Sarana überrascht bei Russian Higher League

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Dieses Turnier – Halbfinale der russischen Meisterschaft, fünf qualifizieren sich für das Superfinale mit auch Weltklassespielern, die sich nicht qualifizieren müssen – bekäme normalerweise nur einen Abschlussbericht. Aber da bereits nach fünf von neun Runden und damit vor dem Ruhetag eventuell eine Vorentscheidung gefallen ist (zumindest betrifft Qualifikation eines Spielers) schreibe ich aktuell schon ein paar Absätze.

So steht es momentan: Sarana 4.5/5, Inarkiev, Motylev, Popov, Oparin, Paravyan, Zvjaginsev, Kobalia, Timofeev, Alekseenko, Rakhmanov, Ponkratov 3.5/5, usw. . “Undsoweiter” bezieht sich auf z.B. Matlakov (3/5, bisher zu viele Remisen um wieder 2700 zu knacken und auch um sich für das Finale zu qualifizieren), Lysyj (2,5/5, immerhin russischer Meister 2014, bei ihm lag es eher nicht an zu vielen Remisen), den ehemaligen Weltklassespieler Dreev (auch 2,5/5) oder Volkov (2/5 – so kann er sich nicht für das Finale qualifizieren, was er in anderen Jahren mal schaffte). Elf Spieler teilen derzeit Platz zwei, +2 wird am Ende wohl nicht für einen Platz unter den ersten fünf reichen, auch nicht mit guter Wertung. Das ist eine Mischung aus jung und weniger jung, bekannt und teilweise auch international relativ unbekannt.

Aber nun zum derzeit Führenden: Wer ist Alexey Sarana? Er war ein Jungstar, der z.B. beim Match of the Millennials USA gegen Rest der Welt mitspielte. Am 26.1.2018 feierte er seinen 18. Geburtstag, extrem jung ist er also nicht mehr. Knapp zwei Jahre stagnierte er elomässig: 2461 im Mai 2015, 2464 im April 2017. Aber seither geht es fast durchgehend aufwärts, Turnier für Turnier bei nur wenigen Rückschlägen: 2573 vor dem Turnier (damit knapp in der unteren Hälfte der Setzliste), 2586 nachdem die Juli-Liste erschien, live-aktuell bereits über 2600. Er bekommt das Titelbild, die Personen im Hintergrund sind wohl noch jünger. Alle Fotos vom russischen Schachverband – im weiteren Artikel nur ein paar: Sie haben zwar in Rundenberichten relativ viele Teilnehmer(innen) abgelichtet, aber meistens kein Name dazu – und Russen mit Elo unter 2700 oder 2750 erkenne ich nicht unbedingt.

Erst zu Saranas Turnier, dann zu einigen anderen bzw. insgesamt: Wie gesagt, er war knapp in der unteren Hälfte der Setzliste. In der ersten Runde spielte er an Brett 2 – als nomineller Aussenseiter gegen Ernesto Inarkiev. Es wurde remis: in einer scharfen englischen Variante liess er sich (im Gegensatz zu Landsmann Karjakin bei Norway Chess gegen Nakamura) nicht aufs Glatteis führen – auch wenn sein Bedenkzeitverbrauch früh in der Partie andeutete, dass er nicht unbedingt vorbereitet war. Inarkiev überlegte erstmals im 16. Zug und brachte dann nach fast 30 Minuten eine Neuerung gegenüber Aronian-Anand, Sinquefield Cup 2015 (Nakamura hatte schon zuvor geneuert).

Das war aber bisher sein einziges Remis: In Runde 2 war er in einem Katalanen gegen Dreev offenbar vorbereitet, auch jenseits seiner eigenen Neuerung (13.Lh3). Nach 23 Zügen stand es so:

Sein Springerpaar war hier besser als das schwarze Läuferpaar, sein Ta1 besser als der schwarze Ta8 (da er mit 24.Tg1+ sofort eingreifen konnte), sein Freibauer besser als der schwarze Mehrbauer am Damenflügel. Nach 30 Zügen gab Dreev dann bei ungleicher Materialverteilung auf: Weiß hatte (bzw. hätte einen Zug danach) noch Turm, Springerpaar und zwei Bauern, Schwarz zwar fünf Bauern aber dazu nur noch einen Läufer.

In Runde 3 zeigte Sarana, dass er auch mit Schwarz und gegen junge Spieler gewinnen kann. In einem Najdorf-Sizilianer spielte Weiß (Alekseenko) nach beiderseits kurzer Rochade doch auf Königsangriff (20.g4, 21.g5) und wurde ausgekontert. Seine nächsten beiden Siege dann wieder mit Weiß in Anti-Berliner Nebenvarianten:

Denis Khismatullin (zuvor Karjakin-Sekundant im Ausland, nun wieder Spieler im Inland) zeige ich, da er fotogen ist und da er Saranas nächstes Opfer war. Sarana wählte (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.d4 Sd6) 6.dxe5!? Sxb5 7.a4 – die Figur bekommt Weiß zurück, Vorteil erhält er eher nicht aber kam mit den etwas ungewöhnlichen Stellungsbildern dann besser zurecht.

Nun teilte Sarana die Führung im Turnier (nur noch) mit Timofeev. Beide waren in Runde 5 eigentlich mit Schwarz dran, Sarana bekam nochmals Weiß.

Diesmal wählte er (Vorspiel siehe oben, teils auch siehe Foto) 5.Te1 – der spätere Sieg lag nicht an der Eröffnung, sondern daran dass der Gegner später ein lange ausgeglichenes Endspiel misshandelte, vielleicht wollte er selbst gewinnen und das war nicht stellungskonform.

Nun quasi nochmal von vorne: Die Remisquote war insgesamt recht hoch – das lag nicht (jedenfalls nicht nur) an mangelndem Kampfgeist, eher am auch in der Breite recht ausgeglichenen Feld, Elounterschiede in Paarungen selten mehr als etwa 100 Punkte. Mitunter gab es vielleicht auch mal Spieler, die sich selbst und ihrem Gegner einen extra Ruhetag gönnten. Nach zwei Runden hatten dann auch nur noch drei Spieler 100% – Khismatullin und Oparin hatten es nach Runde 3 nicht mehr, da sie gegeneinander (ausgekämpft) Remis spielten, Volkov hatte es nicht mehr, da er gegen Inarkiev verlor. Danach verlor Volkov auch noch gegen Rakhmanov (ebenfalls 2600+ GM) und Yanchenko (Edel-FM mit Elo 2462).

Alle kompletten Überraschungen kann ich nicht erwähnen, eine in Runde 1 war WGM Goryachkina – GM Alekseev 1-0. Da waren zwei Türme stärker als eine Dame (die auf dem Schachbrett), am Ende konnte Goryachkina zu einem gewonnenen Bauernendspiel abwickeln. Sie ist als amtierende Meisterin bereits für das Superfinale der Damen qualifiziert, also kann sie bei den Männern mitspielen – und machte ihre Sache weiterhin ordentlich: vier Remisen gegen nominell überlegene Gegner (u.a. Matlakov, der mit momentan 3/5 wohl weniger zufrieden ist).

Nach Runde 3 hatten acht Spieler 2.5/3, nach Runde 4 – das hatten wir bereits – führten Sarana und Khismatullin mit 3.5/4 vor sieben Spielern mit 3/4. Timofeev hatte zuletzt Lysyj und Sjugirov besiegt, jeweils im Endspiel. Davor hatte er, da knapp in der oberen Hälfte der Setzliste, zwei relativ leichte Gegner (gegen den titellosen Oleg Bykov reichte es in Runde 1 allerdings nur zu einem Schwarzremis). In Runde 5 gewann Sarana, das hatten wir bereits, und hatte danach einen vollen Punkt Vorsprung da alle sieben mit zuvor 3/4 Remis spielten.

Einige Diagramme aus Runde 4, da hatte ich die Schlussphase live mitbekommen. Ein Bug in Chessbase (in Diagrammen erzeugt es keine Damen) spielt zum Glück keine Rolle… . Quatsch, das habe ich erfunden!

Die Schlusstellung von Timofeev-Sjugirov 1-0. Dieses Endspiel – Turm und Randbauer gegen Läufer und Randbauer – ist mitunter Tablebase-remis, aber nicht, wenn der König der materiell unterlegenen Seite so weit abgedrängt ist (natürlich ist demnächst Txa5 Lxa5 Kxa5 mit gewonnenem Bauernendspiel unvermeidlich). 71.Tf3! musste Timofeev finden, es war dabei naheliegend und dann dauerte die Partie noch 17 Züge.

Motylev-Oparin direkt nach der Zeitkontrolle, Weiß spielte gerade das notwendige 41.Kh1-g1 – Schwarz am Zug, was tun? Oparin verbrauchte sofort fast seine gesamten zusätzlichen 30 Minuten und griff dennoch daneben: 41.-Thg2+ (21 Minuten) ging noch, aber nach 42.Kh1 musste er wiederholen – 42.-Tgh2+ 43.Kg1 Tag2+ 44.Kf1 Tf2+ und nun geht 45.Kg1 Lxg4, da das Springergabelfeld f6 überdeckt ist. Aber es kam 42.-Lb7? (6 Minuten) und nun war es nach dem trickreichen 43.Lc8! Lxc8 44.Se7+ Kh7 45.Sxc8 remis – angesichts des einzugsbereiten weissen Freibauern hatte Schwarz nicht mehr als Dauerschach.

Sakaev-Paravyan nach 109.-Kf6 – natürlich steht Schwarz besser, kann er gewinnen? Seit 94.-g3 (letzter Bauernzug) waren fünfzehn Züge gespielt, fünfunddreissig Züge musste Weiß eventuell noch durchhalten… . Aber er spielte 110.Td3??! Tc2! 0-1 – den a-Bauern erwischt er, aber der g-Bauer wird nun unweigerlich zur Dame.

Das ist David Paravyan, der vielleicht unbekannteste von elf Spielern mit momentan 3.5/5. Er ist Baujahr 1998 und machte seit November 2017 erhebliche Elofortschritte – von 2548 auf 2638. Peter Svidler ist sein Talent aufgefallen. Noch ein Foto:

WIM Elena Tomilova – sie führt momentan etwas überraschend (an 13 gesetzt) im Damenturnier. Mit 4.5/5 hat sie dabei nur einen halben Punkt Vorsprung auf das Trio Ovod-Gritsayeva-Vasilevich, dann sieben mit 3.5/5. Da ist noch alles offen – kann im Herrenturnier auch wieder passieren wenn Sarana eine Partie verlieren sollte.

Soviel aus bzw. zu Yaroslavl 250km nordöstlich von Moskau, ab Montag werden jeweils noch fünf Runden gespielt.

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