Biel-Zwischenbericht: Carlsen und Mamedyarov führen

  • 17
    Shares

Ruhetag ist erst am Samstag nach der sechsten Runde, aber ein Bericht bei Halbzeit bietet sich an. Biel hat dieses Jahr ein etwas aus der Mode gekommenes Format: sechs Spieler treffen doppelrundig aufeinander – damit ist irgendwann, und zwar nach fünf Runden, genau Halbzeit. Bei nur drei Partien pro Runde gibt es immer das Risiko, dass eine Runde quasi “nicht stattfindet”. Das war allerdings bisher nicht der Fall – und dass nur einmal alle Partien Remis endeten lag auch am gewählten Format “fünf plus eins”.

Die fünf bisherigen Runden kurz zusammengefasst: Carlsen bekam in den ersten beiden Runden Geschenke – danach nicht mehr, und so konnte Mamedyarov mithalten. Nico Georgiadis hat (fast) seine Elozahl bestätigt, Vachier-Lagrave hat dagegen ein schlechtes Turnier erwischt. Svidler und Navara spielen auch mit.

So steht es derzeit: Carlsen und Mamedyarov 3.5/5, Svidler 3, Navara 2.5, Vachier-Lagrave 2, Georgiadis 0.5. Fotos ab Turnierseite auf Flickr, fotografiert haben Lennart Ootes und Peter Bohnenblust. Das Titelfoto (Fotograf Bohnenblust) zeigt Carlsen und Mamedyarov zu Beginn ihrer Partie in Runde 5. Carlsen spielt 1.e4, Mamedyarov ist nicht allzu beeindruckt. Soviel sei bereits verraten: Grund dafür gab es auch im weiteren Partieverlauf nicht, und Selbstmord (wie früher manchmal gegen Carlsen) beging Shak Mamedyarov auch nicht.

Aber nun zu Runde 1, da habe ich Fotos von Lennart Ootes, zunächst drei Spieler:

Der elobeste, der (hier und anderswo) am besten gekleidete, und der krasse Elo-Außenseiter. Nico Georgiadis hat 200 Elopunkte weniger als Navara, die Lücke zu den anderen ist noch grösser – so eine wilde Wildcard gibt es wohl nur in Biel. Letztes Jahr konnte er in einem deutlich schwächeren Feld mithalten – gegen wen er diesmal immerhin einen halben Punkt erzielte, da muss sich der Leser noch etwas gedulden, es sei denn er weiss es bereits.

Blick über die Bühne in den Zuschauerbereich – Tische links und rechts noch ziemlich verwaist, das Open begann erst tags darauf aber die Bretter sind bereits aufgebaut, Uhren fehlen allerdings noch.

Die zentrale Partie aus der Nähe und aus der anderen Richtung fotografiert. Bevor ich das Ergebnis verrate, zeige ich die Spieler hinterher:

Carlsen gut gelaunt, Navara auch – was war passiert? Carlsen sagte hinterher “mit meinem Damenopfer habe ich nichts riskiert” (macht Carlsen ja ohnehin seltenst) UND “es gab keinen Grund, diese Partie zu gewinnen” (I had no business winning this game). Für die Dame bekam er Turm, Springer und Bauer – materiell also ausgeglichen. Gewonnen hat er später mit freundlicher gegnerischer Hilfe. Navara ist ohnehin ein lieber Kerl, auch zu Carlsen war er lieb – eine gute Idee, sonst hat der Norweger schlechte Laune.

MVL und Svidler hatten vor der Partie gute Laune. Dieses Jahr treffen sie in Biel nur zweimal aufeinander, vor zwei Jahren spielten sie acht Partien – vier klassisch, vier Schnellschach. Damals dominierte der Franzose insgesamt, nun wurde es d3-Spanisch und Remis.

War da noch was? Heute verlor Georgiadis glatt gegen Mamedyarov.

Runde 2, auch dazu Fotos von Lennart Ootes:

Auch andere spielen nun Schach!

Das nochmal aus der anderen Perspektive. Wieder sitzt Carlsen – auf dem ersten Foto besser erkennbar – zentral auf der Bühne. Nun zeige ich seinen Gegner und ihn individuell:

MVL nachdenklich

Carlsen griesgrämig – wann macht der Gegner denn endlich einen Fehler? Carlsen musste sich bis zum 32. Zug gedulden, wobei er schon zuvor keinen Grund für schlechte Laune hatte. Gegen Pirc fiel MVL nichts besseres ein als eine Nebenvariante nebst Vereinfachungen zu einem objektiv wohl ausgeglichenen, allerdings für Schwarz leichter zu spielenden Endspiel. Bergab ging es dann ab 32.Tgh4? – “Magnus, willst Du die g-Linie? Komm, ich geb’ Dir die g-Linie!”. Die Turmverdopplung auf der h-Linie konnte er dabei mit 33.Th8 noch rechtfertigen, aber 33.f5? war gleich der nächste Fehler.

Ab hier war das Doppelturmendspiel für Schwarz vorteilhaft, zum Rest wurde viel geschrieben: episch, studienhaft, “surgical precision”, “Turmendspiele sind immer remis, außer wenn Carlsen mitspielt”. Letzteres mag gar stimmen – Carlsen hat auch mehrfach schlechtere aber objektiv remisliche Turmendspiele verloren. Generell gilt allerdings a) Doppelturmendspiele sind eine andere Welt, b) man kann zwar bessere Stellungen nicht immer gewinnen, aber schlechtere Stellungen jederzeit verlieren. MVL sah vielleicht gar mehr als sein Gegner, nämlich wie Carlsen schneller gewinnen konnte – aber den zwischenzeitlichen Remisweg sah er nicht, und so bekam Carlsen den vollen Punkt:

Er blickt immer noch etwas griesgrämig drein. Wenn das statt MVL-Carlsen z.B. Svidler-Navara gewesen wäre, gäbe es wohl keine Jubelarien zur Partie. Derlei Spieler würden in derlei Stellungen dabei wohl auch alles versuchen – und am Ende reicht es zum Sieg oder vielleicht auch nicht.

Mamedyarov remisierte heute gegen Navara, dabei schwebte er ausgangs der Eröffnung (zu viel riskiert) in Verlustgefahr. Georgiadis verlor heute (demnach) gegen Svidler – er konnte etwas länger mithalten, aber nicht bis zum Partieende.

Runde 3, Fotos zunächst von Bohnenblust:

Carlsen-Svidler nach 1.e4 c5!? (nicht Svidlers Hauptzug, aber noch keine große Überraschung) 2.Sf3 d6 (das allerdings sehr selten von ihm, jedenfalls die letzten Jahre). Schon tauchte Carlsen fast fünf Minuten ab und spielte dann nicht etwa das Carlsen-typische 3. (ähm äh) Lb5+ sondern tatsächlich 3.d4. Daraus wurde Najdorf mit 6.Lg5 und ein wildes Duell, das dann mit Remis durch Zugwiederholung endete.

Gesprächsbedarf hinterher – laut Svidler hatten beide die Lage irgendwann nicht mehr unter Kontrolle. Svidler bereute etwas, dass er Najdorf gegen Carlsen versuchte – der habe sich 2018 6.Lg5 sicher angeschaut!? Wieso eigentlich? Ja, es gibt ein WM-Match, aber Caruana spielte bisher fast nie Najdorf – will Carlsen es etwa selbst mit Schwarz spielen? Caruana hatte lange schlechte Ergebnisse mit Weiß gegen Najdorf, bis er auf 6.Lg5 umschaltete. Näheres wissen wir, wenn es soweit ist.

Mamedyarov entspannt vor der Partie gegen MVL. Später entkorkte er 7.g4 – was den Franzosen zwar nicht überraschte, dennoch hatte er das Nachsehen. Falsch war wohl, kurz darauf das gegnerische Bauernopfer zu akzeptieren – den Bauern bekam Shak doppelt zurück, später (21.-h5?! von MVL war, sagen wir, naiv) gar dreifach. Das Endspiel war hoffnungslos für Schwarz – so sah es auch MVL, der früh (früher als Amateure in derlei Stellungen) aufgab. Auch ein lockerer Sieg für Mamedyarov, dabei wurde er für seinen Ideenreichtum belohnt. Georgiadis verlor heute gegen Navara.

Ausnahmsweise mal ein Schwarz-Weiß-Foto: Extrawürste bzw. – getränke für einen der sechs Spieler.

Nochmal drei Spielerporträts:

Navara nun im Chess Tour Jackett – andere tragen es nur bei der Chess Tour, der Tscheche ist offenbar stolz darauf, dass er als Wildcard auch mal mitspielen durfte.

In Runde 4 dann doch mal drei Remisen, d.h. Georgiadis hat nicht verloren. Ich verrate erst, gegen wen er Remis spielte und versuche dann Ursachenforschung:

Carlsen spielt mit Schwarz Französisch – macht er gelegentlich, und Biel heisst ja auch (auf der Sprachgrenze innerhalb der Schweiz gelegen) offiziell Biel/Bienne [siehe dieses Foto von Peter Bohnenblust und mehrere andere zuvor]. Dann wählte er allerdings die “armenische Variante” im Winawer – 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 La5!?. Ziel war, den Gegner – der das noch nie auf dem Brett hatte – zu verwirren. Und das schaffte er eigentlich auch, wobei die offizielle Darstellung eine andere ist. Inspiriert war Carlsen nach eigener Aussage auch von einer neueren Blitzpartie Fedoseev-Mamedyarov (Tal Memorial 2018) – da erlitt Schwarz zwar Schiffbruch, aber Carlsen hatte hier wohl eine Verbesserung parat. Carlsen wiederholte das objektiv suboptimale 8.-Lc7, Georgiadis dagegen nicht Fedoseevs Improvisation 9.Dg3.

Erst im 13. Zug improvisierte der junge Schweizer, und zwar nach gut 30 Minuten – statt 13.Dc3 und Weiß steht einfach gut 13.Dd6?! (so ist es wohl objektiv einzuschätzen). Kurz darauf musste er eine Qualität geben – ob er es bei seinem 13. Zug bereits gesehen hatte, wage ich zu bezweifeln: 18 weitere Minuten für 16.g4. Die knapp 5 Minuten für 19.Txd4 vielleicht für “muss das sein, habe ich keine Alternativen?” – hatte er übrigens, erst mit 19.h3 den Bauern auf g4 decken.

Der kritische Moment dann vielleicht im 26. Zug, ausnahmsweise in diesem Artikel Diagramme:

So stand es, und hier lautet die Engine-Empfehlung 26.-Tc8! 27.a4 Txc2+ – nach 28.Kd1 bricht GM Bojkov seine Analyse für chess.com bereits ab mit “erscheint sinnlos aus menschlicher Sicht. Der Freibauer auf d6 ist nun praktisch unbeobachtet, ist der Bauer auf c2 das wert?”. Engines haben noch mehr gesehen: 28.-Txf2 29.d7 Lxd7! (muss sein, 29.-Ke7? 30.d8D+! Kxd8 31.Lc7+ Kc8 32.La6+ Kd7 33.Lg3+ und 34.Lxf2 – hatte Carlsen das noch berechnet?) 30.Ld6+ (er rettet sich mit Schach) 30.-Kf7 31.Lxd7 Kg6 32.Le6 h3 (muss nicht unbedingt sein) 33.Lxh3 Te8 (aber so kann dieser Turm eingreifen) 34.Te7 Txe7 35.Lxe7 f5

Zwei Läufer für einen Turm sind eine Sache, aber dieser Turm ist aktiv und Schwarz hat diverse Freibauern – während er den potentiellen weissen Freibauern auf der a-Linie unter Kontrolle hat. Diese Variante erfordert allerdings Ideenreichtum, Kreativität, genaue Berechnung und vielleicht auch Mut zum (subjektiven) Risiko – alles nicht unbedingt Carlsens Stärken, Spieler wie MVL oder Mamedyarov hätten es vielleicht gefunden und gespielt.

So wie Carlsen spielte – 26.-Th7, später mit 29.-Th7 30.Ld6 die Qualität zurückgeben (dafür bekam er immerhin den weissen Bauern auf d6) – wurde es Remis. Georgiadis fand das genaue 32.Tg5+ und bekam so beide weisse h-Bauern. Carlsen wurde dann dafür gelobt, dass er in Remisstellung noch endlos weiterspielte – vielleicht macht der Gegner ja noch einen Fehler? Das war, was dieses Turnier betrifft, in den ersten beiden Runden der Fall.

Mamedyarov und Svidler hatten offenbar Angst vor der Kamera von Peter Bohnenblust. Die Partie selbst war etwas unterhaltsam und wurde dann Remis, wie auch Navara-MVL.

Runde 5 mit u.a. der Spitzenpaarung Carlsen-Mamedyarov:

Dieses Foto von Lennart Ootes, weitere von Peter Bohnenblust:

Dass Mamedyarov von Carlsens 1.e4 nicht allzu beeindruckt war, siehe Titelbild – er machte daraus Spanisch, und Carlsen verhinderte den offenen Spanier mit 5.d3.

Wieder mal denkt Carlsen “wann macht er endlich einen Fehler?” – das geschah nicht, also wurde es remis. Wie auch Svidler-Navara, während Georgiadis nun wieder verlor – MVL fehlte noch in seiner Liste, und der brauchte den vollen Punkt auch, um live weiterhin top10 zu bleiben. Wie Carlsen seine zweite Partie gegen den klaren Außenseiter anlegen wird, wissen wir wenn es soweit ist.

Wie es weitergeht ist ja klar: dasselbe Turnier nochmals mit vertauschten Farben. Jedenfalls Svidler kann auch noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen – erforderlich oder jedenfalls hilfreich dafür auch ein Sieg gegen einen Spieler mit Elo über 2700.

Im parallelen Open führt nach vier von neun Runden Dennis Wagner, er hat als einziger noch 100%. Dahinter vier Spieler mit 3.5/4, die auch nicht zum engeren Favoritenkreis gehören. Unter anderem Eljanov, Iturrizaga und Donchenko haben bereits zwei Remisen abgegeben, andere aus den top10 der Setzliste teilweise noch mehr. Saleh Salem hat auch 3/4, er verlor in Runde 4 gegen Dennis Wagner.

Peter Bohnenblust hat auch mal Turniersaal und Kongresszentrum verlassen, um in und um Biel zu fotografieren – dazu eine abschliessende Bildergalerie:

Sommerlich warm ist es offenbar auch in Biel – abkühlen kann man sich eventuell im See, vielleicht auch auf einem Platz in der Stadt.

Print Friendly, PDF & Email

  • 17
    Shares