Wieder Spannung in Wijk aan Zee

  • 2
    Shares

In beiden Turnieren schien bereits eine Vorentscheidung gefallen: ein Spieler hatte einen vollen Punkt Vorsprung auf alle anderen. Aber der ist eventuell dahin, wenn man dann eine Partie verliert – garantiert, wenn man gegen einen direkten Verfolger verliert. So kam es in Runde 8 in beiden Gruppen bzw. betrifft Niederlage gegen einen direkten Verfolger bei den Masters.

Zwischenstand Masters: Giri, Carlsen, Mamedyarov 5.5/8, Kramnik und So 5, Anand und Karjakin 4.5, Svidler und Matlakov 4, Jones 3.5, Wei Yi und Caruana 3, Adhiban 2, Hou Yifan 1. Beinahe kam es auch zum Zusammenschluss am Tabellenende, aber dann gewann – aus zumindest verdächtiger Stellung heraus – der Spieler mit zuvor gerade so GM-Norm doch gegen die Spielerin mit IM-Norm (mal abgesehen davon, dass man für Titelnormen mindestens 35% braucht, was Hou Yifan zuvor und danach nicht hatte).

Zwischenstand Challengers: Vidit und Korobov 6/8, l’Ami, Bluebaum, Lucas van Foreest, Bok, Krasenkow, Jorden van Foreest, Amin 4, Tari, Gordievsky, Xiong 3.5, Harika 3, Girya 2.5. Da ist so ziemlich alles wieder offen: wer gewinnt und 2019 die weisse Linie auf der Bühne überschreiten darf, ob Lucas vor Jorden landet oder nicht, wer Letzte(r) wird – nach derzeitigem Stand wohl eine Dame was ja (bis auf LvF) auch zu den Elozahlen passt. Auch eine GM-Norm für Lucas van Foreest ist noch nicht in trockenen Tüchern (ob er vor Runde 8 auch Live-Elo 2500 hatte liegt eventuell an Ziffern hinter dem Komma). Ein Spieler hatte sich in Runde 8 um Platz drei beworben und dann vielleicht beschlossen, dass Remis ein schönes Ergebnis ist – Nutzniesser war ein anderer (ich verrate nur soviel: der eine ist Giri-Sekundant, der andere kommt aus Deutschland).

Wem gebe ich das Titelbild? Mamedyarov hatte es bereits, Carlsen hatte – wobei andere “Ave Carlsen Halleluja!” rufen – in Runde 8 unglaublichen Dusel, und das gegen den Spieler der von mir mal den Spitznamen Dubaidusel bekam. Ausserdem machte Giri durch Sieg gegen Mamedyarov das Turnier wieder spannend, ausserdem war er schon zuvor in der engeren Wahl. Alle Fotos von Alina l’Ami ab Turnierseite + auf Facebook, in diesen drei Runden (6-8) war ich nicht selbst vor Ort.

Diese drei Runden vorab kurz zusammengefasst: Bei den Masters war immer einiges los. Die Challenger gönnten sich dagegen (weitgehend) eine kleine Pause in Runde 6 und 7, bevor es in der achten Runde drunter und drüber ging.

Runde 6: Bei den Masters zwei Siege – jeweils gewann einerseits “der falsche” (nicht weil er Schwarz hatte, sondern weil er zuvor schlecht bis verloren stand), andererseits eben der elobessere, der erfahrenere, der mit insgesamt besserem Turnier.

Wei Yi – So 1-0 0-1 – Foto von der Analyse hinterher im Pressebereich (wie gesagt, das habe ich leider nicht mitbekommen). Der Chinese zog nach zuvor 3.c4 (der wurde abgetauscht) im zehnten Zug noch einen Bauern auf die vierte Reihe: 10.g4!? – auch der wurde mit 13.g5 hxg5 14.Sxg5 abgetauscht. Beide Könige waren und blieben in der Mitte, g2-g4-g5 womöglich eher ein positionelles Konzept. Schwarz wollte dann über die geöffnete h-Linie den weissen Zentralkönig belästigen – das funktionierte nicht, Weiss machte derweil konkrete Fortschritte am Damenflügel. Eine Qualität konnte er dafür investieren, zumal zwei Läufer oft ohnehin jedenfalls nicht schlechter sind als Turm und Springer (und Weiss hatte ausserdem zwei Mehrbauern).

Die Partie kippte nicht durch aber nach 25.-Dh8 – die kam von h3 und wollte nach a1, wie kann Weiss letzteres verhindern? Richtig war 26.d4 (oder erst Db5+) oder sogar 26.Dd4 – dann bekommt Weiss zwar (26.-Dxd4 27.exd4) einen ‘hässlichen’ Doppelbauern (der andere steht auf d2) aber Schwarz ist gegen a6-a7-a8D machtlos. Falsch war das gespielte 26.Td4 und auch 27.Db5+ einen Zug zu spät. So konnte Schwarz reihenweise Figuren tauschen, unter anderem den weissen Lf1 (Freund des a-Bauern) und mit Zwischenschach eine “gesunde” Qualität gewinnen, der Rest war simple Technik.

Zu Adhiban-Mamedyarov 1-0 0-1 zeige ich erst beide Spieler:

Adhiban konnte um ein Haar, aber dann doch nicht endlich an sein Superturnier 2017 anknüpfen.

Mamedyarov übernahm damit die alleinige Führung im Turnier. Zur Partie: Der erste überraschende Moment war (6.-Lc5) 7.Le3, der stellt sich einfach so vor den e-Bauern. Gespielt wurde es zuvor offenbar nur einmal, dagegen zweihundertneunundsiebzigmal 7.Sb3 – dass Bozidar Soskic(2205) die Vorgängerpartie mit 7.Le3 verlor lag vielleicht daran, dass Slobodan Vratonjic(2467) einfach besser ist. Mamedyarov wählte einen Igel-Aufbau, dann war Adhiban (zuvor 1/5) offenbar mit einer Zugwiederholung einverstanden aber Mamedyarov (zuvor 3.5/5) nicht.

Das war nicht partieentscheidend, in keine Richtung, aber später bekam Weiss Oberwasser. Mamedyarov kritisierte im Nachhinein seine Turmverdopplung auf d7 und e7 – beides nicht einmal offene Linien, wobei sich das im Igel ändern kann. Später tatsächlich 36.-e5 und 38.-d5, nach der Zeitkontrolle die erste Bilanz: Weiss hatte verbundene a- und b-Freibauern, Schwarz immerhin einen auf der b-Linie. Wie geht das denn? Der schwarze b-Bauer stand anfangs auf a7, der weisse auf c2 (bzw. nach 1.c4 ebenda). Nach der Zeitkontrolle investierte Adhiban 33 Minuten für 41.Le4 – richtig und vorteilhaft, wie auch die nächsten Züge.

Die Partie kippte ab 44.-Td3!? – plötzlich droht Damenfang mit 45.-h5 (die weisse Tante stand seit dem 29. Zug und zuvor bereits mehrfach auf g4). Richtig war 45.Te3 (Feld f3 für die Dame), falsch war – jedenfalls im Gewinnsinne – das gespielte 45.Le3 mit derselben Idee. Schwarz hatte gar, dank seines Bauern auf b2, das spektakuläre 45.-Dxe1+ 46.Txe1 Txe3 – 47.Txe3?? b1D+, und auch ansonsten ist es nun jedenfalls für Engines ausgeglichen, relevant neben dem schwarzen b-Freibauern eventuell auch der zuvor ungefährliche e-Freibauer. Das war Mamedyarov wohl zu kreativ bzw. er hatte es gar nicht auf der Rechnung, 45.-Ta3 und dann für den weissen a-Bauern eine Qualität geben war auch ausgleichend. Später erwischte er auch den weissen b-Bauern und hatte nun zwei Bauern für die Qualität – ausreichende Kompensation aber (im Gegensatz zu “im Prinzip” Wei Yi – So) nicht mehr. Aber nach bzw. direkt vor der zweiten Zeitkontrolle im 60. Zug kippte die Partie komplett. Adhiban blieb trickreich, später ein versuchter Mattangriff nur mit König und Dame (während der Turm sich um den nun auf f2 stehenden ehemaligen e-Freibauern kümmerte), aber es reichte nicht – 0-1 nach 86 Zügen.

Svidler-Carlsen 1/2 war ein Remis der besseren Sorte, zumal auch Carlsen (absichtlich oder aus Versehen bzw. weil es sein musste) kreativ spielte. Ein Blick nur auf die Engine-Urteile (immer im Bereich +-0.4) verrät das dabei nicht unbedingt. Zur Partie sage ich nur, dass Weiss am Ende eine schwarze Mattdrohung mit Turmopfer nebst Dauerschach parierte.

Bemerkenswert auch, dass beide hinterher analysierten (habe ich in Wijk aan Zee mit Beteiligung von Carlsen, der sonst bestenfalls – aber auch nicht immer – Pflichtinterviews gibt, nie erlebt) und das das gefilmt wurde. Dieses Youtube-Video haben diverse einschlägige Quellen eingebettet, ich verlinke es nur – ab da im Youtube-Kanal von Tata Steel Chess auch diverse Spielerinterviews und mehr zu finden. Dennis Monokroussos schrieb dazu auch einen separaten Blogbeitrag (neben dem Rundenbericht). Den übersetze ich nicht (auch nicht auszugsweise) sondern ergänze ihn mit eigenen Erfahrungen. Monokroussos sieht den besonderen Reiz u.a. darin, dass Spieler unbeobachtet sind bzw. sich so fühlen und daher “ungefilterten” Klartext reden – im Gegensatz zu Interviews oder Pressekonferenzen. Ob diese beiden mitbekommen hatten, dass sie gefilmt wurden, ist unklar – Svidlers Körpersprache ist, so mein Gesamteindruck, weniger “intensiv” als zuvor bei der Analyse mit Adhiban (die ich optisch geteilt hatte, sonst haben es nur Pressemenschen mitbekommen).

Damit bereits erwähnt: Journalisten/Reporter sind oft nahe am Geschehen – generell sind gemeinsame Analysen im Presseraum dabei in der Challenger-Gruppe üblicher als bei den Masters. Ob Spieler das dann mitbekommen, ist unklar – einmal hatte einer (weiss nicht mehr wer) die Analyse kurz unterbrochen um mich zu fragen “gawarite pa russki” (Verstehen Sie Russisch?), ich darauf auf Englisch: “Nein, aber ich versuche zumindest, die auf dem Brett erscheinenden Varianten zu verstehen”. Einmal hatte ich mich gar eingemischt: Harikrishna und van Wely analysierten einen Katalanen, in dem Weiss das Motiv Lg5 nebst LxSf6 hatte, ich wagte zu fragen “wenn das kritisch ist, hat Schwarz die Zeit um es mit -h6 zu verhindern?”. van Wely sagte “Who knows?” (Wer weiss) und dann haben sie auch das einige Minuten lang analysiert. Generell bin ich aber eher (staunender) Zuschauer, zuletzt auch Handy-Fotograf, erwähne in Artikeln allenfalls einige Momente und bitte Spieler eventuell hinterher um eine Zusammenfassung. Ein IM (Name bei der Redaktion bekannt) hatte dagegen jedenfalls einmal fleissig-hektisch mitgeschrieben.

Kurz bevor Carlsen und Svidler gefilmt wurden, bezeichnete der Norweger offenbar sein 12.-h5 als “brain fart” (Gehirnfurz). Dabei war es laut Engines der beste Zug, aber er verlässt seine “ähm äh” Komfortzone eben ungern und eher nur, wenn es sein muss.

Zwischendurch zwei Bilder:

Svidler schon wieder im Gespräch mit Giri. Laufen da vielleicht Verhandlungen zu BBB (Baden-Badener Bundesligateam)?

Dünen, ein bisschen Strand und Strandpavillon in Wijk aan Zee bei relativ schönem Wetter

Kramnik-Jones 1/2 mit positionellem weissem Damenopfer für Turm, Läufer, Dominanz und zunächst null Bauern (einen gab Gawain Jones sofort freiwillig). Am Ende hatte Weiss dann Turm, Läufer und Springer gegen Dame und zwei Bauern. Eventuell war für Weiss zwischendurch mehr drin, jedenfalls auch das ein Remis der besseren Sorte.

Auf Giri-Anand 1/2 nach 20 Zügen trifft das nicht unbedingt zu, wobei auch das gehaltvoll war – Anand opferte einen Bauern und hatte dafür im Ausgleichssinne genug Kompensation. Ausserdem war es zu diesem Zeitpunkt die Spitzenpaarung.

Zur Challenger-Gruppe erwähne ich nur, dass Anton Korobov Aryan Tari überrollte. Tari hat seine erneute Einladung bisher nicht unbedingt gerechtfertigt, aber “Norweger sein” hat gewisse Vorteile – wie sich später herausstellen sollte, auch andere. Die sechs anderen Partien endeten Remis. Am längsten spielten Matthias Bluebaum und Bassem Amin, und dann endete auch das Duell deutsche Dame gegen zwei ägyptische Türme unentschieden.

Runde 7 hatte bei den Masters gar vier Partien mit Sieger und Verlier(in) – Lady first, sie war am Ende mal wieder lieb zu Carlsen:

Carlsen – Hou Yifan 1-0 kann man kurz – etwas zu kurz – zusammenfassen mit “Carlsen profitierte von der bekannten Tatsache, dass sie in Endspielen anfällig ist”. Auf dem Foto meine ich übrigens, hinten links Loek van Wely zu erkennen – er betrat mal wieder die Bühne in Wijk aan Zee, diesmal ohne sich auf einen der Stühle zu setzen.

Carlsen entschied sich für 11.Dg3!? mit frühem Damentausch – heute mal wieder “ähm äh ich riskiere doch nichts”. Für eine geopferte Qualität hatte er später zwei Bauern, auch das ohne Risiko. Im 50. Zug patzte Hou Yifan dann. Ansichtssache, wie schwer der Remisplan (Turm auf der ersten Reihe belästigt ständig den weissen Springer) zu finden war, 50.-h5?? verlor jedenfalls kurzzügig.

Wie immer gibt es Carlsen-freundlichere Quellen, ich nenne zwei: Für Chessbase auf Englisch schafft GM Golubev es gar, in seiner Analyse beide zu loben: 11.Dg3 bekommt (statt !? nur) ein Ausrufezeichen, denn Carlsen muss man loben. Zum Remisplan schreibt er “But it’s difficult to understand that Black can save a game by playing like this” [Schwer zu verstehen, dass Schwarz so Remis halten kann] – wenn man (oder frau) sonst forciert verliert, sollte man das zumindest versuchen? Wenn es dann nicht ausreichend ist, dann eben nicht. Bei Carlsen-Siegen aus ausgeglichenen oder jedenfalls haltbaren Endspielen heraus wird immer behauptet “er machte konstant Druck, dann sind Fehler unvermeidlich” – ersteres mag gar stimmen, letzteres allerdings nicht. Am Ende “One may feel sorry for the Chinese star who made so many strong moves but still lost the game” [Man kann Mitleid mit ihr haben – sie machte so viele starke Züge und verlor trotzdem] – der 50. Zug war eben alles andere als “stark”, und zuvor hatte er diverse schwarze Entscheidungen im frühen Endspiel/damenlosen Mittelspiel kritisiert.

Daniel Gormally auf Twitter: “Amazing how Carlsen is able to put huge pressure on in these seemingly dull and drawn endgames- surely a lesson to those who agree draws in such positions thinking that they are dead and lifeless” [Beeindruckend, wie Carlsen in scheinbar langweiligen Remisendspielen Druck macht – sicher eine Lektion für diejenigen, die in solchen Stellungen Remis machen in der Annahme dass sie tot sind]. Nun, jedenfalls in dieser Stellung hatte Weiss immer Gewinnchancen. Dazu kommt, dass die Gegnerin nominell klar unterlegen ist und bekannterweise Endspielschwächen hat – was auch andere zuvor ausnutzten.

Anand-Kramnik 0-1 – in einem Italiener spielte Weiss das zumindest äusserst riskante 7.Lg5, daher ist es selten, auch wenn 2700er es zuvor versuchten (Topalov verlor gegen So, Ponomariov gegen Kasimdzhanov, Mamedov – im Schnellschach 2700+ – gegen Fressinet). Beide hatten noch nicht rochiert, der schwarze König ging dann zu Fuss nach g7 und stand da sicher, der weisse ging dagegen zum Damenflügel (bis b3) und stand da unsicher.

Chess24 erwähnt, dass Kramnik damit seine Bilanz gegen Anand nach 91 Partien mit klassischer Bedenkzeit ausgleichen konnte, sowie dass es auch einschliesslich Schnell- und Blitzschach (insgesamt 191 Partien) unentschieden steht. Kramniks Rückstand zuvor stammte einzig und alleine aus ihrem WM-Match, in dem Anand ihn auf dem falschen Fuss erwischt hatte. Ebenfalls laut chess24 hatten sie sich, oder so schien es, zwischenzeitlich geeinigt, “in ihren Partien remis zu spielen und ihre Energie für die Jugend zu bewahren” – wohl eher stillschweigend (“wir tun uns nicht weh”) als absichtlich/vor der Partie bekannt. Wie dem auch sei, diese Zeiten sind anscheinend vorbei – seit 2016 gewann Kramnik mit klassischer Bedenkzeit dreimal gegen Anand und sie remisierten nur eine Partie. Dieses Ergebnis war eine tendenziell gute Nachricht für den Sieger der nächsten Partie:

Mamedyarov – Wei Yi 1-0: Der Chinese opferte in einem Katalanen einen Bauern, das traute sich zuvor nur Kasimdzhanov (wobei dessen Gegner das Bauernopfer nicht akzeptierten). Kompensation hatte er wohl, aber dann kam sie ihm abhanden und am Ende gewann Shak spektakulär. Damit hatte er nach dieser Runde einen vollen Punkt Vorsprung auf das Feld.

Karjakin-Caruana 1-0 war ähnlich und doch anders. Caruana hatte einen Bauern – wie er hinterher zugab – nicht geopfert sondern eingestellt, Kompensation Fehlanzeige. Karjakin gewann und erzielte so seinen ersten Sieg im Turnier, für Caruana ging es weiter abwärts.

Ich ignoriere mal die Remispartien bzw. erwähne nur, dass Gawain Jones’ sehnlicher Wunsch nach einem Weissremis gegen Svidler erfüllt wurde. Stattdessen nun Bilder:

Zuschauer am Wochenende reichlich vor Ort. In Wijk aan Zee gibt es nur Stehplätze (es sei denn man spielt selbst in einem der Amateurturniere), dafür keine Warteschlangen wie bei der Auswärtsrunde in Hilversum.

Die Bühne – wieder durfte Alina l’Ami die weisse Linie überschreiten, andere nicht.

Doppelinterview – vorne Evgeny Surov mit Vlad Kramnik, hinten Tom Bottema mit Gawain Jones. Wenn ich an Surovs Platz zu Interviews ansetzte, wurde ich (wurden wir, auch der andere mit GM-Titel) mehrfach vertrieben – wenn direkt nebenan ein offizielles Interview anstand. Hier funktionierte es offenbar, im offiziellen Jones-Interview hört man keine Nebengeräusche.

Bei den Challengers zwei Siege: Tari-Girya im Mittelspiel, Harika-Bluebaum im (lange ziemlich ausgeglichenen) Endspiel. Die beiden Damen nun doch am Tabellenende, wobei sie (im Gegensatz zu Hou Yifan) die Elo-Erwartungen erfüllen. Einer hatte vermutlich nichts dagegen, dass alle anderen Partien Remis endeten:

Anton Korobov behielt so – jedenfalls bis auf weiteres – einen vollen Punkt Vorsprung auf alle anderen. Ob Lucas van Foreest mit Remis zufrieden war, müsste man ihn selbst fragen – einerseits wollte er ja zur Spitze aufschliessen, andererseits war es mit Schwarz gegen Elofavorit Santosh Vidit ein gutes Ergebnis – und auch ein weiterer Schritt Richtung dritte GM-Norm. Gleichzeitig erzielte er eventuell eine Live-Elo 2500 (sicher bin ich mir nicht, vielleicht fehlten hinter dem Komma einige Zehntelpunkte).

Runde 8 war in beiden Gruppen dramatisch, ich beginne wieder bei den Masters – da es turbulent war zu einigen Partien mehrere Fotos:

Giri-Mamedyarov 1-0! war nicht allzu turbulent, sondern ein ziemlich glatter positioneller Weissieg. Am Ende war es zwar noch materiell ausgeglichen, aber aller schlechten Dinge waren für Mamedyarov vier: vier Bauerninseln und vier schlechte Figuren (gut, einschliesslich König waren es fünf). Den Rest liess er sich nicht mehr zeigen, sondern gab auf.

Schon zuvor wirkte er – kleine Nuancen verglichen mit dem Foto zuvor – traurig.

Giri gab hinterher ein Interview, in dem er sich auch zu einer zu diesem Zeitpunkt noch laufenden Partie äusserte, aber der Reihe nach:

Kramnik-So 1/2 war ein Remis der besseren Sorte – Kramnik wollte mehr, riskierte einiges, und dann verflachte es zum Remisendspiel mit ungleichfarbigen Läufern (das sie nicht mehr übten). So hatte zuvor ein unklares gegnerisches Figurenopfer mehrfach abgelehnt.

Auf dem Stuhl verlor Big Vlad fast das Gleichgewicht, auf dem Brett vielleicht auch – aber es wurde remis. Und nun zum absurden Höhepunkt des Tages:

Carlsen-Jones 0-1! 1-0?! Es begann schon damit, dass Carlsen nach eigener Aussage nicht auf Jones’ sizilianische Drachenvariante vorbereitet war. Dabei spielte Jones mit Schwarz immer scharfe Varianten (mit Weiss dagegen betont lahm) und spielt auch sonst oft bis immer die Drachenvariante, über die er auch zwei Bücher schrieb. Und dann Carlsens 17.g4?!??! – was war das denn, Opfer oder Figureneinsteller? Objektiv hatte er jedenfalls kaum Kompensation, aber alles wurde dann gut für ihn:

In Gewinnstellung spielte Jones konsequent auf Verlust!? Als da wäre: (22.h5) 22.-Db6? (22.-g5, typisches Drachenmotiv auch ohne Mehrfigur) 23.g5 hxg5? (hilft Weiss weiter, Linien am Königsflügel zu öffnen) 24.Da3 (nun kein Damentausch, wovon Jones träumte) 24.-Tb8 (ausnahmsweise nicht schlecht) 25.b3 (Wartezug, vielleicht macht der Gegner ja [noch] einen Fehler) 25.-Dd8? (jawohl! passt nicht zu 22.-Dd8-b6 und hat noch einen Haken) 26.Dxa7 (weniger, um einen Bauern gewinnen – eher um den Tb8 anzugreifen und die Dame kann ab hier auch wieder nach z.B. f2 oder g1). Ab hier hatte Carlsen bereits Oberwasser, und ab hier kann man meinetwegen sagen “unter Druck sind (noch mehr) Fehler unvermeidlich”.

Dazu einige Quellen, ich beginne mit einer neutralen (wobei Carlsen-Fans Zeitungsreporter IM Ligterink womöglich als ‘hater’ bezeichnen): Für de Volkskrant wählte er (oder vielleicht die Endredaktion) den Titel “Jones weiss keinen Rat mit Carlsens Patzer” und schreibt dann u.a. “Gawain Jones dachte endlos lange nach, während die Qualität seiner Züge schlechter und immer schlechter wurde. Aus einer glatten Gewinnstellung wurde erst unklares Chaos, dann eine selbst angerichtete Ruine. Eine Illusion ärmer gab Jones nach 42 Zügen auf.”

Für Chessbase auf Englisch nennt GM Golubev (der schon wieder) zwar 17.g4 “?? A terrible, terrible blunder” aber schreibt später “It’s difficult to fight against an opponent who blunders a piece like a beginner and then starts to play like a genius” [Es ist schwer, gegen jemanden zu spielen, der wie ein Anfänger eine Figur einstellt und dann beginnt, wie ein Genie zu spielen]. Carlsen fischte eben im Trüben – Anfängerniveau will ich Jones nicht unterstellen (ein Anfänger wäre wohl auf 23.-Dxc5?? 24.Sxc5 Te7 25.Sxb7 Txb7 26.Txd5 cxd5 27.Lxd5+ hereingefallen), aber was er ab hier machte war bestenfalls IM-Niveau, und damit beleidige ich vielleicht IMs.

Geht es noch Carlsen-freundlicher? Na klar doch, Chessbase auf Deutsch hat Klaus Besenthal, der 17.g4 und 22.-Db6 jeweils äusserst milde mit “?!” beurteilt.

Giri im bereits fotografierten Interview: “Etwa alle zehn Jahre macht Carlsen so etwas hier, einfach eine Figur einstellen” – Anspielung auf diese Partie 2011 (also noch nicht ganz so lange her), Giri war wie Jones Debütant im A-Turnier. Es gibt Ähnlichkeiten und Unterschiede, die Unterschiede: Um die Mehrfigur zu behalten, musste Giri eventuell (so spielte Carlsen nicht) eventuell eine kleine taktische Variante finden: 22.Dxb6 e2! 23.Te1 Dxc1! 24.Txc1 e1D+ 25.Txe1 Txe1+ 26.Lf1 Lh3 und dann hat er immer noch oder wieder eine Mehrfigur. Sowie: Carlsens Stellung war danach so hoffnungslos, dass er sofort aufgab.

Carlsen bezeichnete im stattfindenden und viel beachteten Interview 17.g4 als groben und peinlichen Patzer, die Frage ist da vielleicht: Was gibt man eher zu: dass man gepatzt hat oder dass man sinnlos geopfert hat? Jones erschien beim Livekommentar und konnte selbst nicht verstehen, warum er nicht einfach 22.-g5 spielte.

Die dritte entschiedene Partie nicht so turnierrelevant: Hou Yifan-Caruana 1-0 0-1. In einem Spanier hatte Weiss klar Oberwasser und hat das dann noch komplett, systematisch und überzeugend vergeigt. Vor der Runde hatte Caruana ja TPR genau 2600 (allerdings wäre auch das keine GM-Norm, 2/7 waren weniger als 35%), und Hou Yifan TPR 2464. Einen Moment erwähne ich:

Weiss am Zug, was tun? Engines sagen zunächst 33.Tf3, im Interview hinterher dachte Caruana auch, dass er dann “mehr oder weniger mattgesetzt wird”. Wenn man Engines etwas länger rechnen lässt, finden sie allerdings 33.Tf3 Dh4! 34.Txf7+ Kh8! (keinesfalls den Sh6 verspeisen) 35.Dc1 Tf8! 36.De3 (nicht der einzig mögliche Zug) 36.-Lxh3! mit der Idee 37.gxh3? Sd7 und die weisse Dame kann nicht beide Springer weiterhin decken – der Sg3 ist auch angegriffen, da der f-Bauer gefesselt ist. Das ist dann (vor 37.gxh3) 0.00 – weniger als Hou Yifan zuvor hatte, mehr als sie dann bekam. Nach 33.Dd2? (33.Sg4 += ist wohl am besten) 33.-Dh4 34.Sg4 Lxg4 35.hxg4 Dxg4 übernahm Schwarz das Kommando am Königsflügel und gewann letztendlich.

Turniersaal von oben – mittlere Amateurgruppen (Gruppe 6 von 9) spielen auf dem Balkon

Junge Zuschauer im Erdgeschoss (oder Keller) sind immer ein nettes Fotomotiv.

Zur Challenger-Gruppe etwas (zu) kurz und knapp: Heute haben fast alle gewonnen oder verloren – bis auf die, die nahezu immer Remis spielen. Durch Korobov-Amin 0-1 wird es in dieser Gruppe wieder spannend. In einem Königsinder (bzw. es wurde Sämisch-Benoni) stand Weiss positionell viel besser und erlaubte dann unnötiges schwarzes Gegenspiel (statt 31.hxg4? hxg3 32.g5 Dg7! mit Gefahren für seinen König musste er 31.Sf1 ± spielen). Das Ende kam dann aus einer anderen Richtung: entstehende schwarze Freibauern am Damenflügel waren stärker als eine weisse Mehrfigur, und da ging es mit rechten Dingen zu.

Gordievsky-Vidit 0-1 – Schwarz hatte bereits etwas Oberwasser, dann patzte Weiss und Vidit konnte zu Korobov aufschliessen. Es müsste äusserst kurios laufen, wenn keiner dieser beiden sondern ein anderer (alle haben zwei oder mehr Punkte Rückstand) das Turnier gewinnen sollte.

Jorden van Foreest – Tari 1-0 war quasi ein Prestigeduell, zuvor trafen sie in der letzten Runde der Junioren-WM aufeinander. Damals spielte Jorden, der mit einem Sieg trotz holprigem Turnierbeginn noch Weltmeister werden konnte, Italienisch und erreichte nichts (Remis, und das reichte Tari für den WM-Titel). Nun funktionierte Schottisch wunderbar – bis zum 20. Zug war es vorbereitet, 20.-c5? war offenbar nicht Teil der weissen Vorbereitung denn nun investierte er erstmals Bedenkzeit (21 Minuten), und einen Zug später gab Tari auf.

Warum das nicht bei der Junioren-WM? Dazu wollte ich Jorden eventuell befragen (Dienstag bin ich wieder für Ort), aber sein WM-Trainer Sokolov gab bereits die Antwort: Sie hatten Angst, dass Carlsen Tari bei der Vorbereitung hilft, und Sokolov wollte sich vorbereitungstechnisch nicht mit dem Weltmeister (aller Klassen) anlegen. Dem war, das wissen sie nun, offenbar nicht so aber hier gilt eventuell “die Drohung ist stärker als die Ausführung”.

Girya-Krasenkow 0-1 – der erste Sieg für den Veteranen, die vierte Niederlage für die Dame (auf ihrer Habenseite ein Endspielsieg gegen Bluebaum in Runde 2).

Bok – Lucas van Foreest 1-0 war glatt positionell, Schwarz gab recht früh auf – vielleicht dachte er “wenn Jorden in 22 Zügen gewinnt, muss ich mich nicht länger quälen” und gab nach ebenfalls 22 Zügen auf. Doch noch keine GM-Norm für ihn, dafür braucht er nun noch ein Remis in Runde 9 mit Weiss gegen Gordievsky (Norm über mehr als 9 Runden geht natürlich auch). Gegen Ausländer erzielte er bisher beachtliche 3.5/5, gegen Niederländer nur 0.5/3 – Niederlage auch im Bruderduell, Remis gegen Erwin l’Ami denn der spielt immer Remis.

Hat Erwins Chef Anish Giri das Adhiban vor der Runde flüsternd verraten? Bluebaum-l’Ami 0-1 1/2 – im Endspiel bekam Schwarz Oberwasser, dann gar eine Mehrfigur, und doch wurde es Remis – Weiss konnte am Ende mit Mattdrohung Zugwiederholung erzwingen. Zuvor hatte Erwin l’Ami gegen Harika mit Minusfigur Remis gespielt.

Mit einem (wohl durchaus möglichen) Sieg hätte er sich auf Platz 3 verbessert. Allerdings hatte ich (Gespräch bei einer früheren Auflage von Tata Steel Chess) nicht unbedingt den Eindruck, dass er noch einmal bei den Masters mitspielen will – und im Falle des Falles müsste er sicher noch ein paar Partien gewinnen, um 1 1/2 Punkte Rückstand auf Vidit und Korobov aufzuholen.

Xiong-Harika 1/2 – auch Jeffery Xiong spielt eben fast immer Remis (Ausnahme eine Niederlage gegen Tari). Auch er hat so seine erneute Einladung nicht unbedingt gerechtfertigt, generell ist er vielleicht doch nicht so ein Supertalent wie einige (vor allem Amerikaner) nach seinem Junioren-Weltmeistertitel behaupteten.

Wie geht es weiter? Bei den Challengers könnte die Entscheidung in Runde 11 im direkten Duell Vidit-Korobov fallen. Sonst hat Korobov eventuell das leichtere Restprogramm (Harika, l’Ami, Lucas van Foreest, Gordievsky) als Vidit (Bluebaum, Xiong, Girya, Jorden van Foreest).

Bei den Masters hat Giri relativ klar das leichteste Restprogramm (jedenfalls wenn man Caruana da einordnet wo er im Turnier momentan steht). Mamedyarov hat gegen die stärksten Gegner (Kramnik, Carlsen und Anand) dreimal Weiss. Carlsen muss noch beweisen, dass er auch gegen Elo 2700+ gewinnen kann – vielleicht klappt es ja und er bekommt noch weitere Geschenke z.B. von Mamedyarov. Ebenfalls nicht unmöglich: er gewinnt auch mal ohne offensichtliche gegnerische Hilfe. Kramnik und So sind bei einem halben Punkt Rückstand nicht chancenlos aber das auch noch aufbröseln geht zu weit. In Runde 9 u.a. Anand-Carlsen und Mamedyarov-Kramnik.

Zum Abschluss noch zu den Amateuren:

Jung und alt: Machteld van Foreest (*2007) und Maarten Etmans (*1939) – natürlich noch andere auf dem Foto, aber ich vermute mal dass Alina l’Ami sie absichtlich nebeneinander fotografierte.

Andere aus Gruppe 3 (Elo etwa 1900-2000)

Ich verfolge Amateurergebnisse diverser Gruppen (mit mir bekannten Spielern) aber nenne hier nur den Zwischenstand vorne im Toptienkamp – der Sieger darf 2019 bei den Challengers mitspielen: IM Kuipers 3.5/4, IM Pijpers und IM Beerdsen 3/4 (FM Vrolijk, dessen Partie aus Runde 4 derzeit noch läuft, kann sich eventuell von 2/3 auf 3/4 verbessern). Für Spieler(innen) mit weiterer Anreise hat sich das bisher eher nicht gelohnt: GM Papin (Moskau) 1.5/4, IM Dale (Australien) 1/3,  FM Salimova (Bulgarien) 0/3 – vielleicht aktualisiere ich das später noch, aber nun ruft gleich der Vereinsabend!

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email

  • 2
    Shares