Najdorf Memorial: Polen spielten auch in Polen

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Vermutlich schaut auch Schach-Polen derzeit nach Dortmund – da spielen schliesslich ihre Besten JK Duda und Radek Wojtaszek, momentan in dieser Reihenfolge nach Elo sortiert. Andere Polen bekamen keine Dortmund-Einladung, aber einigte nutzten die Chance, zu Hause in Warschau Schach zu spielen.

Allzu international war das Najdorf-Memorial 2018 nicht besetzt – auch wenn neben den in Opens “unvermeidlichen” Indern u.a. ein Australier und ein Emirati mitspielte. Allzu stark auch nicht, Ursachenforschung dazu später. Allzu “deutsch” auch nicht, auch nicht im Vergleich zu den Vorjahren (siehe Bericht 2017 und Bericht 2016). Dennoch bekommt es einen recht ausführlichen Bericht, warum? Weil sich rein schachlich einiges tat, und weil am Ende eine “Tradition” beim Najdorf-Memorial nicht respektiert wurde: fast immer gewann ein Spieler alleine. Das deutete sich auch diesmal an, aber es sollte sich herausstellen, dass der an vier gesetzte GM Aleksander Mista zwar einiges kann, aber eines konnte er nicht: Remis spielen.

Die Schlussrunde kommt natürlich zum Schluss, der Endstand dagegen generell früh im Artikel: Mista, Kanarek, Markowski, Smirnov 7/9, Tomczak, Bernadskiy, Klekowski 6.5/9, usw. . Alle ausser IM Klekowski sind Großmeister, alle ausser dem Australier Smirnov und dem Ukrainer Bernadskiy sind Polen. Von den sechzehn Spielern mit 6/9 nenne ich nur die Mitfavoriten Bartel, Aravindh, Salem und Sengupta (für alle ausser Sengupta war vor der letzten Runde noch mehr drin) sowie aus deutscher Sicht IM Robert Baskin. Von den neun Personen (geschlechtsneutral formuliert) mit 5.5/9 nur die Wertungsbeste WGM Buksa und aus deutscher Sicht FM Vinzent Spitzl – vielleicht kein Zufall, dass Baskin und Spitzl beide für “Polonia Griesheim” spielen.

Die Turnierseite hat zwar jede Menge Fotos, aber auch dieses Jahr ohne Spielernamen. Diesmal habe ich nicht versucht, Personen anhand von Brettnummern, Namensschildern oder Stellungen auf dem Brett zu identifizieren – daher nur das Titelfoto (viele), zwei Archivfotos und ansonsten Diagramme.

Archivfoto von Aleksander Mista beim Najdorf Memorial 2016 gegen Tania Sachdev – auch diesmal hatte er im Turnier eine weibliche Gegnerin, wieder gewann er. Aber bevor ich dazu komme, eines was dieses Jahr fehlte: die blauen Schilder mit MetLife – mehrere Jahre Sponsor des Turniers, 2018 nicht mehr. Das hatte Folgen: das Preisgeld für Platz eins wurde verdoppelt, aber nur scheinbar – letztes Jahr 5000 Euro, nun 10000 …. polnische Zloty, etwa 2300 Euro. Ähnlich war es für weitere Plätze und wohl auch für eventuelle Startgelder, daher vermutlich ein nicht so starkes Feld – 2017 acht Spieler mit Elo über 2600, davon sieben Ausländer, diesmal konnten sie aus dieser Eloklasse nur den Emirati Salem zur Teilnahme bewegen (Vladislav Kovalev spielt derzeit in Dortmund, Daniel Fridman hatte sich diesen Termin vielleicht auch freigehalten).

Nun steht Mista im Mittelpunkt: WGM Buksa(2337) – GM Mista(2595) war einerseits keine Überraschung, andererseits: später im Turnier konnten vier andere GMs die Ukrainerin nicht besiegen, und auch Mistas Sieg war “nicht ungefährdet” – so stand es nach 27.-Lc6?:

Eine etwas ungewöhnliche sizilianische Stellung, entstanden aus einem “Najdorf-Scheveninger” 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e6 6.Le2 a6 (auf 5.-a6 6.Le2 wäre 6.-e5 etwas üblicher). LPDO “loose pieces drop off”, aber welche, weisse oder schwarze? Der weisse Lb5 ist gefesselt, die beste Entfesslung war 28.Tf4! und nun lautet die Computer-Hauptvariante 28.-Te8! 29.Txb4 Lxb4 30.Dxe8+! (nach 30.Dg3 Lxb5 hat Schwarz fast genug für die Dame) 30.-Lxe8 31.Td8! usw., auch danach nicht völlig trivial.

Beide hatten vielleicht auch 28.-Dxb2 29.Dxe7 Dc1+ berechnet und hier abgebrochen, da der weisse Tf4 hängt, aber … 30.Sd1! Dxf4? (30.-Lxg2+ 31.Kg1! [31.Kxg2? Dxf4 32.Td8 Dg4+ und Dauerschach]) 31.Td8! und Schwarz hat zu viele Probleme auf der Grundreihe.

Frau Buksa hatte noch etwas Bedenkzeit, aber vielleicht nicht genug um derlei zu berechnen. Recht schnell wählte sie das zweitbeste 28.Sd5? Lxd5 29.Txd5 Lf6 30.Df5 Dxb2 – das kostet zwar nur einen Bauern, aber der schwarze a-Freibauer wurde partieentscheidend. Ungleichfarbige Läufer waren kein Remisfaktor, da Schwarz seinem Freibauern mit Qualitätsopfer den Weg ebnete – das war die Schlusstellung:

0-1 statt eventuell 1-0.

Mistas Sieg in Runde 4 gegen einen Inder mit IM-Titel, langem Namen (Bala Chandra Prasad Dhulipalla) und eher bescheidener Elo 2268 überspringe ich. Nach dieser Runde hatten nur noch Mista und sein Landsmann Mateusz Bartel 100%, also trafen sie am Spitzenbrett aufeinander – Mista mit Weiß, dazu drei Diagramme:

Nach 16.-e5 hatte Schwarz quasi eine Traumstellung für einen Französisch-Spieler, Engines sagen “etwa ausgeglichen”. Nach einigen taktischen Abwicklungen die zweite Stellung, wohin mit dem schwarzen König? 35.-Ke7 oder 35.-Ke5 war laut Engines 0.00, das gespielte 35.-Kg7? dagegen für Weiß klar besser. Es kostete ein Tempo, da später 39.-Lxg4 zunächst an 40.Tg5+ scheiterte. Und das war partieentscheidend, im dritten Diagramm hat nur noch Weiß Freibauern, und der a-Bauer kostete den schwarzen Springer.

Mista hatte nun einen vollen Punkt Vorsprung, aber nicht lange – in der nächsten Runde erlitt er gegen Aravindh Schiffbruch, dazu nur die Schlusstellung:

So wurde er von Aravindh sowie Bartel und Tomczak wieder eingeholt, regelkonform traf er nun auf Tomczak und hatte (nach zweimal Weiß in Runde 4 und 5) nun erneut Schwarz – vier Diagramme:

Auch das entstand aus Sizilianisch (Drachenvariante mit 6.g3). Die erste Stellung betrachten Engines als etwa ausgeglichen, wenn Weiß sofort auf g2 schlägt. Aber später hatte Schwarz – mit und dann ohne Damen auf dem Brett – zu viele Bauern für die Figur. Alle konnte er nicht behalten, aber aus einem wurde unweigerlich eine Dame.

Runde 8 gegen den Dänen IM Thybo wieder unter dem Motto “wohin mit dem König?”, diesmal im Mittelspiel:

Auch aus Caro-Kann (alte Hauptvariante mit 3.Sc3 dxe4) kann so eine chaotische Stellung entstehen. Hier stünde Weiß nach 29.Sxc4 klar besser (in einigen Varianten später Txg7+), aber Mista spielte sofort 29.Txg7+ Kxg7 30.Dg4+ – wohin mit dem schwarzen König? Nach 30.-Kh7! hat Weiß offenbar nur Dauerschach, nach 30.-Kf8? 31.Dg5 Teb8 32.Lxf6 gab Schwarz auf.

Vor der Schlussrunde zu dem, was andere anstellten:

Nataliya Buksa (hier bei der Damen-EM 2018) wurde 2015 Junioren-Weltmeisterin, qualifizierte sich dadurch für die Damen-WM 2017 und unterlag da in einem dramatischen, chaotischen und kuriosen Match Sopiko Guramishvili. In Warschau hatte sie ein für ihre Elo-Verhältnisse sehr gutes Turnier, Höhepunkt Runde 5 mit Schwarz gegen GM Rozentalis:

1.e4 e5 heisst mitunter zu Unrecht “offene Partie”, hier wurde erst ab dem 23. Zug etwas aufgeräumt. Gerade stand der erfahrene GM “eigentlich” besser und griff mit 33.Sc5? fehl. Die restlichen Züge komplett, da alle taktischen Motive nun Schwarz bevorzugten: 33.-e4! 34.Sxe4 f5! (und Engines wollen sich bereits mit 35.Te1 von Material trennen, es kam) 35.Sc5 Lxc3 36.Dc1 Dc6! und nun eine Abwicklung, auf die sich Rozentalis vielleicht verlassen hatte aber es funktionierte gar nicht: 37.Le4 fxe4 38.Txd5 Dxd5 39.Dxc3 e3! 40.f3 e2 41.Ld2 Dxd2!

0-1.

Danach erzielte Buksa ein ungefährdetes Remis gegen GM Sengupta, und nun sind wir bei Runde 7 und wieder bei Mista: neben seinem eigenen Ergebnis “passten” auch andere:

Aravindh-Bartel 0-1 1/2: Der Inder hatte eigentlich überzogen und setzte nun auf seinen letzten Trumpf, den e-Bauern. Nach 45.-Te7 46.De5 Dxe5 47.dxe5 usw. war das Turmendspiel dann remis, 45.-De2+ 46.Dg2 Dh5+ (aber nicht 46.-Tf2? 47.Tc7+ Kg8 48.Tc8+ Kg7 49.Tc7+ Dauerschach, oder 49.-Kf8?? 50.Tf7+ +-) 47.Kg1 Tf5! usw. sollte Schwarz gewinnen.

Buksas Schwarzremis gegen Saleh Salem war nicht ungefährdet, wieder drei Diagramme:

Weiß hatte seine Gegnerin zunächst positionell überspielt und gab dann korrekt eine Qualität, nach bekannten Mustern der NL-Meisterschaft: auch da waren mehrfach zwei schnelle Freibauern am Damenflügel mindestens eine Qualität wert. Am einfachsten war im ersten Diagramm 52.Db3, was mehr oder weniger Damentausch forciert. Es kam 52.Dd6 Txd4! 53.exd4 Dc2+ (nach 53.-Dxb5 müsste Weiß auch noch einige “Technik” demonstrieren) – im Damenendspiel hatte Schwarz diverse Schachgebote, und der weisse König musste auswandern, zweites Diagramm. Nach 64.h4 rechnen Engines bis zum Matt, aber Salem gab nun selbst ein Schach und sollte das bereuen: 64.Dd8+? Kg7 65.Df6+ Kg8 66.Dd8+ Kg7 67.Df6+ Kg8 und nun doch 68.h4, aber nach 68.-Df4! hatte Weiß nur die Wahl zwischen Dauerschach oder Matt … für seinen eigenen König. Er wählte das Dauerschach.

Dann war da noch die Schlussrunde. Auch wenn die Entscheidungen dahinter bereits zuvor fielen, beginne ich mit dem Spitzenbrett Markowski-Mista 1-0! Lange war es remislich, und dann ….

Gerade spielte Mista mit Schwarz 43.-T(a3-)d3+, falsch! 43.-Kd6 war weiterhin ausgeglichen. Mista hatte Pech, dass Markowski (im Gegensatz zu zuvor Bartel und Thybo) das richtige Feld für seinen König wählte: 44.Kc1! Txe3 (44.-Kd6 geht nicht mehr: 45.Txe6+! Kxe6 46.Sf4+) 45.Sd4+! Sxd4 (45.-Kd6 46.Sf5+) 46.Txe3 und dieses schwarze “Qualitätsopfer” war wohl weder beabsichtigt, noch war es korrekt. Nach 44.Ke1 ginge 45.Sd4+ “wegen Regel” nicht, und nach 44.Kc2 wäre es ein Verlustzug, da Schwarz auf d4 mit Schach nimmt (und dann auf e7). In der Partie leistete Mista noch zähen, später zunehmend verzweifelt-kuriosen Widerstand und gab sich nach 60 Zügen geschlagen.

Dass es auch an den Brettern dahinter Sieger und Verlierer gab, war nicht unbedingt eine gute Nachricht für Mista, aber durchaus dass da die “richtigen Spieler” gewannen: die mit relativ schlechter Wertung. So blieb er Turniersieger (Bartel oder Aravindh hätten ihn bei Siegen nach Wertung überholt), und offenbar wurde Preisgeld bei Punktgleichheit nicht geteilt sondern streng nach Buchholz vergeben.

Smirnov-Bartel 1-0, drei Diagramme:

Die Stellung nach 10.-Da4 war noch bekannt, wobei Smirnov nun 18 Minuten für die Neuerung 11.De1 (11.Ld2) brauchte. Bei 21.-d5 war wohl bereits das Figurenopfer 22.h3 dxc4 23.hxg4 fxg4 24.Dg3 cxb3 25.axb3 h5 geplant, aber die weisse Mehrfigur war danach mehr wert als die versprengten schwarzen Bauern.

Aravindh-Kanarek 0-1 – hier hatte der zuvor bereits erwähnte Spieler neben Elo- auch Weißvorteil, es half ihm nicht. 1.d4 Sf6 2.Lf4 d5 3.Sc3 ist vielleicht nicht total schlecht, aber hier bekam Schwarz schnell Oberwasser.

Im ersten Diagramm ist das schwarze Läuferpaar “irgendwie” stärker als das weisse Springerpaar, mal abgesehen vom d-Bauern aus dem dann auch (vorübergehend) eine Dame wurde. Die schwarze Technik mit dann Turm- und Läuferpaar gegen Dame und Springer war nicht perfekt – z.B. ging im dritten Diagramm 31.-Txg4+!, nicht gesehen – aber es reichte für den vollen Punkt.

So waren Markowski, Smirnov und Kanarek am Ende punktgleich mit Mista. Ihre Turniere zuvor ignoriere ich trotzdem, da sie in den ersten acht Runden kaum gegen Großmeister spielten – Markowski nach Niederlage in Runde 1 gegen Elo 2245 gar nicht, Smirnov nur ein Remis gegen GM Socko (Monika nicht Bartosz), Kanarek nur eine Niederlage gegen Salem. Alle landeten im Schweizer System erst zum Schluss ganz vorne.

Saleh Salem entwischte in der letzten Runde gegen den polnischen IM Wieczorek:

Ab hier noch 42.-Tg8 43.De5+ Tg7 und Remis – logisch, da Weiß Dauerschach gibt, oder? Das geschah kurz nach der Zeitkontrolle im Blitztempo, wobei beide noch bzw. wieder gut eine halbe Stunde auf der Uhr hatten. Schwarz hatte 42.-Le8, eventuell auch noch 44.Db8+ Le8 – nach jeweils Dxe8+ Tg8 hat Weiß keine weiteren Schachgebote, und Schwarz übernimmt das Kommando.

Dann noch einige Katastrophen zum Ende des Turniers:

IM Thybo – GM Bernadskiy nach 13.e5? Sg4 14.h3 Sxf2!, drei Züge dauerte die Partie noch: 15.Kxf2 Sxe5 16.Tf1 Dc7 17.g4 Sxf3 0-1 – lag es hier und in den nächsten Partien auch am frühen Beginn (9:00) der letzten Runde?

IM Klekowski – WGM Buksa 22.Lxg7 1-0. Zuvor hatte Buksa klar nachteilig ihren Isolani auf d5 verloren, 19.-Dh2+ war nur ein Schachgebot, das sie vom Regen in die Traufe brachte. In Runde 8 hatte Buksa noch gegen GM Tomczak Remis gespielt – “sehr ungefährdet”, d.h. sie stand zuvor klar besser aber wusste mit ihrem Vorteil nichts anzufangen.

Das galt in der letzten Runde auch für einen gewissen FM Krstulovic gegen Vinzent Spitzl. Nach 13 Zügen stand er mit Weiß überlegen, nach 20 Zügen stand es so:

0-1 statt 1-0 -Weiß hatte völlig den Faden verloren. Zwei Runden zuvor stand Spitzl gegen FM Oglaza aus der Eröffnung heraus “breit”, das wurde dann Remis. Insgesamt 5.5/9 für Spitzl, damit Elo +58 – er nähert sich wieder Regionen in denen er sich bereits mal befand. Auch Robert Baskin hatte ein gutes Turnier, abgesehen von einer Katastrophe in Runde zwei mit Weiß gegen CM Sanz Losada (Elo 2091).

Nach all diesem Chaos ein Beispiel, wie man auch miteinander umgehen kann:

Das war die Schlusstellung der letzten Runde an Brett 26, nach 22 im Blitztempo gespielten Zügen wurde Remis vereinbart. Die Protagonisten waren CM Damian Sliwicki und WFM Alicja Sliwicka, (fast) gleicher Nachname wohl kein Zufall, so eine “Partie” demnach auch nicht.

Das war’s vom Najdorf-Memorial, kurz nach Dortmund: nach der heutigen Runde (u.a. Duda-Wojtaszek 1-0) hat der Spieler mit kurzem Nach- und kompliziertem Vornamen (Jan-Krzysztof) seinen Status als polnische Nummer eins ausgebaut, nebenbei führt er auch im Turnier vor (überraschend) Kovalev und (nicht so überraschend) Nepomniachtchi. Vlad Kramnik und Georg Meier warten noch auf den ersten Sieg und/oder die erste Niederlage, letzteres hatte Giri bereits (heute gegen Kovalev).

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