Offener Brief an die Kommission Leistungssport des DSB

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Liebe Mitglieder der Kommission,

Marta Michna ( by Maria Emelianova)

bei Ihrer Sitzung am letzten Wochenende wurden die Kader für das Jahr 2018 festgelegt. Ich bin sehr überrascht und sehr verärgert, dass ich dabei nicht berücksichtigt wurde.

Ich habe den Bundestrainer Dorian Rogozenco heute dazu angerufen. Er hat mir mitgeteilt, dies läge an meiner schlechten Leistung bei der Europameisterschaft auf Kreta. Nach meiner Entgegnung, dass er als Bundestrainer das schlechte Abschneiden der Mannschaft mitzuverantworten hat, sagte er, ich könne eine E-Mail an die Kommission schreiben. Ich tue dies öffentlich, um sicher zu gehen, dass sie auch Gehör findet.

Zu den Fakten: bei den beiden letzten Mannschaftsturnieren, der Olympiade 2016 in Baku und der EM 2017 auf Kreta, hat unsere Mannschaft katastrophale Ergebnisse erzielt. Meine beste Zeit ist sicherlich vorbei, aber ich habe mir bei beiden Turnieren nichts vorzuwerfen. In Baku habe ich am zweiten Brett sehr gut gespielt, die beste Elo-Performance der Mannschaft. Auch auf Kreta habe ich die zweitbeste Elo-Performance der Mannschaft erzielt und dabei meine Elo-Zahl auch bestätigt (-1,9). Ich bereite mich mit meinem Trainer Karsten Müller intensiv auf die Turniere vor, und während der Turniere verhalte ich mich professionell.

Bei den Deutschen Einzelmeistermannschaften in Bad Wiessee und den German Masters spiele ich regelmäßig mit, bin immer in den Top 3 gelandet – und das vor einigen Spielerinnen, die nun im B-Kader sind.

Im B-Kader für 2018 sind

  • Sarah Hoolt 2405
  • Hanna Maria Klek 2372
  • Melanie Lubbe  2345
  • Judith Fuchs 2276
  • Filiz Osmanodja 2243

Als einzige der genannten Spielerinnen ist Hanna Maria Klek ein einziges Mal bei Deutschen Meisterschaft oder den German Masters vor mir gelandet (bei der Deutschen Meisterschaft 2013).

Nun soll ich den Preis dafür bezahlen, dass die Mannschaft schlecht gespielt hat. Dabei sind die größten Fehler aus meiner Sicht woanders gemacht worden: bei der Nominierung und der Festlegung der Brettreihenfolge. Für beides ist der Bundestrainer Dorian Rogozenco verantwortlich.

Bei der Mannschaftsnominierung ist mir z. B. ein Rätsel, wieso Zoya Schleining seit Jahren übergangen wird. Sie bestätigt seit Jahren ihre Spielstärke von knapp 2400.

Bei unserem Kurztrainingslager vor der Europameisterschaft haben wir über die Aufstellung diskutiert. Die Idee, Josefine Heinemann als deutlich Elo-schwächste an Brett 2 zu setzen, fand ich von Beginn an falsch. Dies habe ich Dorian Rogozenco auch gesagt, obwohl mir andere Spielerinnen dazu geraten haben, nicht mit ihm darüber zu diskutieren – weil sie die Erfahrungen gemacht haben, dass dies zu persönlichen Nachteilen führt (hier möchte ich keine Namen nennen).

Nun bin ich also raus aus der Mannschaft – ich denke, weil es gewagt habe, die Aufstellung in Zweifel zu ziehen. Sportliche Gründe sehe ich nicht. Wer diese sieht, kann es mir gerne erklären.

Noch einmal zu unserem Abschneiden als Mannschaft. Dies tut mir wirklich sehr, sehr weh. Denn wir haben wirklich gute Voraussetzungen:

  • mit Elisabeth ein „Schach-Monster“ an Brett an 1, die jede Spielerin schlagen kann,
  • eine Reihe von erfahrenden Spielerinnen, die ihre Spielstärke seit Jahrzehnten auf hohem Niveau beweisen,
  • eine Reihe von jüngeren Talenten, die jetzt schon gut genug sind, am letzten Brett gut zu punkten und der Mannschaft zu helfen und
  • mit David Lobzhanidze einen Teamchef, der sich alle Mühe gibt, aus dem Kader und der Aufstellung, die ihm vorgesetzt wird, das Beste zu machen.

Warum wir diese guten Voraussetzungen nicht nutzen? Weil es immer wieder eine neue „crazy“ Idee gibt, wie man die Mannschaft neu erfinden kann.

Ich möchte Sie hiermit auffordern, mich weiterhin im B-Kader zu führen. Ich denke, ich erfülle alle schachlichen Anforderungen.

Viele Grüße

Marta Michna

Info: Sitzung der Kommission Leistungssportvom 6,12,2017:

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5 thoughts on “Offener Brief an die Kommission Leistungssport des DSB

  1. Marta Michna hat das Recht, den Weg eines Offenen Briefs zu wählen – das zu tun war ihre Entscheidung. Ebenso, Interna zu erwähnen und – bewusst oder nicht – etwas suggestiv zu formulieren: “während der Turniere verhalte ich mich professionell” – machten andere das etwa nicht?
    Was bei der Mannschaftsaufstellung (nicht der Brettreihenfolge) eventuell eine Rolle spielte hatte ich im EM-Nachbericht https://www.chess-international.de/archive/80056 diskutiert. Andreas Jagodzinsky hat das in seiner Stellungnahme mehr oder weniger “übernommen” – ich will wahrlich nicht behaupten, dass er von mir inspiriert wurde und dann abgeschrieben/umformuliert hat …. . Eher, dass ich mir eben vorstellen kann was Entscheidungsträger berücksichtigen können bis müssen (selbst war ich nie Entscheidungsträger, auch bei Aufstellungen eigener Vereinsmannschaften allenfalls Berater). Zwei Punkte nannte ich: 1) Turnieraktivität auch international und auf relativ hohem Niveau (pro Heinemann, kontra Schleining). 2) Teamfähigkeit – kann ich als Aussenstehender gar nicht beurteilen. Verantwortliche können es im Zweifelsfall besser (neutral) beurteilen als die Spielerinnen selbst – objektiv ist es dabei nicht, immer eine Bauchentscheidung.
    Zu Michnas Ergebnis bei der EM: Es steht und fällt mit dem Schlussrundensieg aus totaler Verluststellung heraus – das war auch für das Team insgesamt der Unterschied zwischen einem schlechten und einem katastrophalen Turnier. Michnas Sieg gegen Guichard kann man schönreden – “grosser Kampfgeist” – man kann auch nüchtern konstatieren, dass sie unglaubliches Glück hatte.
    Auch wenn die Altersgrenze 40 abgeschafft wurde (Michna nahe dran, Nisipeanu und Fridman darüber und weiterhin im Herrenkader) kann ich mehr oder weniger nachvollziehen, wenn Alter und damit vermutetes Restpotential eine Rolle spielt. Osmanodja ist nach aktueller Elo “Fremdkörper” im Kader, hatte allerdings im April 2017 bereits mal 2370 – dann kam ein sehr schlechtes Ergebnis bei der Einzel-EM der Frauen und auch ein schlechtes Ergebnis beim Young Masters Erfurt. Ob man sie dafür “bestrafen” sollte ist Ansichtssache. Ob es da jeweils Gründe/mildernde Umstände gab (z.B. Krankheit) weiss ich nicht. Aus meiner Sicht positiv, dass sie danach auf der Isle of Man mitspielte und so Herausforderungen gegen starke Gegner suchte. Andere haben vielleicht aus beruflichen und/oder privat-familiären Gründen keine Zeit für derlei Turniere – zu akzeptieren aber es sagt auch etwas über Motivation und Potential?
    Insgesamt ein unglaublich weites Feld, dieser Kommentar ist fast schon ein Artikel … .

  2. Liebe Marta Michna,

    ich gebe gern zu, dass ich Sie auf der DSB-Frauen-Kaderliste für 2018 vermisst habe. Mit aktuell Elo 2377 werden Sie in der nationalen Rangliste der FIDE hinter Elisabeth Pähtz (2464), Sarah Hoolt (2404) und Zoya Schleining (2389) immerhin auf Platz 4 geführt. Das Argument von Bundestrainer Dorian Rogozenco, Sie nicht für den B-Kader zu nominieren, weil Ihre Leistungen bei der Team-EM in Kreta schlecht gewesen sind, kann ich auch nicht nachvollziehen. Mit 4,5/7 können Sie doch auf die zweitbeste Eloperformance innerhalb der deutschen Mannschaft verweisen.

    Was also sind die wahren Gründe dafür, Sie einfach außen vor zu lassen? Ich denke, dass sich das wirklich nur in einer vertraulich geführten persönlichen Aussprache mit den für den Leistungssport zuständigen DSB-Funktionären klären lässt. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber der von Ihnen gewählte Offene Brief an die Mitglieder der Kommission Leistungssport ist in jedem Fall der falsche Weg gewesen, um diese Problematik zu klären. Dieses Vorgehen zeugt meiner Meinung nach eher von wenig Vertrauen auch zum DSB-Präsidium, wo es ja mit Klaus Deventer einen Vizepräsidenten Leistungssport gibt.

    Um ehrlich zu sein, wäre es doch völlig naiv, wenn Sie jetzt erwarten, dass es auf dieser oder einer anderen Schach-Webseite eine klärende Antwort von der Kommission Leistungssport zu Ihrer Anfrage geben wird. Wenn ich Ihnen einen Ratschlag geben darf, so würde ich mich an Ihrer Stelle persönlich für diesen Offenen Brief entschuldigen, gleichzeitig aber nachfragen, was denn tatsächlich die entscheidenden objektiven Kriterien sind, um in den B-Kader des DSB aufgenommen zu werden und warum Sie keine Berücksichtigung für 2018 gefunden haben.

  3. @ Uwe Schild: die Motivation Ihres Kommentares ist mir schleierhaft, dennoch möchte ich ihn nicht unbeantwortet stehen lassen.

    Ich weiß nicht, nach welchen Maßstäben und mit welchem Ermessensspielraum der B-Kader eingeteilt wird. Eines geht aber aus der Elo Rangliste der deutschen Damen hervor: https://ratings.fide.com/topfed.phtml?ina=1&tops=1&country=GER. Dass Marta Michna nicht in den B-Kader aufgenommen wurde, liegt sicher nicht an ihrer aktuellen Spielstärke, denn nur eine der berücksichtigten Spielerinnen ist höher bewertet als sie. Es können natürlich andere Faktoren, wie Entwicklungspotential, Einsatzbereitschaft etc. eine Rolle spielen. Über die Entscheidung selbst kann ich mir keinerlei Urteil erlauben.

    Aus dem offenen Brief geht hervor, dass diese Entscheidung Frau Michna persönlich getroffen hat. Da sie sich selbst an die Öffentlichkeit gewendet hat, muss sie natürlich damit rechnen, dass andere diese Entscheidung verteidigen. Dies sollte aber sachlicher und fundierter geschehen.

  4. @Uwe Schild: Man hat den Eindruck, Sie haben den Text von Frau Michna gar nicht gelesen. Wenn die Fakten nicht stimmen – sie sagt, dass sie durchweg besser gespielt hat als fast alle nun nominierten – sollten Sie das konkret mit Fakten untermauern können. Wenn nicht, ist Ihr Kommentar unsachlich und sinnlos.

  5. ja ja, die Schuld liegt immer bei den Anderen.
    Einfach das eigene Spiel verbessern, dann klappt es auch wieder mit dem B-Kader.

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