Hans-Peter Kraus, Die Fesselung ist immer und überall

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Rezension von Uwe Bekemann

Leseprobe zum blättern

Als mir der Verleger Manfred Herbold vor einiger Zeit beiläufig schrieb, dass er vor der Herausgabe des wohl witzigsten Lehrbuches zur Schachtaktik stehe, hatte ich nur einen Gedanken: „Hoffentlich fragt er mich nicht, ob ich eine Rezension darüber schreiben kann!“ Denn wie schreibt man in einem solchen Fall eine Rezension? Auch witzig? Das kann nur schiefgehen, denn sie würde als Abklatsch oder „4. Liga“ wahrgenommen werden. Soll sie sachlich und ernst verfasst werden? Dann ist man als Rezensent sofort der humorlose Biedermann, der zum Lachen in den Keller geht. Man kann also nur dabei verlieren.

Manfred Herbold gab jüngst das Werk „Die Fesselung ist immer und überall“, geschrieben von Hans-Peter Kraus, in den Markt und es kam wie befürchtet – er bat mich um eine Rezension. Ich konnte nicht nein sagen, erhielt das Besprechungsexemplar und die Katastrophe war da. Es ist das wohl witzigste Lehrbuch zur Schachtaktik auf Erden. Als ich dies feststellte, hatte ich den Warnhinweis des Autors auf der hinteren Umschlagseite bereits ignoriert. Er rät dazu, sein Buch sogleich wieder wegzulegen und keinesfalls aufzuklappen. Es gab also kein Zurück mehr.

Wenn meine weiteren Ausführungen stellenweise witzig klingen, so bitte ich um Entschuldigung! Keine Absicht! Sollte etwas zu bierernst klingen, dito. Das hängt dann nur damit zusammen, dass ich ein humorloser Biedermann bin, der zum Lachen in den Keller geht.

Der Buchtitel „Die Fesselung ist immer und überall“ dürfte sich an den Refrain der österreichischen Pop-Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung in ihrem Songtitel „Ba-ba-Banküberfall“ anlehnen. Darin hieß es vor mehr als 30 Jahren „das Böse ist immer und überall“. Nach den Darstellungen des Autors handelt es sich bei der Fesselung im Schach um das böseste, mieseste, schönste Manöver, das allgegenwärtig in der Partie und auf dem Brett auftreten kann.

Hans-Peter Kraus führt den Leser zunächst in die Materie der Fesselung ein, um diese dann von allen Seiten zu beleuchten. Dies macht er in 11 Kapiteln, deren Überschriften sich nicht für die Wiedergabe in einer Rezension eignen, da sie für sich allein genommen nicht sicher auf den jeweiligen Inhalt des Kapitels schließen lassen. Seine Schwerpunkte sind u.a.:

–       unterschiedliche Arten von Fesselungen (auf Linien, auf Diagonalen, nach Art der gefesselten Figur),

–       Kreuzfesselungen,

–       das planmäßige Ausnutzen einer Fesselung als Leitmotiv für die Spielführung in einem Partieabschnitt,

–       das Zusammenwirken von Fesselungen und Gabeln,

–       das Aufheben einer Fesselung durch eine Aktion gegen die fesselnde Figur oder durch Befreiung der durch die Fesselung mittelbar bedrohten Figur.

Seine Betrachtungen rundet er jeweils um kleine Übungsaufgaben ab, die der Leser sogleich im Kapitelzusammenhang erledigen soll und auf die er die Lösungen unmittelbar im Anschluss erfährt.

Weiter hinten im Buch und ohne eigene Kapitelzuordnung warten noch 100 Taktikaufgaben auf den Leser. Sie werden mit einem Diagramm, das um eine mal knappe, mal aber auch ausführliche Aufgabenbeschreibung ergänzt ist, eingeführt. Die Stellungen sind praktischen Partien entnommen. Neben der Fesselung als Hauptmotiv muss der Leser auch andere Manöver wie Springergabel, Hinlenkung, Ablenkung, Matt, Patt, Dauerschach, Bauernumwandlung etc. auf dem Schirm haben, um in allen Aufgaben erfolgreich bestehen zu können. Die Lösungen werden gesammelt im folgenden Abschnitt in der Form eines kommentierten Fragments des Quellduells besprochen.

Wer seine eigene Leistung gerne in ein Bewertungsschema einordnet, findet im Werk die Gelegenheit dazu. Aber wie man vermuten darf, stehen auch hier Witz und Humor Pate!

Nun zu dem Stil, in dem Hans-Peter Kraus schreibt. Wenn er privat genauso spricht, wie er „Die Fesselung ist immer und überall“ geschrieben hat, dann können zu seiner Situation nur folgende drei Vermutungen zutreffen, eventuell auch in Kombination:

–       Er verlangt für jedes Gespräch, das er führt, ein Eintrittsgeld.

–       Er ist hoffnungslos vereinsamt, weil sich alle früheren Kontaktpersonen aus reinem Selbsterhaltungstrieb aus seinem Umfeld verabschiedet haben.

–       Alle Kontaktpersonen sind wahre Nervenbündel, die aus Erfahrung immer sofort um Gnade betteln, sobald er seinen Mund aufmacht.

Man findet kaum einen Satz im Buch, der frei von Witz ist. So hat er es geschafft, ein vergnügliches Lehrbuch zu schreiben, das nicht nur die Fesselung als Mittel im Schach behandelt, sondern den Leser auch selbst fesselt. Es macht einfach Spaß, im Buch zu lesen. Passagenweise mochte ich einfach nur lesen und mich nicht vom eigentlichen Inhalt, den sachbezogenen Aussagen zur Fesselung, stören lassen.

Kraus arbeitet mit Wortwitz, grotesken Beschreibungen der Szenerie und bisweilen auch mit einer Art von Humor, die einen Eintrag in das Buch „Die 1000 besten Flachwitze, vor denen Sie sich schon immer gefürchtet haben“ rechtfertigen würde. Gerne würde ich einige und auch längere Beispiele zur Veranschaulichung aufnehmen, was sich natürlich in einer Rezension verbietet. Zwei kurze Beispiele aber dürfen es sicher sein.

Seite 23 zu einer Partie Kotov – Botwinnik: ‚(…) Solche Niederlagen sind bitter, doch Kotow hatte diesmal – wie man so sagt – überreagiert. Sein Gegner konnte zwar zur nächsten Runde wieder antreten, kaum behindert durch den dicken Verband um die Nase, aber um weitere Vorfälle dieser Art auszuschließen, lag Kotows Gebiss in einem Wasserglas auf dem Tisch des Turnierleiters, und das gab es erst nach ordnungsgemäßer Beendigung der Partie zurück.‘

Seite 43 zu einer Stellung, in der Max Euwe die schwarzen Steine führt und Weiß gewinnen wird: ‚„Alles ist relativ“, behauptet zumindest ein Stein [„sic!“]. Diese Aufgabe hat es jedenfalls in sich. Ich wünsche Ihnen ein paar schöne Tage beim Analysieren. Weiß ist am Zug, und Euwe liegt davor. Gute Fahrt.‘

Der humorige bis witzige Stil ist nicht nur unterhaltsam, sondern bisweilen auch anstrengend. Gelegentlich muss man bei Passagen, die dem Witz geschuldet „unüblich“ formuliert sind, zunächst genau überlegen, was der Autor überhaupt sagen will. Wenn beispielsweise „König G. XII“ sich die Ehre gibt, ist „Kg7“ gemeint. Darauf muss man erst mal kommen, bevor man „Schach denken“ kann.

Deshalb mein Appell an den Verleger: „Manni, schick mir nie wieder solch ein Buch für eine Rezension! Ich musste mich zwischendurch immer wieder hinlegen, müde und erschöpft!“

Wer ist Hans-Peter Kraus? Dem Netz ist zu entnehmen, dass er belletristisch tätig ist und auch Gedichte schreibt. Dies ist „Die Fesselung ist immer und überall“ anzumerken. In Sachen Turnierschach scheint er aber zumindest schon lange nicht mehr aktiv zu sein. Spielt dies eine Rolle? Nein. Er hat ein gutes Schachbuch abgeliefert, das für sich alleine spricht.

Die Lösungen sind verlässlich, worauf GM Dr. Karsten Müller in seinem Vorwort hinweist und dabei mitteilt, dass sie alle mit Computer gegengecheckt sind (von Thomas Binder).

Fazit: Auch mich hat „Die Fesselung ist immer und überall“ gefesselt, ohne dass ich mich mit den im Buch vertretenen Rezepten entfesseln konnte. Höchst unterhaltsam wird eines der wichtigsten Elemente der Schachtaktik, die Fesselung, aus unterschiedlichen Warten untersucht. An zahlreichen Übungsaufgaben hat der Leser die Möglichkeit, sein im jeweiligen Kapitel erlangtes Wissen oder über alle Buchinhalte hinweg im hinteren Bereich des Werkes zu überprüfen.

Das Buch ist eine klare Kaufempfehlung.

Softcover: 14,80 Euro

Hardcover: 17,80 Euro

Innerhalb von Deutschland versandkostenfrei beim Herausgeber Manfred Herbold bestellbar.

Email: mherbold@gmx.net

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