Aeroflot-Zwischenbilanz

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Wann das erste Mal zum Aeroflot Open berichten? Vor dem oder am Ruhetag geht nicht – es gibt keinen allgemeinen Ruhetag, auch wenn Mitfavorit Matlakov bereits anderthalb bis einskommaacht Ruhetage hatte und Aussenseiterin Abdumalik immerhin einen (hat ein bisschen miteinander zu tun). Nach vier Runden hat sich das Feld bereits ein bisschen sortiert. Einige Favoriten haben derzeit Nachholbedarf, einige Aussenseiter und eine Dame liegen weit vorne – in den fünf verbleibenden Runden kann sich noch einiges tun.

Aber so steht es momentan: Petrosian, Artemiev, Bologan 3.5/4, Maghsoodloo, Khalifman, IM Karavade, Matlakov, Karthikeyan, Fedoseev, Kovalev, Gordievsky, Lysyj 3, usw. – dahinter derzeit diverse Mifavoriten. Bei Eesha Karavade (nach Setzliste Nummer 92 von 92!) nenne ich den Schachtitel, alle anderen sind Grossmeister. Und nun zum bisherigen Geschehen mit Fotos und Diagrammen. Fotos zu Runde 2 hier gefunden, zu Runde 3-4 hier (Dank an einen Kenner der russischen Schachszene für diese Tips). Das Titelbild bekommen “viele”, im Vordergrund am Brett Piorun und Petrosian aber die zeige ich später nochmals.

Runde 1: Bei vielen Opens steht diese im Zeichen von 1-0 0-1 1-0 0-1 usw., d.h. der Favorit gewinnt fast immer (mit Weiss und auch mit Schwarz). Beim Aeroflot Open sind die Elounterschiede allerdings nur etwa 150 Punkte, und viele “schwache” Spieler sind womöglich etwas unterbewertete Jugendliche. Damit jede Menge Remisen bereits in Runde eins, und auch die eine oder andere Überraschung. Die erste bereits an Brett 4 Mamedov-Petrosyan 0-1 – Manuel Petrosyan sollte man nicht mit Tigran Petrosian verwechseln, und letzterer ist nur Namensvetter des verstorbenen Ex-Weltmeisters, alle sind (oder waren) Armenier. Zur Partie: aus einem Anti-Berliner (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3) wurde quasi Giuco Piano, da Weiss nach 8.-a6 nicht 9.La4 sondern 9.Lc4 spielte – selten, allerdings machten das bereits (teilweise mit Zugumstellungen) Caruana, Vachier-Lagrave, Caruana und Navara. Den freiwilligen Rückzug 9.-Le7 gab es nur auf niedrigerem Niveau, und nach 10.a4 war 10.-d5 in dieser konkreten Stellung offenbar neu. Dann verbrauchten beide viel Bedenkzeit, dann hat Weiss eine Qualität geopfert oder vielleicht eingestellt – jedenfalls hatte er keine ausreichende Kompensation.

Zwei Bretter weiter war Artemiev-Pichot 1-0 keine Überraschung, aber es hatte Folgen: Vladislav Artemiev damit der nächste Teenager mit live-Elo über 2700. Ob er das noch als Teenager auch offiziell bekommt, liegt neben seinem Abschneiden bis Turnierende auch daran, ob das Turnier (letzte Runde 28.2.) für die März-Liste ausgewertet wird – am 5.3. feiert er seinen 20. Geburtstag. Zur Partie: Die Entscheidung fiel tief im Endspiel, plötzlich (etwa ab dem 62. Zug) bekam Weiss bei reduziertem Material – beiderseits noch zwei Türme und ein Läufer – Mattangriff.

Weitere Überraschungen: Shevchenko-Kamsky 1-0 – das im reinen Turmendspiel, am Ende waren zwei weisse Freibauern viel besser als zwei schwarze. Mikaelyan-Oparin 1-0 – quasi im späten Mittelspiel, plötzlich standen die weissen Figuren viel besser als die schwarzen, definitiv dann auch im Endspiel. Grigoriy Oparin konnte auch im weiteren Turnierverlauf (bisher) nicht an seinen recht starken Auftritt in Gibraltar anknüpfen. Und auch Brett 46 von 46 Tabatabaei -Karavade 0-1 (beide IMs, aber der junge Iraner fast 200 Elopunkte “besser”). So stand es kurz vor Schluss:

Als ob vier Mehrbauern bei sicherem eigenem König nicht reichen, hat sie ihrem Gegner nun auch noch einen Turm abgeknöpft – wie darf der Leser selbst herausfinden.

Dieses Foto aus Runde 4 – Karavade hat Weiss und spielt an einem der Live-Bretter, unwahrscheinlich dass sie diese (die ersten 40) wieder verlassen wird.

Runde 2 hatte insgesamt weniger Überraschungen, dafür mehr Fotos:

Hier die Spitzenbretter. Matlakov (mit Weiss) sitzt gegen Maghsoodloo gerade nicht am Brett, das wurde später Remis (obwohl Engines behaupten, dass Weiss ganz zum Schluss im Turmendspiel auf Gewinn steht, aber die sind da nicht immer Experten). Daneben gewann Artemiev mit Schwarz gegen den Inder Karthikeyan – wieder im Endspiel, diesmal war es am Ende ein “technisches” Turmendspiel mit Entscheidung vor, und definitiv direkt nach der ersten Zeitkontrolle im 40. Zug.

Ebenfalls auf dem Foto neben Karthikeyan Petrosyan mit Weiss (Gegner Korobov steht im Hintergrund), und ihm schräg gegenüber Petrosian mit Schwarz. Dicht beieinander sassen sie danach nicht mehr, wobei es durchaus möglich war. Petrosyan-Korobov 0-1, aber zunächst war der Armenier nahe am Sieg: Turm und Freibauer waren in dieser konkreten Stellung stärker als zwei Springer – wenn Weiss das nicht unbedingt naheliegende 32.Le3! gefunden hätte, kann er danach seinen Freibauern vorteilhaft gegen eine schwarze Figur abtauschen. Später (schwarze Leichtfiguren waren nun koordiniert, und Springer trickreich) musste stattdessen Weiss eine Figur spucken, und drei Leichtfiguren waren definitiv stärker als ein Turm – Weiss hoffte noch knapp 20 Züge lang auf irgendein Wunder, es war vergeblich.

Piorun-Petrosian 0-1 – auch hier stand der Verlierer zunächst jedenfalls klar besser. Petrosians sizilianischer Drachen ging schief, nach sofort 21.Sc5! bekäme Weiss Oberwasser – in der Engine-Hauptvariante am Ende eine vorteilhafte Version von Turm und Bauer gegen zwei Leichtfiguren. Stattdesssen spielte Piorun nach reiflicher Überlegung (knapp 22 Minuten) 21.Sa3? Tb4 22.Sc5? (nochmals drei Minuten) – und in dieser Version kostete es ersatz- oder kompensationslos einen Bauern, Schwarz verwertete dann seinen Mehrbauern im Endspiel.

Nochmal die Schwarzspieler an Brett eins bis drei – der schmächtige Artemiev versteckt sich zwischen den Schwergewichten Maghsoodloo und Korobov.

An Brett acht machte Khalifman kurzen Prozess mit dem tags zuvor erfolgreichen Kirill Shevchenko (mit Brille), ebenfalls auf dem Foto der Weissrusse Kovalev und die Asiaten Yakubboev (Usbekistan, halb abgeschnitten) und Wen Yang (China).

So stand es bei Khalifman-Shevchenko nach 24.Df6+ – eine Dame ist besser als zwei Türme, wenn einer dieser ersatzlos verloren geht. So sah es auch Shevchenko und gab auf.

Mit Weiss die Nummern 1, 3 und 7 der Setzliste Fedoseev, Andreikin und Inarkiev an Brett 13-15, warum das denn? Tags zuvor spielten sie nur Remis, heute auch wieder – Fedoseev gegen (auch sichtbar) Esipenko, Andreikin gegen Vavulin, Inarkiev gegen Nihal Sarin. Die jungen Schwarzspieler spielten gegen nominell überlegene Gegner bisher immer Remis (bzw. Vavulin war in Runde 4 knapp in der oberen Elohälfte seiner Scoregruppe und gewann gegen FM Sorokin).

Fedoseev und Andreikin konnten später Partien gewinnen, Inarkiev bisher viermal Remis wie auch der an zwei gesetzte und zuletzt in Wijk aan Zee (Challenger Gruppe) erfolgreiche Santosh Vidit – tags zuvor gegen Landsmann Narayanan, heute gegen Landsfrau Karavade und dann auch gegen einen Armenier (Manuel Petrosyan) und einen Chinesen (Xu Yinglun) – bis auf Karavade (2386, jedenfalls vor dem Turnier) alles Elo ca. 2550.

Runde 3: Vor dieser Runde hatten noch sechs Spieler 100%: Artemiev, Korobov, der noch nicht erwähnte Sethuraman, Khalifman, Bologan und Petrosian – 23 wären es, wenn Remis kein mögliches (und in diesem Open bereits in den ersten Runden häufiges) Ergebnis wäre. Natürlich waren es nach der Runde noch weniger – an den drei Spitzenbrettern zweimal Drama, einmal nicht unbedingt aber damit beginne ich:

Artemiev-Khalifman 1/2 – Artemiev werden äussere Ähnlichkeiten zum jungen Carlsen nachgesagt (ob er das als Kompliment betrachtet, muss er selbst entscheiden), heute spielte er auch – jedenfalls zunächst – wie Carlsen: auf Russisch das äusserst lahme 5.De2, so machte es auch der Norweger in Wijk aan Zee gegen Caruana. Dann wollte Artemiev aber doch eine gehaltvolle Partie spielen: nach dem unvermeidlichen Damentausch lange Rochade, 11.Thg1 (hier neu), 12.g4, 13.h4 – eine Art Königsangriff, aber letztendlich schwächte er damit wohl nur seine eigene Stellung, und dann wurde es Remis. Mehr “action” an den beiden anderen Spitzenbrettern:

Korobov-Bologan 0-1, auf dem Foto ist es fast soweit: nach 31.-Lxf4 hat Weiss nur noch die Wahl, welche Figur Schwarz siegreich auf g3 opfert – diesen Läufer oder den Tf3. Es wurde weder noch da Korobov aufgab. Auf dem Foto kaum erkennbar aber natürlich relevant eine schwarze Dame auf h3.

Auch in dieser Partie galt: zunächst stand der spätere Verlierer (wieder der Weisspieler) vielversprechend. Anfangs eine Art Königsindisch: 1.d4 d6 2.Sf3 Sf6 3.c4 g6 4.g3 Lf5!? – etwas krumm, oft kostet es Schwarz das Läuferpaar, aber dieser Zug hat seine Fans (laut Datenbank vor allem Altmeister Romanischin). Nach 16.-f5 stand es dann so:

Einfach 17.0-0, und Weiss steht sehr gut – nach dem partieanalogen 17.-Sb8 18.Da4 a5 19.a3 axb4 20.Dxa8 bxc3 21.Lxc3 Sc5 würde wohl niemand auf die Schnapsidee 22.h4 kommen (auch nicht Korobov, Liebhaber geistiger Getränke). Eher zieht man dann den a-Bauern, um die Eckdame wieder zu reaktivieren. Aber Korobov spielte das ebenso modische wie hier (jedenfalls im Nachhinein) sinnfreie 17.h4 – weiter wie oben angegeben und dann 22.0-0. Nun 22.-Sxe4 23.Lxe4 fxe4 mit dieser Stellung:

Was tun? Pflicht war 24.Kg2 oder 24.Kh2 – eigentlich angemeldeten aber unwillkommenen Damenbesuch auf h3 durfte Weiss nicht zulassen! Weitere schwarze Züge nicht genau in dieser Reihenfolge: Sb8-d7-f6-h5-f4, Tf3 und Lh6, weitere weisse Züge vor allem Da8-a4-c2-b1, da stand die Tante bei Musik am Königsflügel allerdings fast genauso im Abseits wie zuvor auf a8.

Noch ein Foto von Bologan (Quelle russischer Schachverband, Fotograf Vladimir Barsky). Hier weniger schick gekleidet mit Landsmann Dorian Rogozenco – ebenfalls ursprünglich Moldawe, auch wenn er seit 1999 für Rumänien spielt, eine seiner Rollen war auch mal Sekundant von Bologan. Das Foto entstand offenbar am Rande der Eröffnungsfeier. Rogozenco spielt in der B-Gruppe – bisher mit 3.5/4 erfolgreich, ihn aufgrund von TPR 2700 als Weltklassespieler zu bezeichnen wäre aber wohl etwas übertrieben. Noch zwei Fotos aus der B-Gruppe:

Rout Padmini – ursprünglich stellvertretend für Landsfrau Karavade vorgesehen, dann fand ich doch noch ein Karavade-Foto. Bisher hat sie 2/4, das ist über ihren Elo-Möglichkeiten (alle vier Gegner ca. 100-150 Punkte elobesser).

Vorne links Senior Balashov gegen den über 50 Jahre jüngeren Inder FM Sadhwani, Erfahrung und/oder knapp 100 Punkte Elovorteil gewannen später diese Partie. Auch Balashovs Brettnachbar Oleg Bykov (*2001) kennt das letzte Jahrtausend nicht aus eigener Erfahrung, sein chinesischer Gegner Dai Changren (*1999) hat wohl keine konkreten Erinnerungen.

Zurück zum A-Turnier – einige Kibitze blieben, da kurz nach Korobov-Bologan 0-1 auch die Entscheidung an Brett 3 fiel:

Petrosian-Sethuraman 1-0 – der Armenier farbiger und weniger formell gekleidet, auf dem Brett machte es eher der Inder bunt. Das erste Opfer zwecks Königsangriff war korrekt, und einen halben Zug lang stand Sethuraman besser. Dann investierte er zuviel Material, am Ende hat er vielleicht übersehen, dass auch sein König trotz etwas Bauernschutz verwundbar ist. Zwei Springer hatte er weniger, und beide waren tabu – auf 37.-Txd5 oder 37.-Dxf3 jeweils 38.Te8+ nebst Matt.

Auch in der Gruppe mit zuvor 1.5/2 diverse Entscheidungen. Am schnellsten “gewann” Matlakov mit Schwarz – Gegner Gupta war krank, erschien nicht zur Partie und verliess dann das Turnier. Najer-Antipov 0-1 und Maghsoodloo-Sjugirov 1-0 passte jeweils nicht ganz zu den Elozahlen, und Kovalev-Svane 1-0 hatte das aus deutscher Sicht “falsche” Ergebnis. Die Eröffnung (1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.Ld3) war eher oder scheinbar harmlos, der kritische und partieentscheidende Moment nach 18.-Se7?:

Zuvor hatte Svane 21 Minuten für das (aus meiner Sicht) etwas mysteriöse 17.-Tad8 investiert (17.-Se7 und eventuell 18.-Sf5 war gut spielbar), und nochmals 15 Minuten für 18.-Se7? – warum bekommt das ein Fragezeichen? Nun überlegte Kovalev 24 Minuten, Rasmus Svane entdeckte vielleicht währenddessen, was er angestellt hatte und dann kam 19.Sxf7! Kxf7 20.Dxe6+ Kg7 21.f5! aufs Brett. Nun tauchte Schwarz gut 45 Minuten ab, aber 21.-Dd7 half auch nicht – die weisse Initiative war auch nach Damentausch zu stark, dabei stand später auch der schwarze Turm auf d8 falsch (25.Lg5 mit Fesslung).

Zu Svanes Ehrenrettung sei gesagt, dass er tags zuvor Pogonina mit Schwarz nach Opferangriff besiegt hatte. Beide deutsche Teilnehmer, Bluebaum (vier Remisen gegen Elo 2497-2530) und Svane, derzeit mit 2/4 – jeweils etwas im Elosoll.

Brett 24 Salomon-Gordievsky 1-0 0-1 ist noch diagrammwürdig:

Zuvor stand Weiss überragend – der Kan-Sizilianer bzw. jedenfalls Gordievskys Interpretation war dubios. Nun war ein Teil seines Vorteils bereits dahin, nur mit 40.Sd4 konnte er weiter auf Gewinn spielen. Stattdessen kam das denkbar falsche 40.Tc1? Lxf3! – eine Pointe ist 41.Lxf3 Sxf3 42.Dxf3 Dd2!: beide weissen Türme sind angegriffen und 43.Tc1-h1 natürlich regelwidrig. Das machte Salomon nicht, aber auch so ging es nun seinem König an den Kragen, während der schwarze mit Dank an den weissen Bauern auf h7 recht sicher stand.

Runde 4:

Der Fotograf hat die drei Weisspieler an den Spitzenbrettern abgelichtet – alle bärtig, Bologan dabei schick gekleidet, Khalifman und Antipov arbeiteten vor der Runde noch als Holzfäller und hatten keine Zeit für einen Kleiderwechsel.

Und die Schwarzspieler an Brett 2-4 Matlakov, Artemiev und Kovalev – eventuell besteht Verwechslungsgefahr [jedenfalls alle einfarbig gekleidet und Kunde desselben Friseurs]. Petrosian an Brett 1 hatte sich, siehe auch Foto zuvor, zu Rundenbeginn offenbar verspätet, (1.e4) 1.-e5 erst nach 6 Minuten.

Für die Schlusstellung tags zuvor bekommt Matlakov kein Diagramm, diesmal bin ich grosszügig:

Khalifmans letzte Züge waren 11.b4 und 12.a4 mit akzeptiertem Remisangebot – in derlei Fällen kann man weder definitiv behaupten oder beweisen noch ausschliessen, dass die Spieler das Ergebnis bereits vor der Runde kannten.

Am Spitzenbrett Bologan-Petrosian ebenfalls Remis, allerdings erst nach genau 100 Zügen. Ab dem 47. Zug hatte Bologan einen Mehrbauern, ab dem 53. Zug nur noch ungleichfarbige Läufer (zuvor auch noch Türme) – weitere Gewinnversuche vielleicht eher symbolisch oder “aus Prinzip”. Am Ende hatte er gar eine Mehrfigur, aber es war der falsche Läufer bzw. der falsche Randbauer – schwarzfeldriger weisser Läufer und der gegnerische König konnte die rettende Ecke a8 problemlos erreichen.

So konnte Artemiev zur Spitze aufschliessen, der (vor)entscheidende Moment in Antipov-Artemiev 0-1 im 17. Zug:

Statt 17.fxe4?! musste Weiss kurz rochieren, das tat nun Schwarz – 17.-0-0 und ab hier Oberwasser, Entscheidung später im Turmendspiel.

Antipov zeige ich nochmal individuell (Foto aus Runde zwei) – als Belohnung für seine schachliche Kreativität, mit der er manchmal auch Schiffbruch erleidet.

Zu drei Partien aus der Gruppe mit zuvor 2/3: Karthikeyan-Mamedov 1-0 – Schwarz hatte kurz vor der ersten Zeitkontrolle in unübersichtlicher Stellung eine Qualität wohl eher geopfert als eingestellt, Weiss verwertete dann die Mehrqualität im Endspiel. “Technik” war vielleicht nicht ganz trivial, jedenfalls dauerte es bis zum 77. Zug.

Die Mitfavoriten (vor dem Turnier) Korobov – Schwarzremis gegen Xu Xiangyu – und Mamedov nebeneinander.

Gordievsky – Aryan Chopra 1-0 mit dieser Schlusstellung:

Zuerst gut 20 Züge königsindische Theorie, die beide fast durchgehend herunterblitzten – manchmal endet es mit schwarzem Dauerschach, das wollte Gordievsky nicht. Dann investierten beide Bedenkzeit und Weiss bekam immer mehr Oberwasser. In der Schlusstellung sind beide Könige recht nackt, aber der weisse steht dennoch sicher. Den c-Freibauern bräuchte Weiss nicht einmal unbedingt, aber 37.c7 war der letzte Zug.

Und dann der nächste Streich von Eesha Karavade – Gegner GM Jumabayev ist zwar eher kein “Überflieger”, aber immerhin hat er Elo 2614 und spielt viele offene Turniere. In einer unübersichtlich-chaotischen Partie hatte er mit Schwarz zwischenzeitlich Oberwasser, nutzte seine Chancen allerdings nicht und so stand es nach 40.-Sxg3?!:

41.fxg3 Td2+ funktioniert aus schwarzer Sicht zumindest einigermassen, aber nun hatte Karavade Bedenkzeit zur Verfügung und entschied sich nach 8 1/2 Minuten für 41.Sxf3! – weg mit dem potentiellen Sargnagel! Danach 41.-Se4 42.Txe4! Dxh5+ 43.Sh4! Tf6 44.Sxf5 usw. – ein bisschen zappelte der GM noch, nach 49 Zügen gab er auf.

Bevor ich noch eine Dame würdige, einige Fotos:

Inarkiev und Kamsky nebeneinander an Brett 17 und 18. Inarkiev – wie zuvor erwähnt – wieder Remis gegen Esipenko, Kamsky konnte dagegen den iranischen Jungstar Alireza Firouzja überlisten – der falsch abtauschte und dabei einen Bauern einbüsste. Der Rest war Technik und das kann Kamsky immer noch – diesmal wurde es gar eine Art Mattangriff bei reduziertem Material.

Der Turniersaal insgesamt

Und nochmals mit u.a. dem spazierenden Korobov

Aleksandra Goryachkina wurde schon zuvor fotografiert, vielleicht weil sie Russin ist (auf dem anderen Foto allerdings nicht “bekennende”). Heute bezwang auch sie einen respektablen Grossmeister, zu Aleksandrov-Goryachkina 0-1 zwei Diagramme, mehr waren denkbar:

Hat Goryachkina jemals ein Schachbuch gelesen? Sie kommt aus dem tiefen Sibirien, da gibt es vielleicht weder Buchläden noch eine stabile Internetverbindung. Jedenfalls für Puristen/Dogmatiker hat sie so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann!? Was ist das denn für eine Bauernstruktur? Wenn man damit zum Zahnarzt geht, sagt er entweder “da kann ich nichts mehr machen” oder er schreibt einen Kostenvoranschlag in vierstelliger (Euro-)Höhe für diverse Kronen und Brücken. Ausserdem hat sie einen Bauern weniger und auch noch das Rochaderecht verdaddelt.

Engines (lesen die Schachbücher?) sagen allerdings, dass Schwarz besser steht. Der schwarze Königsturm landete ja via h5 auf a5, und der weisse Mehrbauer ist eher störendes Material – dadurch keine offenen Linien für eigenen Königsangriff.

Der weisse König fühlte sich auf c1 unwohl, auf e2 steht er allerdings auch nicht wirklich sicher. Schwarz hat ihre Bauernstruktur ziemlich repariert, das kostete eine Qualität – statt des durchaus hübschen, plausiblen und verlockenden 27.-Ta2!? 28.Dxa2 Sxe4 hatten Engines eine bessere Idee: nach 27.Se4? 27.-c5! mit viel Druck auf der langen Diagonale, da steht ja der später eventuell ungedeckte weisse Th1. So war der schwarze Vorteil eigentlich dahin, Engine-Urteil 0.00 wenn Weiss hier 30.Da5! spielt. Hatte Alexandrov (Elo 2618) übersehen, dass seine Dame dann auch c3 überdeckt und 30.-b2 31.Tb1 Sc3+?? nicht funktioniert? Nach dem vorbereitenden 31.-Db3 hat Weiss dann Dauerschach.

Es kam jedenfalls 30.Db2?, und nach 30.-Db5+ hatte Schwarz wieder Oberwasser und behielt es bis Partieende.

Die beiden anderen Damen im A-Turnier weniger erfolgreich: Pogonina am nicht live übertragenen Brett 44, auf anderen Fotos schaut sie bei Landsfrau Goryachkina vorbei. Abdumalik heute an “Brett 46”, das nach Guptas Ausstieg vorhandene Freilos – so hat sie nach 0/3 nun 1/4. Valentin Dragnev gewann nach drei Niederlagen gegen GMs am Brett gegen IM Sargsyan, der dadurch für eine Zwangspause in der fünften Runde einen vollen Punkt bekommt. Für Dragnev gilt dasselbe wie für Oparin: Gibraltar (reihenweise Remisen gegen Grossmeister der Eloklasse 2550-2600, Sieg gegen Kiril Georgiev und nur eine Niederlage gegen Grigoriants) war für seine Verhältnisse erfolgreich, Aeroflot jedenfalls bisher nicht.

Ein paar Spieler(innen) müssen eben in der Tabelle weit unten landen, neben Karavade weigern sich bisher zwei weitere Inder. Bei Damen verrate ich das Alter ja nicht, aber kann wohl schon erwähnen, dass IM Harshit (*2001, Elo 2448) und FM Erigaisi (*2003, Elo 2458) jünger sind. Beide haben derzeit 2/4, beide u.a. Remis gegen Svane, beide nahe an einer GM-Norm.

Natürlich werden noch fünf Runden gespielt, einige Paarungen der fünften Runde (beginnt in einigen Minuten) aus Turnier- und deutscher Sicht. Vorne u.a. Artemiev-Bologan, Petrosian-Gordievsky, Khalifman-Fedoseev (wieder ein quasi-Ruhetag für beide?) und Kovalev-Karavade. Weiter hinten zweimal Indien-Deutschland (Indien hat Weiss) unter etwas unterschiedlichen Vorzeichen: Vidit ist gegen Svane Favorit und will wohl nicht zum fünften Mal Remis spielen. Nihal Sarin ist dagegen gegen Bluebaum Aussenseiter – auch für ihn wäre es eventuell das fünfte Remis (zuvor gegen Sasikiran, Inarkiev, Piorun und Sjugirov) und so ein weiterer Schritt Richtung GM-Norm.

P.S.: Generell werde ich diesen Artikel nicht ergänzen sondern später einen (vielleicht zwei) weitere schreiben, aber eines kann ich noch erwähnen: Khalifman und Fedoseev Remis in neun Zügen – dank Inkrement hatte Khalifman mehr Restbedenkzeit als zu Rundenbeginn, Fedoseev vor allem deshalb weniger, das er sich drei Minuten verspätet hatte.

 

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