Führungsquartett mit Fridman bei der EM


Dass ich Daniel Fridman im Titel hervorhebe, liegt ein bisschen daran dass er so etwas alliteriert – und das mag ich gerne. Austragungsort der Einzel-Europameisterschaft 2017 ist allerdings nicht z.B. Frankfurt oder notfalls das österreichische Villach, sondern das weissrussische Minsk. Vor allem liegt es natürlich daran, dass ich für eine deutsche Seite schreibe. Von den vier derzeit (nach fünf von elf Runden und vor dem Ruhetag) führenden Spielern hat er das Titelbild womöglich am wenigsten verdient, aber ich schreibe ja für eine deutsche Seite.

Die Turnierseite ist dabei, was Fotos betrifft, wenig reporter-freundlich, aber Daniel Fridman hat ja Wikipedia-Artikel (in diversen Sprachen). Dieses Foto ist etwas älteren Datums und stammt immerhin auch von einer Europameisterschaft, der Mannschafts-EM 2013 in Warschau; fotografiert hat Przemyslaw Jahr.

Höchste Zeit, alle Spieler mit momentan 4,5/5 zu nennen: nach Wertung sortiert sind es Cheparinov, Melkumyan, Kuzubov und Fridman. 27 Spieler haben 4/5, die nenne ich nicht alle: Wertungsbeste sind Rodshtein, Kovalenko, Naiditsch und gleichauf Matlakov und Sergei Zhigalko. Die zählen +- zum erweiterten Favoritenkreis, aus dem Führungsquartett nur Cheparinov. 4/5 haben allerdings auch einige, die in der Setzliste nicht in der top100 auftauchen – Mastrovasilis, Bocharov, Jojua, Kantans (der ist nicht einmal GM, nur IM), Paichadze, Antipov und Gelashvili. Darunter mit Jojua, Paichadze und Gelashvili drei Georgier, wo ist Jobava? Momentan mit 3/5 auf Platz 155 – damit hat er, an sechs gesetzt, immerhin einen halben Punkt mehr als der an vier gesetzte Kryvoruchko. 3,5/5 haben Navara und Andreikin, die die Setzliste anführen. 3/5 haben neben Nummer sechs Jobava auch Nummer drei Jakovenko, Nummer sieben Ponomariov und Nummer acht Leko – die spielten, im Gegensatz zu Jobava, alle zu oft remis.

Detailliert “Runde für Runde” ist bei jeweils hundert live übertragenen und damit verfügbaren Partien zu viel. Aus Runde 1 nur einige unerwartete Ergebnisse: GM Kharchenko-GM Navara 1/2, GM Andreikin-IM Karttunen 1/2, IM Sychev-GM Ponomariov 1/2. Noch mehr Favoriten mussten sich mit Remis begnügen, erwischt hat es z.B. auch (ich schreibe ja für eine deutsche Seite) GM Bluebaum gegen IM Lavrov sowie zwei weitere Ex-Prinzen gegen Damen die nominell nicht einmal IM-Niveau haben: WFM Assaubayeva-GM Svane 1/2, GM Wagner-WIM Drozdova 1/2. Besser machte es u.a. Alexander Donchenko, aber “EM aus deutscher Sicht” kommt generell später.

Die hochkarätigsten kompletten Überraschungen: IM Basso-GM Korobov 1-0! Nicht das erste Mal, dass der Ukrainer seinen Turnierauftakt vergeigt. 30.Dxb7 musste er zulassen – nicht unbedingt in einer für Weiss so günstigen Version. Der entstandene c-Freibauer war partieentscheidend. Womöglich hatte Korobov übersehen, dass Weiss nach 30.-Tb8 nicht mit der Dame ziehen muss (hinter ihr wäre der Lb2 ungedeckt) sondern 31.c6! hat. Später erwischte er den c-Bauern doch, aber nun hatte er unlösbare Grundreihenprobleme. IM Kessler-GM Grandelius 1-0! Alter Schwede, Grandelius hat sich selbst reingelegt. Nach (53.f4) 53.-Da5? spielte Luca Kessler einfach so 54.fxe5! – sein Te1 war ungedeckt, die beiden schwarzen Türme auf b7 und d3 allerdings auch. Nach dem sicher geplanten 54.-Dxe1 55.exf6+ hätte Schwarz die quälende Wahl zwischen 55.-Kf7 56.Dc4+ und 57.Dxd3 oder 55.-Kg8 56.Dc8+ nebst 57.Dxb7 (bzw. 55.-Kh6 Dg5 matt verliert noch schneller). Bei 54.-Se6? hatte Grandelius wohl wieder einen Zwischenzug übersehen – noch muss die Dc5 nicht ziehen, erst 55.exf6 mit Schach, und der Rest war schwarze Agonie.

Auch zu Runde 2 nur einige unerwartete Ergebnisse: vorne GM Jakovenko-GM Svetushkin 1/2 und GM Deac-GM Kryvoruchko 1/2, Brett 5 GM Bortnyk-GM Leko 1/2 – Elounterschied jeweils etwa 140 Punkte. Das gilt auch für GM Donchenko-GM Tomashevsky 1/2, siehe später “EM aus deutscher Sicht”. Weitere Fotos von der Turnierseite:

Mit Schwarz hinten Tomashevsky (Gegner Donchenko unsichtbar), vorne Fedoseev (gegen GM Kryakvin).

War da noch was? Ja, Gabuzyan-Jobava 1-0! Im Endspiel kam dem Georgier ein Bauer abhanden (vielleicht, weil er eine Remisstellung unbedingt gewinnen wollte), später waren auch ungleichfarbige Läufer kein Remisfaktor.

Noch ein Foto aus Runde zwei: Brett 50 GM Teterev-GM Melkumyan wurde remis – für Melkumyan das bisher einzige im Turnier. Den Weissrussen Vitaly Teterev (Elo 2487) zeige ich auch wegen später “EM aus deutscher Sicht”.

Runde 3: Brett 2 Bok-Naiditsch endete remis – neun Züge wurden gespielt, vorentscheidend 5.Te1 gegen die Berliner Mauer. Damit übernahmen diese Spieler zunächst die Führung im Turnier – sie hatten nun 2,5/3, andere maximal 2/2. Wer sollte sie noch überholen? Am Ende neun Spieler mit noch weisser Weste, und zwar Fedoseev, Cheparinov, Fridman, Azarov, Minasian, Rodshtein, Kuzubov, Ponkratov und Bocharov. Fridman hatte bis dahin relativ leichte Gegner – ein FM und zwei IMs, alle Elo unter 2500. Azarov und Bocharov dagegen in dieser Runde mit Schwarzsiegen gegen nominell überlegene GMs – David Anton Guijarro und Gawain Jones. Der an 183 gesetzte Armenier GM Artashes Minasian (Elo 2480) hatte mit Mchedlishvili und Vocaturo bereits zwei GMs mit Elo (knapp) über 2600 besiegt.

Nur noch ein Ergebnis an Brett 71: Jobava verlor schon wieder – diesmal gegen den jungen Russen IM Sarana (*2000), nach anfangs für ihn vorteilhaften sizilianischen Komplikationen.

Runde 4: Zunächst übernahmen Fridman und Rodshtein die Führung im Turnier – Remis in elf Zügen, damit hatten sie 3,5/4 und andere maximal 3/3. Noch eine Partie war schnell beendet, und zwar Brett 58 GM Saric-IM Paehtz 1-0. Gespielt wurde Französisch, 3.Sc3 Lb4 und dann die Bauernraub-Variante mit Dxg7 und Dxh7. Danach hatte der Kroate einen Plan: 12.h4 (selten, üblich ist 12.Dd3), 13.h5, 14.h6, 16.h7 und 17.h8D – warum denn Figuren entwickeln, das geht auch später noch? Dazwischen diente 15.Dxg8+! Sxg8 zwei Zwecken: die Dame stand dem h-Bauern im Weg, und auf g8 stand davor ein Turm der die Bauernumwandlung verhindert. Bis 17.h8D gab es das bereits dreimal, wenn auch auf relativ niedrigem Eloniveau (ca. 2400, ca. 2250 und etwa 2200 gegen 2000) – fast im Blitztempo landete Elisabeth Paehtz in einer Verluststellung. Falsch war dabei 13.-b6, richtig wäre (auch bereits gespielt) 13.-Ld7 und dann schnell lang rochieren. Tapfer spielte sie mit Minusturm weiter – aber nachdem Weiss mit 27.Le3 den einen und dann mit 28.Ld3 den anderen Läufer entwickelte hatte sie genug gesehen und gab auf.

Es gab eine Parallele zur turnierrelevanteren Partie Matlakov-Ponkratov 1-0 an Brett 5. Auch da gab Schwarz auf, nachdem Weiss mit 31.Lc4 seinen Königsläufer entwickelte. Unterscheide: Schwarz hatte nur eine Qualität weniger, und vorangegangen waren wilde Benoni-Komplikationen (ab dem neunten Zug terra incognita) die beide viel Bedenkzeit kosteten.

Wer konnte Fridman und Rodshtein überholen? Ponkratov demnach nicht, Azarov und Fedoseev sowie Bocharov und Cheparinov auch nicht (jeweils ausgekämpfte Remisen), aber Kuzubov beendete mit einem Schwarzsieg den Lauf von Artashes Minasian und hatte somit als einziger 4/4. Die Verfolgergruppe mit 3,5/4 wuchs auf 18 Spieler an, darunter die bereits erwähnten Georgier Jojua und Paichadze (Schwarzsiege gegen den jungen Russen Artemiev und den nicht mehr so jungen Israeli Sutovsky).

Zwischendurch ein Foto des noch jüngeren Russen Ilya Makoveev (*2006).

Runde 5: Am Spitzenbrett Kuzubov-Naiditsch wieder der Berliner Spanier mit 5.Te1 – immerhin wurden 29 Züge gespielt (und beide investierten etwas Bedenkzeit) bevor das Remis offiziell war. Der Leser weiss bereits, dass drei Spieler aus der Gruppe mit zuvor 3,5/4 zu Kuzubov aufschliessen konnten, der Reihe nach:

Fedoseev-Fridman 0-1! Fridman bekam dieses Jahr keine Dortmund-Einladung, dann besiegt er den jungen Russen eben in Minsk – bzw. das machte Fedoseev vielleicht selbst indem er zu viel riskierte. Das Opfer 14.Lxf7+ (für zwei Bauern) betrachten Engines als korrekt bis gar für Weiss vorteilhaft, aber irgendwann war die weisse Kompensation dann unzureichend bis nicht mehr vorhanden.

Cheparinov-Azarov 1-0 – auch da opferte der Verlierer drauflos, allerdings unzureichend/inkorrekt, und vielleicht aus der Not geboren nachdem er zuvor positionell überspielt wurde.

Melkumyan-Khismatullin 1-0 dagegen im (für Weiss von Anfang an viel besseren bis gewonnenem) Endspiel.

Nur noch ein Ergebnis an Brett 39: Kryvoruchko-Alonso Rosell 0-1 – der Spanier war Kryvoruchkos vierter Gegner mit Elo unter 2600, dreimal remisierte er und nun verlor er. Zwei Turniersaal-Ansichten und dann zu (weiteren) deutschen Teilnehmern.

Daniel Fridman hatten wir bereits, der Rest nach Position in der Setzliste. Matthias Bluebaum ist nominell derzeit besser als Fridman, nicht jedoch in diesem Turnier. 2,5/4 gegen Elo maximal 2508 war schon etwas unterhalb der Eloerwartung, dann kam der bereits genannte Vitaly Teterev. Die königsindische Stellung war unklar-ausgeglichen, bis Bluebaum 30.Lf1?? entkorkte – das kostete einen Bauern, dann noch einen, dann eine Figur und dann gab er auf.

Rainer Buhmann (3/5) und Rasmus Svane (3,5/5) ziemlich genau im Rahmen der Eloerwartung – Buhmann verlor nur gegen Tomashevsky (das darf er), Svane gar nicht. Bei Dennis Wagner (3/5) ist die Niederlage gegen Bacrot ebenfalls akzeptabel, allerdings ein Remis zu viel gegen nominell relativ schwache Gegner um seine Elo zu bestätigen.

Alexander Donchenko (3/5) – auch da könnte ich nur schreiben “im Elosoll”. Allerdings auch ein bisschen was zu seinen Partien: Sieg in Runde eins gegen WIM Lidia Tomashevskaya (wie eingangs erwähnt, Svane und Wagner remisierten zu Beginn gegen nominell unterlegene Damen), und in Runde zwei bescherte ihm die Auslosung dann deren Ehemann Evgeny Tomashevsky. Der wählte die zweischneidige Noteboom-Variante und wollte sicher mit Schwarz gewinnen, aber Donchenko brachte ein im Remissinne korrekt-ausreichendes Damenopfer und es wurde remis. Turbulenter das nächste Remis gegen Rauf Mamedov – laut Engines stand erst Weiss (Donchenko) klar besser, dann Schwarz (Mamedov), und dann wurde es remis. Danach dachte Donchenko vielleicht: “wenn ich gegen Elo fast 2700 remisiere, dann auch gegen ca. 2400” – gesagt getan gegen IM Pavlov und IM Charochkina, jeweils voll ausgekämpft.

Vitaly Kunin mit remislosen 3/5 – Niederlage gegen Markus Ragger OK, gegen FM Filipets (Elo 2328) aus Weissrussland eher nicht OK. Elisabeth Paehtz (2,5/5): zwei Niederlagen gegen GMs – die gegen Saric war drastisch, gegen Bosiocic konnte sie anfangs mithalten und verlor im Endspiel. Auf der Habenseite Siege gegen Elo 1649 und 2067, das Remis in Runde 5 gegen IM Smirnov (Elo 2297, der hatte wohl mal bessere Tage) im Elosinne zu wenig.

Martin Gebigke natürlich “ausser Konkurrenz”: bisher die ihm bekannten Niederlagen gegen GMs und IMs, Sieg gegen einen elolosen Weissrussen und (zumindest Achtungserfolg) Remis gegen Elo 2391.

Noch ein kurzer Service für eventuelle Leser in Österreich: Markus Ragger bisher enttäuschend, wie auch IM Diermair. IM Froewis (Sieg gegen GM Bartel) und IM Kessler (der bereits erwähnte Sieg gegen GM Grandelius, dann noch Remisen gegen GMs Potsny und Predke) im Eloplus. IM Schreiner ebenfalls dreimal Remis gegen GMs, IM Dragnev für Schweizer System typisches Auf und Ab.

Ganz kurzer Service für Leser in der deutschsprachigen Schweiz: niemand in Minsk dabei.

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