Maghsoodloo dominiert Sharjah Masters

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Das ist nicht mehr topaktuell – letzte Runde war am 19.4. – und anderswo wurde das Sharjah Masters, da im Schatten von Superturnieren, kaum erwähnt. Aber wenn ich mir einen Beitrag vorgenommen und dazu bereits recherchiert habe, bringe ich ihn eventuell auch verspätet.

Zunächst ohne weitere Vorrede der Endstand im Turnier: Maghsoodloo 8/9, Safarli und Wang Hao 7, Sethuraman, Artemiev, Kryvoruchko, Iturrizaga, Inarkiev, Eljanov, Naiditsch, Adhiban, Adly, Jumabayev, Mareco 6.5, usw. (117 Teilnehmer). Sechs Spieler hatten Elo mindestens genau 2700, fünf davon sind bereits erwähnt, einer fehlt noch. Gewonnen hat allerdings die Nummer 20 der Setzliste, und zwar souverän – der junge Iraner Parham Maghsoodloo hatte vor dem Turnier Elo 2615, Runde für Runde wurde es mehr mit Saldo am Ende +28.

Vom Namen her war er mir ein Begriff, aber das ist sicher sein bisher grösster Erfolg – ob damit ein neuer Star und zukünftiger Weltklassespieler geboren wurde wird die Zukunft zeigen. Punktgleiche Spieler nach Buchholz sortiert, auch in Sharjah war offenbar jeder halbe Buchholzpunkt preisgeldrelevant – Sethuraman bekam wohl 6000$, Adly noch 700$, Jumabayev (0,5 Punkte weniger als Adly nach zweiter Buchholzwertung) und Mareco (0,5 Buchholzpunkte dahinter in der ersten Wertung) bekamen gar nichts. Auch zwischen Safarli (10.000$ für Platz zwei) und Wang Hao (7000$ für Platz drei) war es knapp, knapper ging nicht. Maghsoodloo bekam natürlich absolut zurecht 15.000$ nebst Pokal.

Die Turnierseite hat derlei Infos, viel mehr nicht. Fotos von Adeeb Zehrawi fand ich – etwas ungewöhnlich – auf chess-results. Das Titelfoto natürlich für Maghsoodloo – rechts neben ihm ist Arkadij Naiditsch zwar (dezenter und) besser gekleidet und wirkt auch sportlicher, dennoch gewann der Iraner.

Zum Turnierverlauf: Nach 4 Runden hatten noch drei Spieler 100% – Maghsoodloo, Sethuraman und Safarli. Der Iraner war bereits einmal nach Elo in der unteren Hälfte seiner Gruppe punktgleicher Spieler und hatte damit bereits den ersten Skalp erobert – Sieg in Runde 4 gegen Artemiev! Die Eröffnung (g3-Grünfeldindisch, von Schwarz -c6 und -d5) “passte” nicht unbedingt dazu, aber später bekam Weiß (Maghsoodloo) nach und nach Raumvorteil und daraus wurde, langsam und geduldig vorbereitet, Königsangriff.

Da ich Maghsoodloo bereits hatte, zeige ich nun Artemiev – vorne links an Brett 3 in Runde 1 (den Namen seines chinesischen Gegners Zhu Yilun muss man sich nicht unbedingt merken, aber auch er wurde fotografiert). Ganz hinten ein bekannterer Chinese, Elofavorit Wang Hao.

Runde 5: Noch spielte Maghsoodloo nicht am Spitzenbrett – das war Sethuraman-Safarli 1-0. In einem Franzosen rochierte Weiß lang, Schwarz kurz. Königsangriff hatte sich nach Damentausch scheinbar erledigt, dann bekam Weiß im Endspiel doch eine Art Königsangriff.

Wang Hao – Maghsoodloo 0-1! unter ähnlichen Vorzeichen. Zunächst griff Weiß an, auch in dieser Partie dann Damentausch. Später stand Weiß trotz einem, zeitweise gar zwei Bauern weniger nicht schlechter. Im Endspiel unterschätzte der Elofavorit wohl die schwarzen e- und f-Bauern. Daraus wurde zwar kein Freibauer, aber zusammen mit seinen aktiven Figuren (Turm auf der zweiten oder ersten gegnerischen Reihe, Sd3, relevanterer der ungleichfarbigen Läufer) brachte es Schwarz entscheidenden Königsangriff.

Runde 6:

Durch seinen Sieg tags zuvor durfte nun Sethuraman am Spitzenbrett gegen Maghsoodloo verlieren – beide hier aus ungewöhnlicher Perspektive fotografiert. Auf diesem Foto erkennbar, dass Schwarz einen Doppelbauern auf der c-Linie hat, wie kam es dazu? 11.Lg2xc6!? war ein Zug aus der Rubrik “mit Weiß würde ich das eher nicht machen, mit Schwarz würde ich es durchaus befürchten”. Ich mag das Läuferpaar, und einen Fianchettoläufer tauscht man nicht ohne weiteres gegen einen Springer. Ganz leicht fiel beiden die Entscheidung nicht: 10.Se1 (vorbereitend) nach 11 Minuten, 10.-Le6 nach acht Minuten (zuvor spielte Schwarz hier u.a. 10.-Ld7), 11.Lxc6!? nach ebenfalls acht Minuten.

Später belagerte Weiß den Bauern auf c5 und eroberte ihn, ohne dass es ein Mehrbauer war. Aber im Schwerfigurenendspiel mit noch Damen und Türmen stand er besser. Die Entscheidung durch einen kleinen Trick: 37.Dc4 Kh7 38.Dc2+ Kg8 39.Dc3 Kh7 40.Dc4 Kh8 41.Df7 und nun spielte Schwarz wieder 41.-Kh7? aber hier war es falsch! Es kostete einen Bauern, und aus einem Damenendspiel mit weisem Mehrbauer wurde kurz danach recht forciert ein Bauernendspiel mit weissem Mehrbauern – das war trivial gewonnen. Hin und her gezogen wurde zuvor übrigens nicht, um die Zeitkontrolle zu erreichen – in Sharjah gab es 90 Minuten für die gesamte Partie und 30 Bonussekunden ab dem ersten Zug.

Sethuraman zeige ich nochmals individuell, und auf dem nächsten Foto vier Spieler:

Naiditsch erkennt der Leser vielleicht auch aus dieser Perspektive, seinen Gegner nicht unbedingt. Naiditsch-Kovalev 1-0 – diese Partie wird es (auch mit anderer Farbverteilung und eventuell anderem Ergebnis) in Dortmund wohl nicht geben: zwar hat sich der Weißrusse Vladislav Kovalev als Aeroflot-Sieger qualifiziert, aber Arkadij Naiditsch hat sich anscheinend mit seinem Verbandswechsel disqualifiziert. Fotografiert wurde die Partie im entscheidenden Moment: Kovalev spielt gerade (23.e5) 23.-Se8, und nun hatte Naiditsch den Hebel 24.a5! durch den er einen starken Freibauern auf b7 bekam. Kovalev gab dafür dann eine Figur und dachte vielleicht “drei Bauern sind ausreichende Kompensation”, landete jedoch in einer Fesslung die noch eine Qualität kostete – für netto einen Turm waren die Bauern keine ausreichende Kompensation.

Kovalev verlor später auch gegen Adly und hatte insgesamt ein Elo-neutrales Ergebnis – nach +17 bei Aeroflot und direkt danach -19 bei der Europameisterschaft. Auch Maghsoodloo hat vielleicht demnächst wieder schlechte und normale Ergebnisse, aber nun ist er wieder dran:

Runde 7 Jones-Maghsoodloo 0-1: In einem Rossolimo-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) opferte Weiß mit 18.d4!? einen Bauern – wohl damit der schwarze Lb7 dauerhaft ein Bauer hinter seinem eigenen Bauern auf c6 bleibt. Aber das war nicht permanent – mit 23.-c5! gab Schwarz den Bauern zurück und nun kontrollierte der Läufer die gesamte Diagonale. Aus weisser Sicht führte es zu Qualitätsverlust und dann wurde es noch schlimmer. Maghsoodloos vierter Sieg in Serie – bzw. insgesamt der siebte aber in den ersten drei Runden war er Elofavorit. Das reichte dann, wobei er nicht “den Ganguly machte” – das war zuvor nebenan in Dubai.

Sethuraman-Naiditsch 1-0 im Königsangriff, nachdem Schwarz das falsche Feld für seinen Turm wählte: auf 26.Lxh6 spielte Naiditsch nach elf Minuten 26.-Th8? – falsch, richtig und ausgeglichen war 26.-Tg8. Nach 33.Txg6+! gab Naiditsch dann auf – es war kein Turmeinsteller, 33.-Txg6 scheitert an 34.Sf5# aber andere Züge hatte Schwarz nicht.

Naiditsch hatte bereits in Runde 3 erstaunlich glatt gegen Jungstar Abdusattorov verloren und punktete insgesamt fleissig genug um a) seine Elozahl genau zu verteidigen b) 1000$ Preisgeld zu erhalten. Etwas Glück oder wenn man so will Geduld war dabei: in Runde 5 stand ein anderer Inder, FM Erigaisi Arjun, gegen Naiditsch erst sehr gut, dann war das Endspiel ausgeglichen, dann patzte er. Auch Naiditschs Sieg in Runde 8 gegen den Filipino IM Dimakiling erst tief im Schwerfigurenendspiel – zumindest das eventuell aus der Rubrik: wenn man nominell unterlegene Gegner nicht anders besiegen kann, dann eben so. Direkt neben Maghsoodloo sass Naiditsch in Runde 6 und 7, ihm gegenüber nie.

Runde 8 mit Maghsoodloo-Safarli 1/2 – wieder stand der Iraner gut, aber ein Mehrbauer im Leichtfigurenendspiel reichte nicht zum Sieg. Wang Hao-Sethuraman 1-0 (positionell)

Wang Hao in den ersten vier Runden standesgemäss am Spitzenbrett, hier Runde 3 gegen den Iraner Tabatabaei (diesmal durch insgesamt drei Niederlagen gegen erfahrene GMs – danach Jones und Jumabayev – im Elosoll).

Runde 9: Maghsoodloo brauchte sicherheitshalber noch ein Remis für den Turniersieg, das bekam er gegen Kryvoruchko. Wobei früh recht klar wurde, dass er es nicht unbedingt brauchte: Remis im Verfolgerduell Safarli-Wang Hao zeichnete sich früh ab, Safarli ging mit 5.Te1 gegen die Berliner Mauer auf Nummer sicher, und alle anderen (auch Kryvoruchko) hatten zuvor bereits mindestens anderthalb Punkte Rückstand auf Maghsoodloo.

Safarli (der offenbar nicht fotografiert wurde) und Wang Hao wussten nicht, dass niemand anders Platz zwei teilen würde – aber alle vier Partien zwischen Spielern mit zuvor 6/8 endeten dann remis. Wertung zwischen den beiden war reine Glückssache, zu ihren Turnieren: Safarli hatte (s.o.) gegen Sethuraman verloren, aber nicht gegen Maghsoodloo. Wang Hao machte fast alles richtig, bis auf die eventuell vermeidbare Niederlage gegen Maghsoodloo. Alle Spieler mit am Ende 6.5/9 kann ich nicht besprechen, Naiditsch hatte ich bereits. Wang Hao, Kryvoruchko, Artemiev, Naiditsch und Eljanov konnten Elo knapp über 2700 verteidigen, wobei Naiditsch zuvor bei Grenke Chess einige Elopunkte verloren hatte und live-aktuell 2697,3 hat – wenn er entsprechende Pläne haben sollte, wäre nun bzw. nach Veröffentlichung der Mailiste der Moment für einen Verbandswechsel (weniger “compensation fee” an Aserbaidschan). Bassem Amin machte, wie zuvor auch beim Dubai Open, einiges falsch und stürzte insgesamt ab von Elo genau 2700 auf 2671,4.

Zum Abschluss nochmals Bilder:

Sheikhs gehören bei arabischen Turnieren dazu.

Turniersaal gehört immer dazu.

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