Wie Marshalls Angriff an Capablanca abprallte

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Frank James Marshall (Foto) hat mehr Eröffnungsideen seinen Namen geliehen als jeder andere Schachmeister. Im Nachhinein wäre der Amerikaner damit wahrscheinlich gar nicht einmal glücklich, weil heute viel Dubioses oder übermäßig Zweischneidiges nach ihm benannt ist. Zumindest namentlich steht die minderwertige „Marshall-Verteidigung“ neben dem „Marshall-Angriff“ im Spanischen, seit 100 Jahren eines der zuverlässigsten und besten Eröffnungssysteme für Amateure wie Weltklassespieler.

Der Legende nach hat Marshall die Idee für seinen Angriff lange geheim gehalten, um ihn erst dann zu spielen, wenn ihm ein ganz Großer des Schachs gegenüber sitzt. 1918 in Manhattan war es dann so weit.

Manhattan 1918: Premiere des Marshall-Angriffs (Video)

 

Die weißen Steine führte der kommende Weltmeister José Raúl Capabablanca (1888-1942), Spitzname „Schachmaschine“, weil er so schwer zu besiegen war und technisch besser als jeder andere. Mit Marshalls Heimarbeit konfrontiert, zeigte Capablanca, dass er auch rechnen konnte wie kaum ein anderer. Schlag um Schlag versetzte ihm Marshall, aber Capablanca navigierte am Brett fehlerfrei durch das Gestrüpp von Fallstricken, das sein Gegenspieler ausgelegt hatte. Schließlich versandete Marshalls Angriff, und Capablanca gewann dank des Materialplus‘, das er im Lauf des schwarzen Opferreigens angesammelt hatte.

marshall grundstellung

Die Grundstellung des Marshall-Angriffs: Heute spielt man 11…c6.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Schwarzen schließlich darauf, Marshalls Angriff mit dem Zug 11…c6 (statt Marshalls 11…Sf6) zu verbessern. Seitdem erfreut sich der Marshall-Angriff bester Gesundheit. Großmeister Jan Gustafsson rühmt sich, damit noch nie eine Partie verloren zu haben.

Die Stammpartie des Marshall-Angriffs von 1918 kam auf dieser Seite vor, als Wikileaks-Gründer Julian Assange am 13. Januar ein Diagramm mit einer Stellung aus dieser Partie getweetet hatte. Die Begegnung Capablanca-Marshall ist eine von vielen, aber eher keine typische Capablanca-Gewinnpartie.

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José Raúl Capablanca.

Komplikationen oder gar eröffnungstheoretischen Debatten, wie sie ihm Frank Marshall aufgezwungen hatte, ging Capablanca eher aus dem Weg, um im Verlauf der Partie seine technische Stärke und sein Können in Endspiel auszuspielen – eine ähnliche Attitüde, wie sie heute Weltmeister Magnus Carlsenpflegt.

Anders als andere große Meister hat José Raúl Capablanca der Schachwelt wenige seiner Erkenntnisse hinterlassen. Von ihm gibt es nur zwei Bücher, die beide knapp nicht das Rennen machten, als wir unsere Bücherkiste mit Empfehlungen (siehe unten rechts) zusammengestellt haben. Vielleicht ein Versäumnis, weil gerade das weniger bekannte seiner beiden Werke in den Bücherschrank jedes Schachspielers gehört.

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Das nach seinem Tod veröffentlichte „Letzte Schachlektionen“ basiert auf einer Schachserie, die Capablanca fürs Radio konzipiert hatte, um Spielern mit Grundkenntnissen Fundamentales zu vermitteln. Schwerpunkt ist naturgemäß das Endspiel, aber auch Mittelspiel- und Eröffnungslektionen (Spanisch, wie passend  ) kommen vor, dazu Biografisches. Nicht nur der Schreiber dieser Zeilen hat die Grundkonzepte von Bauernendspielen anhand von Capablancas letzten Lektionen gelernt.

Hochinstruktiv, aber eine Nummer zu groß für Anfänger

Capablancas anderes, bekannteres Buch, „Grundzüge der Schachstrategie“(„Fundamentals“ ist der englische Titel) trägt einen leicht irreführenden Titel. Tatsächlich beginnt das Werk mit den grundlegensten Grundlagen, aber dann zieht der Schwierigkeitsgrad rasant an: Capablanca analysiert einige seiner bemerkenswertesten Partien, das ist zwar hochinstruktiv, aber eine Nummer zu groß für Anfänger. Auf Amazon ist das Buch nicht mit den wohlverdienten fünf Sternen bewertet, weil es den Kommentaren nach manch Anfänger aufgrund seines Titels gekauft hat, aber viel leichtere Kost erwartet hatte.

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Wer Schach anhand der Erkenntnisse der alten Meister lernen möchte und sich folgerichtig Tarraschs „Das Schachspiel“ zugelegt hat, für den ist Capablancas „Fundamentals“ das richtige Werk um aufzubauen. Außerdem zeigt es, wie schnell sich das Schachverständnis zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Als Tarrasch sein Grundlagenwerk schrieb, hatten die „Hypermodernen“ das Schach noch gar nicht erschüttert. Als sich dann Capablanca an die Schreibmaschine setzte, um sein Wissen zu teilen, waren deren Anregungen schon Allgemeingut geworden – auch wenn Capablanca weitaus weniger von den hypermodernen Ideen angetan war als sein ewiger Widersacher Alexander Aljechin.

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