“Symmetrie” bezieht sich auf diesen Stand nach sieben von sieben Runden: Yu Yangyi 4.5/7, Le Quang Liem 4, Wei Yi, Fedoseev, Duda, Bu Xiangzhi 3.5, Shankland 3, Vidit 2.5. Vier von acht Spielern mit 50%, dann wurde wohl oft Remis gespielt? Das stimmt eher nicht: keiner blieb ungeschlagen, keiner blieb sieglos. Remiskönige waren Wei Yi und Fedoseev mit jeweils einem Sieg, einer Niederlage und fünf Remisen – Duda und Bu Xiangzhi gewannen und verloren jeweils zwei Partien.

Die beiden Spieler, die am Ende vorne lagen, hatten zu einem gewissen Zeitpunkt im Turnier weniger als 50% – Yu Yangyi nach der unnötigen Niederlage in Runde 2 gegen Landsmann Bu Xiangzhi (am Ende doch nicht “turnierrelevant”), Le Quang Liem noch nach Runde 5, aber zum Schluss gewann er doppelt. Für diesbezügliche Symmetrie sorgte Bu Xiangzhi, der seine beiden letzten Partien verlor – vor dem Ruhetag führte er noch alleine, am Ende landete er im breiten Mittelfeld.

Fotos wieder von der chinesischen Turnierseite. Individuell wurden Spieler nicht fotografiert, dann eben Yu Yangyi (rechts, aber Leser erkennen wohl wer von beiden Chinese ist) mit Fedoseev und noch einigen anderen im Hintergrund. Mit dem Sieg in dieser Partie in Runde 6 – langwierig aber glatt und ungefährdet – machte er einen wichtigen Schritt Richtung Turniersieg.

Runde 5 ignoriere bzw. überspringe ich – da war eher wenig los: vier relativ korrekte Remisen. Fleisspunkte bekommen einige Spieler dabei: 77 Züge bei Fedoseev-Shankland, 72 bei Wei Yi – Le Quang Liem. Jeweils wollte wohl Weiß gewinnen, aber es reichte eben nicht – wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg.

In Runde 6 ging es dagegen wieder zur Sache, nur Wei Yi und Vidit spielten vergleichsweise geräuschlos remis. Ansonsten:

Le Quang Liem – Shankland 1-0 – etwas aus dem Nichts heraus, wobei eine dynamisch ausgeglichene Stellung nicht immer remis wird. So stand es nach 32.-Db4?:

Weiß hat eine Drohkulisse am Königsflügel aufgebaut, die schwarze Dame nahm derweil gegnerische Bauern auf e3 und c3 und stand dadurch etwas im Abseits. Soweit war es beiderseits spielbar und engine-ausgeglichen, aber 32.-Db4? (sie kam von c3) war falsch: der ungedeckte Te8 ist relevant, warum? 33.Sg4! fxg4 (muss sein, um Sh6+ nebst Matt zu verhindern) 34.Txe8 und danach ging es für Schwarz weiter rapide bergab, bis zu dieser Schlusstellung:

Nach 39.De7!! droht vor allem 40.Txf8+ Txf8 41.Dg7#, und die freche weisse Dame nehmen hilft Schwarz auch nicht.

Das war Shanklands zweite Niederlage in diesem Turnier und die zweite anno 2018, dazu ein kleiner Exkurs: Zuvor spielte er zunächst ein Rundenturnier in Saint Louis für Spieler mit Elo 2610-2680. Zu diesem Kreis gehörte er damals und erzielte 5/9 (+1=8) – solide, nicht mehr und nicht weniger. Überlegener Sieger war übrigens Jeffery Xiong, der mal als Supertalent galt aber insgesamt bei Elo unter 2700 stagniert.

Danach drei Turniersiege für Shankland: Bei der US-Meisterschaft ebenfalls in Saint Louis remisierte er gegen die grossen drei (Caruana, So, Nakamura) und gewann reihenweise gegen Spieler mit Elo unter 2700. Capablanca Memorial war etwa mit St. Louis Spring Classic vergleichbar (kein Ivanchuk, kein Dominguez), diesmal erzielte Shankland +5=5. Bei der anschliessenden panamerikanischen Meisterschaft erzielte er stolze 9/11 – auch da hatten seine Gegner maximal Elo 2659. Nur weil es aufwärts geht (die drei Turniere brachten zusammen 56 Elopunkte, von 2671 auf 2727) muss es nicht weiter aufwärts gehen – und ein Turnier mit nur 2700ern (ebenso aufstrebend wie Shankland selbst) ist eine andere Kiste. Das wäre erst recht der Fall, wenn (es gibt derlei Gerüchte) Caruana auf den Sinquefield Cup zugunsten von Shankland verzichten sollte.

Anerkennung für seinen Aufstieg bekam Shankland: neben dieser Einladung auch ein Match gegen Svidler im Herbst in Hoogeveen, im anderen Match trifft Jorden van Foreest auf Vladimir Fedoseev. Wenn ich schon in den Niederlanden bin noch ein kleiner Exkurs: Jorden hat demnächst kein Monopol mehr auf “GM van Foreest”, Lucas erzielte gerade bei der offenen NL-Meisterschaft seine dritte GM-Norm und knackte zugleich Elo 2500. Beides war schon im Januar in der B-Gruppe in Wijk aan Zee möglich, aber damals hatte er eine günstige Ausgangsposition verdaddelt. Wertungssieger in Dieren war Erwin l’Ami nach Schwarzsieg in der letzten Runde gegen Casper Schoppen, der zuvor groß aufspielte und eine GM-Norm bereits in trockenen Tüchern hatte. Aus deutscher Sicht: IM-Norm für Valentin Buckels. Und nun wieder nach Danzhou:

Yu Yangyi – Fedoseev 1-0 war bereits erwähnt. Es zeichnete sich früh ab:

So stand es nach 28.-Dxd4. Momentan hat Schwarz einen Turm weniger, wobei er eine Figur zurück erhält: sowohl in der Partie nach 29.Td1 Lxf5 30.Txd4 Lxc2 als auch nach dem offenbar besseren 29.Te1 Df4+. Es dauerte dann allerdings bis zum 69. Zug. Auch die Qualität bekam Schwarz noch zurück – nicht ganz klar, ob Weiß dies bewusst erlaubte, das Springerendspiel war jedenfalls immer noch glatt gewonnen, Schlusstellung:

Materiell derzeit selbst ausgeglichen, aber nur 69.-Sxg7 könnte 70.g8D verhindern.

Bu Xiangzhi – Duda 0-1: der Pole spielte riskant-provokativ (unklar dabei ob und wie viel schlechter er zwischendurch mal stand) und wurde dafür belohnt. Stand nach 29.Tc1 (29.Df4 war hier jedenfalls besser):

Das freche 29.-Dxb2 ging durchaus (30.Th5 Sf6 oder auch, weniger stark, 30.-Dxg7). Duda entschied sich für die Abtauschkombination 29.-Sxf2!? 30.Txb1 Sg4+ 31.Kg1 Sxh6 und gewann später im Endspiel.

Damit hatte nun vor der letzten Runde Yu Yangyi einen halben Punkt Vorsprung auf Bu Xiangzhi und auch JK Duda.

Runde 9:

Yu Yangyi erzielte mit Russisch ein ungefährdetes Schwarzremis gegen Shankland. Damit war er zumindest geteilter Turniersieger, und dann verloren seine beiden Verfolger:

Duda – Wei Yi 0-1: Der Pole landete aus der Eröffnung heraus in einem schlechteren Endspiel, später wütete das schwarze Läuferpaar. Definitiv bergab ging es ab hier

mit 34.-f4+! (nur so) 35.gxf4 exf4+ 36.Kxf4 Td2 – “Matt” für den weissen Le2. Ein paar Bauern bekam Weiß für die Figur, aber die schwarzen Figuren waren zu aktiv – das ist (wohl) die Schlusstellung:

Im pgn-file steht zwar noch 44.Kd4 0-1, aber vermutlich ist das ein “Klassiker”: Könige auf d4 und e5 sagt der Software das Ergebnis 0-1. Hier käme 44.-Lg7#, auf 44.Kd6 Lf8+ nebst -Lxa3 (44.bxc6 bxc6+ ändert jeweils natürlich nichts).

Fedoseev – Bu Xiangzhi 1-0 im Turmendspiel:

Hier ist es für Weiß (am Zug) besser aber vielleicht nicht unbedingt gewonnen, es kam nun 26.Td6 Kf7 27.Td7+ Kf6 28.Ta7 mit Bauerngewinn.

Hier verpasste Schwarz womöglich seine Remischance: nach 39.-Ta2+ 40.Kf1 Kf3 hätte er genug Gegenspiel, nach 39.-Ta1? 40.a7 war dem nicht so. Weiß konnte seinen a-Bauern teuer verkaufen und erreichte dann diese Schlusstellung:

1-0 da auch der Bauer auf e5 verloren geht.

Eine Partie lief noch und sorgte dann für Symmetrie in der Tabelle sowie einen klaren zweiten und einen klaren letzten Platz: Vidit – Le Quang Liem 0-1. Auch dazu ein paar Diagramme:

Sind die “hängenden” schwarzen Bauern auf c4 und d5 stark oder schwach?

Nach der Zeitkontrolle dann dieses Bild: schwarzer Mehrbauer aber anfälliger König, Engines haben viel lieber Weiß. Vidit verschmähte dann auch kurz danach eine Zugwiederholung – ob und wie er gewinnen konnte, da müsste man sich Engine-Varianten genauer anschauen. Im 46. Zug konnte er mit 46.Dxa7+ das materielle Gleichgewicht wieder herstellen, das tat er nicht. Und nach dem 60. Zug bekam Schwarz Oberwasser, bis zu dieser Schlusstellung:

Weiß hat hier weder Dauerschach noch Matt, und damit keine Verteidigung gegen 76.-d1D.

So landete Vidit im Tabellenkeller und verlor insgesamt 9 Elopunkte, bleibt allerdings im Club 2700+ – das Polster reichte. Am anderen Tabellenende gewann Yu Yangyi 6,1 Elopunkte – auch der Zehntelpunkt ist “wichtig”: so ist er nun mit 2666.1 Nummer 14 der Liveliste, vor Grischuk (2666) und knapp hinter Aronian (2767) und Anand (2768). Hätte wenn und aber zählt ja nicht, aber ohne die unnötige Niederlage gegen Bu Xiangzhi wäre er bereits Nummer 11 knapp zwei Punkte hinter Karjakin. Was Einladungen für Chinesen auch im Ausland betrifft war er bisher Nummer 4 hinter – nicht unbedingt so sortiert – Ding Liren (noch etwas besser), Wei Yi (noch etwas jünger) und Hou Yifan (weiblich). Kann er das ändern? Eventuell, wenn er sich in der magischen top10 etablieren sollte.

Zu “Wie geht es weiter?” nur etwas aus China: vom 11.-14. August in Wenzhou ein Match zwischen Ding Liren und Topalov. Ding Liren hat sich offenbar von seinem Fahrradunfall in Norwegen erholt, und Topalov unterbricht seinen Urlaub (pro Jahr hat oder nimmt er mindestens 300 Urlaubstage).

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