Tata Steel nach drei Runden

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Der erste Bericht über und auch aus Wijk aan Zee diesmal erst nach der dritten Runde, vorher schaffte ich es zeitlich nicht. Dabei werde ich den Reisebericht vom Samstag mit “normalen” Berichten zu den beiden anderen Runden kombinieren. Zunächst die jeweiligen Zwischenstände:

Masters Anand und Giri 2.5/3, Mamedyarov, Jones, Carlsen 2, Karjakin, So, Svidler, Kramnik 1.5, Caruana, Wei Yi, Matlakov 1, Hou Yifan und Adhiban 0.5. Noch werden ja zehn Runden gespielt. Wenn es bei dieser Reihenfolge bleiben sollte, würde Anand oder Giri (wer auch immer den dann fälligen Stichkampf gewinnt) “Schachgeschichte schreiben”. Anand wäre dann sechsmaliger Sieger in Wijk aan Zee (der erste Sieg bei seinem ersten Auftritt 1989, der bisher letzte 2006) – damit wäre er vermutlich auch der einzige, der “alle drei Turniere” gewinnen konnte: bis 1999 hiess es Hoogovens Chess (dieser Name hierzulande immer noch mitunter ‘üblich’), 2000-2010 Corus, seither Tata Steel Chess. Damit ist auch angedeutet, was die meisten Leser wohl ohnehin wissen: Anand ist ein ‘Veteran’.

Giri wäre der erste einheimische Sieger seit Jan Timman anno 1985. Wem gebe ich das Titelbild? Ich habe mich für Vishy Anand entschieden, da seine Partien aus meiner Sicht gehaltvoller und seine Siege souveräner waren – Giri hatte, das sagte er selbst auch, zweimal durchaus Glück. Alle Fotos, bis auf meine eigenen, von Alina l’Ami ab Turnierseite über Facebook.

Challengers Korobov und Vidit 2.5/3, Gordievsky 2, Jorden van Foreest, Xiong, l’Ami, Harika, Girya, Lucas van Foreest 1.5, Tari, Bluebaum, Bok, Amin, Krasenkow 1. Zwei Mitfavoriten momentan vorne, dahinter das “dark horse” (Gordievsky hatte allerdings bisher noch keine sehr starken Gegner). Die beiden Damen machen es bisher besser als die Dame bei den Masters – für Hou Yifan war 0/3 durchaus möglich. Hinten hat sich niemand abgesetzt – nach zwei von drei Runden hatte Matthias Bluebaum die rote Laterne, nun teilt er sie mit vier anderen Spielern.

Eingangs etwas das schon vor dem Turnier geschah: In der Tageszeitung de Volkskrant erschien ein ganzseitiger Artikel über Anish Giri – Hälfte Text, Hälfte Foto vom “Meet & Greet” in der Medienstadt Hilversum, Mittwoch Austragungsort der ersten Auswärtsrunde. Auf das Turnier hatte er sich, nicht zum ersten Mal, im Olympischen Sportzentrum Papendal (bei Arnhem) vorbereitet, um unter anderem auch seine Kondition zu verbessern. Und dann das: “Während ‘irgendeinem blöden Konditionstest’ tauchte plötzlich eine Gruppe sportlicher Menschen auf, darunter ein Mädel mit blondem Pferdeschwanz. Verdammt, dachte er, das ist Dafne Schippers. ‘Ich dachte, dass diese Sporthalle nur für Loser wie mich ist. Und dann plötzlich sie.’ ” Am Ende des Artikels “Dafne Schippers erkannte ihn übrigens nicht. ‘Sie nickte mir nicht zu oder so. Vielleicht muss ich erst Weltmeister werden.’ Wieder ein Grinsen auf seinem Gesicht. ‘Dann können wir vielleicht quatschen, als Weltmeister untereinander.’.”

Das hat sie – oder jemand aus ihrem Umfeld? – dann registriert, Dafne Schippers auf Twitter: “Deal! @Anishgiri und nachträglich hi! Viel Erfolg beim Tata Steel Schachturnier! #volkskrant” – wofür Anish, zuletzt auf Twitter wieder aktiver, sich wiederum bedankte und meinte, sie könnte auch in Wijk aan Zee vorbeisprinten. Warum erwähne ich das? Zum einen, weil der Utrechter Bürgermeister vor zwei Jahren drei sportliche Höhepunkte erwähnte: den Start der Tour de France, die Huldigung von Dafne Schippers und “Tata Steel Chess on Tour” im Utrechter Eisenbahnmuseum. Zum anderen, siehe unten.

Meine Anreise nach Wijk aan Zee diesmal eine halbe Stunde früher, damit ist der Bus von Beverwijk nach Wijk aan Zee noch nicht allzu voll – dennoch bereits Schachspieler: bei einem Gespräch überhöre ich “Springerendspiel” (die Amateure der Wochenend-Vierkämpfe hatten bereits Freitag abends die erste Runde gespielt). Wie sich herausstellte, ist auch die mir gegenüber sitzende junge Dame Schachspielerin – eine zugestiegene andere (etwas ältere) Dame begann ein Gespräch, ich erwähnte dann meine Rolle in Wijk aan Zee. “Dann kannst Du auch mit Carlsen reden!” “Eher nicht, er redet nur mit dem norwegischen Fernsehen, wenn überhaupt.” Schach spielen konnte sie (Elo ca. 1900), in der Schachszene kennt sie sich nicht unbedingt aus.

Vor Ort behandeln Schachdamen mich dann besser als Anish Giri behandelt wurde. Fiona Steil-Antoni nickt mir zu, Mariska de Mie (als Zuschauerin vor Ort) sagt “Hi”, Alina l’Ami sagt “Hallo” – ist ja auch dieselbe Sportart, ich begegnete ihnen zuvor nicht ganz zufällig, und nur l’Ami war mal Weltmeisterin (Altersklasse U10). Im Pressebereich wird auch Skandinavisch, wohl Norwegisch gesprochen – Carlsen hatte ich bereits erwähnt. Andere bekannte Gesichter zu diesem Zeitpunkt: Evgeny Surov, Fotograf Patrick Put, Tarjei Svensen, Gert Ligterink, … .

Dann gehe ich zum Fotografieren auf die Bühne – das war erst einmal genug Text, die erste eigene Fotogalerie:

Wie immer gilt: auf Fotos klicken um sie zu vergrössern. Gut eine halbe Stunde vor Rundenbeginn war es im Turniersaal (auch im Amateurbereich) noch recht leer, eine Viertelstunde vor Rundenbeginn auch im Presseraum (zu sehen Tarjei Svensen, Fiona Steil-Antoni und Gert Ligterink). Dafür wurde es dann im Publikum und nach und nach auf der Bühne voll – die tschechische Flagge im dritten Foto übrigens für Hauptschiedsrichter Pavel Votruba. Dann zwei Schlüsselfiguren: Pressechef Tom Bottema und Tata Steel Sprecher Robert Moens (leider ein kleines bisschen unscharf). Bei einigen Spielern habe ich sicherheitshalber das Namensschild mit auf dem Foto, weil ich sie sonst vielleicht (noch) nicht sicher erkennen würde – gilt nicht für alle Fotos mit auch Namensschild.

Dann zwei Namensschilder – warum haben diese Herren Zugang zur Bühne, obwohl sie nicht fotografieren? Weil Fotografen Fotomotive brauchen … . Später Annäherung an Anish Giri, und dann ging etwas schief – Giri und Svidler (der ersteren erkannte) bekamen nasse Füsse! Svidler setzte sich dann trotzdem ans Brett, Giri natürlich auch wieder. Ab 13:30 wurde dann Schach gespielt, auf den Fotos erkennbar Spanisch, Sizilianisch und bei Svidler-Adhiban Caro-Kann. Auf dem letzten Foto kann ich Eröffnungen nicht identifizieren – liegt u.a. daran, dass es gut eine halbe Stunde nach Rundenbeginn entstand.

Ich ergänze das noch mit einigen anderen Fotos:

Diesen Screenshot von der offiziellen Liveübertragung schickte mir ein Schachfreund kurz nach Rundenbeginn, wohl weil er ein bis zwei Personen erkannte. Vielleicht Peter Svidler, auf jeden Fall wohl die Person die so tut, als ob sie gleich gegen ihn spielt – das bin ich selbst. Dabei sind Handys allerdings später auf der Bühne (und auch überall in den Amateurturnieren) streng verboten, das letzte Galerie-Foto zuvor entstand “illegal”.

Und nun ein paar Fotos von Alina l’Ami, ab Turnierseite auf Facebook gefunden:

So ein Giri-Foto entsteht, wenn man/frau ein Tele-Objektiv hat und (hatte ich mitbekommen) “bitte recht freundlich” sagt. An Matthias Bluebaum war ich ja auch sehr nah dran – wie ich später erfuhr gibt es auch auf der Bühne verschiedene “Zonen”.

Das – Gong von Genna Sosonko zum Start der Runde – hatte ich nicht mitbekommen (natürlich gehört), auf diesem Foto bin ich ja etwas abgeschnitten links.

Noch ein Foto von der gesamten Bühne – Alina l’Ami durfte offenbar bleiben, nachdem andere gehen mussten. Als offizielle Fotografin durfte sie auch die weisse Linie überschreiten, die Challenger und Masters voneinander trennt – ich machte es einmal ahnungslos und wurde sofort (freundlich) von Tom Bottema vertrieben. Die Challenger dürfen es auch nicht, andere die es durften waren neben den Masters und Tom Bottema u.a. Fiona Steil-Antoni (siehe Galerie-Fotos in der vorletzten Reihe).

Dieses Foto vom Amateur-Turniersaal (aus einer anderen Perspektive als mein eigenes) habe ich – ausnahmsweise – etwas bearbeitet: die Pfeile zeigen mir bekannte Gesichter oder auch Rücken. Bei meinen Vereinskollegen dominiert Haarfarbe grau (ein jedenfalls momentan dunkelhaariger spielt später beim Zehnkampf mit), wir könnten – das Problem haben auch einige andere Vereine – Verjüngung gebrauchen. Die junge Dame aus dem Bus habe ich daher auch markiert – neugierig wie ich manchmal bin und FIDE-Eloseiten wissen Bescheid: Jahrgang 2002. Ich hatte allerdings nicht versucht, sie zum Umzug von Hoorn nach Texel zu bewegen und für uns zwei Ligen tiefer zu spielen.

Nach Rundenbeginn schaute ich bei den Amateuren vorbei und später dann nochmals ab und zu – Zufall, dass alle vier relativ weit vorne im jeweiligen Gang sitzen und ich so Partien auch ein bisschen verfolgen konnte. Wobei ich jedenfalls in einem Fall ein ‘Detail’ nicht registrierte: ich wunderte mich, dass ein Vereinskollege eine Stellung mit drei Minusbauern gewinnen konnte. Heute beim Vereinsabend habe ich ihn darauf angesprochen – “ja ich hatte drei Bauern weniger, aber einen Turm mehr”. Zusammen erzielten sie an diesem Tag ungeschlagene 3/4 und in ihren gesamten Turnieren nicht ungeschlagene 6/12.

Dann ging ich wieder durch den Gang zum Presseraum und wurde plötzlich – erst hörte ich es, dann sah ich es – im Laufschritt überholt. Grossmeister (und auch IM Lucas van Foreest) gehen durch denselben Gang auf die Bühne, generell vor und nach der Runde. Wer hatte es nun eilig? Es war Kramnik – nicht weil er sich verspätete, Foto hatte ich ja bereits, aber vermutlich war er kurz nach Partiebeginn draussen rauchen. Das könnte erklären, warum er für das absolut erzwungene (14.-Dxd4) 15.Sxd4 4 1/2 Minuten brauchte. Spielertoiletten sind sicher bühnennah hinter den Kulissen, aber im Gebäude gilt Rauchverbot für alle.

Im Pressebereich erwähnte ich den Volkskrant-Artikel, und ein Kollege fragte dann Gert Ligterink, ob seine samstägliche Schachspalte tatsächlich eingestellt wird. “Ja, es sei denn es gibt einen massiven Leseraufstand.” Bei vielen Tageszeitungen in vielen Ländern gilt wohl: Schachspalten haben zwar ein oft treues, aber vergleichsweise kleines Publikum.

Nächster Schauplatz für mich war der Livekommentar für Zuschauer vor Ort, in einem anderen Gebäude ein paar hundert Meter entfernt (draussen war es zwar kalt, aber trocken und nicht allzu windig) – erst auf Niederländisch, später auf Englisch. Diese Fotos entstanden in zwei Serien, die ich nun (vier plus vier) kombiniere:

Im Gebäude (ein Sport/Rehabilitationszentrum) war die Richtung deutlich angegeben. Erst machte NL-Urgestein Hans Böhm das alleine, dann bekam er Verstärkung von Yasser Seirawan. Auch das gut besucht. Wo war Seirawan anfangs? Er hatte noch andere Verpflichtungen vor Ort – nächstes Foto wieder von Alina l’Ami:

Auch dieser Raum war für mich off limits, bzw. ich habe nicht versucht da einzudringen: Internet-Livekommentar auf Englisch von Robin van Kampen (der dafür offenbar eine Woche Uni schwänzt) und Yasser Seirawan, für die Technik zuständig Peter Doggers und Lennart Ootes. Auch Peter Doggers lief einmal im Laufschritt durch den Gang zum Presseraum, in der Hand eine Plastikschüssel mit (à la Wijk aan Zee) Erbsensuppe – ich “schnell zwischendurch was essen?”, er “ja es ist Chaos (gekkenhuis = Irrenhaus)”. Vielleicht gab es, wie mitunter in der ersten Runde, technische Probleme – ob das Internet-Zuschauer mitbekommen haben weiss ich nicht. Diesen Livekommentar habe ich mir an diesem Tag nicht angehört, nur einmal habe ich das Video kurz stumm betrachtet – Seirawan ist nicht mehr in diesem Raum, also ist er nun wohl anderswo.

Aus dem Zuschauerraum sah ich dann das Ende von Carlsen-Caruana, der Händedruck bedeutete offensichtlich (die Partie hatte ich ja verfolgt) remis. Schnell wieder in den Pressebereich … und dann die nächste eigene Fotoserie:

Caruana war bereits da und wurde gebeten, noch etwas zu warten – erst das Interview des norwegischen Fernsehens mit Carlsen. Es dauerte vielleicht fünf bis zehn Minuten – dann stellte sich heraus, dass Carlsen bereits das Weite gesucht hatte. Er war wohl sauer oder enttäuscht, dass der Gegner keinen Fehler machte, und redete daher auch nicht mit seinen Landsleuten. Zwei Fotos bewusst etwas “misslungen” um die Atmosphäre anzudeuten. Zwei Interviews, erst für Tata Steel Chess und dann für das norwegische Fernsehen – Tom Bottema erkenne ich, abgesehen davon dass ich ohnehin Bescheid wusste, auch von hinten.

Zweimal sagte Caruana etwa dasselbe – ein lockeres Schwarzremis zum Auftakt gegen Carlsen ist ein gutes Ergebnis (für Carlsen war ein lockeres Weissremis offenbar kein gutes Ergebnis?). Zum dritten Mal nacheinander spielte er bereits in Runde eins gegen den “haushohen Turnierfavoriten”, zuvor auch in Saint Louis und London. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist etwa 0.1% [1/(9*9*13) oder 1/1053] – manipuliert wurde da nicht, es ist eben passiert. Zuvor bei Norway Chess trafen sie in Runde zwei aufeinander. Immer wieder wird suggeriert, dass Carlsen sich zu Turnierbeginn “aufwärmen” muss – oft gewinnt er ja Partien aufgrund recht offensichtlicher gegnerischer Fehler, Caruana machte keinen.

Zur Partie: Carlsen beantwortete Caruanas remisliches Russisch (auch das gab es an mehreren Brettern) mit dem äusserst lahmen 5.De2. Livekommentator Böhm nach 14 Zügen mit Carlsen-Hype: “er hat dem Gegner einen Doppelbauern verpasst, da geht was!”. Wie Carlsen die schwarzen c-Bauern und/oder den nun isolierten a-Bauern überhaupt angreifen konnte, war dabei für mich (und andere) unklar. Böhms späterer Kollege Seirawan meinte dann gar”ketzerisch”, dass eher Schwarz besser steht [das habe ich nur etwas mitbekommen]. Und dann wurde es Remis – eigentlich viel zu viele Worte für eine Partie, die kaum stattfand.

Danach ging es Schlag auf Schlag, als nächstes erschienen Svidler und Adhiban und analysierten munter drauflos:

Die Analyse, Fotos 17:08-17:19, verlief optisch wie der gefühlte (Spieler-)Eindruck von der Partie: erst hatte Svidler die Initiative, dann bekam Adhiban Gegenspiel. Die Lichtverhältnisse sind, wie sie eben sind – dunkle Kleidung von beiden hilft nicht unbedingt (und sie haben ihre Jacketts nicht ausgezogen). Am Ende wirkt Svidler etwas erschöpft, während Adhiban (siehe unten) noch fit war. Bei Svidler reichte es noch für zwei Kurzinterviews, das erste fotografisch dokumentiert:

Mit Michiel Abeln, Quelle für Mark Crowther von The Week in Chess. Das zweite dann mit mir, fotografisch nicht dokumentiert da ich keinen Assistenten habe. Bevor ich es inhaltlich erwähne, erst zur Partie insgesamt: Adhiban entkorkte, zuvor bereits erwähnt, Caro-Kann. Das machte er (vor allem 1.e4 c5 und 1.e4 e5 Spieler) zuletzt 2010, wobei er es 2016 einmal andeutete, dann allerdings 1.e4 c6 2.d4 g6!?. Französisch spielte er nur einmal, 2017 in Wijk aan Zee erfolgreich gegen Karjakin – in Runde drei 2018 wird er zum Wiederholungstäter. Skandinavisch bisher zweimal, zuerst 2017 in Wijk aan Zee gegen Carlsen (remis, für Adhiban war mehr drin). Er ist und bleibt von Anfang an unberechenbar … .

Es wurde die Vorstossvariante, 7.-Lh7 war dann selten (wobei durch Zugumstellung wieder mehr Datenbank-Vorläufer erreicht wurden), 9.-g5!? war jedenfalls in genau dieser Stellung neu. Um bereits einen Analyse-Moment zu nennen: seinen Irrtum 6.-h6 und 9.-g5 hat Adhiban später korrigiert. Leitmotiv der Analyse war dann “This is so confusing” – “Das ist so verwirrend. Positionell steht Schwarz prima, aber er hat – bis auf den Sf5 – passive Figuren und einen König in der Mitte. Was ist eigentlich los?” So steht es bei TWIC, ich hörte es auch vor Ort von Svidler. Einmal – und dann auch in der Schlusstellung – hatte Adhiban alle elf Klötze (Figuren und Bauern) auf weissen Feldern, Svidler dazu: “beeindruckend, mein Karriere-Rekord ist zwölf”. Mein Gesamteindruck: Anfangs schien Svidler optimistisch, später musste er etwas aufpassen – und dann einigten sie sich in immer noch komplizierter Stellung auf Remis.

Dazu befragte ich Svidler und erwähnte, dass ich vor allem fotografiert hatte und dem Analysetempo ohnehin nicht folgen konnte. Svidler: “Mein Optimismus war unberechtigt (I was unduly optimistic), es war wohl immer etwa ausgeglichen. Mehrere andere Quellen suggerieren, dass Svidler Chancen verpasste – ohne zu sagen welche.

Damit nicht der Eindruck entsteht, dass sich das norwegische Fernsehen nur für Carlsen interessiert: sie interviewten auch Aryan Tari (sowie neben Caruana auch Adhiban, der tags darauf gegen Carlsen spielte).

Grund zur Freude für Adhiban: ein Landsmann im Pressebereich (Santosh Vidit, Anand spielte zu diesem Zeitpunkt noch) – wobei Adhiban öfters so strahlt, nicht immer erwische ich dann genau diesen Moment. Und dann wurde wieder analysiert, in kleiner bis etwas grösserer Runde:

Adhiban wurde zum Kibitz bzw. mischte sich etwas ein, andere beobachteten bzw. fotografierten. Wer ist eigentlich der Herr ganz links auf dem vierten Foto? Offensichtlich hatte er Ahnung vom Schach, vermutlich ist auch er Inder, wenn ich mich richtig erinnere war er auch 2017 vor Ort. Ich bekam nicht die Chance bzw. hatte nicht den Mut zu fragen “may I ask: who are you?” und spickte auch nicht nach seinem Namensschild. Eine Sekundärquelle aus meinem Netzwerk tippt auf GM Babu Lalith, ist sich allerdings nicht 100% sicher.

Adhiban musste sich zwischendurch stärken.

Die Analyse beantwortete offenbar nicht alle Fragen, also konsultierte Tari noch einen Experten. Der sagte “es war immer etwa ausgeglichen”, am Ende gab Schwarz (Vidit) unter Turmopfer Dauerschach.

Noch zwei Analyse-Fotos:

Xiong-Bok 1/2

Krasenkow-l’Ami 1/2. L’Ami und meinereiner nickten uns noch zu, und dann verschwand ich – eine Stunde früher als der spätest mögliche Zeitpunkt, da mich Sonntag morgens (eventuell noch Samstag abends) eine andere Aufgabe erwartete. So verpasste ich diverse entschiedene Partien, werde das in diesem Bericht nun nachreichen. Fotos hatte ich ja weitgehend bereits.

Anand-Matlakov 1-0 war Spanisch. Wijk aan Zee (und bis auf Russische Meisterschaft Superturnier-)Debütant Matlakov stand zunächst gut, aber dann bekam sein erfahrener Gegner (zum 17. Mal Wijk aan Zee, daneben auch andere Superturniere und auch diverse WM-Matches) doch Oberwasser.

Ein letztes Foto (für diesen Tag) von Alina l’Ami: das anschliessende Interview mit Vishy Anand

Kramnik – Wei Yi 1-0: Weiss legte die Partie betont ruhig an (wie bereits erwähnt oder angedeutet, auch früher Damentausch) und gewann dann im Endspiel. Damit führten bei den Masters zwei “Veteranen”, einer sollte ihnen noch Gesellschaft leisten:

Giri – Hou Yifan 1-0! An sich keine Überraschung, aber Giri verbesserte sich damit gegen die Chinesin auf 50% – bis einschliesslich 2016 erstaunliche =6-2 aus seiner Sicht, dann ein Sieg beim FIDE Grand Prix in Genf und nun noch einer in Wijk aan Zee. Diese Partie kurz zusammengefasst: Russisch mit von Weiss 5.Sc3 und dann beiderseits langer Rochade, später ein Damenendspiel, dann ein Bauernendspiel – objektiv remis aber Hou Yifan scheiterte an dieser Aufgabe. Ihre relative Endspielschwäche ist allgemein bekannt (sicher auch bei ihren Gegnern) und – das fiel nicht nur mir auf – diese Partie war fast eine Kopie von Carlsen-Hou Yifan 1-0, Wijk aan Zee 2016. Grösster Unterschied vielleicht: damals war b4-b5 partieentscheidend, diesmal tauchte es nur in Varianten auf. GM Pepe Cuenca erklärt – Video in diesem Artikel, allerdings auf Englisch – warum 55.-Kd6! Remis hält während das gespielte 55.-Kc6? verliert.

Vielleicht profitiert Hou Yifan ja demnächst vom Studium in Oxford: da ist “Opposition” eventuell Unterrichtsstoff, an chinesischen Universitäten eher nicht.

Zur Challenger Gruppe noch kürzer und knapper: Korobov-Bluebaum 1-0 – ein schwarzer Zeitnotfehler war entscheidend, da rächte sich vielleicht, dass Bluebaum für den 11.-15. Zug insgesamt 70 Minuten ver(sch)wendet hatte. Das habe ich übrigens nicht von chess24 abgeschrieben – nein, das hatte der Übersetzer ergänzt (ich bin seit kurzem einer von zwei Übersetzern Englisch-Deutsch für chess24). Girya-Gordievsky 0-1 nach schwarzem königsindischem Königsangriff. GM van Foreest – IM van Foreest 1-0 – Brudermord! Erst danach hatte Jorden etwas Mitleid mit Lucas – “nach Niederlagen hat er schlechte Laune, man sollte ihn besser in Ruhe lassen”.

“Schon” sind wir bei Runde zwei, die ich aus dem eigenen Wohnzimmer verfolgte. Auch da in beiden Gruppen je drei Siege und viermal Remis, wobei die Entscheidungen bei den Masters vor der Zeitkontrolle fielen. Fotografisch übernimmt ab hier (und bis auf weiteres) Alina l’Ami.

Adhiban-Carlsen 0-1 war vorab beliebtes Fotomotiv – wieder konnte wohl nur Alina l’Ami diese Perspektive wählen. Adhiban wählte das Schottische Vierspringerspiel – bei ihm neu, andere 1.e4 e5 Vierspringerspiele zuletzt 2009. Eine Zeit lang war das auch auf hohem Niveau ein bisschen beliebt – allzu ehrgeizig ist es nicht, dabei sicher/solide. Warum hat Carlsen dann gewonnen? Weil Adhiban einen Fehler machte – das mag der Norweger, oft kann er es ausnutzen. Heute redete er dann auch mit Medien.

Zur nächsten Partie ein anderes Foto vorab:

Heute bekam Giri Tips von Svidler und Caruana, was kam dann dabei heraus? Giri-Kramnik 1-0 – das gab es noch nie, zuvor erzielte Giri mit klassischer Bedenkzeit “50%” – sieben Niederlagen und siebenmal Remis. Hier und heute wurde er zunächst nach eigener Aussage von Kramnik in der Eröffnung überlistet (zuvor freute er sich, dass Vlad von seinem üblichen “feuerfesten” Repertoire abwich). Aber dann bekam er plötzlich Oberwasser. Zuvor gewisse Ähnlichkeiten zu tags zuvor Svidler-Adhiban: wieder (z.B. nach etwa 20 Zügen) hatte Schwarz die bessere Struktur aber relativ schlechte Figuren. Später war es nicht mehr (dynamisch) ausgeglichen, da Kramnik den Faden verlor – Giri bezeichnete auch seinen zweiten Sieg als etwas glücklich.

Hou Yifan – Mamedyarov 0-1 war dagegen eine recht klare Angelegenheit. Hou Yifan wollte wohl auch mit Weiss nur ein Remis, aber Mamedyarov ist nun einmal der bessere Spieler. Langsam aber sicher bekam er Oberwasser, die Entscheidung fiel im – für Weiss von Anfang an jedenfalls schwierigen – Endspiel. Drei Fotos zu Remispartien:

Karjakin-Anand 1/2 war ein korrektes Remis unter Vize-Weltmeistern – Karjakin opferte einen Bauern und bekam dafür das Läuferpaar. Dann bekam er den Bauern zurück, und es verflachte zum Remis. Matlakov-So 1/2 eher nicht der Rede wert: Matlakov wollte wohl nicht noch einmal verlieren und So ist so-lide, also remis.

Caruana-Jones 1/2: Tags zuvor bekam Gawain Jones mit einer altmodisch-risikoscheuen Variante im Italiener ein Weissremis gegen Karjakin, nun spielte er Schach (Königsindisch) und auch das wurde Remis – nach Verwicklungen, beiderseitiger Zeitnot und einem Turmendspiel mit weissem Mehrbauern.

Wei Yi – Svidler 1/2 sah gut aus für den Chinesen, aber die Spieler hatten sich nun einmal festgelegt: drei Sieger und drei Verlierer, die anderen machen Remis. Weiss bekam einen Mehrbauern, der bereits auf c6 stand aber wegen (bei noch Damen und Türmen) ungleichfarbiger Läufer nicht weiter kam. Das jedenfalls mein Eindruck, Engines bestehen auf etwa +2 aber sagen auch nicht, wie Weiss Fortschritte machen kann. Svidler konnte dann seinen Läufer für mehrere schwarze Bauern opfern, das Restendspiel mit Turm, weissfeldrigem Läufer und (falschem) h-Bauern gegen Turm, f- und g-Bauer war remis – auch wenn Weiss es noch bis zum 124. Zug versuchte.

In der Challenger-Gruppe dasselbe Bild, Siege dabei in einer eher kurzen und zwei langen Partien: Vidit-Krasenkow 1-0 war ein Sturmsieg des Elo-Turnierfavoriten, nach 27 Zügen war Schluss. Die beiden anderen Siege von der Papierform überraschend, nämlich für die beiden Spieler(innen) ohne vollwertigen GM-Titel:

IM van Foreest – GM Tari 1-0 – Lucas hatte vielleicht immer noch schlechte Laune, und Aryan litt nun darunter. Im Endspiel hatte Weiss die etwas bessere Bauernstruktur und die bessere Leichtfigur (Springer gegen Läufer), und das reichte am Ende – ob es aus schwarzer Sicht sein musste, da bin ich nicht kompetent. Für den 41. Zug, also direkt nach der ersten Zeitkontrolle, investierte Weiss dabei satte 42 Minuten – sein Bedenkzeitpolster zuvor wohl üppig, bis zum Ende nach 85 Zügen keine Zeitnot (beim Gegner auch nicht).

Norwegen erzielte so 50% (wie tags zuvor), Deutschland wieder weniger: GM Bluebaum – WGM Girya 0-1!? Auch das ein Leichtfigurenendspiel, beide hatten einen (schwarzfeldrigen) Läufer und der schwarze war besser. Auch da kann ich nicht beurteilen, was entscheidend war und warum genau – Engines kritisieren den weissen Zeitkontrollzug 40.f4. Zur nächsten Zeitkontrolle im 60. Zug war es aus weisser Sicht offensichtlich hoffnungslos, zwei Züge später gab Bluebaum auf. Inzwischen war es ein Bauernendspiel, daraus würde unweigerlich ein “Damenendspiel” in dem nur die Dame eine Dame (eventuell zwei) hätte.

Runde 3: Ich beginne mit dem Gong zu Rundenbeginn:

Nicht die Sprinterin Dafne Schippers, sondern Marathonläufer Michel Butter – er kommt aus Castricum (12km von Wijk aan Zee) und konnte diesen Termin eventuell mit einem Lauftraining kombinieren. Das machte er allerdings offenbar nicht, vielleicht da er tags zuvor im ebenfalls nahen Egmond aan Zee einen Halbmarathon-Wettkampf hatte.

Zu den Partien: Bei Carlsen – Wei Yi 1/2 reicht im Prinzip “hiermit erwähnt”, da Carlsen beteiligt war noch ein paar auf Twitter gefundene Anmerkungen: Offenbar kritisierte auch Jon Ludvig Hammer im norwegischen Fernsehen Carlsens äusserst lahme Eröffnung – laut Tarjei Svensen ist Peter Heine Nielsen diesmal nicht vor Ort, dafür hat Carlsen Papa (immerhin Amateur-Schachspieler) und Mama nach Wijk aan Zee mitgenommen. Ebenfalls laut Svensen hat Carlsen ein Interview mit den Worten “es gibt nichts zu sagen” verweigert. Später meldete sich Carlsen selbst auf Twitter, dazu komme ich noch.

Svidler-Carlsen 1/2 war durchaus interessant, wobei Svidler hinterher seine Interpretation des anti-Berliner spanischen Vierspringerspiels (1.e4 e5 2.sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.Sc3) so beschrieb: “schnell musste ich mir überlegen, wie ich mit Weiss Ausgleich erreiche”. In einer von Giri verschmähten Variante konnte Weiss eine Figur für drei Bauern opfern/tauschen – dazu kam es nicht, stattdessen verflachte es schnell und Giris Remisangebot nach 21 Zügen war durchaus logisch oder berechtigt. Bei So-Karjakin 1/2 und Mamedyarov-Matlakov 1/2 reicht tendenziell wieder “hiermit erwähnt”.

Kramnik – Hou Yifan 1/2 – da ist die Chinesin womöglich entwischt. Kramnik wählte die falsche Methode, einen Bauern zu gewinnen (zuvor musste er dafür seine Königsstellung schwächen) – 26.Dxe4 war richtig, nach 26.dxc5?! Sc4! konnte Schwarz ihren Randspringer aktivieren, und Weiss hatte kurz danach nichts besseres als eine Zugwiederholung. Danach lange Diskussionen auf der Bühne. Und das waren die Remispartien, insgesamt also heute fünf von sieben.

Anand-Caruana 1-0 – Vishy zeigte Magnus, wie man Russisch mit Weiss auch behandeln kann: eine alte Hauptvariante. Eventuell konnte es auch da verflachen, aber Caruana war auch unternehmungslustig – nach einer Abwicklung hatte er Turm und Bauer gegen zwei Leichtfiguren bei etwas anfälligem weissem König. Das bezeichnete Anand – anschliessend zu Gast in der Liveübertragung – als etwa ausgeglichen. Kommentator Robin van Kampen dachte gar, dass Schwarz das jedenfalls einfachere Spiel hatte. Im weiteren Verlauf konnte Anand dann gegnerische Drohungen entschärfen (34.Ta2!) und selbst den schwarzen Monarchen belästigen – die Schlusstellung bekommt ein Diagramm:

Und einen, auch für Twitter-Verhältnisse kurzen, Tweet von Magnus Carlsen: “Rd6!! ” . Ehrlicher Respekt und/oder ein bisschen Neid, dass Anands Schach erfolgreich ist und sein eigenes “ähm äh ich mach’ nichts mach Du doch einen Fehler” bisher nur gegen Adhiban funktionierte?

Jones-Adhiban 1-0 – wie bereits mal erwähnt, Adhibans zweites Französisch-Experiment, und diesmal funktionierte es nicht. Nicht ganz klar, ob er einen Bauern geopfert oder eingestellt/verloren hat – die Kompensation war jedenfalls unzureichend, später konnte Weiss zum gewonnenen Damenendspiel abwickeln.

Soweit zur Masters-Gruppe – seinen letztlich erfolgreichen Auftritt 2017 begann Adhiban übrigens mit 1/4, dafür braucht er nun noch ein Weissremis gegen Landsmann Vishy Anand in Runde vier. Der andere momentan führende Spieler hat Weiss gegen einen (nicht nur ihm) bekannten Gegner: Giri-Carlsen, Anish hat mehrfach angekündigt dass er sich dafür etwas einfallen lassen will.

Die Challenger-Gruppe hielt sich weiterhin an das Drehbuch “drei Entscheidungen und viermal Remis” – wobei Ergebnisse nicht unbedingt zum Partieverlauf passten. Ich beginne mit der guten Nachricht aus deutscher Sicht:

Jorden van Foreest – Bluebaum 0-1 interessierte auch Kibitz Wei Yi (mit seiner Partie gegen Carlsen nicht ausgelastet?). Diesmal investierten beide für den 13.-16. Zug je etwa 70 Minuten, also spätere Zeitnot. Im 31. Zug hat van Foreest dann, statt zum ausgeglichenen Turmendspiel abzuwickeln, eine Qualität eingestellt. Der Rest war für Schwarz relativ triviale Technik, nach 42 Zügen hatte auch er seinen ersten Punkt im Turnier.

Turnierrelevanter waren so zwei andere Endspielsiege: Korobov-Bok 1-0 und Amin-Vidit 0-1, letzteres das Duell zwischen Nummer zwei und eins der Setzliste, der Schwarzsieg also jedenfalls nicht “selbstverständlich”.

Tari-Gordievsky 1/2 begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.h4!? – auch das kann zu einem Remisendspiel verflachen. Harika-l’Ami 1/2 war Aljechin, l’Amis eigenwillige (jedenfalls seltene) Interpretation kostete dann eine Figur für zwei Bauern – aber Harika konnte dann diesen materiellen Vorteil nicht verwerten und bot kurz nach der Zeitkontrolle selbst Remis.

Das haben sie dann im Pressebereich analysiert, aber in dieser Runde war ich nicht vor Ort.

Bei Krasenkow – Lucas van Foreest 1/2 opferte der älteste gegen den jüngsten Teilnehmer korrekt eine Figur, die Kompensation kam ihm dann allerdings abhanden. Nach weiteren Irrungen und Wirrungen wurde es im Endspiel remis. Bleibt noch Girya-Xiong 1/2 im Turmendspiel – ich kann, jedenfalls auf Anhieb, nicht beurteilen ob das Mantra “Turmendspiele sind immer remis” hier zutraf oder ob Xiong, der immerhin zwei Mehrbauern hatte, den Sieg verpasste.

Olga Girya bekommt dafür noch ein individuelles Foto, bzw. Jeffery Xiong ist von hinten mit fotografiert.

Wie geht es in der B-Gruppe weiter? Die derzeit Führenden haben Weiss gegen Damen – Vidit-Harika und Korobov-Girya. An anderen Brettern trifft Jugend aufeinander: Bluebaum-Tari und Xiong – Jorden van Foreest. Der Schachticker bleibt dran und ist Mittwoch wieder vor Ort in Wijk aan Zee Hilversum – erster Ausflug nur für die Masters.

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