Isle of Man: Carlsen gewinnt mal wieder ein Turnier


“Wurde aber auch Zeit”, könnte man sagen – diesmal waren endlich fast alle mal wieder lieb zu ihm, darunter auch zwei bis drei seiner vier Gegner mit Elo über 2700.

Bevor ich das (und anderes) bespreche, zunächst der Endstand vorne: Carlsen 7.5/9, Nakamura und Anand 7, Eljanov, Vidit, Caruana, Swapnil, Adams, Sutovsky, Rapport, Shirov, Kramnik 6.5, usw. . Chess24 hat sie so sortiert, wobei “B-Note” (Buchholz oder was auch immer) keinen Einfluss auf das Preisgeld hatte: Die Veranstalter geben Caruana (TPR 2831) und Kramnik (TPR 2660) ebenso etwa 2500 GBP wie den sieben anderen auf dem geteilten vierten Platz. Dass Caruana und Kramnik unterschiedliche Turniere spielten, schon ab Runde eins, hat allerdings andere Konsequenzen.

Unter den zwölf bereits genannten Spielern elf bekannte Namen – wobei Shirov generell wohl den Höhepunkt seiner Karriere hinter sich hat und nur Nummer 31 der Setzliste war. Santosh Gujrathi Vidit ist vielleicht noch relativ unbekannt – aber wer ihn nicht kennt, der wird ihn wohl kennenlernen. Ein anderer Inder, der dritte von insgesamt 30 im Turnier, war mir dagegen kein Begriff: S. Dhopade Swapnil, Nummer 55 der Setzliste. Von den prominenten Teilnehmern erwischte Boris Gelfand wohl das schlechteste Turnier: 5/9, Elo -17.6. Kramnik konnte den Eloschaden am Ende auf -8.4 begrenzen – Ziffern hinter dem Komma sind relevant, da er diesen Monat auch noch beim Europacup für Vereinsteams spielen wird.

Ebenfalls nicht zufrieden sind wohl u.a. Vallejo, Naiditsch, Howell und Short – an 9, 11, 13 und 14 gesetzt teilen sie den 25. Platz (und es gab nur oder immerhin zehn Geldpreise). Finanziell gelohnt hat es sich für Carlsen (50.000GBP) sowie Nakamura und Anand (je 18.750GBP), wobei viele der genannten Spieler wohl (ausserdem) Konditionen bekamen. Das gilt sicher auch für Hou Yifan, die zusätzlich – ohne (mich) zu überzeugen – den ersten Damenpreis von immerhin 6000GBP bekam.

In diesem Bericht – nur einer zu neun Runden – erst ein bisschen was zu was vorab geschah, dann “Spieler für Spieler” (fünf bereits erwähnte, ein noch nicht erwähnter), dann noch mehr vor allem anhand von Fotos – die gibt es hier. Fotografiert haben Chess.com/Maria Emelianova und Chess.com/John Saunders (Saunders erwähne ich jeweils noch – macht er selbst auch mit Wasserzeichen auf seinen Fotos), und das ist die Turnierseite

Das (Foto John Saunders) ist der Austragungsort Villa Marina – von drinnen bereits auf dem Titelfoto gezeigt, und es kommen noch weitere.

Das (ebenfalls Saunders) ist die Strandpromenade – bei Nacht und stürmischem Wetter, daher einsam. Wetter erwähne ich später noch einmal.

John Saunders’ Idee war auch, dass die erste Runde rein zufällig ausgelost wurde. Die ersten acht der Setzliste durften ihren Gegner im Losverfahren selbst ermitteln – so war es zumindest geplant, Nummer drei Caruana bekam diese Chance dann nicht. Die anderen Paarungen ermittelte ein Computer nach dem Zufallsprinzip. Carlsen entschied sich blind für einen Isländer mit Elo 2164, Kramnik überraschte sich selbst und andere – das (Foto Saunders) war seine Reaktion:

Ich spiele gegen … noch verrate ich es nicht – Leser die sich bereits anderswo informierten wissen es vielleicht bereits. Einige der Paarungen aus Runde eins fotografisch dokumentiert:

Es gab also bereits GM-Duelle – Caruana und Kramnik nahmen es mit Humor. In anderen Duellen war der Elo- und teilweise auch der Altersunterschied grösser, Frauen spielten mal gegen Männer und mal gegen Frauen. Die Veranstalter fanden “random pairings” eine tolle Idee, andere sahen es kritisch bzw. mit gemischten Gefühlen. Ab Runde zwei wurde dann normal “ausgelost” – ausgelost in Gänsefüsschen, da es nach präzisen Regeln erfolgt (bei diesem Turnier, zuvor in Gibraltar, generell bei Turnieren nach Schweizer System).

Carlsen hatte keine Probleme mit Bardur Orn Birkisson – bei normalen Paarungen hätte er wohl IM Inna Gaponenko bekommen, und Kramnik IM Kiewra Keaton (nicht etwa den direkt hinter Keaton gesetzten Lawrence Trent). So allerdings hatte Kramnik Schwarz gegen Caruana. Er spielte offenbar zu unternehmungslustig, verlor einen Bauern und landete in einem Turmendspiel das er dann nicht remis halten konnte – Vorteil Caruana, in diesem Turnier und im Elorennen nach Berlin (Kandidatenturnier). Kosteniuk – Hou Yifan endete remis. In den meisten Paarungen mit klarem Elounterschied gewann der Favorit, Ausnahmen bestätigen die Regel: Harari-Rodshtein 1/2, und damit war der Israeli gut bedient – sein 70-jähriger Gegner stand glatt auf Gewinn und gab Dauerschach. l’Ami-Sokolov 1-0 wäre keine Überraschung im Duell Erwin-Ivan, aber hier führte Alina die weissen Steine und verpasste dem gut 300 Elopunkte besseren Gegner eine kräftige Tracht schachliche Prügel. Anna Rudolf und Filiz Osmanodja schafften selbiges nicht gegen ihre prominenten Gegner, sondern verloren erwartungsgemäss – wie auch z.B. Christopher Woojin Yoo (US-Amerikaner mit Wurzeln anderswo) gegen Emil Sutovsky.

John Saunders hat auch die Livekommentatoren Simon Ginger Williams und Fiona Steil-Antoni fotografiert.

Nun zu einigen Spielern – Carlsen bekam bereits das Titelbild, das waren seine nächsten Gegner:

Gegen Perelshteyn riskierte Carlsen viel, objektiv wohl zu viel – aber gegen Elo 2524 kann man das machen und trotzdem gewinnen. Xiong und Granda übersahen freundlicherweise taktische Details, dazwischen konnte Kasimdzhanov standhalten. Zu Kasim-Carlsen noch drei Fotos:

Kasimdzhanov wartet, wo ist Carlsen?

Da kommt er, er hatte sich verspätet.

John Saunders hat beide direkt nach der Partie abgelichtet.

Eljanov hatte zuvor 0/5 gegen Carlsen, nun hat er 0/6 da er schlicht und ergreifend schlecht spielte. Carlsen meinte dazu “ich spiele gerne gegen Eljanov, er will kein Remis!” – sondern (das sagte Carlsen nicht) er will gegen Carlsen verlieren, und Carlsen tut ihm den Gefallen.

Carlsen hinterher gut gelaunt bei Fiona Steil-Antoni

Dann kriegte er doch wieder die Kurve, sonst gibt es ja keinen neuen G-Star Werbevertrag.

Gegen Vidit war Carlsen mit einem Weissremis relativ gut bedient.

Dann die Partie gegen Caruana – mit Vorgeschichte: Tags zuvor konnte Caruana im Archangelsk-Spanier (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 b5 6.Lb3 Lc5) Vorbereitung zelebrieren und gewann locker gegen Gawain Jones, der vielleicht einer Video-Empfehlung von Peter Svidler blind vertraute – dabei sagte Svidler zu Beginn dieses Videos “ich bin nicht ganz fit, gerade habe ich im ‘Banter Blitz’ gegen Lawrence Trent verloren” und bezeichnete seine Empfehlung 14.-exd4 als durchaus riskant. Carlsen spielte dieselbe Variante, mit der er zuvor im WM-Match gegen Karjakin Probleme hatte und entwischte, und dann das üblichere 14.-Te8. Sofort neuerte Caruana mit 15.g4!?, Carlsen grübelte gut 20 Minuten. Besonders tief war Caruanas Vorbereitung offenbar nicht, da auch er bereits nach 15.-De7 Bedenkzeit investierte, im 20. Zug gar satte 38 Minuten – “long think wrong think”!?

Idee von 15.g4 war – so dachte ich jedenfalls – Spiel am Königsflügel, 20.b4 erlaubte Linienöffnung am Damenflügel und Carlsen bekam da Gegenspiel, spätestens nach 22.Lc2?! von Caruana. Dann entglitt Caruana die Partie komplett – dass er in Zeitnot eine einerseits “nette”, andererseits simple taktische Drohung übersah war bereits nicht mehr partieentscheidend. Fiona Steil-Antoni, die später Carlsens Partien als “magnificient” (grossartig) bezeichnete – Carlsen-Hype muss sein!? – dazu im Livekommentar: “As so often, Carlsen managed to turn the game around” (Wie so oft, konnte Carlsen die Partie drehen). Das ist die Carlsen-freundliche Version, eine andere Version wäre “As so often, Carlsen’s opponents mess up against him” (Wie so oft, verlieren Carlsens Gegner total den Faden).

Noch etwas: Carlsen erschien diesmal ohne Vater, Manager und Sekundant PH Nielsen, nur mit seiner Freundin. Das veranlasste Giri zu einem Tweet, sein erster seit fast zwei Monaten: “Congrats on your convincing victory in IoM! The positive influence Larsen has on your chess is visible from your games!” [Gratulation Magnus Carlsen zum überzeugenden Sieg auf der Isle of Man! Der positive Einfluss von Larsen auf Dein Schach ist in Deinen Partien zu sehen!]. Gemeint ist wohl nicht Bent Larsen, Larsen ist der Nachname von Carlsens Freundin. Einen Vater braucht Carlsen dann nicht, einen Manager auch nicht, und PH Nielsen hätte bei Carlsens Eröffnungen mit Schwarz wohl geschaudert: Pirc bzw. “modern” (erst spät -Sf6) gegen Perelshteyn (geht gegen Elo 2524), 1.e4 Sc6 gegen Kasimdzhanov, 1.Sf3 b6!?? gegen Eljanov (geht gegen Eljanov).

Stand vor der Schlussrunde: Carlsen 7/8, Nakamura 6.5/8, sechs Spieler mit 6/8. Carlsen hatte Weiss gegen seinen alten Bekannten Nakamura, Remis war in dieser Turniersituation gut für beide: alleiniger Turniersieg für Carlsen, jedenfalls geteilter zweiter Platz für Nakamura.

Das war der erste Händedruck.

Und das – Maria Emelianova wählte nun dieselbe Perspektive wie ihre Kollegen auf dem vorigen Foto – der zweite kurz danach. Sie spielten eine bekannte Remisvariante mit am Ende Dauerschach. Das kann man beiden nicht verübeln, aber der ganze Hype zuvor um eine Partie die dann (erwartungsgemäss) nicht stattfand …. .

Hikaru Nakamura teilte Platz zwei, warum eigentlich? Entscheidend waren Siege in Runde 7 und 8:

Dennis Wagner konnte in einem Handgemenge anfangs mithalten – Nakamuras Qualitätsopfer war korrekt im Sinne von “auch danach ist die Stellung unklar-ausgeglichen”. Dann konnte der junge Deutsche nicht mehr mithalten.

Tags darauf spielte Sutovsky gegen Nakamura kreativen Schrott und verlor chancenlos, noch drei Fotos nach der Partie die quasi auch nicht stattfand:

Vishy Anand teilte Platz zwei, warum eigentlich? Erst wird er fotografiert:

Seine entscheidenden Siege in den letzten beiden Runden mit 1.e4 e5 – erst mit Schwarz dann mit Weiss. Fressinet spielte Italienisch, Anand gab ihm noch ein Mehrtempo (8.-a6 9.a4 a5, derlei machen nur sehr starke oder ziemlich schwache Spieler!?) und gewann später im Endspiel. Hou Yifan (Foto kommt später) spielte mit Schwarz Russisch, und Anand machte daraus die französische Abtauschvariante (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d3!? Sf6 6.d4 d5 – beiderseitige Tempoverluste, das gibt es identisch nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Sf3 Sf6). Auch das sollte Weiss nicht allzu viel versprechen, aber auch hier gewann Anand später erst einen Bauern und dann das Turmendspiel.

Die meisten Spieler mit 6.5/9 behandle ich kurz, Kramnik dann ausführlicher. Mehr war für die anderen nicht drin, da sie entweder nicht oft genug gewannen oder einmal verloren (Eljanov und Caruana gegen Carlsen sowie Sutovsky gegen Nakamura bereits erwähnt, ausserdem Adams-Shirov 1-0).

Eljanovs wichtigster bzw. hochkarätigster Sieg war in Runde 5 gegen Kasimdzhanov, der (siehe Foto) Aljechin entkorkte und damit Schiffbruch erlitt.

Vidits jedenfalls schönster Sieg war mit Schwarz in Runde 4 gegen Benjamin Bok.

Caruanas Siege gegen Kramnik und Jones hatte ich bereits erwähnt, ausserdem gewann er gegen den Inder Vishnu Prasanna und

Landsmann Jeffery Xiong (Foto John Saunders). Xiong verlor mit Schwarz ausserdem gegen Carlsen (das hatten wir bereits) und Adams. Gegen Elo 2400-2500 war er erfolgreicher (4,5/5), zu Beginn besiegte er auch Elo 1988. Zurück zu Caruana: Nach der Niederlage gegen Carlsen drohte er preisgeldmässig leer auszugehen (Konditionen bekam er sicherlich), bis

Landsmann Varuzhan Akobian in der letzten Runde in ausgeglichener Stellung plötzlich patzte, bei 40.Kd2?? spielte vielleicht Zeitnot eine Rolle.

Wer ist S. Dhopade Swapnil?

Hier spielt er – laut Name, Aussehen und Flagge Inder – in der letzten Runde gegen Pavel Eljanov und hielt stand, wie auch zuvor gegen vier andere aus der Kategorie Elo 2600+ (Granda, Movsesian, Jones und Rapport). Dazu kamen Siege gegen Damen – zu Beginn Yuliya Shvayger und Alina l’Ami – und Herren – Aryan Tari und Nigel Short, der in einem total verlorenen Turmendspiel lange aber dann vergeblich auf ein Wunder hoffte.

Michael Adams besiegte in der entscheidenden Turnierphase Shirov (bereits erwähnt, gleich fotografisch dokumentiert) und zum Schluss (auch bereits erwähnt) Jeffery Xiong.

Dieses Foto wieder von John Saunders.

Emil Sutovsky konnte die drastische Niederlage gegen Nakamura durch einen Sieg in der letzten Runde gegen Grandelius kompensieren, zuvor besiegte er Amerikaner(innen) – Christopher Yoo und Anna Zatonskih – und Deutsche – Jonas Lampert und Niclas Huschenbeth.

Rapports wichtigster Sieg war in Runde 8 mit Schwarz gegen Ivan Sokolov – es lag eher nicht an 1.d4 d5 2.c4 Sc6!? sondern daran, dass Sokolov später patzte. Sokolov dazu: im Preisgeldsinne war es eh egal, ob ich remis spiele oder verliere – das war dann auch tags darauf der Fall (glatte Niederlage gegen Dennis Wagner).

Shirov gewann fünfmal, und zwar in Runde eins, zwei, sieben, acht und neun.

Der Sieg in Runde 8 gegen Kosteniuk mit der (siehe Foto) spanischen Archangelsk-Variante. Ganz korrekt war das, was er anstellte, wohl nicht, aber er meisterte die Komplikationen besser. Tags darauf bezwang er noch David Howell.

Nun habe ich alle mit 6.5/9 bis auf einen. Zu Kramnik zeige ich (fast) alle seiner Gegner, Caruana in Runde eins hatte ich bereits. Viele rechneten wohl nicht damit, gegen ihn zu spielen – jedenfalls nicht zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt im Turnier. Jedenfalls einer rechnete auch nicht mit dem Ergebnis ihrer Partie.

James Tarjan sagte nach der Partie gegen Kramnik “ich wollte nur nicht mattgesetzt werden”, dann patzte Kramnik. Tarjan ist – Definitionssache – 65 Jahre alt oder 3 Jahre jung. Letzteres passt nicht zum Foto (später noch ein individuelles), aber nach 30 Jahren Pause spielt er erst seit 2014 wieder Turnierschach. Seither ging es elomässig bergab (von 2525 auf 2416), aber in diesem Turnier erzielte er insgesamt mit TPR 2671 eine “GM-Norm” – Siege später auch gegen Tregubov und Kosteniuk, Niederlage nur gegen Niclas Huschenbeth. Normen braucht er natürlich nicht mehr – einmal GM, immer GM – aber es brachte auch 30 Elopunkte.

Lawrence Trent spielte, auch wenn er das hinterher leugnete, mit Weiss gegen Kramnik konsequent auf remis und war in diesem Sinne erfolgreich.

Dronavalli Harika tweetete “Round 6 win is special as i get to play against my #Chess hero and Legend #VladimirKramnik 🙂 in the seventh round @iomchess“. Kramnik liess sich, nachdem sein übliches Repertoire (1.e4 e5) gegen Trent nicht funktionierte, etwas besonderes einfallen – siehe Foto (eventuell darauf klicken um es zu vergrössern): Wolga-Gambit, so spielte er noch nie in seiner langen Karriere! Es funktionierte wunderbar, sein erster Schwarzsieg im Turnier. In der Fotoserie fehlt Runde 8 gegen Sethuraman, ein hart erkämpfter Weissieg. In der Schlussrunde spielte Gawain Jones gegen Kramnik Schottisch und erlitt Schiffbruch – damit hatte Kramnik sein Turnier ziemlich und seine Elozahl einigermassen repariert.

Hou Yifan machte anfangs Schlagzeilen, für die sie nichts konnte (und andere auch nicht). Auch zu ihr zeige ich einige Gegner – Kosteniuk in Runde eins hatte ich bereits:

Anand tanzt aus der Reihe – nicht weil er Hou Yifan besiegte (das schaffte auch Nino Batsiashvili), sondern weil er ihr einziger Gegner mit Elo über 2600 war und ausserdem männlich ist. Zu Beginn bekam Hou Yifan wieder nur Gegnerinnen – Kosteniuk war Zufall, der Rest regelkonform. Nach dem Sieg gegen Yuliya Shvayger nahm sie sicherheitshalber ein “bye” (man und auch frau darf einmal pausieren, dafür gibt es einen halben Punkt), da sie sonst eventuell gegen Harika spielen würde. Dann tatsächlich drei Männer mit Elo 2480-2600, diese Partien gewann sie – zuletzt gegen Sebastian Bogner, da dieser mit 19.-Sf4?! beinahe seine Dame einstellte. Damenfang konnte er verhindern, landete dabei aber in einem schlechten Endspiel – die Läufer waren nicht nur qua Farbe sondern auch qua Aktivität ungleich. Türme (zunächst zwei, später noch einen) hatten beide auch noch. Haltbar war es womöglich aus Bogners Sicht, aber Hou Yifan zeigte gute Technik und/oder Bogner hat sich schlecht verteidigt.

Danach hatte Hou Yifan “plötzlich” bereits den Damenpreis sicher, da einige ihrer Konkurrentinnen zwar stärkere Gegner aber (dadurch?) weniger Punkte hatten. Zu ihren Paarungen zu Beginn: Sie waren regelkonform, basta! Es lag auch daran, dass sie zunächst Gegner (bzw. eben Gegnerinnen) mit Elo ca. 2450 hatte, und da tummeln sich die meisten Damen – sie spielen um grosszügige Damenpreise, Männer vergleichbaren Niveaus nur um weniger zahlreiche und bescheidene Elopreise. Ich hatte bereits in einem anderen Artikel erwähnt, dass zwei deutsche Teilnehmer – Claus Seyfried und Tena Frank – in Runde 2-5 nur gegen Deutsche spielten, ein dritter Deutscher (Philipp Mueller) hatte immerhin drei deutsche Gegner. Runde 1 – ausgelost im wörtlichen Sinne, nämlich nach dem Zufallsprinzip – lasse ich aussen vor. Bei 28 deutschen Teilnehmern ist das nur etwas “wahrscheinlicher” als bei 23 Damen im Turnier, geschah dabei mehrfach. Ebenfalls im Turnier 30 Inder – Baskaran Adhiban spielte gegen insgesamt sechs Landsleute in neun Runden, dabei fünf nacheinander in Runde 4-8.

Wenn Tena Frank, Claus Seyfried oder Baskaran Adhiban sich beschwert, das Turnier unter Protest verlassen oder Papierkorb-Eröffnungstheorie geschaffen hätten, würde es wohl kaum registriert. Adhiban ist ohnehin immer gut gelaunt, Hou Yifan nicht immer – wenn es nicht nach Wunsch läuft ist sie auch mal Zicke oder Diva oder beides. Beschwerden über regelkonforme Paarungen sind dabei genauso sinnlos wie über das Wetter meckern. Dass es auf der Isle of Man manchmal regnerisch und windig ist (siehe Foto oben), wussten alle. Eine Hitzewelle Ende September ist zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich – und wenn es stattdessen schneien sollte dann schneit es eben.

Eine andere Dame machte anfangs Furore, nicht nur mit Sieg gegen Hou Yifan: Nino Batsiashvili. Zu Beginn erzielte sie insgesamt 4,5/6 gegen durchweg Grossmeister – Siege auch gegen Ketevan Arakhamia-Grant (hat zwar nur Elo 2369, aber den Titel GM ohne W davor) und Rasmus Svane, Remis gegen Howell, Vallejo (Foto) und Riazantsev. Damit war die GM-Norm bereits in trockenen Tüchern, prompt verlor sie ihre drei restlichen Partien. Nach eigener Aussage hatte sie bereits mal Elo 2500+, und erzielte sie zuvor schon zwei GM-Normen. Ersteres stimmt nachweislich, letzteres: hier wird nur eine GM-Norm erwähnt, und die zählt eventuell nicht. Bei der Frauen-EM 2015 hatte sie in elf Runden nur zwei Gegnerinnen mit Titel GM ohne W davor – daneben zwar vier WGMs aber das gilt ja nicht. Es sei denn, Vize-Europameisterin (hinter Zhukova) ist automatisch eine “männliche” GM-Norm. Abwarten also, ob sie demnächst den GM-Titel offiziell bekommt.

Den zweiten Damenpreis, immerhin 3000GBP, bekam am Ende überraschend Daulyte Cornette – früher hiess sie Deimante, offenbar hat sie ihren französisch-grossmeisterlichen Freund geheiratet und nur der Vorname ist noch litauisch. Dank zum Schluss 2,5/3 gegen GMs – Sieg gegen Brunello, Remis gegen Deac, Sieg gegen Timman. Relativ erfolgreich bei den Damen auch: Anna Zatonskih (Siege gegen Kosteniuk und Gelfand, GM-Norm knapp verfehlt), Anna Rudolf (Sieg gegen Harika, insgesamt diverse Damenduelle mit dem nach Elo “falschen” Ergebnis), Alina l’Ami (der bereits erwähnte Sieg gegen Ivan Sokolov) und auch die international nicht so bekannte Alina Zahn (jedenfalls bezogen auf ihre relativ bescheidene Elo 2025). Nicht so erfolgreich Ju Wenjun und Dronavalli Harika, dennoch dritter Damenpreis zusammen mit Zatonskih (alle 5/9).

Noch einer machte anfangs, bzw. etwa bei Halbzeit im Turnier, Schlagzeilen und wurde – wohl unabhängig davon – viel fotografiert: Rameshbabu Praggnanandhaa. Die Niederlage gegen Adams in Runde zwei war wohl einkalkuliert, Remis gegen einen titellosen indischen Landsmann dann ein Rückschritt. Sein Turnierhöhepunkt dann in Runde fünf:

Praggnanandhaa-Howell 1-0!? – da der Engländer (mit insgesamt schlechtem Turnier) ein remises Turmendspiel vergeigte. Tags darauf hatte Nils Grandelius gegen das indische Jungtalent eine sehr schlechte Stellung, die er irgendwie noch remis halten konnte – wohl auch aufgrund suboptimaler gegnerischer Technik. Bis dahin lief es für Praggnanandhaa, aber tags darauf misshandelte er ein Remisendspiel gegen Akobian. Bei einem früheren Turnier in Vlissingen galt: nur weil einige GMs Praggnandhaa ein Kurzremis gaben, machen das nicht alle – in der letzten Runde wollte Iturrizaga lieber Turniersieger werden statt “zur Schachgeschichte beizutragen”. Nun galt: nur weil zwei GMs gegen ihn schlecht spielen, macht der dritte (bzw. insgesamt zusammen mit Adams vierte) da nicht mit.

Praggnanandhaa brauchte nun noch 2/2 für eine GM-Norm und hatte in Runde 8 mit Jan Woellermann (Aufbau Elbe Magdeburg, Elo 2384) einen vermeintlich schlagbaren Gegner. Aber Woellermann war egoistisch, remisierte und sicherte sich damit eine IM-Norm. Der Sieg zuletzt gegen den bereits erwähnten Ungarn Vilmos Balint bedeutete insgesamt TPR 2531 für Praggnanandhaa – besser als seine Elozahl, aber deutlich weniger als das für eine GM-Norm nötige 2600.

GM-Normen erzielten neben Batsiashvili auch Praggnandhaas ziemlich unbekannter Landsmann Harsha Bharathakoti (*2000) und der US-Amerikaner Michael William Brown (*1997). Bharathakoti (5/9 gegen durchweg GMs) hatte die Norm wie Batsiashvili bereits vor der Schlussrunde sicher, Brown musste zum Schluss “auf Bestellung” gegen Zoltan Almasi gewinnen und schaffte das. Almasi, auch einer der Elofavoriten (Nummer 10 der Setzliste) beendete sein Turnier in Moll: in Runde 7 verlor er mit Weiss unnötig-kurios gegen Falko Bindrich – er hatte eine ausgeglichene bis symbolisch bessere Stellung endlos geknetet. Schwarz begnügte sich zuvor mit 24.-29.- Kf8-e8-f8-e8-f8-e8-f8, dann 34.-43.- Kf8-g7-f8-g7 usw. . Im 80. Zug wurde Schwarz mit 80.-f5 endlich aktiv, im 89. Zug machte der gut 100 Punkte bessere Almasi den entscheidenden Fehler. Danach (deswegen?) nahm Almasi in Runde 8 ein “bye”, dann kam Runde 9 und auch diese Niederlage war aus Almasis Sicht unnötig.

Nicht geschafft hat es dagegen der Kanadier Aman Hambleton, der – Teil seiner Selbstinszenierung – sich erst dann rasieren will, wenn er die noch nötige dritte GM-Norm erzielt, aktueller Bartstand siehe unten.

Es gibt noch viele Geschichten, bemerkenswerte Partien usw., aber ich schliesse ab mit einer Reihe Bildergalerien:

Die Partien sind alle bemerkenswert – teils wegen überraschender Ergebnisse oder bemerkenswerter Paarungen, teils ohnehin.

Nun noch zu den deutschen Teilnehmern, soweit ich Fotos entdeckte:

Wie bereits erwähnt, 28 Deutsche spielten mit, und ganz Deutschland war vertreten: von Kiel bis Konstanz, von Aachen bis geografisch-östlich Dresden und Regensburg bzw. alphabetisch Stuttgart (wobei Alexander Donchenko und Falko Bindrich vielleicht nicht in Aachen wohnen, aber für DJK Aufwärts Aachen spielen). Nicht vertreten neben (um das Alphabet zu komplettieren) Ulm, Vechta, Wuppertal oder Zweibrücken auch u.a. Berlin und Hessen. Hessen allenfalls durch Tena Frank – als wir beide jung bzw. jünger waren, spielte ich für einen südhessischen Verein (SC Gross-Zimmern) und sie für Baunatal Kassel, nun sie für SVG Konstanz. Aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erinnere ich mich an “lange blonde Haare”, ein aktuelles Foto habe ich nicht gefunden.

Vom Ergebnis her am erfolgreichsten Falko Bindrich und Dennis Wagner (beide 6/9), im Vergleich zur eigenen Elozahl erfolgreich auch Jan Woellermann und Alina Zahn. Andere teils im Eloplus, teils im Elosoll, teils neutral. Jonas Lampert spielte nach seinem Remis gegen Anand weiterhin erfolgreich, Nikolas Lubbe nach seinem gegen Caruana nicht mehr – die Niederlage gegen Anand tags darauf war wohl einkalkuliert, andere Ergebnisse im weiteren Turnierverlauf nicht unbedingt.

Zum Schluss noch Turniersaal-Impressionen:

Print Friendly, PDF & Email

5 thoughts on “Isle of Man: Carlsen gewinnt mal wieder ein Turnier

  1. @Claus Seyfried: Vielen Dank! Von der Turnierseite habe ich eigentlich nur (dabei reichhaltig) Fotos übernommen und ein bisschen was vom Livekommentar. Sonst ging es darum, aus dem vorhandenen Material zu selektieren – der Artikel könnte doppelt so lang sein, aber das wollte ich weder mir selbst noch dem Leser zumuten – und das dann zu strukturieren.
    Offenbar ist Isle of Man für einen Spieler mit Elo 2100-2200 anstrengender als z.B. Gibraltar? Vermutlich weil IOM Elo-Untergrenze 1900 hat und nur wenige mit 1900-2100 teilnahmen, während man in Gibraltar zwischendurch auch mal leichtere (Aufbau-)Gegner hat!?
    Flugverspätung war vielleicht wetterbedingt, zumindest wurde für die Isle of Man Sturm vorhergesagt – wie schlimm war es letztendlich?

  2. Ich möchte dem Autor Thomas Richter ein ganz großes Kompliment aussprechen. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es bei einer hinreichend guten Turnierseite auch möglich ist, aus der Remote Position eine ganz hervorragende Reportage zu erstellen! Beim Turnier selbst fühlte ich persönlich mich wie ein Clown. Hätte ich geahnt, welche geballte Schach-Spielstärke mich dort erwartet, hätte ich eher nicht teilgenommen. Habe jetzt hier am Flughafen Ronaldsway wunderbar Zeit über irgendetwas nachzudenken (über was eigentlich), denn mein geplanter Flug 16:45 nach London City Airport wurde netter Weise auf 20:15 Uhr verschoben nebst ätzender Zusatzübernachtung am Flughafen in London. Weil das Flugzeug noch nicht da ist, oder erst noch gebaut werden muss, oder …?

  3. Unter 1.42e findet sich die Erklärung, warum dies dennoch eine GM-Norm ist – sie hat die Norm nach 9 Runden erfüllt (6/9 gegen einen Schnitt von 2482), und diese bleibt gültig ungeachtet der Tatsache, dass es nicht zu einer 10- oder 11-rundigen Norm reichte.

  4. Danke, aber war das eine GM-Norm? Sie erzielte 6,5/11 gegen Eloschnitt 2488 – laut https://www.fide.com/component/handbook/?id=174&view=article (Tabellen unter 1.72) braucht man gegen diesen Schnitt 7,5/11, bzw. bei 6,5/11 einen Eloschnitt von minimal 2535.
    Ich gönne ihr den GM-Titel, aber es sollte mit rechten Dingen zugehen – wenn sie ihn offiziell bekommt, wird das natürlich auch dokumentiert.
    Es gibt verschiedene Formeln/Internetseiten zur TPR-Berechnung, bei Praggnanandhaa in Vlissingen war ich mir nicht sicher – nach einer Formel genau 2600 (reicht), nach anderen Formeln reichte es nicht. Da hatte ich bei den Organisatoren nachgefragt: keine GM-Norm für den jungen Inder.

  5. Nino Batsiashvilis zweite GM-Norm ist vom Grand Prix in Khanty Mansiysk im letzten November, da wurde sie Zweite.

Kommentare sind geschlossen.