere. Dann eine kurze Rede von Turnierdirektor Jeroen van den Berg, der Gong heute von Myra Rooselaar von Tata Steel, los geht’s! Noch darf weiter fotografiert werden:

Hier erkenne ich (Dame mit Kamera) Anna Rudolf, natürlich Carlsen und So sowie mich selbst – hinten links neben der Dame in (Tata-)blau. Kamerageräusche erinnerten teils ein bisschen an Maschinengewehre – diverse Profis nahmen Fotos in Serie: klackklacklacklackklack.

Nach Rundenbeginn ist zunächst allenfalls interessant, welche Eröffnungen gespielt werden – So und Carlsen spielten (siehe Foto) Slawisch. Im anderen eloschwersten Duell Karjakin-Giri kam Najdorf-Sizilianisch aufs Brett, und nach 5.-a6 sagte Karjakin “das kann ich auch!” und spielte 6.a3!??! . Er hatte sich etwas vertan: Passend zum Datum der Runde (14.1.2017) wäre 6.Sb3, vierzehnte Wahl gegen Najdorf, 6.a3 steht in der Datenbank immerhin auf Platz dreizehn – 190 Partien, darunter eine Blitzpartie Harikrishna-Giri von der Norway Chess Vorspeise.

Kurz ging ich zurück in den Pressebereich, und nächster Fotokomplex ist “Thomas on Tour” – ich war zu Fuss unterwegs, also nur einige hundert Meter. Zunächst zu Cafe de Zon, da ich dort einen Vereinskollegen vermutete. Die Atmosphäre dort (Spielort der untersten Amateurgruppen) kannte ich bereits, nun dokumentiere ich sie fotografisch:

Links der Cafebereich, auch da wird Schach gespielt bzw. analysiert. In der Mitte das Hinterzimmer, da wird Turnierschach gespielt auf Niveau Elo 1400 oder weniger. Rechts eine junge Dame, die ich fotografierte ohne ihren Namen zu kennen – aber da in Gruppe 9L nur eine Dame spielte konnte ich das herausfinden: laut Turnierseite Sophia Jonkman, die FIDE-Eloseite kennt ihren kompletten Namen – Sophia Leticia Jonkman Inza (*2009) aus Peru. Vor dem Turnier hatte sie Elo 1148, nun – nach 0/3 – hat sie etwas weniger. Jonkman ist hierzulande ein einigermassen bekannter Schachname – elobester Jonkman ist schliesslich GM Harmen mit aktuell Elo 2397. Viele Jahre war er Schach-Globetrotter, dann wurde er Familienvater (hat er seine Frau bei irgendeinem Turnier kennengelernt?) und hat nun einen bürgerlichen Beruf. Amelia Marry Jonkman Inza (*2007, Elo 1245) hat übrigens Gruppe 8N mit 2,5/3 gewonnen – Samstag wusste ich noch nicht, dass sie im selben Raum am Brett sass, und nun ist es zu spät um auch sie zu fotografieren: die Wochenend-Vierkämpfe sind vorbei.

Mein Vereinskollege spielte in Gruppe 8C – das war, wie sich herausstellte, in einem Nebenraum am Hauptschauplatz “De Moriaan”, mein nächster Zwischenstop:

Links ein Übersichtsfoto, rechts daneben Jon van Dorsten – wer ist das denn? Mein Vereinskollege, der als Erwachsener mit (Vereins/Turnier-)Schach begann und vor dem Turnier nationale Elo 1389 hatte. Dabei hat er in der Vereinsmeisterschaft gegen einen Spieler mit NL-Elo über 1900 gewonnen (Name bei der Redaktion bekannt); in diesem Turnier bestätigte er seine Elo-Favoritenrolle und erzielte 3/3. Ich wollte ihn eigentlich fotografieren, ohne dass er es mitbekommt, wurde allerdings von einem Zuschauer gestört – “Fotografieren nur ohne Blitz!” (ich weiss noch gar nicht, wie ich mit meiner Handy-Kamera blitzen kann) – so dass er mich doch registrierte, die Konzentrationspose ist allerdings authentisch-üblich, nicht gespielt. Rechts daneben Kavya Raulji – sie ist, auch wenn Name (und Aussehen?) ebenfalls nicht passt, Niederländerin (Baujahr 2005, Elo 1435, NL-Elo 1326). Wer sind die beiden älteren Herren ganz rechts? Wohl nicht Henk Strik und Viktor Vukojevic, diese Partie war bereits beendet, und der Belgier Vukojevic ist (das verrät die FIDE) Jahrgang 2001. Also Joan van der Biezen und Roel de Hoop.

Nächster Stop war Heliomare, Schauplatz für Livekommentar auf Niederländisch:

Hans Böhm aus der Nähe und aus etwas weiterem Abstand. Wo war eigentlich Yasser Seirawan, der mit Robert Ris und Gästen für das Internet-Publikum auf Englisch kommentierte? Dazu zwei Fotos via Turnierseite:

Er – oben mit Pavel Eljanov, unten mit Jorden van Foreest – sass in einem Glaskasten mit Aussicht auf den grossen Turniersaal. Damit sind zwei Sieger des ersten Tages erwähnt: Eljanov-Rapport 1-0 in der A-Gruppe, Van Foreest – l’Ami 1-0 in der B-Gruppe. Ich behielt das Geschehen an den Brettern der A- und B-Gruppe im Auge, der Sieger des NL-Duells zeichnete sich früh ab – aber wenn Jorden van Foreest auch im Pressebereich auftauchte habe ich das doch verpasst. So-Carlsen wurde remis – Carlsen gab danach ein Kurzinterview im Pressebereich und war weg, So konnte ich immerhin noch im Foyer fotografieren:

Aha, die Frisur litt vielleicht unter der Mütze – in Minnesota wo er nun wohnt ist es zwar im Winter auch kalt, aber klimagenetisch ist er nach wie vor Filipino. Die jungen Autogrammjäger warteten danach auf weitere Grossmeister – dahinter die Tür, die sich nur mit Magnetkarte öffnen lässt bzw. von einem Uniformierten “bewacht” wird. Ich hatte Zugang und ging wieder in den Pressebereich, da wurde inzwischen analysiert:

Nils Grandelius (links) und Gawain Jones remisierten in 20 Zügen, dennoch gab es einiges zu besprechen (hinten verdeckt Gawain Jones’ Frau).

Tom Bottema vom Presseteam schaute kurz vorbei (inzwischen hatte mich ein Kollege aus dem Pressebereich informiert, dass man mit Handy auch im Querformat fotografieren kann …).

Dann, ebenfalls aus der B-Gruppe, Ilia Smirin (links) und Vladimir Dobrov – ebenfalls remis, aber das war turbulent. Sie redeten Russisch, ich versuchte den sizilianischen Komplikationen zu folgen – irgendwann meinte Smirin: “Gawarite pa Russki?”. Soviel Russisch kann ich – “verstehen Sie Russisch?” – aber nicht viel mehr, also sagte ich “Njet”. Dobrov erklärte auf Englisch “I am in trouble, I am a piece down” (in einer Variante, die nicht aufs Brett kam) – natürlich ging es dann auf Russisch weiter. Ich wartete auch auf mein erstes Interview, hinterher mit Dobrov:

TR: Ich sah Ihren Namen zuerst (vor dem Sieg 2016 in der höchsten Amateurgruppe), als sie das Limburg Open gewannen und einmal bei einem Schnellturnier (Jurmala?) zumindest zwischenzeitlich vorne mitspielten. Was ist aus Ihrer Sicht Ihr grösster Erfolg? Dobrov: Im Schnellschach? TR: Ich meine generell. Dobrov: Wohl erster und zweiter Platz bei den russischen Meisterschaften U20. TR: Das ist eine Weile her … [Dobrov ist Jahrgang 1984]. Dobrov: Ja, danach war ich vor allem Trainer. TR: Haben Sie als Spieler erreicht, was Sie wollten? Dobrov: Natürlich nicht! Einige meiner … (er suchte nach dem passenden englischen Wort und entschied sich für ‘peers’, etwa “Spieler meiner Generation”) wurden starke Grossmeister, in meinem Fall gibt es viele Gründe warum ich das nicht schaffte [wir einigten uns auf “it’s a long story”]. Wenn es gut läuft, habe ich vor allem im Schnellschach durchaus Erfolge, aber es läuft nicht immer gut!”. Da sollte man dann nicht weiter nachhaken, zum Abschluss gab er mir, wie letztes Jahr (damals ein zufälliges Interview im Eingangsbereich des Turniersaals) höflich die Hand.

Dobrov meinte wohl den geteilten ersten Platz bei der russischen Meisterschaft U20 anno 2004. Der mit ihm punktgleiche Artem Iljin ist mir total unbekannt, er spielt nur noch sehr sporadisch. Hinter ihm landeten u.a. der später tödlich verunglückte Igor Kurnosov, Denis Khismatullin, Boris Savchenko und Nikita Vitiugov. In Wijk aan Zee macht Dobrov bisher “den Giri”: egal ob er besser oder schlechter steht (beides schaffte er in Runde 1 gegen Smirin und tags darauf gegen Aryan Tari in ein und derselben Partie), immer wird es remis.

Sagte ich Giri? Auch er erschien und wurde offiziell interviewt:

Die Fragen stellte Anna Rudolf. Karjakin-Giri wurde remis, zu Robert Ris sagte ich “natürlich …”. Er darauf: “die ganzen Witze zu Giris Remisen nerven etwas – er spielt scharfe Eröffnungen, steht oft gut, irgendwie wird es dann oft remis …”. Das sehe ich selbst auch so, das sagte ich ihm auch. Die nächsten Fotos waren chronologisch etwas davor:

Robert Ris ist der Älteste in einer Gruppe, die laufende Partien am Computer verfolgt und dabei von Alina l’Ami fotografiert wird.

Das ist das dazu gehörende “offizielle” Foto – ich weiss nicht, ob die Fotografin zufällig den “besten” Moment erwischte, oder viele Fotos machte und das beste auswählte.

Und das ist die Fotografin. Später wurden die Kids auch mit Giri fotografiert, und dann sagte Robert Ris zu Anish Giri: “Sie trauen sich nicht, selbst zu fragen, aber sie wollen gerne Autogramme” – Giri war dazu gerne bereit. Beide Momente wollte ich fotografieren, war aber jeweils zu spät. Dann fragte ich Robert Ris, wer die Kids eigentlich sind – “Mitglieder der Amsterdam Chess Academy, sie spielen selbst in den Wochenendturnieren.” TR “Und sie durften auch in den Pressebereich?” Ris: “Ich weiss nicht, ob sie das dürfen – ich hab’ sie halt mitgenommen.”

Noch zwei erschienen und analysierten ihre Partie – siehe bereits Titelbild und nun noch drei Fotos:

Markus Ragger und Jeffery Xiong – auch in der B-Gruppe gleich in Runde eins das Duell der Elofavoriten, der “alte” Österreicher gewann gegen den jungen US-Amerikaner. Drei Fotos, um unterschiedliche Momente dieser sizilianischen Partie zu dokumentieren. Wer ist eigentlich der Herr im Hintergrund? Meistens hörte er zu, gelegentlich hat er sich eingemischt, Ahnung vom Schach hat er. Ich war nicht alert genug, hinterher zu fragen “I am Thomas Richter, German Schachticker, who are you?” – und ein Kenner der US-Schachszene aus meinem Netzwerk wusste diesmal auch nicht Bescheid. Aber das Internet weiss Bescheid: Für Chessbase schrieb Alejandro Ramirez, dass Jeffery Xiong “in Indien” (gemeint ist sein Sieg bei der Junioren-WM) von GM Vladimir Georgiev betreut wurde. Chess-news.ru hat einen Artikel ” ‘She just makes the strongest moves.’ Vladimir Georgiev on Antoaneta Stefanova” – mit Foto, zwar vier Jahre alt, aber die Ähnlichkeit ist gross genug, dass ich das Bilderrätsel als gelöst betrachte. Vladimir Georgiev arbeitete zum damaligen Zeitpunkt “seit bereits 20 Jahren” mit der bulgarischen Ex-Weltmeisterin.

Ich gratulierte Markus Ragger noch zu (mal wieder) Elo 2700+ in der Live-Eloliste, “ist das für Sie wichtig?”. “Ja, schön zu haben!” Aber es ist natürlich eine (heute dann bestätigte) Momentaufnahme. Ich wünschte ihm noch mehr Erfolg im Turnier als Nisipeanu letztes Jahr hatte, wofür er sich bedankte – generell ist es natürlich noch zu früh für Interviews.

Danach war für mich Schluss – ein letzter Blick in den Turniersaal:

Hinten spielen noch Adhiban und van Wely vor einigen Zuschauern, ansonsten leerten sich die Reihen – soweit, dass ich nun auch hier (Handynutzung jeglicher Art eigentlich verboten) von hinten fotografierte. Wo war noch was los?

An der Bar, da wurden offenbar Amateurpartien analysiert

Für diese hochinteressante Stellung interessierte sich allerdings niemand (mehr), die Herren am Tisch sind anderweitig beschäftigt. Es reichte dann noch für ein kurzes Gespräch an der Bar mit Paul Rump, Turnierdirektor der NL-Meisterschaft, dann musste ich die Heimreise antreten.

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