Grenke Chess Classic insgesamt

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Der Schachticker hatte jeweils die Rundenberichte von Georgios Souleidis übernommen, aber hinterher – zum Ruhetag schaffte ich es nicht – bietet sich auch ein eigener Turnierbericht bzw. eher Rückblick an. Diesmal nicht “Runde für Runde”, sondern “Spieler für Spieler”. Ich sortiere sie dabei zunächst so, wie sie im Vergleich zur eigenen Elozahl abgeschnitten haben – bei einem inhomogenen Teilnehmer(innen)feld sieht diese ‘Tabelle’ etwas anders aus als der offizielle Endstand: Bluebaum +14, Caruana +13, Vitiugov +5, Hou Yifan +1, Vachier-Lagrave -2, Aronian und Meier -3, Carlsen -4, Naiditsch -5, Anand -16. Das ist natürlich nicht das Ergebnis im Turnier – es wurden ja nur oder immerhin neun Runden gespielt – sondern der jeweilige Elogewinn oder -verlust. Nach dieser Wertung gab es einen Zweikampf um den Turniersieg, dann sieben Spieler recht dicht beieinander und einer abgeschlagen Letzter.

Pokal und (offenbar geheimes) Preisgeld wurde allerdings nach Punkten im Turnier verteilt: Caruana 6.5/9, Carlsen 5.5, Aronian, Vitiugov, MVL 5, Bluebaum 4.5, Anand, Hou Yifan, Naiditsch 3.5, Meier 3. Und im weiteren Verlauf beginne ich doch mit dem Turniersieger, der auch das Titelbild bekommt. Dieser “Pokal” (Hommage an Viktor Kortschnoi?) ist schön Reisegepäck-freundlich, der im Open war grösser – aber Vincent Keymer und seine Vorgänger (u.a. Vitiugov) haben wohl auch noch keine so große Sammlung und damit noch mehr Platz in einer Vitrine im Wohn- (oder Kinder-)Zimmer.

Da der Schachticker Fotos von Georgios Souleidis bereits hatte, verwende ich nun Fotos von Fiona Steil-Antoni aus den englischsprachigen Berichten auf der Turnierseite.

Caruana fasste sein Turnier hinterher so zusammen: “Ich war nach dem Kandidatenturnier durchaus ausgebrannt, aber ich hatte das nötige Glück und habe meine Chancen genutzt”. Das reichte für den Turniersieg, gar mit Vorsprung, da andere Weltklassespieler eher nicht überzeugen konnten oder jedenfalls nicht glänzten – weder der ebenfalls direkt vom Kandidatenturnier angereiste Aronian, noch Carlsen oder MVL und Anand erst recht nicht.

Gleich in der ersten Runde gab es eine Vorschau auf das WM-Match im November, links natürlich Caruana mit Weiß. Diese Partie ging “tendenziell” an den Spieler, der im Alphabet permanent und in der Weltrangliste jedenfalls bis auf weiteres (Live-Lücke nach dem Turnier 21 Punkte) vorne liegt. Nach weissen Angriffsversuchen hatte der Italo-Amerikaner eine Bauernmehrheit am Königsflügel, und der Norweger eine im Zentrum – letzteres war, auch im entstehenden Turmendspiel, stärker. Es war für Schwarz gewonnen, aber “Endspielgott” Carlsen konnte es nicht beweisen. Zu Carlsen komme ich später noch – vorab: das war die einzige Partie, in der er einen Sieg verpasste, und einmal stand er glatt verloren und entwischte mit gegnerischer Zeitnot-Hilfe.

Caruanas erster Sieg in Runde drei – da der Gegner international nicht so bekannt ist sorgte Fiona Steil-Antoni dafür, dass beide Spielernamen auf dem Foto sichtbar sind. Mit Spanisch Abtausch wollte Georg Meier vielleicht eine ruhige Partie, mit 9.Le3 statt üblicher 9.Lxe7 kopierte er dann Arkadij Naiditsch, u.a. beim Grenke Chess Classic 2013 gegen einen gewissen Fabiano Caruana. Damals also Spanisch gegen einen Italiener – später wurde Caruana wieder Amerikaner, und Italienisch auf hohem bis höchstem Niveau “rehabilitiert”. Damals griff Naiditsch an, Caruana stand zwischenzeitlich sehr schlecht aber konnte dann den gegnerischen Angriff neutralisieren – am Ende stand sein schwarzer König auf d4 sicher, und der weisse auf g3 nicht, also 0-1. Was Naiditsch diesmal gegen Caruana anstellte, dazu komme ich gleich.

Zurück zu Meier-Caruana 0-1: Diesmal griff Caruana selbst an: 10.-g5!? war in genau dieser Stellung neu, ist aber in ähnlichen Strukturen ein bekanntes Rezept, wenn Weiß bereits kurz rochiert hat und Schwarz noch nicht. Das Engine-Urteil pendelte zwischen “Schwarz steht klar besser” und “objektiv ausgeglichen”. 27.Da5 und 28.Dxa6 war objektiv völlig falsch, aber Meier bekam noch eine Chance: 32.Da5 nebst 33.Dd2, und das konnte er vielleicht halten. So wie er fortsetzte, bekam Caruana wieder und nun definitiv vernichtenden Königsangriff – insgesamt ein durchaus schöner und dabei “durchwachsener” Caruana-Sieg. Der weisse König beklagte sich vielleicht bei seiner Königin: “Warum gehst Du auch am Damenflügel einkaufen, ich brauchte Dich!!”.

Tags darauf Caruana-Naiditsch 1-0 – das war, obwohl Naiditsch ja beim Kandidatenturnier fehlte, ein Anti-Berliner. Zunächst war eher wenig los, die entscheidende Partiephase kann man unterschiedlich beschreiben. Caruana-freundlich: er konnte seinen Gegner bei reduziertem Material (noch Damen und Springer auf dem Brett) überspielen. Meine These: Naiditsch machte mal wieder den Naiditsch, unternahm in ausgeglichener Stellung unberechtigte Gewinnversuche und verlor. Caruanas eigene Version: statt einfach den status quo beizubehalten, suchte Naiditsch nach einem forcierten Remis und “fand” dabei den Weg zu einer Niederlage.

Stand zwischen Caruana und Naiditsch nun übrigens +5=4-2 aus Caruanas Sicht. Viermal trafen sie in Dortmund aufeinander (das war einmal für Naiditsch?), fünfmal bei Grenke Chess (das ist wohl nicht das letzte Mal), zweimal anderswo.

Caruana-Hou Yifan 0-1 1/2 in Runde 6: Vor der Runde lagen Caruana, MVL und Vitiugov(!) mit 3.5/5 vorne. Caruanas Konkurrenten remisierten, die Chance für ihn um die Führung im Turnier zu übernehmen? Es kam anders, die Partie erinnerte mich (mit “sie” statt “er”) an van Welys Kommentar mir gegenüber zu einem Remis in Wijk aan Zee gegen Wei Yi: “Ich wollte verlieren, er wollte remis, er hat gewonnen”. Caruana hatte vielleicht Mitleid mit Hou Yifan, die sich erwartungsgemäss schwer tat (am Ende erfüllte sie die Elo-Erwartung, nicht mehr und nicht weniger).

Hou Yifan spielte Russisch, was mit “schlau, den Gegner mit seiner eigenen Eröffnung zu konfrontieren” kommentiert wurde – dabei hatten Hou Yifan und andere Chinesen das schon vor Caruana wiederbelebt. Caruana hatte das sicher aus schwarzer Sicht analysiert/analysieren lassen, da sollte er mit Weiß aus der Eröffnung heraus doch mindestens Ausgleich erreichen? Nein, etwa ab dem zehnten Zug stand er schlechter!? Statt zu versuchen, ihren Mittelspiel-Vorteil zu nutzen, tauschte Hou Yifan fleissig Figuren und es entstand ein ausgeglichenes Endspiel – das Caruana dann misshandelte: eigentlich alles, das 34.-f5 nicht erlaubt, war besser als 34.Sd2?. Nun stand Hou Yifan konkret besser, würde es reichen?

Später gewann sie einen Bauern und hatte, offenbar als Folge von Caruanas 63.Lc6 und 64.Lb7 (nach 63.Lf7 beäugt der weisse Läufer nicht nur den schwarzen Bauern auf d5, sondern erreicht eventuell auch mal die Diagonale h7-c2), einen studienartigen Sieg. An sich logisch, dass es bei ziemlich reduziertem Material – wenn überhaupt – nur einen studienartigen Sieg gibt, und den sieht man/frau dann oder eben nicht. Hou Yifan sah es nicht, Caruana entwischte.

Samstag 7. April war dann wieder ein Caruana-Tag: MVL-Caruana 0-1, warum eigentlich? Der Franzose wurde von (1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.Sf3 Sc6 4.g3) 4.-Lb4 überrascht – so hatte Caruana noch nie gespielt (zuvor 4.-d5 oder 4.-Sd4). Sofort investierte MVL Bedenkzeit – zuerst für bekannte Züge, dann 22 Minuten für das relativ unbekannte und nicht prinzipielle 9.Dc2. Das kannte er immerhin, wenn er ein gutes Langzeitgedächtnis hat, aus schwarzer Sicht – van Wely-MVL 1/2, französische Mannschaftsmeisterschaft 2008. Der nach Elo nächste Vorgänger ist eher scheinbar hochkarätig – Ljubojevic-Karpov 1/2 aus einem nostalgischen Blitzturnier 2017. Noch stand MVL nicht schlechter, schnell war es dann der Fall – 18.a4 kombiniert mit 19.Tac1 war ziemlich suboptimal. Später ein leicht erscheinender Caruana-Sieg mit Schwarz, wohl da es leicht war – erst fand er ab 19.-g5 einige Angriffszüge, dann kassierte er mit 26.-Dxa4 den vernachlässigten weissen Bauern und der Rest war weisse Agonie.

Hinterher ein gut gelaunter Caruana beim Livekommentar – generell erschienen da Sieger, bei Remispartien beide.

Der Rest aus Caruanas Sicht unter dem Motto “ich wollte Remis, einmal habe ich aus Versehen nochmal gewonnen”. Ein Weißremis gegen Aronian erzielte er mit dem (nur) in diesem Sinne prinzipiellen 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.Te1!!, und dann die Schlussrunde gegen Vitiugov, der weiterhin im Rennen um den Turniersieg war, dafür allerdings nun einen Weissieg brauchte.

Hier muss allerdings Vitiugov Caruana zum Sieg gratulieren, was war passiert? Caruana spielte mal wieder Russisch, der Russe fand dagegen nicht die richtigen Mittel. Kurz zu russischer Eröffnungstheorie und -praxis: die alten Hauptvarianten mit (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4) 5.d4 gelten als remislich (wobei es da auch noch Neuland gibt), 5.Sc3!? verdarb z.B. Kramnik die Lust an Russisch mit Schwarz ist aber wohl inzwischen auch entschärft. Vitiugov versuchte, wie zuvor Landsmann Grischuk in der letzten Runde des Kandidatenturniers, 3.d4 und beide standen schnell schlechter. Diesmal lag es wohl eher nicht an Caruanas (bzw. Kasimdzhanovs) Neuerung 5.-Dd7 – optisch kurios aber eine Engine-Empfehlung – sondern daran, dass Vitiugov später in einer “un-russischen Struktur” (auf diese Eröffnung würde man nach 11 Zügen eher nicht tippen) den falschen Plan wählte.

Analogie zum Kandidatenturnier neben auch damals Russisch mit 3.d4: den vollen Punkt brauchte Caruana ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr. In Berlin hatte er in unverlierbarer Gewinnstellung auf ein Remisangebot verzichtet, in Baden-Baden (und zuvor Karlsruhe) durfte man erst ab dem 40. Zug remis anbieten – und nach seinem 40. Zug wartete Vitiugov nicht auf ein eventuelles Remisangebot sondern gab auf.

Damit für Vitiugov nur Platz drei – geteilt im Turnier, alleine in meiner Nachlese. Caruana wurde so Erster bei Grenke Chess und Zweiter in der Weltrangliste (jedenfalls live, unklar ob die US-Meisterschaft mit letzter Runde am 30.4. für die Mai-Liste ausgewertet wird, unbekannt natürlich derzeit wie Caruana in St. Louis abschneiden wird).

Matthias Bluebaum begann mit einer glatten Weissniederlage gegen Vitiugov und verbesserte sich insgesamt auf 50%, da er mit einer Ausnahme danach solide spielte und noch eine Partie gewann. Auch zu ihm turnierchronologisch, also erst die Ausnahme:

Naiditsch-Bluebaum 1-0 1/2 – das Foto natürlich früh in der Partie in Runde 5, Bluebaum oft in dieser Konzentrationspose, später war es nachvollziehbar(er). Naiditsch wollte es kurz danach mit 8.Tg1!? Sc6 9.g4!? wissen – gab es das eigentlich bereits? Ja, vor kurzem beim Tal Memorial 2018 in der turbulenten Blitzpartie Grischuk-Kramnik 0-1 1-0, zuvor hatte im letzten Jahrtausend (1972) selbst der Namensgeber Mikhail Tal erst die kurze Rochade vorbereitet und ausgeführt und dann angegriffen. Bluebaum konnte das zunächst neutralisieren, dann der völlig falsche Bauerngewinn 19.-Lxd3 20.Lxd3 Txf3 21.De2 Tf8 22.Dh5 – so aktivierte er die weissen Figuren, Läufer (der zuvor auf e2 stand, da er eben irgendwo stehen muss) und Dame!

Mit 23.Txg7!?? spielte Naiditsch für die Galerie – völlig falsch war das nicht, aber es gab einfachere und opferfreie Wege zu klarem Vorteil. 4 1/2 Minuten für 23.Txg7, 25 Sekunden für 24.0-0-0 und nach 24.-Tf7! 28 Minuten für 25.Tg1+ – hier bemerkte er offenbar, dass es doch nicht schnell und forciert Matt wird. Nach späterem Damentausch wurde es dann nicht Matt, immerhin hatte Naiditsch noch ein jedenfalls klar besseres Endspiel – das er dann allerdings nicht gewinnen konnte. Zu dieser Partie könnte man sagen: Naiditsch wollte gewinnen, Bluebaum wollte verlieren, es wurde Remis.

Tags darauf dann wohl der Höhepunkt von Bluebaums Turnier, und der Tiefpunkt für seinen Gegner:

Bluebaum-Anand 1-0! kommentierte der Sieger hinterher mit “er hat wohl irgendwo gepatzt”. Es schien früh remislich, dann Anands 19.-Ld5?! (objektiv sicher “?”). Was der Ex-Weltmeister dabei übersehen hatte, ist nicht ganz klar, da er danach recht schnell spielte und selbstsicher wirkte (Pokerface). Aber es kostete letztendlich eine Figur – auch wenn Bluebaum noch genaue Züge finden musste, um seine Mehrfigur zu verwerten.

In der letzten Runde überstand Bluebaum auch ein Theorieduell gegen Aronian – der diese Variante zwar offenbar besser kannte (Stand auf der Uhr nach dem 41. Zug 2:13-0:53) aber es blieb dabei: das seltene 13.-Dxc3 ist wohl remis, nach zuvor dreimal Wojtaszek und zweimal Morozevich konnte auch Bluebaum es beweisen.

Wie gesagt, Elo +14 für Bluebaum. Chess24 erwähnte, dass “ihr” Jan Gustafsson dennoch weiterhin Nummer zwei in Deutschland ist, das liegt an Bluebaums zuvor schlechtem Ergebnis beim Aeroflot Open (4/9, =8-1 gegen durchweg etwa 100 Elopunkte schwächere Gegner kostete ihn 18 Elopunkte). Zuvor spielte er in der B-Gruppe in Wijk aan Zee “digitaler” (6.5/13, +3=7-3) und das kostete ihn 5 Elopunkte. Ebenfalls mit Bezug zu chess24: Robin van Kampen erwähnte, dass er (nach eigener Aussage “semi-retired”) nun in der top100 angekommen ist. Im Gegensatz zu Gusti macht er keinen schachlichen Urlaub (Bangkok-Open), aber spielte – teils unterklassig – Mannschaftskämpfe in vielen Ländern (Niederlande, Deutschland, England, Island, Belgien, Spanien). Er ist nun in den Niederlanden Nummer 3, beide dabei wohl eher kein Kandidat für die jeweilige Nationalmannschaft. Zurück zu Grenke Chess:

Nikita Vitiugov wurde zweimal individuell fotografiert:

Runde 1

Runde 2. Trotz deutlicher Fortschritte dachte Fiona Steil-Antoni dann vielleicht “der will nicht fotografiert werden”. Runde 1 und 2 waren auch seine Erfolgserlebnisse im Turnier – plötzlicher und glatter Sieg gegen Bluebaum, dann Sieg gegen Meier. Letzterer vielleicht eröffnungspsychologisch interessant: nach 1.e4 e6 2.d4 d5 das relativ seltene und mit nicht allzu gutem Ruf behaftete 3.e5. So wollte Vitiugov, der selbst mit Schwarz Französisch spielt, Meier vielleicht auf dem falschen Fuss erwischen – auf jeden Fall verhindert es radikal 3.-dxe4. Später gewann er im Endspiel.

Die weiteren Runden dann, bis auf die letzte, solide. Gegen Carlsen war er ab einem gewissen Zeitpunkt mit seinem eigenen Spiel unzufrieden, aber es blieb in der Remisbreite – vielleicht auch, da Carlsen nicht energisch genug nachsetzte.

Am Ende die Niederlage gegen Caruana, und damit wohl vorläufig keine weiteren Superturnier-Einladungen – es sei denn, er kann sich wieder qualifizieren (oder ein Organisator irgendwo betrachtet Nikita als weiblichen Vornamen).

Hou Yifan am Ende ganz leicht im Eloplus. Gegen Carlsen verlor sie im Endspiel (das kann sie nicht nur gegen Carlsen), gegen MVL verlor sie ebenfalls den Faden. Danach zeigte sie, dass sie gegen Weltklassespieler auch erfolgreich auf Remis spielen kann – und die verpasste Chance gegen Caruana. Zur Erinnerung: Letztes Jahr gewann sie zu Beginn gegen einen schlecht spielenden Caruana, und dann auch gegen den (mit ihr) nominell etwa gleichwertigen Georg Meier. Danach spielte sie mit Weiß gegen Carlsen auf Remis, stand aus Versehen besser und wickelte schnell zum Remis ab – schon begannen Jubelarien, am Ende wurden es damals 50%.

Für Maxime Vachier-Lagrave schien im Turnierverlauf mehr drin, bis zur Eröffnungskatastrophe gegen Caruana – wobei er mit seinem unternehmungslustig-kreativ-riskanten Spiel auch zuvor gegen Naiditsch und in der Schlussrunde gegen Meier jedenfalls schlechter stand, und sich gegen Vitiugov nach frühem Bauernopfer präzise verteidigen musste. Auf der Habenseite Siege gegen Anand und

Hou Yifan, die in ausgeglichener Stellung den Faden verlor

Natürlich spielte er auch mal wieder gegen Aronian, diesmal konnte er ihn in einem Anti-Marshall mit dem taktischen Motiv 19.Sxe6 usw. überraschen. Aber nach langem Nachdenken (30 Minuten) fand Aronian den Gegentrick 21.-Txf3 und es blieb ausgeglichen mit späterem Remis.

Levon Aronian mit relativ neuem Look – recht glatter Sieg gegen Naiditsch und acht Remisen war jedenfalls besser als im Kandidatenturnier.

Zu Georg Meier offenbar kein individuelles Foto. Für ihn war im Turnier mehr drin – verpasste Chancen nicht nur gegen Carlsen, sondern eventuell auch Anand und Vachier-Lagrave, und die Niederlage gegen Naiditsch war “unnötig”. So wurde es der letzte Platz – Elo minus drei zeigt, dass er damit rechnen konnte.

Und jetzt Magnus Carlsen. Zu Beginn verpasster Sieg gegen Caruna und geschaffter Sieg gegen Hou Yifan. Bluebaum konnte ihn mit Weiß neutralisieren, dann hatte er selbst Weiß gegen MVL und erreichte auch nichts. Und dann Runde 5:

Meier-Carlsen 1-0! 1/2 – Carlsen versuchte es mit der Brechstange, landete in einer Verluststellung und profitierte dann von gegnerischer Zeitnot. Im 39. Zug hatte Meier mehrere Gewinnwege, fand keinen und spielte dann mit Sekunden auf der Uhr “im Stile von Anish Giri” das ausgleichende 39.Ta1. Warum landete Georg Meier in extremer Zeitnot? Einen Moment viel früher in der Partie kann man eventuell kritisieren – 23 Minuten für 11.Sbd2 war viel!? Alternativen waren 11.Sc3 und vielleicht noch einige andere Züge, welche Nuancen er lange untersuchte müsste man ihn selbst fragen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er dabei nicht ahnen, dass die Stellung später explodieren sollte.

Ich zeige Carlsen noch bei Pressekonferenzen:

Runde 6 mit Aronian – gehaltvolles Remis mit Feinheiten bereits in der Eröffnung. Hier mit Gastherr Peter Leko.

Runde 7 Carlsen alleine bzw. eingerahmt von Leko und Gustafsson – also hatte er gewonnen, und zwar gegen Naiditsch. Zu dieser etwas chaotischen Partie sagte er “schlechte Partie, guter Punkt”. Danach konnte er mit Sieg in Runde 8 gegen Vitiugov eventuell doch noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. “Carlsen hat da den Sieg verpasst” ist, soweit ich es beurteilen kann, eine Carlsen-freundliche Version – Vitiugov musste sich wohl noch weitere Ungenauigkeiten leisten, um diese Partie zu verlieren (passierte natürlich anderen Spielern – für Vitiugov war es die erste Partie gegen Carlsen – bei anderen Gelegenheiten).

Nicht die erste aber nach derzeitigem Stand die letzte Pressekonferenz zusammen mit Vishy Anand nach der letzten Runde [gilt natürlich auch für Carlsen und Aronian, geht also auch ohne WM-Matches]. Beide gut gelaunt, unter Siegzwang spielte Carlsen (wie beim vorletzten Kandidatenturnier Caruana gegen Karjakin) den Richter-Rauser-Sizilianer – Anand kannte das, auch wenn er hier und heute damit gar nicht gerechnet hatte. Ein Duell auf Augenhöhe endete Remis, für Vishy ein versöhnlicher Abschluss eines katastrophalen Turniers.

Arkadij Naiditsch nach persönlicher Elobilanz fast gleichauf mit Carlsen, also weniger Punkte als der Norweger. Oft gab er Vollgas, am Ende ein Sieg gegen Georg Meier (der in Zeitnot übel patzte) sowie Niederlagen gegen Aronian, Caruana und Carlsen. Mit der Weltspitze kann er generell eben nicht mithalten – Ausnahmen bestätigten die Regel vor seinem Verbandswechsel, gab es Ausnahmen nach seinem Verbandswechsel? Elo minus fünf hat insofern Folgen, dass er aktuell nun 2697 hat und das ist <2700 – noch nicht definitiv für die Mai-Liste, siehe unten unter “Wie geht es weiter?”.

Einen habe ich noch:

Das Foto des etwas skeptisch dreinblickenden Vishy Anand stammt aus Runde eins. Gegen Hou Yifan wurde auch er vom frühen g4-Virus angesteckt, hier im 7. Zug, und musste danach eine Stellung mit Minusqualität halten, was er schaffte. Im weiteren Verlauf dann ein sehr enttäuschendes Turnier, damit momentan Nummer 13 der Weltrangliste – Nummer 12 Aronian hat er “unterholt”. Schaffen beide es wieder in die top10? Damit ist zu rechnen, auch wenn da nur Platz für zehn Spieler ist.

Noch ein paar Bilder:

Der Turniersaal für die ersten drei Runden in Karlsruhe – hinten auf der Bühne die Weltklassespieler, vorne die Teilnehmer des Opens die es vielleicht noch werden wollen (unklar, aus welcher Runde dieses Foto stammt und damit, ob Vincent Keymer auf der Bühne spielt)

Etwas andere Atmosphäre ab Runde vier in Baden-Baden

Das Spielerhotel im inzwischen frühlingshaften bis vorsommerlichen Baden-Baden

Und ein abschliessendes Gruppenfoto, Wolfgang Grenke da hinten zwischen (diese Saison) Brett 3 und 1 seiner Baden-Badener Bundesligatruppe. Wenn sie nächste Saison wieder strikt nach Elo aufstellen, bekommt MVL nach derzeitigem Stand Brett 2 vor Aronian, auch wenn dieser mit roter Hose hier auffällt. Wird Matthias Bluebaum demnächst erneut den Bundesliga-Verein wechseln, nun ohne den Sponsor zu wechseln – also von Deizisau nach Baden-Baden? Zu diesem “Wie geht es weiter?” von mir keine Prognose. Vincent Keymer nimmt sich Bedenkzeit, ob er nächstes Jahr auf diesem Gruppenfoto auftauchen wird – Wechsel von Deizisau nach Baden-Baden (wenn überhaupt) vielleicht in ca. fünf Jahren.

Und wie geht es demnächst weiter? Für Caruana schon in einer Woche mit der US-Meisterschaft, Carlsen spielt dann parallel beim Gashimov Memorial. Andere haben vielleicht Zeit für das abschliessende Bundesliga-Wochenende, wobei Vitiugov die russische Meisterschaft ab 1. Mai erwähnte. Naiditsch hat vielleicht keine Zeit für einen Zwischenstop in der neuen Heimat Baku, da er ab Freitag dem 13.4. ein Open in Sharjah spielt (da ist er Nummer fünf der Setzliste, Teilnehmerliste hier). Nächstes Superturnier mit mehreren Teilnehmern desjenigen, das gerade vorbei ist, ist Norway Chess Ende Mai/Anfang Juni.

 

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