Warum gibt es keine Top-Spieler aus Deutschland?

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Das Kandidatenturnier versammelt die weltweite Schach-Elite in Berlin-Kreuzberg. Doch unter den möglichen Herausforderern von Magnus Carlsen ist kein einziger Deutscher. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Das Kühlhaus in Berlin Kreuzberg hat es nicht leicht in diesen Tagen, denn es muss gleich zwei Botschaften transportieren. In dem roten Fabriketagenbau im Herzen der Hauptstadt findet derzeit das Kandidatenturnier für die Schach-WM statt, und nach dem Willen des Veranstalters World Chess soll das Kühlhaus sowohl für Berlins geschichtliche Größe stehen als auch für, nun ja: Kälte.

Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft des Technikmuseums, war Anfang des 20. Jahrhunderts nämlich die größte Eisfabrik Europas beheimatet, was sich knapp 120 Jahre später als glückliche Fügung erweist, wo doch Schachspieler laut World-Chess-Pressemitteilung “cold minded”, kühl-berechnend sind. Plötzlich kann man sich keinen besseren Ort mehr vorstellen für ein Schachturnier als diesen. Und keine bessere Stadt… Weiterlesen auf Spiegel-Online

Dazu auf Facebook ein Kommentar von Fidemeister Thomas Michalczak:

Es ist merkwürdig, das der Präsident eines nationalen Schachverbandes, in dem es weltweit die meisten organisierten Vereinsspieler gibt, meint, dass das Problem der fehlenden Profis durch mehr Vereinsspieler zu lösen ist. Länder wie Armenien, Indien, USA, China und natürlich Russland, sind deshalb erfolgreicher als Deutschland, weil die sportliche Führung des Verbandes hinter den Sportlern steht und Sponsorengelder heranschafft, die das Leben für Profis attraktiv macht. Man denke nur an den armenischen Präsidenten, der zur Eröffnung des Kandidatenturnier in Berlin war.

Wo war Angela Merkel? Häufig gibt es auch interessante politische Sonderbegünstigungen in anderen Ländern. Befreiung von der Schulpflicht, Vorzugbehandlungen im täglichen Leben, Mamedjarov darf zum Beispiel mit seinem Sportwagen in Azerbaidchan überall parken und nach eigenem Ermessen das Tempo anpassen. Verkehrsregeln gelten für ihn nicht. Er darf auch überall parken ohne abgeschleppt zu werden. Er meistert seine soziale Verantwortung und Vorbildfunktion mit Bravour! In Island bekamen Schachprofis lange ein stattliches Grundgehalt. Die USA haben auf internationalen Jugendweltmeisterschaften ganz andere finanzielle Voraussetzungen als die Deutschen.

Von dem Equipment und Ausstattungen des eigens gemieteten Trainingsraums können die Deutschen nur träumen. In Polen gibt es eine Exzellente Betreuung talentierter Jugendlicher durch Mentoren, niederländische Vereinsspieler sind stärker als deutsche, weil sie systematisch an ihrem Schach mit der Stufenmethode gearbeitet haben und die Talente weiter gefördert wurden. Es gibt dort meines Wissens auch keine Schachpolitiker die vom Profisport abraten, gibt es die überhaupt in anderen Ländern als Deutschland? Aronians Argument leuchtet teilweise ein. Ganz nachvollziehbar ist es dennoch nicht. Mir sind wenig deutsche Großmeister bekannt, die dem Schach völlig den Rücken gekehrt haben, und wenn, dann waren es nicht die Toptalente, die es in die Weltspitze geschafft hätten.

Als erstes muss die politische Führung eines Sportverbandes den Profisport schön reden, nicht das Gegenteil. Dadurch setzt man bei Talenten keine zusätzliche Motivation frei. Ich befürworte das Schachprofitum in Deutschland und lebe hauptberuflich als Schachtrainer recht passabel von meinen Einkünften. Für Spieler ist es natürlich etwas riskanter im Vergleich zu Trainern, aber mit 2600 ELO verdient man auf Openturnieren gutes Preisgeld. Antrittsgelder und Hotelkonditionen sind immer noch verbreitet. Man spielt in mehreren internationalen Ligen und hat dadurch ein gesichertes Einkommen. Es wird Zeit, das die Führung des DSB umdenkt und die Deutschen Profis nicht mental hängen lässt. Die Situation der Schachprofis in Deutschland muss verbessert werden und das ist vor allem die Aufgabe der DSB Führung.

Die Jugendlichen haben andere Interessen und wenig Zeit für Training. Der Stellenwert des Schach in der Gesellschaft sollte aufpoliert werden. Auf der einen Seite rühmen sich viele mit cleveren dem Schach entnommenen Wortjargon wie “Remis, Pattsituation, Bauernopfer” etc. auf der anderen Seite meinen Alle, das Schach kein Geld kosten sollte. Die Werbewirksamkeit von Schach wird aufgrund des in Deutschland misshandelten Schach-Starkults nicht monitär wirksam für die Profis umgesetzt.

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2 thoughts on “Warum gibt es keine Top-Spieler aus Deutschland?

  1. Kein Konzept, Personalwechsel ohne Ende, Inkompetenz, Machtgerangel, vergaulen von Mäzenen, erschreckender Zustand der Vereine, keine Basisarbeit–Was erwarten Sie denn da?

  2. Als eher einfach gestrickter Charakter würde mir ein Tagesaufmacher entgegen kommen, der eine Tabelle (!!) und die aktuellen Ergebnisse beinhaltet, vielleicht noch ein paar Kommentare der Spieler dazu (die dürfen doch sprechen, oder?) und ein Ausblick auf die kommende Runde. Statt dessen sehe ich allenthalben unterbelichtete “tatort”-Fotos, die illustrieren, wie “cool” doch dieser Spielort sei – ist aber völlig schnuppe, wichtig ist auf dem Brett. Übrigens waren wirre Stories und hach so “moderne” Bilder wie diese Hauptgrund dafür, keinen “tatort” mehr zu gucken. Also: weniger Architektur und mehr Kampf am Brett!

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