Eliseev Memorial in Moskau

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Einleitung und Haupt-Inhalt dieser Vorschau etwas anders als zunächst vorgesehen: ein kleines aber feines Turnier (bzw. eigentlich zwei Rundenturniere) in Moskau vom 15.-19. und 21.-25.11., Name und Anlass erfuhr ich erst später.

Vor knapp einem Jahr schrieb ich einen eher kurzen und knappen Nachruf zum frühen und tragischen (dabei eventuell auch dummen, sinnlosen oder selbst verschuldeten) Tod von Urii Eliseev im Alter von nur 20 Jahren [in derselben Woche starb auch Taimanow im gesegneten Alter von 90 Jahren]. Aus dem damaligen Artikel “Daniil Dubov, nach eigener Aussage mit Eliseev eng befreundet, war vielleicht der Erste, der die Welt über Facebook informierte. Er bezeichnet Eliseev als „brillianten Schachspieler und Analytiker, einer der begabtesten Menschen, die ich kannte … Ich werde noch ausführlicher darüber schreiben, aber nicht jetzt“.” Dubov wird auch in diesem Artikel (und in diesem Turnier) eine Rolle spielen, aber das Titelbild bekommt Urii Eliseev (aus dem damaligen Artikel, Originalquelle Russischer Schachverband).

Damals hatte ich nicht mehr verfolgt/registriert, ob Dubov sich (auf Russisch) noch ausführlicher äusserte, nun tat er es jedenfalls – und andere auch. Zweiter Hinweis auf dieses Turnier (den ersten nenne ich später), für mich ebenfalls via Sutovskys Facebook-Seite, ein Artikel des russischen Schachverbands. Daraus zitiere ich nun auszugsweise (mit Dank an Google für Übersetzungen) – interessierten Lesern mit oder ohne russische Sprachkenntnisse (Google-Übersetzung durchaus OK) empfehle ich, ihn komplett zu lesen und/oder diverse Fotos zu betrachten. Auszüge haben den doppelten Zweck mehr zu Eliseev und Teilnehmer des Turniers nennen – diesmal also nach und nach, nicht wie sonst üblich alle (oder bei grösseren Turnieren einige/viele) zu Beginn.

Daniil Dubov ist Initiator und Organisator des Turniers, bei dem er auch selbst mitspielt. Er (nun) über Eliseev: “Ich weiss nicht einmal mehr, wann wir uns erstmals begegneten, aber seit dem Sommer 2013 hatten wir engen Kontakt. …. Er war wahrscheinlich die vielseitig talentierteste Person die ich kenne: er sang gut, schrieb Gedichte, liebte und beherrschte (Feinheiten der) russischen Sprache, hatte ein unglaubliches Gedächtnis – bei einer langen Zugreise hatte er zum Zeitvertreib die Hälfte von ‘Eugen Onegin’ rezitiert. … Wir halfen uns gegenseitig bei Turnieren, bereiteten den anderen vor, als Analytiker war er unglaublich talentiert. … Er machte da weiter, wo andere aufhören würden. In allem strebte er nach Exzellenz: Poesie, Schach, Musik. Das zeigen seine besten Partien: starke Eröffnungen [Google-Deutsch “ein starkes Debütalbum”], genaue Variantenberechnungen, starkes Finish.” Wie im ruchess-Artikel zwischendrin ein Foto, ich zeige nun Dubov (vor kurzem bei der Mannschafts-EM):

Und nun weiter Dubov über Eliseev: “Das alles würde nicht viel bedeuten, wenn er nicht auch ein wunderbarer Mensch und ein treuer Freund wäre: wir konnten uns immer auf ihn verlassen. Ich kenne keinen Fall, bei dem er eine Bitte um Hilfe ablehnte. … Wie viele extrem talentierte Menschen konnte er im täglichen Leben unerträglich [vielleicht reicht auch ‘anstrengend’] sein: er wollte immer spielen, reden, denken – wahrscheinlich erfuhren es alle seine Freunde. Untätigkeit tolerierte er nicht – auf Reisen, beim Warten, beim Abendessen: immer intellektuelle Spielereien. Einmal liefen wir durch Kaliningrad am Wasser und ich meinte “lass uns die Umgebung geniessen”, er “Gut” und nach 10 Sekunden “OK, jetzt reicht es!”. …. Yura war eine sehr ‘helle’ Person [auf Englisch ‘bright’, was passt auf Deutsch?], im Schach und im Leben, ich hoffe, dass wir ihm mit diesem Turnier würdig gedenken.”

Dubov hat so viel gesagt, dass andere das nur noch anders formulieren und ergänzen konnten. Fedoseev unter anderem: “Seine Umgebung, seine Freunde, sein Trainer warnten ihn vor gefährlichen Hobbies, aber hier zeigte sich seine andere Qualität: ein starker Wille, seine Ideen zu verteidigen – egal was andere davon halten. … Wo auch immer Jura nun ist: ich hoffe, dass er das fand, das er auf der Erde vermisste. Ruhe in Frieden, Jura!”

Artemiev: “… Er hatte auch einen exzellenten Sinn für Humor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals schlechte Laune hatte. Im Schach war er ein ‘weisser Riese’ [auf Russisch sagt man offenbar ‘Blume’]. Für mich war es frustrierend, mit Schwarz gegen ihn zu spielen. Schlechter spielte er in trockenen vereinfachten Stellungen, aber in dynamischen Positionen war er sehr gefährlich.”

Predke und Antipov (der sich relativ kurz fasste) wiederholten mehr oder weniger das bereits Gesagte – wobei die Interviews oder Statements wohl unabhängig voneinander entstanden.

Matlakov (hier rechts neben Dubov ebenfalls bei der Mannschafts-EM): “Ich kannte die Person Yura nicht so gut, dazu kann ich mich kaum äussern [er ist als Elitespieler, Elo stabil über 2700, noch relativ “jung”, aber biologisch – Jahrgang 1991 – etwas älter als die fünf anderen und Eliseev]. Wir sprachen einander vor allem bei der Analyse von Turnierpartien.” Er erwähnt ihre dramatische Partie in der Schlussrunde des Halbfinales der russischen Meisterschaft 2016 – beide brauchten einen Sieg, um sich für das Superfinale zu qualifizieren, es wurde remis. Diese Partie fehlt offenbar auf chessgames.com – anderswo habe ich sie gefunden, ohne “Kontext” empfinde ich sie nicht als total spektakulär und kann auch nicht nachvollziehen, was genau Matlakov meint mit “im 42. Zug hat er scheinbar einen Turm eingestellt. Plötzlich bemerkte ich dann, dass ich in der ‘gewonnenen’ Variante nach einer Springer-Unterverwandlung mattgesetzt werde! Ich war froh, dass die Partie nach einer ‘Wendung’ remis wurde [Dauerschach].”

Matlakov empfand auch Eliseevs Sieg gegen Sjugirov als beeindruckend (“starke Eröffnungsvorbereitung und Angriff, modernes Schach!”) – das verlinke ich als Beispiel von Eliseevs schachlichen Qualitäten. Matlakov: “Yura war im Schach ein Romantiker. Wenn er von einer Idee mitgerissen wurde, tat er alles um sie umzusetzen. Das führte manchmal zu Niederlagen, aber auch zu Meisterwerken.” [Google-Original des letzten Satzes “Manchmal war es das Ergebnis wert, aber Meisterwerke wurden geboren.“]

Dieser ruchess-Artikel war für mich der zweite Hinweis auf das Turnier, der erste kam – ebenfalls von Sutovsky übernommen – von Daniil Dubov auf Facebook: “Hallo, Moskau! Aus mehreren Gründen etwas spät. In Moskau vom 14.-25. November im Club Petrosian [Adresse genannt, aber nur für Besucher vor Ort relevant]. Das Turnier ist zweiteilig. Wir versuchen, das Turnier so attraktiv wie möglich zu machen für das Publikum: keine Elo-Auswertung, nur Schönheitspreise. Kommt! Meine erste Erfahrung als Organisator, aber ich hoffe alles wird gut gehen. Rundenbeginn um 15:00, anschliessend (ca. 19:00) wird einer von uns einen Vortrag halten – zur gerade gespielten Partie und um Erinnerungen zu teilen; ausserdem Spielerkommentare zu den Partien hinterher. Wir haben ein grossartiges Teilnehmerfeld – zum Beispiel in der ersten Hälfte die Grossmeister Vladislav Artemiev, Vladimir Fedoseev, Maxim Matlakov, Daniil Dubov, Alexander Predke und Mikhail Antipov [die Google-Übersetzung habe ich verbessert – ich wusste, dass Dubov ‘Oaks’ ist, bei “Ancestor” brauchte ich das russische Original Предке um daraus Predke zu machen]. …. Da Kreativität statt Sport im Vordergrund steht, hoffe ich, dass wir viele interessante Partien spielen werden. Ohne Publikum macht es keinen Sinn – nochmals: alle meine Freunde und alle Schachfans sind herzlich willkommen.”

Original auf Russisch und für Moskauer, aber ich habe das aufgegriffen und Dubov kontaktiert. Die erste Antwort kam schnell und begann mit “Danke für Dein Interesse, als unerfahrener Organisator habe ich damit gar nicht gerechnet!”. Danach dauerte es etwas, wohl da er zwischendurch noch in/für Bremen Bundesliga spielte (für seinen Sieg am Sonntag gegen Lawrence Trent kein Schönheitspreis – dabei nicht seine Schuld, dass der Gegner früh eine Figur einstellte)  und – wie ich aus gut informierten Kreisen erfuhr – noch bis Montag abends in Bremen war.

Eliseev wurde da noch nicht erwähnt, aber ein Turnier, bei dem Schönheit im Vordergrund steht ist – so sehe ich es – auch bei weniger prominenten Teilnehmern (teils Elo unter 2700) eine nette Alternative zur Show in Saint Louis mit Fokus (O-Ton Grischuk vorher) “dreckiges und hässliches Schach”. Das Teilnehmerfeld – jedenfalls die erste Hälfte – dabei durchaus vergleichbar mit diversen nationalen Meisterschaften oder z.B. Wijk aan Zee B-Gruppe. Teilnehmer der zweiten Hälfte laut ruchess “wird später bekannt gegeben”, laut Dubov wiederum er selbst, Antipov und Predke sowie Kovalev (aus Weissrussland), Gordievsky und Sychev – Sychev wohl von insgesamt 27 Sychevs IM Klementy mit Elo 2510, Kovalev und Gordievsky haben immerhin auch 2600+.

Die zweite Antwort von Dubov, bzw. ein “Sperrfeuer” – da er zwischendurch mal “Return” drückte und Facebook das dann sofort verschickt – gerade ca. 15 Minuten vor Rundenbeginn. Zum Turniernamen: “Natürlich war es von Anfang an als Tribut geplant, aber ‘Memorial’ ist auf Russisch etwas traurig, wir nannten es letztendlich – wörtlich übersetzt – ‘The tournament named after Eliseev’.” Chess24, das live überträgt, nennt es doch “Eliseev Memorial”.

Ausserdem bekam ich (Zugang zu) Fotos von Olga Skorobogatova und Erlaubnis, diese zu verwenden:

Das Logo, da steht dann also auf Russisch “Turnier benannt nach Urii Eliseev”. Davor sechs Tüten für die sechs Teilnehmer mit – wie sich herausstellen sollte – u.a. den Startnummern.

Aber erst redete Dubov.

Artemiev und eine mir unbekannte Dame. Auf dem Schachbrett darf man Damen dann durchaus opfern, vor und nach den Partien sollte man sie pfleglich behandeln. Warum sie sich am Finger verletzte – etwa weil sie Brutalblitz spielte wie Wesley So in Saint Louis?

Und ein Gruppenfoto mit von links nach rechts [mir unbekannt], Fedoseev, Artemiev, [unbekannt], Predke, Antipov und Dubov. Predke hatte ich nur aufgrund seiner Startnummer auf einem anderen Foto erkannt, Matlakov war offenbar bei der Eröffnung gestern abend verhindert.

Fehlt eigentlich nur noch die Zeitkontrolle: 90 Minuten für die gesamte Partie plus 30 Sekunden Inkrement von Anfang an – damit dauern die Runden dann ungefähr vier Stunden. Die erste Runde läuft bereits. Antipov begann gegen Matlakov mit 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.b3!? – macht er oft und es führt zu ungewöhnlichen Stellungen. Fedoseev spielt gegen Predke Russisch – eigentlich nicht Sinn der Sache, auch wenn das Turnier in Russland stattfindet. Dubov hat gerade gegen Artemiev eine Qualität geopfert.

Das Turnier (zweite Hälfte) endet tags vor Eliseevs erstem Todestag – ein späterer und damit eventuell besser passender Termin ging wohl nicht, da ab 2.12. die russische Meisterschaft in der anderen Metropole St. Petersburg ausgetragen wird.

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