Spanische Mannschaftsmeisterschaften

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Man kann das Turnier aus diversen Blickwinkeln betrachten: aus Turniersicht – wer wurde Meister, und warum? Die Frage, warum (diese) zwei Teams absteigen, lässt sich einfacher beantworten. Aus internationaler Sicht – wie haben über Spanien hinaus bekannte Spieler individuell abgeschnitten? Aus deutscher Sicht – das ist übersichtlich, da nur zwei bzw. einschliesslich Zweiter Liga “zweieinhalb” Spieler dabei waren.

Ich beginne mit dem Endstand (Mannschafts- und in Klammern Brettpunkte): Sestao 12(25), CAC Beniajan Duochess 11(27), Solvay 11(25), Magic Extremadura 8(22), Ajoblanco Extremadura 8(21.5), Escola Escacs Barcelona 4(21.5), Jaime Casas Monzon 2(14), Oromana Schneider Electric 0(12). Zwei Teams klar abgeschlagen, der Abstiegskampf schien früh (im höheren Sinne vielleicht schon vor Turnierbeginn) entschieden. Barcelona hat seine Brettpunkte recht ungeschickt über die Mannschaftskämpfe verteilt – Siege gegen die Absteiger, immer 2.5-3.5 gegen die fünf Teams vor ihnen.

“Oben” wurde Sestao (aus internationaler Sicht Team Vitiugov-Rodshtein-Jones) zum dritten Mal nacheinander spanischer Mannschaftsmeister, aber diesmal war es knapp und in der letzten Runde brauchten sie noch Schützenhilfe. 2016 und 2017 erzielten sie dagegen (mit anderen Aufstellungen) jeweils 13-1 Mannschaftspunkte und hatten 4 bzw. 3 Punkte Vorsprung auf den jeweiligen Vizemeister. Dieses Jahr schien Duochess (aus internationaler Sicht Team Navara-Ponomariov-Paehtz) die besten Karten zu haben, gab allerdings in der letzten Runde noch einen Mannschaftspunkt ab – da halfen mehr Brettpunkte als Sestao auch nicht.

Warum wäre sonst Duochess Meister geworden? Weil sie im direkten Duell gegen Sestao ein 3-3 retteten (wer dafür zuständig war, siehe gegen Ende des Artikels) und weil sie gegen die Absteiger höher gewonnen hatten. Sestao schaffte gegen Oromana Schneider Electric nur ein 3.5-2.5: Vitiugov pausierte, Rodshtein verlor am Spitzenbrett gegen Kokarev, für Oromana erzielte FM Silva Lucena ausgerechnet gegen den späteren Meister seinen einzigen halben Punkt in sieben Partien. Höhere Siege gegen Absteiger sorgten auch vor allem dafür, dass Duochess nach Brettpunkten vor Solvay (aus internationaler Sicht Team Indien-Muzychuk, Shirov ist dabei auch über Spanien hinaus bekannt) landete. In der allerletzten Partie des Turniers wurde entschieden, wer in der Extremadura das Sagen hat. Der wortgewaltige Pepe Cuenca in Diensten von Ajoblanco verlor dann noch ein Endspiel mit Mehrqualität und so hatte Magic die Fusspitze vorn, irgendwie magisch (direkter Vergleich 3-3).

Das Titelfoto stammt vom Meister Sestao, weitere Fotos vor allem vom spanischen Schachverband auf Facebook – da auch noch ein Gruppenfoto:

Auch hier sieht man, dass mehrere Teams (oben) einheitlich gekleidet waren. Was wohl nicht sofort auffällt: im Vergleich zu den Vorjahren ziemlich viele Spanier(innen). Seit diesem Jahr gilt nämlich eine Inländerquote von 50%, pro Kampf an drei von sechs Brettern Einheimische. Alle Teams haben die erlaubte Ausländerquote von demnach ebenfalls 50% ausgeschöpft, auf etwas unterschiedliche Weise: teils drei Großmeister, teils wurde auch die Frauenquote von 16,67% (eine von sechs) durch eine Ausländerin erfüllt. Diese Dame musste nicht unbedingt am letzten Brett spielen, und – bereits angedeutet – Solvay machte beides, da neben ihren drei Indern Harikrishna/Vidit/Adhiban (jeweils zwei spielten) auch Anna Muzychuk den GM-Titel hat.

Die Inländerquote hatte (womöglich) zwei Konsequenzen: Zum einen war das Teilnehmerfeld insgesamt ausgeglichener – viele knappe Ergebnisse, nur die beiden Absteiger konnten nicht mithalten. Zum anderen fiel die Entscheidung in knappen Matches tendenziell an “spanischen” Brettern bzw. am Brett mit mindestens einer Dame. Neben Leko, der schliesslich einen Ruf zu verteidigen hat, remisierte auch Ponomariov alle sieben Partien – an dieser Aufgabe scheiterte Vitiugov nur deshalb, da er einmal pausierte, also sechs Remisen.

Georg Meier, wie Leko in Diensten von Barcelona, erzielte ebenfalls 50% (Sieg gegen Volkov, Niederlage gegen Vidit, fünfmal Remis) – und mehr muss man zu diesem deutschen Spieler im Turnier nicht unbedingt schreiben. Besser machten es von den männlichen Ausländern vor allem David Navara (5/7, damit hat er die in Biel verlorenen Elopunkte fast zurück) und auch Gawain Jones (4.5/6).

Leko-Navara wurde remis, da konnte sich also der Deizisauer Ungar durchsetzen. Dabei standen in der Partie beide mal besser, Gesprächsstoff in der Analyse (derlei macht Navara jedenfalls in Wijk aan Zee, da habe ich es mitbekommen, ohnehin oft).

Noch ein Foto zwischendurch:

Hier erkenne ich nur in der Mitte Pepe Cuenca, alle sind jedenfalls beim Spaziergang durch Linares modebewusst (Kontrastprogramm zur Dame in rot im Hintergrund).

Und nun zwei Fotos von chess24.es auf Twitter:

Der Meister Sestao – neben den Spielern haben offenbar auch andere zum Erfolg beigetragen oder sich jedenfalls mit auf das Foto gestellt

Gros Xake Taldea war letztes Jahr Absteiger und ist nun wieder Aufsteiger, Sieger in der Ersten Liga (die höchste Liga heisst Ehrendivision). Überraschend war letzteres nicht – da Naiditsch und van Wely dem Verein die Treue gehalten haben waren sie eine Etage tiefer klarer Favorit. Naiditsch hat mit 6.5/7 am Spitzenbrett abgeräumt, das brachte 10 Elopunkte (5,5/7 war demnach das normale Ergebnis). van Wely war an Brett 2 mit 4,5/7 nicht so gut drauf (Niederlage gegen einen FM). Im Abstiegsjahr 2017 waren die Rollen übrigens umgedreht – 2.5/6 am Spitzenbrett für Naiditsch, 5/7 an Brett 2 gegen durchweg GMs mit Elo 2600-2680 für van Wely.

Damit haben wir auch den “halben Deutschen”. Bekannte Namen in der zweiten Liga sonst noch der Pole Aleksandr Mista am Spitzenbrett von Mitaufsteiger Collada Villalba, und Pia Cramling am Damenbrett (= in diesem Fall Brett 3) von C.A. Silla.

Fehlt noch eine bereits erwähnte deutsche Spielerin, und danach auch einige Worte zu einigen anderen Damen:

Elisabeth Paehtz, mal wieder blond, erzielte am sechsten Brett 6/7 und gewann damit weitere 13 Elopunkte. Soweit für die Statistik – wer wissen will, wie es im einzelnen entstand, sollte weiterlesen.

Zweimal gewann sie im Endspiel, dreimal im Mittelspiel, zweimal wurde es remis. Der erste Endspielsieg war in Runde 2 gegen Ana Matnadze (siehe Titelbild, das man auch vergrössern kann). Matnadze hatte theoretisch bekannt und demnach korrekt einen Bauern geopfert, aber irgendwann kam ihr die Kompensation dafür abhanden. Der zweite Endspielsieg in Runde 4 gegen Sabrina Vega Gutierrez war wichtig (nicht dass der beim 3.5-2.5 von Duochess gegen Barcelona unwichtig war).

Es war im hier aus ungewöhnlicher Perspektive fotografierten Match gegen Sestao. Duochess lag hinten, Paehtz verweigerte demnach eine Zugwiederholung und gewann letztendlich. Ob das Turmendspiel aus gegnerischer Sicht haltbar war, da will ich mich nicht festlegen.

Drei weitere Siege mit Dank an die mir zuvor unbekannte spanische EfE-Stiftung (Elo für Elisabeth). Nicht dass es diese gibt – ihren Gegnern unterstelle ich keine Absicht und schon gar nicht Absprachen (untereinander oder mit Paehtz) – aber die Triplizität der Ereignisse war kurios. Es begann in Runde 1:

Mit Weiß hatte FM Gines Esteo (Elo 2336) gerade das Gröbste überstanden, 49.Dxh5+ war ausgeglichen. Aber er spielte 49.Lxe5??! … und gab auf, ohne die gegnerische Antwort abzuwarten. So wissen wir nicht einmal mit Sicherheit, ob Paehtz 49.-Dxe5! gesehen hatte – danach droht Matt auf h2 und e1, und die Dame der Dame ist wegen 50.-Td1+ nebst Grundreihenmatt tabu. Das hätte sich Weiß eventuell auch zeigen lassen können!?

[Information von Elisabeth Paehtz: Sie hatte 49.-Dxe5 gespielt – unklar, warum es in der Liveübertragung auf chess24 nicht mehr auftauchte]

Runde 3 wieder mit Schwarz gegen GM Ubilava (mit Elo 2485 ihr nominell stärkster Gegner). Diese Stellung gab es bereits siebenmal, zuvor spielte Weiß immer 13.Se3 (mit relativ schlechten Ergebnissen, aber das lag nicht unbedingt an der Eröffnung). Ubilava neuerte mit 13.fxe5??! und hatte nach 13.-bxc4 eine Figur weniger, Kompensation Fehlanzeige.

Dann war da noch Runde 6 gegen Paehtzs nominell schwächste Gegnerin WIM Collazo Hidalgo-Gata (toller Name mit Elo 2199). Wieder hatte Paehtz Schwarz.

Weiß spielte, ja genau, 23.Sxf7!?. Diese Zeichensetzung deutet an, dass das noch kein Fehler war, wenn sie nach 23.-Kxf7 24.c4! findet – dann ist es für Engines, die 23.Sxf7 gar empfehlen, ausgeglichen. Aber es kam 24.Lb3+ und nach dem erzwungenen 24.-Kg6 wieder keine echte Kompensation für die Figur. Nach Paehtzs impulsivem 26.-Dxb4? (nach nur fünf Sekunden) hatte Weiß noch die Chance, in ein Endspiel mit aus ihrer Sicht Turm gegen Läufer und Springer bei beiderseits drei Bauern abzuwickeln. Da müsste Schwarz jedenfalls noch Technik zeigen – wie es objektiv zu beurteilen wäre darf man mich nicht fragen (z.B. Karsten Müller könnte Bescheid wissen).

Stattdessen spielte Weiß mit null Bauern für die Figur weiter – es war ja ein Mannschaftskampf und sie hatte nichts zu verlieren [vielleicht bereits vor dem ersten Zug, nicht auszuschliessen dass Paehtz ohnehin gewonnen hätte]. Der spätere Paehtz-Sieg war Teil des 5,5-0,5 von Duochess gegen Oromana (der mitdenkende Leser weiss, wer für Duochess Remis spielte: Volkov-Ponomariov 1/2).

Nach 6.5/7 in der griechischen Mannschaftsmeisterschaft nun 6/7 in Spanien für Paehtz, jeweils gegen weitgehend nominell klar unterlegene Gegner(innen) aber die Elopunkte läppern sich zusammen, aktuell hat sie nun bereits 2513.4. Das erste Mal hatte sie die damen-magischen 2500 im Juni 2016 übrigens auf andere Weise geknackt, zuvor bei Grenke Open und Reykjavik Open auch starke männliche Gegner mit Elo 2600 oder mehr. Welche Gegnerinnen sie bei der Olympiade bekommt, wird auch am Abschneiden der anderen deutschen Spielerinnen liegen. Ob sie Elo 2500+ diesmal länger halten kann, wird die Zukunft zeigen.

Ubilava hatte bei seinem sinnlosen Figurenopfer vielleicht zu wenig Respekt vor Paehtz, ihr anderer Gegner mit 2400+ (IM Suarez Garcia, Elo 2468) hatte eventuell zu viel Respekt und begnügte sich nach 20 Zügen mit Weiß mit einer Zugwiederholung.

Hier beide konzentriert während der Partie

Hier entspannter bei der Analyse hinterher.

Eine Dame konnte punktemässig an Brett sechs fast mit Paehtz mithalten – Bibisara Assaubayeva mit am Ende 5.5/7.

Hier stehend im Hintergrund fotografiert. Pech hatte sie, dass sie auf einen anderen Ubilava traf, wobei sie vielleicht ein bisschen selbst Schuld war:

Hier spielte sie 12.-Sxe5 und litt unter Raumnachteil, das wurde später partieentscheidend. 12.-dxe5 war in diesem Sinne objektiv besser, außerdem konnte Ubilava darauf z.B. 13.e4??! spielen … .

Auch gegen andere Damen, hier Deimante Cornette, konnte “der Herr am Damenbrett” (für Solvay spielte Anna Muzychuk an Brett 4) punkten.

Das direkte Duell Assaubayeva-Paehtz in Runde 7

fand eher nicht statt: ab dem 22. Zug wiederholten sie, insgesamt eine fünffache Stellungswiederholung und nach 30 Zügen war das Remis offiziell.

Anna Muzychuk hier beim Tiefpunkt ihres Turniers – Niederlage gegen FM Alshameary Puente (Elo 2343). Insgesamt punktete sie mit 4,5/7 fleissig genug, um dennoch drei Elopunkte zu gewinnen – damit ist sie live nun wieder Nummer 2 bei den Damen vor Ju Wenjun.

Was bleibt sind ein paar Bildergalerien:

van Wely sass mal am Brett, mal ging er spazieren – gilt natürlich auch für andere Spieler.

Teams, die komplett einheitlich gekleidet waren. Warum Ajoblanco Extremadura in dunkelblau, die magische lokale Konkurrenz dagegen überwiegend in Weiß, da bin ich überfragt. Oromana Schneider Electric hatte (teilweise) mehr Kilo als Elo zu bieten.

Magic Extremadura hatte zwar, als einziges Team neben den beiden Absteigern, kein Geld für Spieler mit Elo 2700+ – aber immerhin genug für zwei verschiedene T-Shirts. Paehtz wurde mehrfach von hinten fotografiert, warum auch immer (kann Zufall sein). Jedenfalls wenn man das Foto vergrössert sieht man, dass Duochess mit Begeisterung dabei ist (Pasion por el ajedrez). Das letzte Foto hat Seltenheitswert: Romain Edouard spielte nur zwei Partien – er war wohl der Reserve-Ausländer neben Vitiugov, Rodshtein und Jones. Solvay hat seine drei Inder dagegen recht gleichmässig eingesetzt: je vier Partien für Harikrishna und Adhiban, fünf für Vidit (und sieben für Anna Muzychuk).

Wie geht es weiter? Keine Ahnung, welche nationale Mannschaftsmeisterschaft als nächstes dran ist.

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