Franz Jittenmeier fragte Ralf Schreiber zur allgemeinen Situation des Schachs in der Gesellschaft, im DSB und seine Möglichkeiten der Mitgliederwerbung.

Hallo Ralf, Du bist dafür bekannt Schach als pädagogisches Hilfsmittel in die Kindergärten gebracht zu haben und Du warst längere Zeit sehr erfolgreich beim DSB als Referent für Breiten- und Freizeitsport tätig. Was machst Du beruflich?

Ruhrbischof Dr. Overbeck ernannte Rals Schreiber zum "Schutzengel für Kinder"

Ruhrbischof Dr. Overbeck ernannte Rals Schreiber zum “Schutzengel für Kinder”

Ich hatte mehrere Ausbildungen, unter anderem zum Betriebswirt für Marketing und Kommunikation. In diesem Bereich bin ich selbstständig und agiere in mehreren Firmen als Business-Angel. Vorsorglich möchte ich klarstellen, das Marketing keine Werbung ist. Das höre ich so oft, das ich doch gerne darauf hinweise das Werbung ein Baustein von vielen des Marketings ist. Mein Schwerpunkt liegt im strategischen Marketing.

Der Beruf hilft Dir vermutlich auch bei der Umsetzung Deiner pädagogischen Initiative Schach für Kids e.V.?

Es hilft natürlich dabei Projekte auf den Weg zu bringen. Insbesondere weil wir intensiv mit den Bereichen Bildung, Politik und Wirtschaft kommunizieren. Wir haben immerhin über 1.500 Bildungseinrichtungen erreicht.

Mit der Wirtschaft ist vermutlich das Sponsoring gemeint?

Genau

Wieviel Sponsoren hat Schach für Kids bisher gewinnen können?

Wir haben bisher über 50 Sponsoren, wobei zu erwähnen ist das die meisten zeitlich begrenzt aktiv sind. Das liegt an unserer Durchführung die in Projektform erfolgt.

Gibt es darunter bekannte Unternehmen?

Am bekanntesten ist sicherlich die Firma IBM. Wir haben für die Vermittlung des Schachspiels für Kinder ab 3 Jahren die Methode „Chipschach“ entwickelt. Diese wurde von IBM digitalisiert. Neben Geld ist dies ebenfalls eine tolle Förderung.

Was die finanzielle Unterstützung betrifft, kannst Du uns da mal eine Vorstellung geben?

Du darfst davon ausgehen das unsere Förderer uns bisher mit einem 6-stelligen Betrag unterstützt haben.

Beim Thema Marketing und Schach kommt die Frage auf, warum die Mitgliederzahl beim DSB in den letzten Jahren gesunken ist. Kannst Du da eine Abschätzung geben?

Gerne wird der Mitgliederschwund und das Vereinssterben mit dem demografischen Wandel begründet. Das sehe ich nicht so. Es gibt sicherlich viele Sportarten in denen diese Argumentation gilt, beim Schach nicht. 0,1% der Deutschen sind im DSB organisiert. Wenn man berücksichtigt das Schach eine longlife-Sportart ist und es 18 Millionen Deutsche gibt die die Schachregeln beherrschen, so ist genügend Potenzial für neue Mitglieder vorhanden. Selbst wenn unsere Bevölkerung schrumpft, so werden die Lebensjahre mehr und die Möglichkeiten der potenziellen Vereinsmitglieder ist noch nicht einmal im Ansatz erreicht.

Was sind dann die Gründe?

Sicherlich der ökonomische Wandel. Die Anforderungen an den einzelnen nehmen erheblich zu. Wir stehen stärker unter Zeit-, Erfolgs- und Vorsorgedruck wobei der Anspruch immer fit und leistungsfähig zu sein steigt. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen.

Feste Vereinsstrukturen geben zwar Halt und Orientierung, passen aber nicht mehr in das auf Projektmitgliedschaft ausgerichtete Leben flexibler Individuen. Dauermitgliedschaft wird als Einengung empfunden.  Dies ist der Grund dafür, das unverbindliche Interessengemeinschaften an Bedeutung gewinnen.

Der Mitgliederschwund in Sportvereinen findet insbesondere bei den 25-40-jährigen statt. Berufliche Karriere und Familienplanung führt hier zur Zeitarmut. 50% der Berufstätigen sagen, es fehle ihnen die Zeit sich richtig zu ernähren. Wo soll dann die Zeit um Sport zu treiben herkommen? Sportvereine müssen sich als moderne Dienstleister positionieren.

Die Explosion der Möglichkeiten führt zur Orientierungslosigkeit. Also gezielt informieren, tatsächlich auf die Straße bzw. in die Fußgängerzonen gehen und auf spielerische Weise die Passanten vom Schach und dann vom Verein überzeugen. Dies ist sicherlich einer von vielen Wegen wobei man bitte nicht den kurzfristigen Erfolg im Auge haben sollte. Der direkte Kontakt ist wichtig. Wer geht schon aktiv in Vereinsräume um sich über eine Mitgliedschaft zu informieren und wie wird er dann aufgenommen? Das Grundproblem für jeden Anbieter ist, dass nichts schwieriger ist als es den Menschen einfach zu machen. Vereine können hier die Menschen durch Beratungsangebote und einen einfachen Zugang entlasten. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass das Internet mittlerweile das Leitmedium der unter Vierzigjährigen ist. Kommunikation findet heute virtuell statt.

Auch die Anzahl der Ehrenamtler geht zurück, woran kann das liegen?

Ralf Schreiber mit Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik

Ralf Schreiber mit Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik

Umso kleiner der Verein, umso größer vermutlich die Schwierigkeit Aktive zu finden. Allerdings bin ich davon überzeugt, das im Bereich der übergeordneten Verbände bis hin zum DSB die vielfache Ämterhäufung nicht dadurch entsteht, weil es zu wenige Aktive gibt, sondern weil viele der Ehrenämtler glauben über die Ausübung von vielen Ämtern Ihren Status sichern zu können bzw. ihre Interessen besser vertreten zu können. Aber was bedeutet das. Es wird dadurch schwierig in diesem Bereich den Nachwuchs zu fördern, Betriebsblindheit entsteht, Innovation findet weniger statt und es ist natürlich ein Unterschied ob ich meine mir zur Verfügung stehende Zeit auf mehrere Jobs verteilen muss. Die Qualität leidet. Im Berufsleben versuchen wir doch genau dies zu verhindern. Die aufgeführte Zeitarmut greift natürlich auch im Ehrenamt. Ehrenamt ist auch eine Zeitspende. Daher ist es wichtig das Ehrenamt attraktiver zu machen. Dem Ehrennamtler das „Brötchen“ zu neiden oder zum Beispiel ihm die Fahrkostenerstattung zu kürzen sind natürlich nicht förderlich. In den meisten Fällen zahlt der Ehrenamtler noch drauf. Das bedeutet aber, das wir oftmals Ehrenamtler brauchen, die es sich auch leisten können.

Bezüglich des Mitgliederschwunds hat der DSB aktuell eine Umfrage durchgeführt und die Ergebnisse bekannt gegeben. Wie ich weiß hast Du damals als DSB-Referent eine Mitglieder-Befragung durchgeführt. Kannst Du uns zu den jeweiligen Ergebnissen was sagen?

Zunächst ist Auffällig das 45% der Personen die den aktuellen Fragebogen ausgefüllt haben ein Ehrenamt ausüben. Das Ergebnis spiegelt nicht wirklich die Meinung und Wünsche des einfachen Vereinsmitglieds wieder. Man sollte daher die Ergebnisse zwischen Ehrenamtler und Mitglied einmal trennen und vergleichen.

Dann gibt es Fragen wo es meiner Meinung nach besser Informationsquellen gibt. Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein, wie viele sind weibliche und wie viele sind jugendlich. Da liegen dem DSB klare Fakten vor, genauso ob man die DWZ-Datenbank nutzt. Das brauche ich nicht wirklich abfragen und zu Grunde legen.

Wie Irreführend so eine Umfrage aber auch sein kann zeigt das Ergebnis, dass die Deutsche-Schach-Amateurmeisterschaft 33% der Befragten nicht bekannt ist. Diese Meisterschaft hat im Jahr um die 2.400 Teilnehmer und ist sicherlich die größte Veranstaltung des DSB. 44% der Befragten haben angegeben das ihnen der Deutschland-Cup bekannt ist. Dort spielen ca. 160 Spieler mit. Das zeigt wie problematisch eine Auswertung einer solchen Umfrage sein kann.

 Kann man die Ergebnisse aus Deiner Umfrage mit der aktuellen vergleichen?

Meine Umfrage fand bereits vor 7 Jahren statt. Damals gab es 4.090 Rückmeldungen, dieses Mal waren es im Schnitt 2.800 Rückmeldungen. Da viele Fragen von damals auch dieses Mal gestellt wurden, kann man dies gut vergleichen bzw. zusammenführen. Zum Glück hattest Du mich gebeten die alten Ergebnisse vor dem Interview einmal zu sichten. Man kann grob festhalten, dass die Befragten gerne im Verein spielen, dies 4-mal im Monat, das Schachspiel von den Eltern im Alter zwischen 7 und 12 Jahren erlernt haben, gerne ein Open spielen, sich für die Schach-WM und Geselligkeit interessieren, gerne reguläre Schachpartien spielen, er möchte das der DSB in den Bereichen Jugend- und Vereinsförderung sowie im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit sich mehr engagiert, er wünscht sich einen aktiven Verein, der Nachwuchs und der Breitensport ist ihm wichtig, er zahlt zwischen 3€ und 7€ Mitgliedsbeitrag, ist meistens ledig, hat einen DWZ-Schnitt von 1800, ist mit seinem Spiellokal zufrieden, er trifft oftmals beim Schach auf sonderbare Charaktere und freut sich auf ein Vereinsfest. Eigentlich gibt es keine Klagen.  

Was sagt uns das jetzt?

Dieses Ergebnis spiegelt den Teilnehmer der Umfrage wieder. Man muss natürlich prüfen wie Repräsentativ dieser die Mitglieder des DSB vertritt. Es gibt aber auch Antworten auf Fragen die man direkt in den Entscheidungsprozess einbauen kann. Zum Beispiel ist nach dem letzten Fragebogen die Vereinskonferenz in Frage zu stellen. Sie wird anscheinend nicht gewünscht.

Das wichtigste ist aber, wenn man die Analyse durchgeführt hat, dem auch Taten folgen zu lassen. Es gab in der Vergangenheit schon einige Analysen und viele Sitzungen zum Thema der Verbandsentwicklung. Fast der ganze Verband ist mit dem Spielbetrieb und dem Drumherum beschäftigt. Es muss natürlich Macher geben die die Veränderungen durchführen und es muss dann auch geduldet werden.

Kannst Du Beispiele nennen welche Themen man angehen könnte?

Erst mal fände ich es interessant Umfragen bei ehemaligen Vereinsspielern und auch bei der Bevölkerung durchzuführen. Dann ist es so, dass der Breitensport 99% der Spieler ausmacht aber unter 2% der finanziellen Mittel erhält. Klar ist doch, umso größer der Unterbau einer Pyramide ist, umso höher die Spitze. Somit auch mehr Spieler im Spitzenbereich. Nur bei diesen geringen finanziellen Mitteln kann keine erfolgreiche Mitgliederwerbung stattfinden. Auch kann man über flexible Mitgliedsbeiträge oder auch Schulmitgliedschaften nachdenken. Dann wäre ein Thema den Vereinspaten einzuführen, der zeitlich befristet einem schwächeren Verein zur Seite steht oder die Möglichkeit den Breitensportleiter einzuführen. In den Vereinen gibt es den Spielleiter aber keinen Experten für Mitgliedergewinnung usw. Wichtig sind auch Kooperation mit anderen erfolgreichen Sportarten. Dann macht es meiner Meinung nach Sinn einen Verhaltens-Kodex einzuführen. Da denke ich unter anderem an so manches Siegerfoto auf dem eindeutig der Sponsor des Preises sich vom Sieger optisch abhebt. Das behindert die Suche nach Sponsoren. Auch nicht hilfreich sind die mitgebrachten Getränke in einem Spielsaal mit Gastronomie. Es gibt da so einiges was so ein Kodex regeln könnte.

Übrigens sind das alles Dinge die ich bereits vor 7 Jahren vorgeschlagen hatte.

Ralf ich danke Dir für dieses Interview. Es war spannend mal die Sichtweise eines Marketing-Experten zum Thema Schach(-verband) zu hören.

Das Interview führte Framz Jittenmeier

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