Russian Higher League – Oparin update

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Ursprünglich war geplant, den Turnierbericht hier und da um ein paar Sätze zu ergänzen, aber nun doch ein eigener Artikel, aus drei Gründen: 1) Die Antwort von Grigoriy Oparin kam recht schnell, aber ich war zwischenzeitlich mit der NL-Meisterschaft beschäftigt, damit steht der Originalartikel nicht mehr weit oben. 2) Sie ist recht ausführlich. 3) Seine Antworten beziehen sich, wie meine Fragen, auf Partien vor und nach dem Ruhetag in Yaroslavl.

Das Oparin-Foto wieder vom russischen Schachverband, in einem seiner Berichte dort hat GM Kryakvin auch Varianten zur ersten Partie. Im Abschlussbericht erwähnt er, warum er bei den Damen “Lena” die Daumen drückte (“falls jemand es nicht weiss, ich verrate ein Geheimnis – Elena Tomilova ist meine Ehefrau”). Aber nun zum Thema dieses Artikels – meine Anfrage an Grigoriy Oparin und seine Antwort, letztere (einmal sein Vorschlag) von Diagrammen unterbrochen. Original jeweils auf Englisch.

TR: “Dear Grigoriy,

Gratulation zu diesem Turnier (Du kannst wohl damit leben, dass Sarana die bessere Wertung hat, da top5 das Haupt- oder jedenfalls erste Ziel ist) – es kam nach “weniger überzeugenden” Ergebnissen seit Gibraltar, aber das ist ein anderes Thema.

Mich interessiert immer, was Spieler während Partien denken, vielleicht können ich und/oder meine Leser davon lernen. Daher Fragen zu zwei Deiner Partien: Gegen Motylev hast Du direkt nach der Zeitkontrolle viel Bedenkzeit verbraucht, offensichtlich hattest Du bemerkt, dass es ein kritischer Moment war (was zuvor in der Zeitnotphase geschah ist ein anderes Thema). Was hast Du berechnet? Der mögliche Sieg sieht einfach aus falls/wenn man es sieht, andererseits war 43.Lc8!! [von Motylev] ein ungewöhnliches Motiv.

Frauen

Gegen Ponkratov: hattest Du während der Partie bemerkt, dass sie “topsy-turfy” war? 21.Lc1 kann man übersehen, 23.Kh3 ist ein Zug der Sorte, der logisch erscheint wenn/falls man ihn überhaupt erwägt (das machen vor allem sehr starke oder recht schwache Spieler?) – er spielte sehr schnell 23.Kf1. Der nächste Sieg gegen Kobalia war “cleaner”, die Partie gegen Sarana mit der Idee top5 absichern!?

Neugierige Frage zur letzten Partie: Diese Variante entwickelte sich während einem Match Kasparov-Karpov – im Jahr meines Abiturs, beide Spieler waren noch nicht geboren. Hast Du Partien dieser Matches im Detail studiert?

Zum Schluss – falls Du Dich zu anderen Spielern äussern willst: Wie überraschend ist Saranas Ergebnis – für Dich, für andere Teilnehmer, für Sarana selbst?

Best regards, Thomas”

Seine Antwort kam 25 Stunden später:

Guten Abend, Thomas!

Danke für Deine Glückwünsche!

Ja, in der Russian Higher League ist top5 definitiv das Hauptziel, und wenn ich mich qualifiziere ist es mir relativ egal ob ich Erster oder Fünfter wurde. Ich konnte in der letzten Partie gegen Alekseenko durchaus weiterspielen, aber ich war müde und nicht mehr allzu motiviert.

Yeah, das war ein sehr interessanter Moment in meiner Partie gegen Motylev. Ich dachte nach der Zeitkontrolle lange nach und war etwas überrascht, dass ich keinen forcierten Gewinn finden konnte.

Das ist die Stellung nach 41.Kg1

Ich denke, der Grund warum ich 41…Tag2+ 42.Kf1 Tf2+ nicht fand war, dass mit dem Läufer auf g4 schlagen normalerweise verliert. Und auf die Idee, das Feld f6 mit einem Turm zu kontrollieren, kam ich einfach nicht.

Das wäre in diesem Fall die Stellung, in der Motylev wohl aufgegeben hätte

Übrigens gab es auch noch andere Gewinnwege (aber offensichtlich viel schwerer zu finden). Aus meiner Sicht sind sie sehr hübsch und instruktiv, daher zeige ich sie. Zunächst gab es ein sehr unerwartetes geometrisches Motiv: 41…Thg2+ 42.Kh1 Txg4 43.Se7+ Kh7 44.Sxc8 Txa4!! 45.Se7 Ta5! 46.Sd5 Th4+ 47.Kg2 Tc5 -+ (Ich bin mir nicht sicher, ob man das am Brett finden kann, ich würde Züge wie 44…Txa4!! nie auch nur erwägen)

Das wäre die Stellung nach 45.-Ta5! Da Schwarz Matt droht (nicht wie in einigen anderen Varianten auf der ersten und zweiten Reihe, sondern auf der g- und h-Linie) hat Weiß keine Zeit für c8D und wird dieser Freibauer doch aufgehalten. Diese Variante – und den zuvor erwähnten einfachsten Gewinnweg – hat auch GM Kryakvin für ruchess.ru. Dass er statt Sc8-e7-d5 Sc8-b6-d5 angibt ist dabei irrelevant.

Der andere Weg (wohl “menschlicher”) war 41…Tag2+ 42.Kf1 Txg4 43.Se7+ Kh7 44.Sxc8 Th1+ 45.Kf2 Txc1 46.Se7. Und nun ein wichtiger Moment, da 46…Txe4 ein Zug ist, den man spielen will um nach 47.c8D Txe7 langsam zu gewinnen. Aber es gibt ein “kleines” Problem – das würde verlieren! Nach 47.Sd5! Te5 48.e4! dominiert der weisse Springer das Brett, und man kann den Bauern auf c7 nicht aufhalten. Was für eine pittoreske Stellung! Sie verdient ein Diagramm!

Einverstanden!

Statt 46…Txe4?? gab es einen forcierten Gewinn: 46…Tc2+ 47.Kf3 (oder 47.Kf1 Tgg2 48.c8D Tcf2+ 49.Ke1 c3-+) 47…Tgg2! 48.e5 f5! 49.exf6 Tcf2+ 50.Ke4 Tg4+ 51.Kd5 Tg5+ 52.Kd4 Td2+ 53.Kc3 Td3+ 54.Kb4 Tb3+ 55.Kxc4 Tb1 -+ Wie Du siehst ist diese Variante auch sehr kompliziert. Es ist nie einfach, 15 Züge richtig voraus zu berechnen 🙂

Das wäre dann wohl die Schlusstellung der Partie.

Da ich keinen dieser Siege fand, spielte ich 42…Lb7. Ich hatte 43.Lc8! gesehen aber betrachte es dennoch als guten praktischen Versuch.

Die Partie gegen  Ponkratov ist für mich recht ungewöhnlich. Ich bin kein grosser Fan von derlei “wilden” Stellungen. Aber es war so verlockend, dass ich die Einladung zu Komplikationen nicht ausschlagen konnte 🙂 Ich kann nicht sagen, dass ich etwas übersehen hatte. Ich sah 21.Lc1 und auch 23.Kh3, aber mit knapper Bedenkzeit berechnet man Dinge wie 23.Kh3 nicht wirklich. Intuitiv dachte ich, dass Schwarz dann starke Drohungen haben sollte, aber als wir uns dieser Stellung näherten verstand ich, dass der weisse König nicht so schlecht ist, Tg1 kommt… . Leider gab es aus meiner Sicht keinen Weg mehr zurück, also musste ich quasi “bluffen”. Wobei ich nicht einmal sagen würde, dass ich in dieser Partie Glück hatte – objektiv gesehen ist es wahrlich nicht einfach, in so chaotischen Stellungen den Überblick zu behalten.

Dieselbe Diagrammgalerie wie im Hauptartikel (23.Kh3 ab dem vierten Diagramm, nach dem letzten Diagramm folgte noch 33.Dc3 Ta1+ 0-1)

Natürlich habe ich die Klassiker studiert. Man kann aus diesen Partien viel lernen (sogar über Eröffnungen).

Insgesamt bin ich mit der Qualität meiner Partien recht zufrieden.

Ich denke nicht, dass Saranas Ergebnis für irgendeinen Teilnehmer überraschend kam – er ist ein sehr talentierter Spieler und seine neuesten Ergebnisse (Qualifikation für den Weltcup, +2 im Match Russland-China, usw.) zeigen sein grosses Potential.

Best wishes, Grigoriy

Die beiden Partien mit den genannten Varianten nebst ein paar anderen und ein paar Kurzkommentaren hier zum Durchklicken.

 

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