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“Perlen vom Bodensee” haben bereits berichtet, aber ich habe eigenes Material vorbereitet, also noch ein Beitrag. Armenien relativ weit oben war klar – sie schickten drei Großmeister, alle unter den ersten 15 der Setzliste. Zwei landeten dann ganz oben.

Deutschland schickte 35 Spieler – genauso viele wie Lettland, einer mehr als Russland. Fünf hatten den GM-Titel und waren unter den ersten 15 der Setzliste, andere hatten kleinere oder keine Schachtitel – zum Beispiel landeten die Schachfreunde Schmitt, Waffenschmidt, Danielmeier und Kuhn nebeneinander auf Platz 246-249 (in umgedrehter Reihenfolge der Elozahlen 1992-2151). Von den fünf deutschen GMs konnten zwei ihre Elozahl etwa bestätigen, erfolgreicher im Vergleich zum eigenen Niveau waren ein IM und ein FM – aber das kommt später.

Zunächst der Endstand: GMs Hovhannisyan und Petrosyan 7.5/9, GMs Predke, Kovalenko, Svane, Esipenko, IMs Laurusas, Annaberdiev, Lobanov 7/9, usw. . Diese IMs erzielten keine GM-Normen, im Gegensatz zum Österreicher Robert Kreisl – nach Wertung weit oben in der Gruppe mit 6.5/9. Manuel Petrosyan sollte man nicht mit Tigran Petrosian verwechseln, der spielt momentan in Abu Dhabi (und ihn sollte man nicht mit dem verstorbenen Ex-Weltmeister verwechseln).

Weitere Deutsche – alle 34 (Svane hatten wir bereits) nenne ich nicht, nur die GMs und zwei andere: GM Schroeder 6.5/9, GM Donchenko 6, IM Yankelevich 6, GM Bluebaum 6, FM Sinz 5.5, GM Kollars 5/8 (und kampflose Niederlage in der letzten Runde). Bei Matthias Bluebaum muss ich den GM-Titel erwähnen, da Karl-Ernst und Johanna Bluebaum ebenfalls mitspielten. Der Papa konnte nach Punkten lange mit dem Sohn mithalten, eine IM-Norm schien möglich aber dann verlor er seine beiden letzten Partien. Johanna bestätigte als 234. fast genau Platz 232 in der Setzliste (3/9 nach zu Beginn 0/3).

Ich beginne mit Runde 5, da es zu diesem Zeitpunkt aus deutscher Sicht gut aussah und da die Turnierseite dazu reichlich Fotos hat. Vom späteren Turniersieger Hovhannisyan haben sie offenbar keines, dafür einige von deutschen Teilnehmern. Stand vor der Runde: der Ungar IM Kaczur hatte als einziger 4/4, dahinter 22 Spieler mit 3.5/4 – u.a. mit Schroeder, Donchenko, Svane und Sinz vier Deutsche (nach Wertung ein bisschen überall, aber das ist so früh im Turnier bedingt aussagekräftig). Kaczur hatte zuvor GM Stocek besiegt, der ab hier nach dem Motto spielte “mit Weiß gewinnen, mit Schwarz verlieren” – bei durchweg mindestens 100 Elopunkte schwächeren Gegnern war es für den Tschechen kein gutes Turnier.

Zuerst die Bühne mit den Spitzenbrettern (auf dem Titelfoto hinten). Zu einigen Partien Fotos, nur zu einer Überraschung der Runde dann auch Diagramme.

GM Donchenko – IM Kaczur 1-0 – Alexander Donchenko beendete den Lauf des Ungarn, der ab hier nach dem Motto spielte “mit Schwarz verlieren, mit Weiß remis” und so am Ende 69. wurde.

Der an eins gesetzte Lokalmatador gewann: IM Pavlov – GM Kovalenko 0-1. Auch an Brett 3 und 4 siegten die Favoriten Hovhannisyan und Predke, die nächsten deutschen Spieler waren weniger erfolgreich: Am nächsten Brett stand Rasmus Svane gegen den Litauer IM Pultinevicius zwar mal im Endspiel klar gewonnen, aber am Ende wurde es Remis – bei deutschen Spielern haperte es mitunter an der Chancenverwertung, weitere Beispiele sollten folgen.

GM Carlsson – GM Schroeder 1-0 – gegen Carlsen verlieren ist keine Schande, aber da habe ich mich vertippt: den Schweden Pontus Carlsson kann man nur anhand des Namens mit dem Norweger Magnus Carlsen verwechseln! Jan-Christian Schroeder öffnete verfrüht das Zentrum, während sein König noch in der Mitte stand. Um Schlimmeres zu verhindern und doch noch zu rochieren, gab Schwarz zwei Bauern am Damenflügel – aber auch so war es auf Dauer hoffnungslos.

Die Armenier Petrosyan und Ter-Sahakyan gewannen gegen IMs, dann die nächste Überraschung der Runde neben Carlsson-Schroeder:

Der junge Slowake IM Pechac spielte gegen den noch jüngeren Inder GM Praggnanandhaa – am Brett gespielte Züge und eine leere Bananenschale deuten an, dass dieser zur Partie antrat.

Das ist der fotografische Beweis, am Ende gewann Weiß – wie kam das zustande?

Das ist die Stellung nach nur 7 Zügen, es begann mit 1.c4 e5 2.g3 h5!?

Mit 15.d4!? opferte Weiß dann einfach so eine Qualität – Engines gefällt es eher nicht, aber das kam am Ende dabei heraus:

Schwarz hat immer noch eine Mehrqualität, trotzdem gab er nach 43.Sh6 auf. Bis Runde 7 hatte Praggnanandhaa ein Elo-neutrales Turnier, dann verlor er gegen zwei weitere IMs.

Der Österreicher Robert Kreisl (vorne links) ebenfalls auf der Bühne, das zeige ich zunächst

und nun nochmals in Großaufnahme die ungewöhnliche Zughaltung des jungen Azeri FM Manafov. Beide hatten ihren Platz auf der Bühne Erfolgen gegen deutsche Spieler zu verdanken: Kreisl spielte zuvor Remis gegen Schroeder und gewann gegen Kollars, Manafov hatte Bluebaum (und zwar GM Matthias) besiegt. Kreisl verlor in dieser Runde gegen Smirin, später noch (was GMs betrifft) Sieg gegen Kulaots und Remis gegen Donchenko. Für österreichische Leser: insgesamt war Kreisl erfolgreicher als Valentin Dragnev, der den GM-Titel bereits hat. Manafov konnte gegen GM Repka locker Remis halten, damit trotz danach 0.5/4 (mit K-Faktor 40) 76 Elopunkte im Rückreisegepäck – aus deutscher Sicht wird er nochmals erwähnt.

Dann noch Brett 24:

GM Kollars (2549) gewann gegen den Esten Sander Kukk (2194) – es gab also auch gute Nachrichten für Dmitrij Kollars, aber in diesem Turnier wenige.

Zu Runde 6 vor allem die Spitzenpaarung Kovalenko-Petrosyan 1-0, wie kam das zustande? Dazu eine Diagrammgalerie:

Mit 29.-Sc4?! hatte Schwarz, hier nicht offensichtlich, die Deckung des Tc8 vernachlässigt. Weiß opferte mit 30.Lxg6 hinein und bekam letztendlich vier Bauern für die Figur. Im dritten Diagramm konnte Weiß mit z.B. 49.De2 schneller gewinnen – es ist ja noch ein Mittelspiel, und da steht der schwarze König auf e5 denkbar falsch. Aber er wählte den Übergang ins Endspiel, und das war auch gewonnen – am Ende erwischt Schwarz zwar einen der beiden verbliebenen weissen Bauern, aber der andere wird dann eine Dame.

Da die drei anderen Partien an den vordersten Brettern Remis endeten, übernahm Kovalenko mit 5.5/6 die alleinige Führung im Turnier. Hinter ihm neun Spieler mit 5/6, darunter Alexander Donchenko und Lev Yankelevich. Letzterer hatte Weiß gegen Jiri Stocek, der Leser kennt das Ergebnis dieser Partie bereits.

In Runde 7 verlor Kovalenko seine Spitzenposition: Hovhannisyan-Kovalenko 1-0. Dazu nur die Schlusstellung:

Total souverän könnte man meinen – allerdings war das weisse Angriffskonzept eher inkorrekt, aber Kovalenko konnte das am Brett nicht beweisen.

Niederlage aus besserer bis gewonnener Stellung heraus, das konnten deutsche Spieler in dieser Runde auch: Donchenko-Maiorov 0-1 an Brett 2 haben die Kollegen vom Bodensee bereits ausführlich besprochen, ähnlich erging es Jan-Christian Schroeder an Brett 9 gegen IM Pechac – ebenfalls 0-1 statt 1-0. Yankelevich verlor erwartungsgemäss gegen Predke, Svane löste dagegen seine “Pflichtaufgabe” gegen IM Duzhakov.

GM Petrosyan – FM Sinz 1-0 an Brett 10 erwähne ich noch, da (im Nachhinein) turnierrelevant und mit deutscher Beteiligung. Bernhard Sinz kannte Botvinnik-Theorie aber hatte dann, sobald er auf sich alleine gestellt war, schnell das Nachsehen.

Nach dieser Runde ein Führungsquartett: Predke, Hovhannisyan, Meshkovs und Maiorov mit 6/7.

In Runde 8 legte Hovhannisyan noch einen drauf: Maiorov-Hovhannisyan 0-1, wie kam das zustande?

Das ist eine theoretisch noch recht bekannte Stellung, am Brett spielte Schwarz bisher offenbar fast immer 16.-Db6 (Vorgänger u.a. Nakamura-Giri, Giri-Shirov und Svane-Shirov). Hovhannisyan entkorkte 16.-Lxf2+!? – das gab es analog (Schwarz begann mit 16.-Sxf2) anscheinend nur in einer Fernpartie. Kurz danach dann der kritische Moment:

Weiß musste (wie in der Fernpartie) 18.-b4 mit 19.e5 bxc3 20.exf6 usw. beantworten. Nach 19.Sa4 Sxe4+ bekam Schwarz Oberwasser, gewann kurz danach eine Figur und hatte so netto eine Qualität mehr. Eine Engine-Ausgleichchance hatte Weiß noch, liess sie jedoch ungenutzt.

Zu anderen Partien jeweils ein Diagramm:

Die auf GM-Niveau ungewöhnliche Schlusstellung von Kovalenko-Repka 1-0

Auch bei IM Pechac – GM Esipenko 0-1 gewann der Favorit, allerdings nur mit etwas gegnerischer Hilfe ganz am Ende:

Schwarz steht wohl etwas besser – kann er das gewinnen? Weiß am Zug, was tun? Jedenfalls nicht das gespielte 41.Txg5?? Df3+ 0-1 (42.Tf2 Dd1+ nebst -Kxg5, 42.Ke/g1 Dxe3+ nebst -Dxg5 mit gewonnenem Bauernendspiel). Das war übrigens nicht “nach der Zeitkontrolle” – in Riga gab es 90 Minuten für die gesamte Partie plus 30 Sekunden Inkrement.

Mitunter gewann auch der Außenseiter, z.B. hatte IM Garriga Weiß gegen GM Stocek, und Lev Yankelevich besiegte den Armenier GM Ter-Sahakyan – der offenbar die Geduld verlor oder halluzinierte:

Was wollte er mit 47.-e5?! 48.fxe5 Lxe5 49.dxe5 Dxe5+ erreichen? Dauerschach oder etwa Matt? Es wurde keines von beidem. Zusammen mit einer Niederlage tags zuvor gegen Meshkovs hatte sich Ter-Sahakyan in der Rubrik “beste Armenier in Riga” die Bronzemedaille gesichert.

Vor der letzten Runde hatte Hovhannisyan (7/8) damit einen halben Punkt Vorsprung auf Predke, Petrosyan, Kovalenko, Meshkovs und Esipenko – deutsche Spieler konnten definitiv nicht mehr in den Kampf um den Turniersieg eingreifen.

Runde 9: Predke und Hovhannisyan remisierten eher geräuschlos, auch bei Esipenko-Kovalenko war das Gleichgewicht nie ernsthaft gestört oder gefährdet. Aber ein Armenier konnte den Armenier Hovhannisyan einholen – die Schlusstellung von Petrosyan-Meshkovs 1-0:

Schwarz hat die Wahl zwischen 40.-Dd4 41.Tf8+ Kh7 42.Df5+ g6 43.Tf7+, oder nach fast allen anderen Damenzügen 41.Txc5 mit Figurengewinn (da der Tb7 nun ungedeckt ist). Er konnte sich nicht entscheiden und gab auf.

Andere Partien aus deutscher bzw. deutschsprachiger Sicht: Yankelevich brauchte für eine GM-Norm einen Schwarzsieg gegen Svane (das hätte nach meinen Berechnungen gereicht) – aber vielleicht auch weil er das unbedingt wollte und die Partie riskant-provokativ anlegte verlor er stattdessen in 24 Zügen. Kreisl brauchte für seine GM-Norm noch ein Remis – das bekam er mit Weiß in 8 Zügen, der Gegner wollte ihn nicht ärgern (und sei es nur, indem er das Remisangebot ablehnt und ihn noch etwas auf die Folter spannt). Die noch nicht genannten deutschen GMs hatten alle Schwarz gegen IMs: Bluebaum und Donchenko remisierten, Schroeder gewann dagegen und wurde so zweitbester Deutscher in Riga (bei fast neutraler Elobilanz, Svane leicht im Plus), Kollars trat nicht zur Partie an (Hintergründe kenne ich nicht).

Noch ein deutscher Spieler musste für eine Titelnorm gewinnen: FM Sinz brauchte für eine IM-Norm einen Schwarzsieg gegen den bereits erwähnten Vugar Manafov. Es wurde ein hartes Stück Arbeit, nach 94 Zügen hatte er den vollen Punkt. In derlei Fällen bin ich immer neugierig: Wer ist Bernhard Sinz? Jahrgang 1973, erst ab 2016 machte er erhebliche Elo-Fortschritte ab Basisniveau ca. 2230 (damit 2017 der FM-Titel, Voraussetzung Elo 2300). Riga war dieses Jahr offenbar der zweite Erfolg nach Platz 2 bei der württembergischen Blitzmeisterschaft, und anscheinend sein erstes Turnier im Ausland seit einem Open in Amsterdam anno 2001. Gegen GMs erzielte er in Riga 0/3, aber gegen IMs 2.5/3. Zum Sieg gegen Sergey Pavlov in Runde 6 ein Diagramm:

Der weisse Opferangriff war zuvor eigentlich nicht ganz korrekt, aber Schachfreund Sinz hatte das Glück des Mutigen (oder Übermütigen?). Hier ist es bereits wieder ausgeglichen, aber nur nach 24.-Db8 – Weiß hat dann Dauerschach. Pavlov nahm mit 24.-Sxe1 weiteres Material und ging mit fliegenden Fahnen unter.

Bleiben noch ein paar Bildergalerien:

Auf dem Foto von Lokalmatador Meshkovs auch ein bisschen Bernhard Sinz (Meshkovs ist GM, der Leser kennt damit das Ergebnis der Partie). Später auch andere deutsche Teilnehmer.

Damen spielten im Turnier eine Nebenrolle (Damenpreise waren bescheidene 100/70/50 Euro), aber drei Fotos habe ich zum Abschluss:

Die junge blonde Dame (er)kenne ich nicht, aber – wie auch Laura Rogule: sie kann den Gegner anstarren wie ein Großmeister. Die dritte Dame hat momentan keinen Gegner – beide haben dabei beschlossen, dass man während der Partie keine Brille braucht.

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