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Irgendwie geisterhaft … im Fernschach werden Partien – “au’ auf högschdem Niwoh!” gespielt (J.Löw, der macht aber irgendeine andere Sportart) – und “die im Dunkeln, die sieht man nicht”. (Brecht / Weil, Dreigroschenoper, Meckie Messer, nicht Löw ohne Flutlicht  – für drei Groschen steht in dessen Metier ja auch keiner mehr auf). Aber gerade diese nur schattenhafte Anwesenheit des Spielpartners, seine ohne jede Ankündigung aus dem Nebel auftauchenden Züge gehören zur Atmosphäre des Fernschachs. Für mich auch Chantal Chamberland oder Christina Guerilla, weil ich beim Analysieren gerne youtube anknipse – hey! versuch’ das mal im Turniersaal!

 

Richtig ist, dass das Ganze seit Auftauchen der starken Schachprogramme einiges an Romantik und ehemaligem Reiz eingebüßt hat. Das ist so wie mit der Seefahrt, aber Joseph Conrad zu lesen ist noch immer ein seelischer Gewinn, wenn man in der richtigen Stimmung ist. Falsch ist, dass “da ja nur noch Schachprogramme gegeneinander zugange sind” (von “spielen” könnte man bei den Drähten und Modulen ja nicht mehr sprechen). Die simple Beobachtung, dass im Fernschach noch immer genügend viele Partien mit dem Sieg einer der Parteien enden und eben nicht im Remis versickern, zeigt uns schon, dass es der Mensch ist, der noch immer an den Figuren zieht und fehlt – Spieler dürften heute ungefähr gleich stark motorisiert sein, so dass deren Elektrokram ohne sie Remis-Quoten von annähernd 100% produzieren würden.
In der Elo-Liste der ICCF, gleichsam die FIDE des Fernstschächers, befanden sich anfangs praktisch ausschließlich deutsche Brettkünstler, was mit der Gründungsgeschichte und dem damals eindeutig majorisierenden deutschen Verband zu tun hatte. Das blieb über Jahrzehnte so. Heute hingegen hat sich dieser – auch etwas sonderbare – Zustand abgeschliffen, obwohl der BdF (https://www.bdf-fernschachbund.de/), der deutsche Dachverband, noch immer der größte nationale mehr oder weniger innerhalb der ICCF ist. Man hörte von gelegentlichen Alleingängen.

 

Cecil John Seddon Purdy 27-Mrz-1906–6-Nov-1979 Erster Corr-WCh

Der tschechische Fern-GM Roman Chytilek führt mit 2688 die Elo-Liste an und “droht” nun also, die – wie heißt das immer? – “psychologisch wichtige” Marke von Zwosieben zu überspringen. Chytilek ist auch ein Beispiel dafür, dass in diesem Metier nicht ausschließlich “alte Daddies in ihrem Hobbykeller hocken”, denn der lehrende Politikwissenschaftler Chytilek ist erst knackige 42 Jahre jung (* 24-Feb-1976). Auch dass “die alle” vom Schach eigentlich keine Ahnung hätten, was sich ja zeige, wenn “die” nur mal am Brett säßen, trifft auf einige zu – dazu später -, aber eben nicht auf alle. Roman Chytilek wurde 2001 von der FIDE der Titel des Internationalen Meisters … ja, klar, bestimmt geschenkt, oder?

 

In der aktuellen ICCF-Liste sind so richtig ganz vorne, nämlich unter den ersten Zwanzig, “nur noch” drei Deutsche zu finden, was ja in Relation zur Weltbevölkerung noch immer sehr viel ist, nämlich der Berliner Dr. Matthias Kribben (Berlin, er war einmal neben dem Auch-Fernschacher Dr. Robert von Weizsäcker Vizepräsi des DSB, so auch im Berliner Schachverband usw. usf.) und der Schachverleger Arno Nickel sowie Martin Kreuzer. Ich vermute, dass es sich beim Letzteren um den Kelheimer FM handelt, mit 2223 DWZ und Elo 2261 andeutend, dass er im Nahkampf  auch ohne Computerhilfe in glücklichen Momenten das Schäfermatt zu vermeiden vermag.

 

Nebenbei: Tischtennis und Tennis haben in etwa ebenso wenig miteinander zu tun wie Schach und Fernschach. Auf Ausnahmen wie Fred Perry zu verweisen (nein, der hat kein Gambit erfunden!), der in beiden Schlägerballspielen “Weltmeister” war, hilft nicht weiter. Niemand vermutet, dass ein Hochsprung-Champion ebenso “leicht” auch als Stabhochspringer reüssieren könnte. Es sind einfach völlig verschiedene Sportarten – wie Schach und Fernschach. Die Regeln sind gleich, das Ziel auch, Dein König, aber die Anforderungen an den Spieler sind verschieden, was einerseits Varianten-Berechnung, Eröffnungs- und Endspiel-Kenntnisse, Kondition, betrifft andererseits Geduld, sehr langfristige Planung, Stellungs-Bewertung gleichsam im Kampf gegen die Maschine und vieles mehr.

 

In diesen greisen Kreisen spricht man übrigens selten von “Nahschach”, sondern eher von OTB, Over The Board. OTR wäre Over The Rainbow. – Sprechen ist im Fernschach übrigens zunehmend nicht mehr aktuell – zu meinem Ärger. Mindestens in der unteren Elo-Schublade stellt sich kaum noch ein Spieler vernünftig vor, was weniger an dessen sprachlichen Grenzen liegt, sondern daran, dass die Computer dem Zieher die Möglichkeit lassen, sehr, sehr viele Partien gleichzeitig zu “spielen” – also eben doch vom Bildschirm abzulesen -, so dass jeder persönliche Austausch viel zu viel Zeit benötigte. Aber es gibt auch ganz gegenteilige Erlebnisse, die ich in sogar mehreren freundlichen Begegnungen mit mir zuvor völlig Unbekannten haben durfte und darf.

 

Klar ist also: Das Fernschach ist noch nicht tot. Dass es deshalb nun gleich kraftstrotzend am Leben sei, wird man aber nicht sagen können. Richtig exakte, aktuelle Zahlen sind schwer zu finden, aber es ist klar, dass es ein wenig nachgelassen hat. Die auf der flachen Hand liegende Erklärung ist dann doch wieder: “bloßes Computerschach”. Aber man muss auch sehen, dass Fernschach, seriös betrieben, sehr viel Zeit verschlingt und die Phasen der Muße in der üblichen Arbeitswoche sind trotz Technisierung offenbar immer weniger geworden. Weil der Zugaustausch im Fernschach, schon aus Kostengründen, heute nur noch in verschwindend geringer Zahl per Brief oder Postkarte stattfindet, sondern auf Servern ausgetragen wird (genauso wie die bekannten Blitz-Server, eben nur ein ganz klein wenig langsamer), ist ein Computer im Fernschach ohnedies unerlässlich. Für manche OTB-Spieler soll das mit dem Handy ja ganz ähnlich sein …

 

Zudem ist gerade Fernschach ohne irgendeine klare Organisationsform nicht möglich – wie sonst sollte man seinen Schachpartner finden, wie Turniere auf die Füße stellen? Wie jeder Schach- oder Pfadfinder-Verein oder auch potenzielle Braut- zu klagen weiß, mag sich heute kaum noch jemand “binden”, also Teil eines Vereins, einer für beide Seiten verlässlichen Struktur werden. Schon die frühzeitige Anmeldung zu einem Turnier (OTB) wird als unerträgliche Bindung wahrgenommen, schließlich könnte sich in den paar Tagen bis zum Start noch eine andere, noch bessere Möglichkeit auftun  – nackte Verlustangst. Wie im Schach.

 

Ralf Mulde
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