Ob die terminliche Überschneidung mit der Chess Tour Absicht war, dazu habe ich nicht recherchiert – derzeit läuft ja auch noch ein Schnellschach-Match zwischen Navara und Harikrishna (Ersatz für Ding Liren) in Prag. So können Spieler, die nicht ganz top10 sind, auch Schach spielen, und das ohne allzu große Medienresonanz. In beiden Fällen hat das Heimatland einem Spieler so ein Match spendiert-ermöglicht, für Navara ist es ja langjährige Tradition. In China braucht vor allem Yu Yangyi derlei, da er sonst nur in einigen Opens auf Weltklassespieler trifft – Ding Liren bekommt inzwischen entsprechende Einladungen anderswo, Wei Yi bekam sie auch, Hou Yifan bekommt sie reihenweise.

Das Match Svidler-Yu Yangyi war einerseits ausgeglichen – im Schnellschach gewann Svidler, beim Blitzen Yu Yangyi. Andererseits war es doch nicht ausgeglichen, da Svidler im Schnellschach klarer gewann (6-2) als Yu Yangyi im Blitzschach (6.5-3.5) und da die Schnellpartien doppelt zählten. In beiden Disziplinen hat ein Spieler (der Leser kann sich denken, wer es jeweils war) plötzlich reihenweise Partien gewonnen, die sein Gegner demnach verlor – gerade bei verkürzter Bedenkzeit und mehreren Partien am selben Tag mit nur kurzen Pausen dazwischen kann so eine Dynamik entstehen.

Fotos eher spärlich, die beiden in diesem Artikel habe ich beim russischen Schachverband gefunden, der hat sie allerdings von chinesischen Quellen die vor Ort in Shenzhen einen Fotografen hatten. Auf dem ersten Foto zumindest ansatzweise erkennbar, dass im Hintergrund auch andere Schach spielten, aber dazu habe ich nicht recherchiert. Und nun ein paar Worte zu allen achtzehn Partien: Welche Eröffnungen wurden gespielt? Teils waren diese für Gegner und Publikum nicht überraschend, im Blitz dann teilweise durchaus – da wird gerne auch mal experimentiert. Welche Endspiele haben sie geübt und auch mal misshandelt? Wie oft fiel die Entscheidung im Mittelspiel? Es war teilweise turbulent, das “Beste” haben sich die Spieler für die allerletzte Blitzpartie aufgehoben, aber der Reihe nach:

Schnellschach 1. Partie Yu Yangyi – Svidler 1-0 – Grünfeld mit Sf3 und Le3, weisser Sieg durch Mattangriff im Endspiel. Bzw. es war ein Mattangriff auf den schwarzen Lf8, der da ausharren musste und ersatzlos verloren ging (46.-Lh6 behielte allerdings den Läufer aber verliert nach 47.Se7# sofort den König). Es begann also gut für den Chinesen, aber so ging es nicht weiter.

Schnellschach 2. Partie Svidler – Yu Yangyi 1/2 – Englisch mit wechselnden Materialverhältnissen (Schwarz hatte erst Turm und zwei Bauern für zwei Leichtfiguren, dann Turm gegen Läufer und Bauer), Remis im Endspiel.

Schnellschach 3. Partie Yu Yangyi – Svidler 0-1 – wieder Grünfeld mit Sf3 und Le3, bis 17.0-0 wie in der ersten Partie, dann 17.-Ld7 statt 17.-La6. Das Endspiel war lange ausgeglichen, dann konnte Schwarz Grünfeld-typisch seine Bauernmehrheit am Damenflügel verwerten – Weiß hatte dabei etwas geholfen. Zur Eröffnung noch dies: Zur gewählten Variante sagte/schrieb Svidler vor einigen Jahren in Video und eBook “9.0-0 ist möglich … es gab eine Reihe neuerer Entwicklungen – derzeit bin ich mir nicht sicher, dass Schwarz ausgleichen kann” (stattdessen empfahl er 9.-Sc6 nebst frühem Endspiel). Dass Svidler nicht mehr auf Svidler hörte kam für Yu Yangyi allerdings auch wieder nicht überraschend – er hat seine Meinung wohl geändert und 2017 wieder mehrfach so gespielt.

Schnellschach 4. Partie Svidler – Yu Yangyi 1-0 – Russisch bzw. “Chinesisch”: 6.-Lf5 wurde zwar vor vielen Jahren bereits von Ivanchuk und Mamedyarov gespielt und zuletzt im September 2017 auch von Grischuk, aber andere Partien nach Schwarzelo sortiert stammen von Yu Yangyi, Wei Yi, Wang Yue und Ni Hua. Russisch ist ja eigentlich Remis, aber Svidler bekam Oberwasser wie auch beim Bundesliga-Stichkampf Giri gegen Caruana. Svidler spielte auf beiden Flügeln (38.a5 und 39.h5) und wickelte am Ende ab zu einem gewonnenen Bauernendspiel. Stand nach dem ersten Tag damit 2.5-1.5 bzw. 5-3 für Svidler. Noch war es aus Sicht von Yu Yangyi erträglich, aber am zweiten Tag fand er – so Mark Crowther auf Twitter – “in jeder Partie einen (anderen) Weg into trouble“. Stimmt nicht ganz, der Tweet kam nach der vorletzten Schnellpartie.

Schnellschach 5. Partie Yu Yangyi – Svidler 0-1 – Spanisch (also nun 1.e4 vom Chinesen), nach weissen Angriffsversuchen verläuft sich sein Springer = Materialverlust.

Schnellschach 6. Partie Svidler – Yu Yangyi 1-0 – Englisch (dabei nach 4.e3 und 5.d4 keine dafür typische Struktur), nach 20.-Kh8? (Zeitverlust) bekommt Weiß Oberwasser.

Schnellschach 7. Partie Yu Yangyi – Svidler 0-1 – Spanisch mit Lc5, Schwarz gewinnt im Königsangriff. In dieser Variante ist des Pudels Kern, ob ein schwarzer La7 im Abseits steht oder nicht. Hier bekam er diese schöne Diagonale, und am Ende eine andere (b8-h2).

Schnellschach 8. Partie Svidler – Yu Yangyi 1/2 – nun war es genug: Endspiel mit allenfalls ganz leichtem Vorteil für Weiß, und dann Remis. Eröffnung habe ich nicht etwa vergessen zu erwähnen, aber ich finde keine passende Schublade für den von Svidler gewählten Hybriden.

Am Brett waren die Spieler auch am zweiten Tag weniger schick gekleidet als auf den Fotos im Hintergrund, da werden auch Sponsoren aus Shenzhen und China erwähnt.

Blitz 1. Partie Svidler – Yu Yangyi 0-1 – Yu Yangyi spielte … Französisch, das tat er zuvor nur dreimal und wurde nie in Hauptvarianten getestet. Auch Svidler behandelte 3.Sd2 Le7!? nicht unbedingt prinzipiell und konnte später doch ein Turmendspiel mit Mehrbauer erreichen. Stattdessen bekam er ein Turmendspiel mit Minusbauer, das er nicht Remis halten konnte – der entscheidende Fehler erst kurz vor Schluss. Bei Yu Yangyis Eröffnungswahl spielte vielleicht auch das eine Rolle: Svidler sagte mal, dass er sich gegen Französisch oft schwer tut (netter Kerl der Peter Svidler, mir geht es genauso). Wieder hatte Yu Yangyi die erste Partie gewonnen, wie ging es weiter?

Blitz 2. Partie Yu Yangyi – Svidler 0-1 – Spanisch Anti-Marshall, im 54. Zug patzt der Chinese im Springerendspiel.

Blitz 3. Partie Svidler – Yu Yangyi 1/2 – wieder Französisch mit 3.Sd2, diesmal ein frühes Semi-Endspiel (Damentausch im achten Zug). Nach einem Lapsus von Yu Yangyi bekommt Svidler zwei Figuren für einen Turm und kann das dann nicht gewinnen. Auch das spätere Bauernendspiel war für Weiß gewonnen, nach 40.f3? war es dann remis.

Blitz 4. Partie Yu Yangyi – Svidler 1/2 – Taimanov-Sizilianisch (auch das spielt Svidler mitunter), das Endspiel war wohl schlicht und ergreifend Remis.

Blitz 5. Partie Svidler – Yu Yangyi 1-0 – g3-Königsindisch. Schwarz hatte dann einen Plan, Weiß eher nicht (oder er war so tiefsinnig, dass ich ihn nicht kapiere). Aber dann war es ausgeglichen, und dann patzte Schwarz im Endspiel. Turmgewinn war (auf zwei Wegen) möglich, aber Svidler gewann lieber mit Mattangriff, Stand im Blitz 3-2 für Svidler. Moment mal, Yu Yangyi hat das Blitzmatch doch hoch gewonnen? So ging es weiter:

Blitz 6. Partie Yu Yangyi – Svidler 1-0 – gegen Grünfeld wählte Yu Yangyi nun 4.cxd5, 7.Sf3 und 8.h3, was als harmlos gilt. Mag sein, aber (mit schwarzem Turm auf a8 und weissem Läufer auf f3) war Svidlers 20.-b5?? gar keine gute Idee: nach 21.d6 drohte unter anderem aber eben nicht nur 22.Lxa8.

Blitz 7. Partie Svidler – Yu Yangyi 1/2 – noch ein Achtungserfolg für Svidler: g3-Königsindisch, Remis im Turmendspiel.

Blitz 8. Partie Yu Yangyi – Svidler 1-0 – wieder Grünfeld mit Sf3/h3, wieder beging Svidler Selbstmord, diesmal Damenfang nach 19 Zügen.

Blitz 9. Partie Svidler – Yu Yangyi 0-1 – Französisch, diesmal Winawer (3.Sc3 Lb4), schwarzer Mattangriff nachdem Svidler freundlicherweise die h-Linie geöffnet hatte.

Blitz 10. Partie Yu Yangyi – Svidler 1-0 – merkwürdige Dinge von Anfang an, bzw. ab (1.d4) 1.-d6. Hatte Svidler zähneknirschend akzeptiert, dass h3 seinen Grünfeld widerlegt? Dabei hatte er seine Eröffnung zuvor zweimal selbst widerlegt! Es wurde Pirc, später 24.-g5 und 25-Kg6, was war das denn? Svidler stand total auf Verlust, aber Yu Yangyi konnte den Sack nicht zumachen. Dann kippte die Partie komplett, der weisse König bekam Probleme und musste sich auf einen unfreiwilligen Spaziergang begeben!

Ein knappes Ergebnis im Blitz war nun möglich, nur 5,5-4,5 für Yu Yangyi. 47.-Tg4+ wäre Matt in zehn, 47.-Dg4+ war nicht so forciert aber auch nicht schlecht – richtiges Feld, falsche Figur war nicht partieentscheidend (in erneut die andere Richtung). Aber dann verlor Svidler gar, und zwar ach Doppelbock zweizügig: 51.-De4+ war wieder Ausgleich (51.-Dg7+!) – richtige Figur aber falsches Feld. 52.-d4+ wäre mit schwarzem König auf z.B. g8 OK, aber der stand auf h8 – dadurch ging 53.Dxd4+ nebst Damentausch und gewonnenem Turmendspiel. Das kam nicht mehr aufs Brett, da Svidler zuvor aufgab oder bei 52.-d4+ die Bedenkzeit überschritt.

Insgesamt ein unterhaltsames Match, dabei voller Irrungen und Wirrungen. Einen Kollateralschaden müssen wir da akzeptieren: Svidler hatte keine Zeit für kompetent-neutralen Kommentar zur Chess Tour auf chess24. Also nur offizieller Kommentar von Yasser Seirawan: zwar ebenfalls kompetent, aber dabei offensichtlich voreingenommen pro-Amerikanisch. Und nun wieder schauen, was in Leuven so passiert. In Runde 7 des dortigen Schnellturniers war auch Nakamura ausgesprochen lieb zu Wesley So, aber das ist nicht Thema dieses Artikels.

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