Tata Steel Runde 4 und 5 (Hilversum) UPDATE

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Diesmal umgekehrt: erst ein normaler Rundenbericht zu Wijk aan Zee und dann ein Reporter-Reisebericht zu und aus Hilversum. Fotografiert haben diesmal neben Alina l’Ami auch Harry Gielen und Thomas Richter (letzterer vielleicht mehr Quantität als Qualität, es gehört zum Reisebericht dazu).

Zuerst der aktuelle Zwischenstand bei den Masters: Giri, Anand, Mamedyarov 3.5/5, Kramnik, Carlsen, So 3, Wei Yi, Karjakin, Matlakov, Jones, Svidler 2.5, Caruana 1.5, Adhiban 1, Hou Yifan 0.5. Einige machten also Fortschritte (vorne vor allem Mamedyarov), andere nicht: nach derzeitigem Stand heisst der Turniersieger nicht Fabiano Caruana, Hou Yifan hat noch mehr Nachholbedarf. Erwähnenswert hier noch, dass Carlsen nach Remisen gegen Giri und Kramnik jeweils zu Interviews bereit war, und dass man ihm in Hilversum den sehr wahrscheinlichen Sieg in einer anderen Partie klaute – sie wurde abrupt abgebrochen.

Stand bei den Challengers: Korobov 4.5/5, Vidit 4, Lucas van Foreest 3, Tari, Gordievsky, l’Ami 2.5, statt “usw.” nenne ich noch den Rest: Girya, Xiong, Bluebaum, Bok, Harika, Jorden van Foreest, Krasenkow, Amin alle 2/5. Vorne deutet sich ein Duell an zwischen Korobov und Vidit. Der momentan Dritte begnügt sich allerdings nach eigener Aussage nicht mit dem Minimalziel “mehr Punkte als mein Bruder”, sondern will das Turnier gewinnen (dabei spielt er noch gegen Vidit und Korobov, hat da aber jeweils Schwarz). In dieser Gruppe will offenbar niemand Letzter (oder Letzte) werden.

Das Titelbild bekommt Shak Mamedyarov zusammen mit einer auch oder vor allem ausserhalb der Schachszene bekannten Person – es stammt also aus der NL-Medienhauptstadt Hilversum. Fotografiert hat das Harry Gielen – seine komplette Hilversum-Kollektion hier. Fotos zu Runde 4 – und damit beginne ich nun – vor allem von Alina l’Ami, ab Turnierseite auf Facebook.

Giri-Carlsen 1/2 bekam viele Fotografen – wieder konnte Alina l’Ami die andere Perspektive wählen. Carlsen überraschte Giri dann mit Französisch, was er zuvor nur sporadisch spielte. Giri sagte hinterher, dass er sich vor allem auf 1.e4 e5 vorbereitet hatte aber abends spät “kurz vor dem Einschlafen” auch mit Französisch rechnete, allerdings mit einer anderen Variante (die Dxg7 nicht zulässst) als der dann gespielten. Chess.com hatte das dringende Bedürfnis, Carlsen für 7.-cxd4 zu loben, da es “die absoluten Hauptvarianten vermeidet” – dabei ist es egal, ob Schwarz 7.-cxd4 8.Dxg7 Tg8 9.Dxh7 Dc7 spielt oder die “Hauptvariante” 7.-Dc7 8.Dxg7 Tg8 9.Dxh7 cxd4, aber Carlsen muss man eben loben.

Giri spielte dann das relativ seltene 12.Sxc3 (12.Dd3 ist üblich), aber auch darauf war Carlsen vorbereitet, erst nach Giris Neuerung 16.Td2 investierte auch er Bedenkzeit – Giri musste schon zuvor nach eigener Aussage einiges am Brett berechnen. Weiss hat einen Mehrbauern, Schwarz hat Kompensation vor allem aufgrund des anfälligen weissen Königs. Nach einem kleinen Schlagabtausch verflachte es zum Remis – ein Remis der besseren Sorte. Carlsen war zufrieden genug, dass er zum Interview erschien; Giri redet ohnehin gerne – auch mit Medien.

Hou Yifan – Matlakov 0-1 – auf diesem Foto, Zufall oder nicht, drei Damen die an diesem Tag insgesamt dann 0/3 erzielten. Hou Yifan wurde überspielt, gab eine Qualität und der Rest war schwarze Technik!? Nicht unbedingt, vor der Zeitkontrolle konnte Hou Yifan Verwirrung stiften und Matlakov dazu bewegen, unnötigerweise die Qualität zurück zu geben – sollte sie wie zuvor gegen Kramnik entwischen? Übrig blieb ein Turmendspiel mit schwarzem Mehrbauer, das Matlakov dann doch gewann. Ob es aus weisser Sicht sein musste, da bin ich überfragt – eine Spielermeinung werde ich nachreichen.

Kramnik-Svidler 1-0 war dagegen aus schwarzer Sicht kurz und schmerzhaft, schon nach 24 Zügen war Schluss – das trotz frühem Damentausch, aber Schwarz hat dann ein taktisches Detail übersehen und (Svidler-typisch) relativ früh aufgegeben.

Adhiban-Anand 1/2 war ein lebhaft-ausgekämpftes Remis unter Landsleuten, Karjakin-Mamedyarov 1/2 dagegen ein wenig unterhaltsames Remis unter Freunden (ich will damit nicht suggerieren, dass Adhiban und Anand keine Freunde sind). Mamedyarov spielte Russisch, und das ist eben Remis.

Wei Yi – Jones 1-0 – mit Weiss spielte Gawain Jones im Turnier betont solide auf Remis, mit Schwarz spielt er Königsindisch, diesmal ging es schief.

Caruana-So 1-0 1/2 – der Amerikaner verpasste den Sieg, also entwischte der Amerikaner mit Remis (beide spielten ja nicht schon immer für die USA). Ich könnte über diese Partie (viel) mehr schreiben, aber fasse mich angesichts der Fülle des Materials kurz. Bevor ich mich der B-Gruppe widme, noch drei Bühnenszenen als Galerie:

Bei den Challengers war jede Menge los, am Ende “das Übliche”: drei Siege und viermal Remis. Dass die beiden Damen sich heute mit Hou Yifan solidarisch zeigten und verloren, hatte ich bereits erwähnt – sie hatten auch jeweils Schwarz gegen die (nach derzeitigem Stand) Turnierfavoriten. Girya verlor im Endspiel gegen Korobov, Harika wurde am Tag der Indien-Duelle (bei den Masters ja Adhiban-Anand) von Vidit total überspielt.

Das jeweils keine Überraschungen, im Gegensatz zu van Foreest – Amin 1-0!? – nicht Jorden sondern Lucas hatte da Weiss!

Dieses Foto von der Analyse hinterher (es kibitzen Tari und Bok) auf Twitter gefunden.

Lucas dann – Fotoquelle ebenfalls Twitter – auch zu Gast beim Livekommentar von Robin van Kampen. Nach eigener Aussage war er auf 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.Sg5!? (4.-d5 usw.) schlichtweg besser vorbereitet als sein grossmeisterlicher Gegner und gewann souverän-verdient. Engines teilen diese Einschätzung nur bedingt und sagen, dass Schwarz später mal für eine geopferte Figur ausreichende bis auch mal mehr als ausreichende Kompensation hatte. Lucas musste dann die Figur zurückgeben und erreichte ein Schwerfigurenendspiel (Damen und Türme) mit Mehrbauer. Er war sich sicher, dass das ohnehin gewonnen ist – Technik dann nicht nötig, da der Gegner in ein Mattnetz stolperte.

Robin van Kampen fragte ihn nach dem Turnierziel – dritte GM-Norm oder mehr Punkte als Bruder Jorden? Antwort: keines von beidem bzw. beides und alles – “ich will das Turnier gewinnen!”. Das hiesse dann sicher auch GM-Norm, besser als Jorden und auch neue Elo über 2500 (vor dem Turnier hatte er 2481). Nächstes Jahr dann der Sieg bei den Masters, schliesslich sagte er mir schon Ende Januar 2017 “ich bin viel besser als Carlsen!” – unklar nur, ob er nach dem Sieg im Toptienkamp der Amateure Schach oder flotte Sprüche (auf Englisch trash talk) meinte. Wie mir auch andere bestätigten: Lucas ist selbstbewusst (im Zweifelsfall mehr als sein eher ruhiger und nüchterner Bruder).

Was machte Jorden? Mit Schwarz spielte er gegen Jeffery Xiong Französisch und zwar die “Morozevich-Variante” (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 Le7 und später 8.-g5 – genau diese Stellung hatte Moro allerdings nur zweimal, und einmal variierte er mit 8.-h5). Auch andere spielten das mitunter, Nakamura dabei in Blitzpartien (0/3 gegen Caruana, Karjakin und einen gewissen Sergey Yudin, bei der Blitz-WM 2014 überraschend stark) sowie gegen relativ schwache Gegner (Remis gegen Christiansen und Howell). Es wurde chaotisch – der schwarze König wurde nach c5 getrieben, aber mit drei Bauern weniger gab Weiss dann Dauerschach.

Auch dieses Foto ohne Uhr und Liveübertragung, also hinterher bei der Analyse im Pressebereich.

Auch Bluebaum-Tari endete remis, weniger turbulent nach früh damenlosem Mittelspiel.

Gordievsky-Krasenkow auch Remis, wobei der junge Russe den polnischen Veteranen am Rande einer Niederlage hatte.

Amateure erwähnte ich bereits, auch dazu noch Fotos:

Dieses von Alina l’Ami

Und dieses von Harry Gielen, der auch einige Tage in Wijk aan Zee fotografierte. Ausgewählt habe ich es, da der vollbärtige Herr mein Vereinskollege (bzw. Gastspieler für meinen Verein) Gert Both ist. Auf beiden Fotos deutlich: der Altersschnitt im “Dagvierkamp” (Montag bis Mittwoch) ist relativ hoch – auch wenn die junge Dame zwei Stühle neben Gert Both ihn drückt [sie spielte auch den Vierkampf am Wochenende, ich sprach sie – siehe voriger Bericht – im Bus von Beverwijk nach Wijk aan Zee]. Berufstätige Schachspieler wählen wohl eher den Vierkampf am Wochenende, oder haben genug Energie und nehmen Urlaub für den Zehnkampf ab Freitag 19.1. .

Gert Both schickte ich dieses Foto vorab per Email, aus seiner Antwort: “Ich hatte gar nicht gemerkt, das ich fotografiert wurde [Harry Gielen dazu tags darauf in Hilversum: “das zeichnet einen guten Fotografen aus!”]. Wie Du wohl gesehen hast, läuft es schachlich nicht so gut. Aber es macht wieder Spass. Die Atmosphäre ist wie immer – viele bekannte Gesichter und viel Tradition. Ja, am Wochenende ist es etwas jünger und dynamischer als unter der Woche.”

Noch ein Foto um Runde 4 abzuschliessen – Szene draussen mit (erkannt hätte ich ihn nicht, aber es ist auf Facebook erwähnt) Eric van Reem. Der Name klingt und ist wohl holländisch, aber bekannt ist er als Mitglied der deutschen Chess Tigers.

Und nun der Reisebericht aus Hilversum: Anreise per Zug, in Amsterdam umsteigen und dann mit einem Bummelzug (heisst hierzulande Sprinter, in Deutschland ja Regionalexpress) nach Hilversum Media Park.

Weiter in die angegebene Richtung

durch einen Tunnel, bzw. eine überdachte Brücke über eine Hauptverkehrsstrasse

Das dann der erste Eindruck, die Richtung zum Gebäude Beeld en Geluid (Bild und Ton) war angegeben.

Hier hätten einige vielleicht umgedreht, um spontan bei einem anderen Wettbewerb mitzumachen – aber ich bin nicht Elisabeth Paehtz oder Emil Sutovsky, und auch nicht Jaap Dros (singender Schachspieler bzw. Schach spielender Sänger aus meinem Verein).

Am nahen Horizont bereits das auffällige Gebäude “Beeld en Geluid”, der Rest zum Thema “Ankunft” als Galerie:

Das Gebäude nochmals grösser, einige Tata Steel Autos (und etwas entfernt ein Bus) sind bereits da. Fiona Steil-Antoni und Tata Steel Sprecher Robert Moens warten, dass etwas passiert, und dann steigt der Eloschnitt: im ersten Foto der zweiten Reihe nicht unbedingt wegen Maria Emelianova und hinter ihr Evgeny Surov, im zweiten nicht wegen rechts Henrik Carlsen [ich gehe davon aus, dass Leser die anderen mit Elo 2700+ erkennen].

Alle gingen ins Gebäude, und dann das – die nächste Fotogalerie (ich konnte mich nicht entscheiden, also zeige ich alle einigermassen gelungene Fotos – bzw. nicht ganz zufällig 7*3=21):

Carlsen gut gelaunt, auch wenn seine Lieblingsfigur Donald Duck fehlt – das hätte er vertraglich festlegen müssen? Unklar übrigens, ob er – wie Gert Ligterink in einem Zeitungsartikel schrieb – zu Interviews vertraglich verpflichtet ist. Dazwischen immer mal wieder ein Blick ins Publikum – bei diesen Menschenmengen sind Fotos Glückssache bzw. eben viele nehmen und dann ist hoffentlich etwas Gutes darunter (ich habe durchaus diverse Fotos aussortiert). Langsam sortieren sich die Spieler für das erste Gruppenfoto mit allen vierzehn (bzw. insgesamt zwanzig). Dann in kleinerem Kreis – nur noch Carlsen, Anand (der andere Ex-Weltmeister Vlad Kramnik durfte endlich draussen rauchen) und Giri. Ein Foto zeige ich wegen der Badge SHS (Stichting Hilversum Schaakt – an der lokalen Organisation beteiligt, die grünen T-Shirts im Hintergrund der ersten Fotos auch lokale Personen).

Carlsen stand gegen Bert durchaus vielversprechend, und dann wurde diese Partie plötzlich abgebrochen – “noch 20 Sekunden, noch 10 Sekunden”, wie schon zuvor war die Zeit für Fotos irgendwann vorbei.

Ergänzend ein Gruppenfoto von Harry Gielen – vielleicht besser als meine, und sei es nur weil er einen Moment erwischte zu dem Kramnik sich nicht versteckt.

Dann passierte einige Zeit nichts – wo waren die Spieler?

Im Raum hinter diesem Schild – “Geschlossene Gesellschaft, kein Eingang zum Saal”. In der Haarlemer Philharmonie waren Spieler (dreizehn von vierzehn) und Presse vor der Runde im selben Raum, diesmal voneinander getrennt.

Diese Tür wurde von einem Vertreter von Tata Steel bewacht, der mir auch erklärte, dass sich dahinter zwei Räume befinden: links für dreizehn der vierzehn, rechts für Magnus Carlsen (und diejenigen, die er in seiner Nähe duldet).

13:38 (Rundenbeginn um 14:00) – die Warteschlange für Zuschauer, die für 13:40 geplante Saalöffnung verzögerte sich dann.

13:55 – vor einem anderen Eingang eine kleinere Schlange für Presse (mit Gesicht zu meiner Handy-Kamera Dirk Jan ten Geuzendam von NewinChess)

Ebenfalls 13:55 die andere Schlange aus anderer Perspektive

Dann kam erst eine Gruppe von ca. 50 Tata Steel Vertretern, kurz danach Einlass für alle. Und nun die nächste Galerie:

Blick von oben, dann redete (auf dem zweiten Foto) Turnierdirektor Jeroen van den Berg, später Theo Henrar von Tata Steel, später der Hilversumer Bürgermeister, der auch mit dem Gong die Runde eröffnete. Danach wurde Schach gespielt – Wei Yi wählte gegen Anand Russisch. Natürlich fotografierten andere auch – Alina l’Ami habe ich in Grossaufnahme. Auf dem nächsten Foto junge Nachwuchsjournalisten – nein, das waren Teilnehmer des Schulschachturniers, die ebenfalls in der für Presse reservierten ersten Reihe sassen (mit oder ohne offizielle Erlaubnis, dazu habe ich nicht recherchiert.

Diesmal kein Countdown “noch 20 Sekunden, noch 10 Sekunden”, aber irgendwann war Schluss mit Fotografieren – Unterschied zwischen dem ersten und dem letzten Foto: die an die Wand projezierten Stellungen, nun nicht mehr überall dieselbe.

Unterschied zwischen diesem Foto und einem früheren: um 14:15 standen andere Schachfans in der Schlange. Eine Schlange stand da praktisch den ganzen Nachmittag: Anzahl Sitzplätze begrenzt, Stehplätze nicht erlaubt – nur wenn Leute den Saal verliessen durften andere hinein. Einmal habe ich mich später als Pressemensch vorgedrängelt, die Zusage hatte ich bekommen.

Ich ergänze das mit einer Galerie von Harry Gielen – teils gelungenere Fotos, und er hatte es auch irgendwie geschafft, früher in den Saal zu kommen (auch seine Fotos mit Zeitangabe ab 13:14)

Spieler offenbar vor der Runde – wie bei anderen Tata Steel Chess on Tour Gelegenheiten – auf den Publikumssesseln mit Begleitung. Tata Steel Marketing-Dame Myra Rooselaar mitten im Geschehen (sie erkennt man problemlos, aber sie erkannte mich auch). Giris typische Konzentrations (oder Meditations-)Pose bereits sieben Minuten nach Rundenbeginn. Da waren letzte Vorbereitungen für die Liveübertragung abgeschlossen, und auch Pavel Votruba hatte verstanden, dass er a) mit Elo 2241 etwas fehl am Platz ist in diesem Turnier und dass b) jemand den Schiedsrichter machen muss.

Jeroen van den Berg und Theo Henrar hat Harry Gielen besser im Bild

Auch diese beiden Russen hat er abgelichtet, ihre Partie wird später in meinem Bericht eine grössere Rolle spielen als anderswo. Aber nun breche ich erst einmal ab, es ist bereits spät – Rest kommt noch und dann UPDATE zum Titel des Artikels.

Es ist soweit – erst noch ein paar “wahllose” Fotos:

Um 14:40 verschwand die Tata Steel Delegation wieder – 50 freie Sitze für andere Zuschauer. Ich erkundete dann ein bisschen die Umgebung:

Ja, wir sind im Media Park Hilversum – ob der im Hintergrund zu sehende Sportsender auch über Schach berichtete, dazu habe ich nicht recherchiert.

Das Gebäude Beeld en Geluid aus einem anderen Blickwinkel – andere Fotografen haben vielleicht etwas geschummelt, damit es bunter wirkt (Wetter hierzulande im Januar ist eben Glückssache).

Wieder drinnen – eine Partie war bereits vorbei, Wei Yi mit (vermutlich) Sekundant im Foyer. Seine Englischkenntnisse habe ich nicht getestet, seine Russischkenntnisse kann ich nicht testen. Schachlich war sein Russisch perfekt, dabei war es ein Dialekt aus einer Provinz nahe an der Grenze mit China: 6.-Lf5 kannte ich eher nicht, aber es gibt ja Datenbanken: Wei Yi hatte es zuletzt im Match gegen Navara geübt (dreimal), Anand kannte es – als Weisspieler – aus einer Bundesliga-Partie gegen Li Chao. Andere Schwarzspieler u.a. Yu Yangyi, Wang Yue, Ni Hua, Ju Wenjun, Bai Jinshi – allerdings auch Grischuk und (länger her, 2001 und 2002) Ivanchuk.

Anand – Wei Yi 1/2 nach 29 Zügen, für die Wei Yi insgesamt dank Inkrement minus zwei Minuten Bedenkzeit verbraucht – alles häusliche Vorbereitung! Anand entdeckte nach eigener Aussage zusammen mit seinem Sekundanten erst im Auto von Wijk aan Zee nach Hilversum, was Wei Yi vorhatte – “Dh5 und die ganze lange Variante danach”. Sie entschieden sich, es trotzdem zu versuchen – zu spät für Plan B und Schwarz musste ja einige genaue Züge finden. Das tat Wei Yi dann im Blitztempo. Anand: “Es ist zwar lächerlich (und eine verpasste Weisschance), aber so etwas kann heutzutage passieren”.

Nun die nächste Fotoserie. Ein Internet-Zuschauer (ich wusste mal, wer sich hinter “theclosetgm” verbirgt) fragte auf Twitter, ob der Livekommentar mitten auf einem Markt ist. Nun, einen Markt gibt es in Wijk aan Zee, hier war es mitten im offenen Foyer – Hintergrundgeräusche offenbar auch im Internet zu hören:

Harry Gielen hat das mal wieder besser abgebildet:

Und auch die für die Technik zuständigen Lennart Ootes (heute mal mit grünen Haaren) und Peter Doggers

Alina l’Ami, deren Fotos recht spät auf Facebook erschienen, hat noch ein Foto in die andere Richtung – links hinten übrigens der Presseraum. Relativ weit weg vom anderen Geschehen, derlei Kompromisse müssen manchmal sein.

Noch etwas gibt es oft bei Tata Steel Chess on Tour – Schulschach, auch dazu ein paar Impressionen:

Wie immer kann man die Fotos vergrössern, indem man darauf klickt. Auf dem zweiten Foto noch nicht abzusehen, wie spannend die Partien dann wurden. Fünftes Foto: Es begann mit 1.e4 e5 2.Lc4 Sh6!! (Prophylaxe!) 3.Df3 d6 4. – Weiss bemerkte noch rechtzeitig, dass 4.Dxf7 zwar Schach aber hier nicht Matt ist. Sein Nachbar spielte zwar nicht das, was auf seinem T-Shirt steht (Colorado geht nur mit Schwarz) aber ebenfalls von Anfang an kreativ. Auf hohem Niveau hat sich Nakamura 1.e4 e5 2.Dh5 inzwischen abgewöhnt, ohnehin spielt er ja in Gibraltar.

Im Foyer entdeckte ich dann Matlakov ganz alleine – dieses Interview war nicht unbedingt geplant, aber warum nicht? Matlakov-Karjakin 1/2 nach 16 Zügen dauerte trotzdem länger als Anand – Wei Yi 1/2(29), was war los? Mir war aufgefallen, dass beide in der scheinbar langweiligen Partie mehrfach lang nachdachten. Karjakin in seinem eigenen Interview zu 9.-Sbd7 (21 Minuten): die Stellung nach 9.Se5 gefiel mir nicht.

Matlakov zu  – in dieser Stellung – 11.Sxg6 (22 Minuten): Ich hatte hier 11.f4 Le4 12.g5 Lxg2 13.gxf6 Lxf1 (13.-gxf6 geht hier auch) 14.fxe7 Dxe7 15.Dxf1 erwogen – zwei Leichtfiguren für Turm und Bauer, aber das war mir dann zu unklar:

Stattdessen (ab dem ersten Diagramm) 11.Sxg6 hxg6 12.Dd3 Se8 – Matlakov: “ein starker Zug, die Strukturen nach f7-f5 gefielen mir nicht.” Nach wiederum 18 Minuten 13.cxd5, und dann verflachte es schnell. “Ich wollte gegen Sergey eine interessante Partie spielen, es kam dann eben anders.” Auf meine Frage, wie oft sie schon gegeneinander spielten: “zuvor nur einmal im Schnellschach”. Matlakov spielte bisher nur eine russische Meisterschaft – 2017 und da fehlte (der in London beschäftigte) Karjakin. Karjakin machte sich selbst während der Partie durchaus gewisse Sorgen, aber in der Schlusstellung (nach 13.cxd5 noch 13.-exd5 14.Tb1 a5 15.a3 Sd6 16.b4 axb4) war das Remis dann nachvollziehbar.

Matlakovs erste Entscheidung ist (für mich) absolut nachvollziehbar, die zweite verstehen Engines eher nicht (13.b3 f5 14.e3 +=) aber das hat er dann eben falsch beurteilt. Auch bei Kurzremisen muss man nicht unbedingt Absicht unterstellen.

Ich konnte noch nachhaken, warum Matlakov ein relativer “Spätzünder” ist, aber wollte stattdessen noch Kurzkommentar zu seinen beiden entschiedenen Partien zuvor. “Ja ich stand gegen Anand (Runde 1) gut und habe dann gepatzt.” Das Turmendspiel gegen Hou Yifan war laut ihm insgesamt für ihn gewonnen, bis auf einen Moment: “es war schwer zu verderben aber ich habe es geschafft, und sie gab dann das Kompliment zurück”.

Bei der dritten Remispartie Jones-Giri 1/2 kann man dem Weisspieler durchaus Absicht unterstellen, seinem Gegner eher nicht. Während Giri gut 30 Minuten an seinem 20. Zug grübelte, war ich (jedenfalls einen Teil dieser Zeit) im Turniersaal – als Pressemensch in der ersten Reihe, ein bis zwei Meter Abstand. Mehrfach berührte er fast den Lf6, ein paar Millimeter fehlten noch, und grübelte dann wieder – zwischendurch auch mal die zuvor von Harry Gielen fotografierte Giri-Haltung. Nach insgesamt 36 Minuten dann (wohl ungern) 20.-Le7, danach wurden alle vier Türme abgetauscht und das Remis war unterschriftsreif. Giri hatte Jones mit Caro-Kann überrascht, oder so war es jedenfalls vorgesehen – aber Jones nutzte jede Chance, um Figuren abzutauschen. Nach 11.Sxd5 exd5 (11.-Dxd5 laut Giri zu riskant, da hat er wohl Recht) war auch die Bauernstellung wieder symmetrisch.

Vor Ort nur noch drei Bilder:

Anand mit Sekundant (eine Quelle, die ich befragte, sagte Gajewski, eventuell auch Ubilava) um 17:40 immer noch im Gebäude. Der Herr rechts ist ein für Logistik zuständiger Tata Steel Offizieller, zuvor war auch Turnierdirektor Jeroen van den Berg Teil der Gruppe. Team Anand kannte ein Restaurant in Hilversum und wollte da etwas essen – kein Problem, Taxi nach Wijk aan Zee dann hinterher.

Schon zuvor waren Tata Steel Vertreter mit Rücktransport-Logistik beschäftigt: Autos fuhren sobald sie voll waren. Einmal: “fünf im Auto ist zu viel, einer muss warten”. Nicht warten mussten auf jeden Fall Anish Giri (VIP) und Alina l’Ami, die später auch bei den Challengers in Wijk aan Zee noch ein bisschen fotografierte.

Draussen rauchte Kramnik, beinahe hätte ich ihn angesprochen – dann sah ich ein paar Meter entfernt den “Wachhund” im Tata Steel Pullover, die Partie gegen Carlsen war noch nicht beendet! Ein Zeitungsreporter blieb bis zum Schluss und bekam das ersehnte Kramnik-Interview, u.a. mit “Sieben Jahre rauchte ich, sieben Jahre nicht, diesen Rhythmus will ich beibehalten. Diese sieben Jahre sind im März vorbei aber es wird noch ein bisschen länger dauern – Kandidatenturnier ohne Zigaretten kann ich vergessen!” Ich verschwand dagegen kurz nach der Zeitkontrolle – in der (wie sich herausstellte falschen) Annahme, dass sich vorläufig wenig tun würde.

Das hatte ich noch zufällig gesehen – heute kein freier Eintritt in das (zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossene) Museum.

Das auf dem Weg zum Bahnhof – Media Park bei Nacht (bzw. um 18:06). Auf der Rückreise dann der Beginn eines Sturms, der tags drauf Konsequenzen haben würde. Am wichtigsten für die Schachszene: Basketball am Ruhetag in Wijk aan Zee wurde abgesagt. Nicht so wichtig: landesweites Verkehrschaos und zwei Tote. Auf Texel, ca. 50km nördlich von Wijk aan Zee, habe ich das übrigens eher am Rande mitbekommen.

Vier Partien der Masters fehlen noch, zwei waren kurz nach der Zeitkontrolle vorbei wobei einer der Sieger doch unnötige Überstunden machte: Svidler – Hou Yifan 1-0. Nach einem üblen Patzer der Chinesin konnte Svidler bereits nach 22 Zügen den Sack zumachen – den ersten Zug der simplen Abwicklung zum Qualitätsgewinn sah er, den zweiten nicht. Svidler dazu hinterher: “Das sieht ein 10-jähriges Kind blind. Zum Glück ist es mir erst nach der Partie aufgefallen, sonst hätte ich gar nicht weiterspielen können.” So konnte er sie in beiderseitiger Zeitnot erneut überlisten – nach 41.Td4 war die Zeitnot vorbei, die Partie auch. Die Zeitnotphase wollte ich eventuell im Turniersaal verfolgen – aber davor stand immer noch eine Schlange, und ich wollte mich nicht nochmals vordrängeln.

Mamedyarov-Caruana 1-0: Schwarz verdarb eine harmlos erscheinende Stellung nach und nach.

Carlsen-Kramnik 1/2 bekommt ein paar Worte, da es Carlsen-Kramnik ist – sonst müsste man es vielleicht nicht unbedingt erwähnen. Carlsen erreichte aus der Eröffnung rein gar nichts und landete dann in einem schlechten Turmendspiel. Allgemeine Verwirrung nach Carlsens 38.g4: Engines sagen plötzlich, dass Schwarz viel besser steht, Kramnik glaubte gar auf Gewinn. Aber Carlsen (und Tablebases) hatten Recht: Turm gegen Turm und zwei g-Bauern ist remis – jedenfalls wenn Weiss aufpasst. “Endspielgott” Carlsen zeigt zwar mitunter auch oder gerade in Tablebase-Stellungen Schwächen, aber heute nicht.

Bleibt noch So-Adhiban 1-0: Früh wurden die Damen getauscht, aber die Luft war keinesfalls raus – ein kompliziertes damenloses Mittelspiel. So opferte (wohl eher semi-korrekt) eine Figur für im Fall des Falles zwei Bauern, aber Adhiban opfert lieber selbst und verzichtete auf 15.-cxSb5 – hier eher zu Unrecht, einen Zug später (nach erst 15.-fxg3 16.hxg3) zu Recht. Später landete er in einem Turmendspiel mit Minusbauer, in dem er seine Remischancen nicht nutzte.

Die Challenger-Gruppe ignoriere ich in dieser Runde mal. “Wie geht es weiter?” entfällt ebenfalls, schliesslich ist Runde 6 bereits im Gange bzw. teilweise schon beendet.

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