Dortmund-Zwischenbilanz

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Der Schachticker hat die Dortmund-Rundenberichte von der Turnierseite übernommen (bis auf Runde 1 in der ergebnismässig nichts passierte) – ich ergänze das mit “meinem” Format, jeweils zum Ruhetag zu berichten. Den ersten Ruhetag gab es allerdings bereits nach zwei Runden, so verteilt Dortmund sieben Runden über je zwei Samstage und Sonntage sowie drei Arbeitstage. WM-Matches haben denselben relativ entspannten Rhythmus, allerdings über mehrere Wochen und dadurch haben die Spieler auch mal am Wochenende frei (ihre Sekundanten eher nicht.

Nach zwei Runden war in Dortmund immer noch nicht allzu viel passiert – auch wenn ein Spieler andeutete, dass er in Form ist und sein Gegner aus Runde 2 nicht. Aber nach vier Runden gibt es genug Stoff für einen zusammenfassenden Artikel, diese Runden dabei eher im Schnelldurchlauf.

So steht es vor dem zweiten und letzten Ruhetag: Kovalev, Duda, Nepomniachtchi, Kramnik 2.5/4, Giri und Meier 2, Wojtaszek 1.5, Nisipeanu 0.5. Damit steht wohl nur fest, wer das Turnier nicht gewinnen wird. Nisipeanu kann sich zwar noch auf 50% verbessern, aber das reicht sicher nicht für den (geteilten) ersten Platz. Eine Titelverteidigung von Radek Wojtaszek ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Das Titelbild (Fotograf Georgios Souleidis) bekommt JK Duda, der zunächst für Furore sorgte und dann vom “Chef” zur Ordnung gerufen wurde.

Fotos von der Turnierseite – an den ersten beiden Tagen hat Hartmut Metz fotografiert, danach Georgios Souleidis. In der Spielergalerie nenne ich jeweils den Fotografen:

Und nun Runde für Runde:

Runde 1: Tag der Remisen – alle machten mit und waren mit diesem Ergebnis mehr oder weniger zufrieden.

Noch sind alle – oder jedenfalls die Jacketts von Kramnik und Nepomniachtchi – auf der Bühne. Kurzremisen waren es nicht, Bedenkzeit wurde investiert – sogar von Nepomniachtchi, der in den nächsten beiden Runden extrem zügig spielte. Einmal spielte allerdings auch Nepo vielleicht zu schnell, aber erst zu den anderen Partien:

Wojtaszek-Meier 1/2 – auf ungewöhnlichem Weg erreichte Georg Meier recht schnell eine Stellung, die er weder gewinnen noch verlieren konnte, nach 31 Zügen war das Remis durch dreifache Stellungswiederholung offiziell. Der ungewöhnliche Weg war 1.c4 b6!? 2.Sc3 Lb7 3.d4 e6 4.e4 Lb4 5.f3 Se7 (5.-f5!? ist schärfer) 6.Ld3 e5!? – gab es das bereits? Ja, in einer Partie auf Niveau Elo unter 2500, was aber etwas täuscht: Christiansen-Speelman, Hastings 1978 (“Elo-Inflation” kam später). 40 Jahre später im Mai 2018 auch in einer Partie Klekowski-Teclaf, die Namen kennt man eher nicht. Schnell verflachte es, gewisser schwarzer Raumnachteil war kein Problem.

Duda-Kovalev 1/2 – beide (oder zumindest der Weißspieler) genossen ihren ersten Auftritt in einem Superturnier bis zum 72. Zug. Weiß stand optisch besser, konkret wurde es nie.

Kramnik-Nisipeanu 1/2 wurde vom “Verlierer” (Kramnik wollte wohl mehr) hinterher so kommentiert: “Schach ist hässlich und remis”. Die Variante im Abtausch-Damengambit mit gewissen schwarzen Konzessionen (verdoppelter f-Bauer) für solide Stellung kannte er zuvor aus schwarzer Sicht, zuletzt bei Norway Chess 2016 gegen einen gewissen Magnus Carlsen. Dessen Neuerung 12.Se2 bekam damals “gefühlt” etwa fünf Ausrufezeichen – höchstens eines für den objektiven Wert, zwei weil man Carlsen eben lobt und zwei für das Ergebnis 1-0. Das lag allerdings daran, dass Kramnik damals einen falschen Plan wählte und konsequent darauf bestand.

Idee von 12.Se2 ist Sg3 und dann Sf5 (dieser Gaul oder der andere auf h4), schon wenige Wochen nach Carlsen-Kramnik fand Igor Kovalenko bei der Europameisterschaft die wohl richtige Antwort 12.-f5 und Weiß bekommt nicht was er will. So spielte nun auch Nisipeanu. Später gab er einen Bauern – unklar dabei, welcher der vier weissen Bauern auf f3, f4, h2 und h4 der Mehrbauer war – und steuerte sein Schiff sicher in den Remishafen. 20 Züge lang zog er nur noch mit seinem Turm auf der achten Reihe, im 46. Zug fügte Kramnik sich ins Remis. Nisipeanu spielt in Dortmund eben fast immer Remis, so war es jedenfalls die letzten Jahre.

Nepomniachtchi-Giri 1-0 1/2 – auch wenn die Uhr etwas im Weg ist erkennt man, dass der russische Niederländer gegen den Russen Russisch spielte. Das wird nun einmal “immer” Remis – es sei denn man will, wie einige Gegner Caruanas, mit Weiß verlieren, oder? Caruana hat das allerdings im Bundesliga-Stichkampf mit Schwarz gegen einen gewissen Anish Giri verloren, manchmal erreicht Weiß doch gewissen Vorteil, und manchmal wird es dann doch konkret.

Konzeptionell war es hier und heute ähnlich. Vom 16.-20. Zug verbrauchten beide über eine Stunde Bedenkzeit – Giri für das eher nicht stellungsgemässe Gegenspiel 16.-b5 und 18.-b4, Nepo unter anderem wohl für “soll ich oder soll ich nicht?”: 19.Lxh6!? war ein interessantes Figurenopfer – Weiß bekommt dafür letztendlich drei Bauern, Initiative und einen nackten gegnerischen König. Das machte Nepo dann nicht, später hatte er im Damenendspiel einen Mehrbauern. Es war wohl remislich, bis Giri sich zu sehr beeilte, mit 46.-Dxa4? das materielle Gleichgewicht wieder herzustellen. Nun war der weisse d-Freibauer gefährlicher als der gerade erzeugte schwarze a-Freibauer, Nepo musste “nur” 48.Ke3 finden – aber nach knapp einer Minute kam 48.Kf3 und die Chance war dahin. Giri spielt eben immer remis!? In diesem Turnier nicht immer, in anderen Turnieren auch nicht immer.

Runde 2: Tag der Damenopfer – das machten nur zwei Spieler, ich beginne mit dem riskanteren und semi-korrektem Opfer:

Wojtaszek-Kramnik 1/2 – zusammen hatten diese beiden elfmal in Dortmund gewonnen, Wojtaszek letztes Jahr, Kramnik zehnmal bis 2011. Elf plus zehn ist einundzwanzig, der Moment der Partie dann auch im 21. Zug: 21.-Df6 war sicher und remislich, 21.-Dxe1+!?? 22.Txe1 Lxd3 dagegen ein riskantes Damenopfer – Schwarz hatte dafür Turm und Läufer und hoffte auf seinen d-Freibauern. Es war wohl etwa dynamisch ausgeglichen, bis Kramnik in der Phase vor der Zeitkontrolle bei gegnerischer Zeitnot “eigentlich” den Bogen überspannte. Aber Wojtaszek verpasste gewinnträchtige Fortsetzungen sowohl im 40. Zug als auch im 41., für den er wieder 18 Minuten (eventuell auch noch etwas mehr) investieren konnte.

So wurde es doch Remis, selbst Kramnik war hinterher damit zufrieden.

Kovalev-Nepomniachtchi 1/2 – hier opferte Weiß (Endergebnis einer Abwicklung ab 26.Sxe6) die Dame, und das war korrekt. Später hatte er auf sonst leerem Brett Turm, Läufer und zwei verbundene Freibauern für die Dame – das sieht vielversprechend aus, aber ist laut allwissenden Tablebases Remis, so kam es dann auch. Tags zuvor hatte Kovalev 72 Züge spielen müssen, nun spielte er freiwillig 90 Züge. Gefahren sah Nepomniachtchi übrigens wohl nicht: vor der Partie hatte er 1 Stunde und 40 Minuten, Restbedenkzeit am Ende war (dank Inkrement) 1 Stunde und 50 Minuten!

Meier-Giri 1/2 war kürzer, in einer remislichen Katalanisch-Variante bekam Meier was er wollte und blickte dann nach Moskau – da wurde kein Schach gespielt sondern Fussball (WM-Finale Frankreich-Kroatien). Giri, nach eigener Aussage kein Fussball-Fan, guckte auch.

Noch eine Partie war vor der Zeitkontrolle entschieden, aber endete nicht remis:

Nisipeanu-Duda 0-1: Im 20. Zug gewann Schwarz einen Bauern, oder Weiß hatte diesen geopfert. Kompensation allerdings Fehlanzeige, zwölf weitere Züge wurden gespielt.

Runde 3: Tag der ungewöhnlichen Eröffnungen – dafür waren wieder zwei Spieler zuständig, die beiden ohne vorherige Superturnier-Erfahrung! Ich beginne mit der “turnierrelevanteren” Partie, wobei man das nicht mit Sicherheit sagen kann.

Duda-Wojtaszek 1-0 begann mit 1.d4 Sf6 2.Lg5!? – Trump machte ja diese Woche in Europa politische Schlagzeilen, Tromp(owsky) schachliche. Ob es einen Zusammenhang gibt, dazu habe ich nicht recherchiert. Die Turnierseite bezeichnete es als “Chaospartie”, diverse Opfer: schon mit 2.-d5 3.Lxf6 gxf6 “opferte” Schwarz seine Bauernstruktur, dafür bekam er ja das Läuferpaar. Das war noch theoretisch bekannt, aber schnell wurden ausgetretene Geleise verlassen und spätestens ab dem 9. Zug wurde Bedenkzeit investiert. Danach ein doppeltes schwarzes Bauernopfer (bzw. ein einfaches, einen Landwirt bekam er direkt zurück), Duda liess sich nicht lumpen und opferte (mehr oder weniger erzwungen) eine Figur! Dafür bekäme er in der Engine-Hauptvariante drei Bauern – aber Wojtaszek spielte statt 22.-Db5 “unklar” 22.-Dc5?.

Dabei hatte er 23.Da4 mit Rückgewinn der Figur glatt übersehen, ab hier hatte Weiß Oberwasser (zumal auch 23.-Td2? suboptimal war). Beide mussten noch die Zeitkontrolle schaffen, bzw. nachdem Duda dieses Ziel erreicht hatte gab Wojtaszek auf ohne selbst einen 40. Zug zu spielen.

Diesen vollen Punkt brauchte JK Duda, um weiterhin alleine zu führen, da zwei andere auch punkteten:

Giri-Kovalev 0-1! lag nicht an 1.e4 c5 2.Sf3 Sf6!? – darauf war Giri zwar offenbar nicht vorbereitet (sofort grübelte er) aber er vermied prinzipielle Varianten. So erreichte er wenig aber doch im Prinzip ein bisschen – etwas Druck gegen den schwarzen Isolani auf d5 und jedenfalls eine an sich “unverlierbare” Stellung. Das änderte sich nach 35.Dd1? d4! 36.Dd2 (da stand die Dame bereits vor dem 35. Zug) 36.-dxc3 37.bxc3 – nun hatte Weiß die schlechtere Bauernstruktur und auch einen etwas anfälligen König. Kovalev ließ nicht locker, konkret wurde es nach einem weiteren Giri-Lapsus ab dem 66. Zug mit 0-1 nach 73 Zügen.

Duda war vielleicht ein Geheimtip für den Turniersieg, Kovalev eher nicht. Vorab wurden vor allem Kramnik und Giri genannt, aber ein anderer meldete sich nun auch:

Nepo(mniachtchi)-Nisi(peanu) 1-0 – einerseits ging es langsam (er schnürte seinen Gegner positionell immer mehr ein), andererseits schnell. Neuer Bedenkzeit-Rekord: am Ende hatte er noch 2 Stunden und 11 Minuten! Sein Kommentar dazu: “Ich habe diese Stellung sehr gut analysiert und nutzte auch die Zeit meines Gegners”.

Kramnik-Meier 1/2 – diesmal wählte Georg Meier mit Schwarz eine ihm gut bekannte Remiswaffe (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4) und bekam was er wohl wollte. Etwas schlechter stand er wohl, aber nie schlecht genug. Dreimal Remis für Meier ist angesichts seiner bisherigen Gegner “nicht schlecht”, unerwartet ist es dabei auch nicht unbedingt. Dreimal Remis für Kramnik ist überraschend, Absicht kann man ihm nicht unterstellen (gegen Wojtaszek “wollte er verlieren”).

Runde 4: Alles wieder offen!?

Kramnik-Duda 1-0 – beide in weiss, aber nur Kramnik hat Weiß. Danach führte der Pole immer noch, aber nicht mehr alleine sondern zusammen mit u.a. “Mr. Dortmund” Vlad Kramnik – der diesen Sieg brauchte, um noch in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen. Bauernverlust war noch nicht unbedingt das Ende der Welt für das polnische Jungtalent – falsch war danach, das aktive 21.-Tc2! sofort mit 22.-Tc8?! zu korrigieren. Gegnerische Grundreihendrohungen konnte er viel besser mit 22.-g5 oder 22.-g6 (jeweils Luftloch) entschärfen. So landete er in einem schlechten bis verlorenen Turmendspiel, ganz am Ende war es ein glatt verlorenes Bauernendspiel. Da fehlte Schwarz zwar nur ein Tempo, aber das hatte der Gegner natürlich richtig berechnet.

Nisipeanu-Giri 0-1. Giri entkorkte nun Najdorf-Sizilianisch, dagegen spielte Nisipeanu vorsichtig/ideenlos und landete in einem schlechten Endspiel. Sizilianische Endspiele sind ja oft gut für Schwarz, Weiß gewinnt eher im Mittelspiel. Dadurch hatte Giri wieder “standesgemässe” 50%, vermutlich will er im Restturnier noch mehr. Nisipeanu hat dagegen derzeit 12,5%.

Meier-Kovalev 1/2 war ein korrekt-unspektakuläres Remis. Auch Georg Meier hat weiterhin 50%, für ihn wohl ein gutes Ergebnis. So wie er seine Partien meistens anlegte, hat er gegen sieben Remisen offenbar wenig einzuwenden – auch wenn die Fussball-WM nun vorbei ist.

Wojtaszek-Nepomniachtchi 1/2 bot ein bisschen mehr. Zunächst schien es, als ob Weiß den Gegner regelrecht erdrücken würde – aber Schwarz konnte dann das Mega-Zentrum (c4 d4 e4 f4) mit 23.-f5! de-flexibilisieren. Dann schien es gar, als ob die g-Linie zugunsten von Schwarz geöffnet wurde, aber das konnte Weiß wiederum verkraften. Vor und nach der Zeitkontrolle wurden dann die Züge wiederholt. Eine andere Wiederholung gab es auch: Auch heute hatte Nepo zum Partieende mehr Bedenkzeit als vor dem ersten Zug!

Wie geht es weiter? Ab Freitag werden noch drei Runden gespielt, dabei in jeder Runde ein direktes Duell derzeit führender Spieler. In Runde 5 ist das Nepomniachtchi-Kramnik – wenn sie Remis spielen sollten, Duda die Remismaschine Georg Meier nicht überwinden kann und Kovalev gegen Nisipeanu gewinnt, dann führt plötzlich der Aeroflot-Qualifikant alleine.

In Runde 6 könnten Duda-Nepomniachtchi und Kramnik-Giri im Mittelpunkt stehen. Jeweils hat der elobessere Spieler auch die klar bessere Bilanz in persönlichen Duellen. Nepo gewann alle drei bisherigen Partien gegen Duda (zweimal klassisch, einmal Schnellschach), Kramnik führt gegen Giri mit klassischer Bedenkzeit 7-1 bei 7 Remisen (die letzte Partie dieses Jahr in Wijk aan Zee gewann allerdings Giri). Kovalev hat dann Schwarz gegen Wojtaszek.

In Runde 7 könnte Kovalev-Kramnik tatsächlich “turnierrelevant” sein, und zwar für beide Spieler. Duda hat zuletzt noch Schwarz gegen Giri. Nepomniachtchi ist vielleicht am ehesten zuzutrauen, die Remismaschine Georg Meier doch noch zu stoppen – zumal er dann Weiß hat.

Tiebreaks sind zunächst meiste Partien mit Schwarz (Vorteil Kovalev und eventuell Giri), dann meiste Niederlagen – offiziell heisst es “meiste Siege”, Vorteil nach derzeitigem Stand Duda und Giri. Dann Sonneborn-Berger: tendenziell Vorteil Kramnik, da er gegen Schlusslicht Nisipeanu nicht gewonnen hat – so hat auch ein hässliches Remis vielleicht noch seine hübsche Seite. Aber vielleicht wird ja auch einer alleiniger Turniersieger.

TurnierseiteOpen

 

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