Das ist aber ein ketzerischer Titel, ich könnte doch auch “Ave Chess Tour Halleluja” wählen!? Unterhaltsam war es, den amerikanischen Livekommentatoren gefiel es – zumal es bei ihren Spielern mehr Licht als Schatten gab. Vielleicht steckt Logik dahinter, dass einige Spieler ihre Chancen besser nutzten bzw. weniger patzten als andere, und auch mit der Zeitkontrolle (delay statt Inkrement) besser zurecht kamen. Dennoch ist der Zwischenstand vom Verlauf der Runden/Partien her für mich ein bisschen Zufallsprodukt – Ausnahme ein Spieler (keiner der drei Amerikaner).

Schnellschach-Partien werden doppelt gewertet, schliesslich gibt es heute und morgen noch ein doppelrundiges Blitzturnier (vielleicht noch unterhaltsamer-chaotischer), so steht es momentan: Mamedyarov und Nakamura 12/18, Caruana 11, Karjakin, Aronian, Dominguez 9, So und Vachier-Lagrave 8, Anand und Grischuk 6.

Mamedyarov bekommt das Titelbild – Fotos ab Turnierseite auf Flickr, vor allem von Lennart Ootes (andere Fotografen werden jeweils genannt). Er gab immer Vollgas und konnte auch zwei oder drei Punkte mehr erzielen, nur in einer Partie (gegen Dominguez) hatte er den Bogen wohl leicht überspannt und entwischte mit Remis. Nakamura gewann seine Partien “irgendwie”, Caruana hatte am ersten Tag einen Lauf – mit gegnerischer Hilfe u.a. von Mamedyarov. MVL hatte eine durchaus gute Ausgangsposition und verlor dann in Runde 6-8 dreimal nacheinander. Grischuk musste seiner ewigen Zeitnot Tribut zollen – für ihn ist delay statt Inkrement wohl ein Problem – und vielleicht auch seiner offenbar chaotischen Anreise. Dominguez landete auch regelmässig in Zeitnot und kam damit tendenziell besser zurecht. Für So lief es nicht so wie zuvor in Leuven und Paris, wobei er die rote Laterne noch abgeben konnte. Bleiben noch drei Spieler (Karjakin, Aronian, Anand) zu denen mir einleitend nichts speziell einfällt.

Zunächst “Tag null” – die Eröffnungszeremonie:

Rex Sinquefield (Foto Spectrum Studios) redete, u.a. sagte er vielleicht “wegen meiner $$$$$$, und nur deswegen, wurde Saint Louis zur amerikanischen (die nächsten Wochen auch globalen) Schachmetropole”. Das ist nicht überliefert, im Gegensatz zu diesem Zitat: “Ich bin mir ziemlich sicher, dass er den WM-Titel zurück nach St. Louis bringt, wo er hingehört… Fabi, wir drücken Dir alle die Daumen”. Warum er nach St. Louis “gehört”, nun das ist seine Meinung. Warum “zurück” ist noch unklarer. Bei dieser Gelegenheit wurde auch erwähnt, dass 4 von 20 Partien des allerersten offiziellen (auch wenn es FIDE noch nicht gab) WM-Matches Steinitz-Zukertort in St. Louis gespielt wurden – davor war New York Austragungsort, danach New Orleans.

Der Sieger Steinitz nannte sich da bereits nicht mehr Wilhelm sondern William und lebte in New York, Bobby Fischer war meines Wissens auch kein St. Louisianer. Caruana stand nun also im Mittelpunkt:

Er bekam bereits vor dem Turnier einen Pokal, im Hintergrund Jubelarien für ihn. Nur eines stimmt bei der Inszenierung nicht: Warum im Hintergrund in Großbuchstaben “GM LEINIER DOMINGUEZ”? Nun ja, vielleicht weil der (Noch-)Kubaner Caruana bei der Vorbereitung auf das Kandidatenturnier offenbar geholfen hat und vielleicht auch Teil des WM-Teams ist. Rex Sinquefield hatte es besser hinbekommen, er stellte sich vor Caruana und Nakamura. Die riesigen Namensbretter sind übrigens, siehe später, offenbar beweglich.

Einer fehlte bei der Eröffnungsfeier: Grischuk erreichte St. Louis erst tags darauf – ob es Wetterprobleme unterwegs waren oder (im Livekommentar angedeutet, aber das weiss ich nur aus zweiter Hand) Visaprobleme oder sonst etwas ist unklar. Für alle Fälle stand ein gewisser Peter Svidler als Ersatz bereit – was er stattdessen machte bzw. was seine vorgesehene Rolle war/ist siehe unten.

Nun zunächst alle 10 Spieler, aus Hoch/Querformat-technischen Gründen über zwei Galerien verteilt:

Die Fotos stammen von verschiedenen Tagen (Titelfoto von Mamedyarov war Tag 2, hier Tag 1), Kleidung, Bartstatus und bei einem der zehn noch etwas war variabel. Innerhalb der Galerien sind die Spieler alphabetisch sortiert.

Tag 1 wurde zum Caruana-Tag, mit gegnerischer Hilfe – nur Mamedyarov zierte sich etwas. Aber der Reihe nach:

Grischuk ist angekommen – sein Handgepäck nahm er offenbar vom Flughafen mit in den Turniersaal. Für Dusche und/oder Rasur war keine Zeit. “Da geht’s lang!” – worauf bezieht sich das denn? Muss er erst noch Autogramme geben oder Sinquefield die Hand schütteln, bevor er mitspielen darf?

“Draussen”-Fotos gehören in Saint Louis dazu, dieses von Austin Fuller – Ankunft von Nakamura mit Sekundant/Helfer Kris Littlejohn

Und das ist die Bühne – Spieler sassen natürlich nicht immer am selben Tisch, es waren ja keine Matches sondern ein Rundenturnier. Namensschilder sind beweglich, auch die grossen hinten an der Wand. Karjakin und Aronian waren dann als erste fertig, ihre Partie war quasi bereits Vorbereitung auf das Blitzturnier – 51 Züge in flottem Tempo und dann war das Bauernendspiel remis. Derlei Partien werde ich ansonsten ignorieren, es wurde ja genug geboten – in dieser Runde gleich drei flotte Königsangriffe:

So-Mamedyarov 0-1 (Foto Austin Fuller) – diesmal konnte Wesley kein Sicherheitsschach zelebrieren, Shak hatte etwas dagegen. Der erste ungewöhnliche Moment kurz nach diesem Fotomoment – bereits gespielt 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4, und nun kam 3.-Sf6 4.Sc3!? Sxe4 (für dieses Scheinopfer investierte Mamedyarov gut 2 Minuten). Spätestens mit 12.-f5 deutete er an, dass er angreifen will, So hatte dem nichts entgegen zu setzen.

Einen interessanten Moment gab es: Wer b sagt musste auch a sagen – 20.Db3+ Kh8 21.Dxb7 sah riskant aus, aber nach 21.-Sd8 konnte So offenbar mit 22.Dxa7 seinen Laden zusammen halten, von da aus deckt die Dame z.B. den Bauern auf f2. Nach 22.Db4? wurde es eine einseitige Partie, acht Züge wurden noch gespielt.

Anand-Nakamura 1-0 – da wirbelte Weiß ab dem Qualitätsopfer 22.Txf6!. Das war bisher Anands Turnier-Höhepunkt, während Nakamura sich später berappelte. Und in Runde 1 gab es auch eine gute Nachricht aus amerikanischer Sicht:

Grischuk-Caruana 0-1 – hier bekam Schwarz nach 20.Da8+ Kd7 21.Da4 Ta8 22.Dd1 Oberwasser. Was war das denn von Grischuk? Etwa Warteschach à la Carlsen – “Ähm äh ich mach nichts, mach Du doch einen Fehler!”? Das passt weder zu Grischuk noch zu dieser sehr konkreten Stellung (derlei vermeidet Carlsen tunlichst) mit heterogenen Rochaden. So konnte Schwarz im Angriff wirbeln und hübsch gewinnen.

In Runde 2 dann vier Partien mit Sieger und Verlierer und ein Remis, das nicht zum Partieverlauf passte. Damit beginne ich: Mamedyarov-Grischuk 1-0 1/2 – Weiß griff mal wieder an, diesmal gar ohne Bauernzüge am Königsflügel, und erreichte eine dominante Stellung mit Mehrqualität und ewig gefesseltem gegnerischem Läufer auf f8. Aber dann liess er Grischuk mit Dauerschach entwischen.

Da es zu einer Partie ein Foto gibt, nun erst die Endspielsiege:

MVL-Anand 1-0 – der Franzose ist einer der letzten Mohikaner, die sich noch auf das Berliner Endspiel einlassen, diesmal erfolgreich. Wie gewonnen so zerronnen für Vishy Anand. Nakamura-So 1-0 – Weiß gewann irgendwie ein ausgeglichenes Endspiel, lag wohl an Sos schlechter Form.

Zweimal fiel die Entscheidung auch im Königsangriff: Karjakin spielte Dominguez schwindlig. Caruana gewann schon wieder mit Schwarz, diesmal gegen Aronian. Ich weiss nicht, wie kurzsichtig der Armenier ist: in dieser Partie hatte er offenbar (als Weißspieler) sein rechtes Brillenglas durch Fensterglas ersetzt. Er widmete sich dem Damenflügel, die Musik spielte am von ihm total vernachlässigten Königsflügel. Wieder gewann Caruana hübsch – es erinnerte dabei an Partien Amateur gegen Großmeister aus der ersten Runde von Turnieren nach Schweizer System.

Runde 3 dann insgesamt ruhiger, so stand eine Partie im Mittelpunkt nachdem die vier anderen Remis wurden:

Caruana-Mamedyarov 1-0 (Foto Austin Fuller). Da dominierte zunächst der Azeri. Nach seinem Figurenopfer für zwei Bauern wurde der weisse La2 zum Statisten angesichts der schwarzen Bauernphalanx a6-b5-c4-d3. Dann kippte die Partie innerhalb weniger Züge: Der Rückgewinn einer Qualität (32.-Lxd1) war voreilig, er konnte Weiß auch in seinem Saft schmoren lassen. Und kurz danach patzte Shak und verlor wieder eine Qualität. Das spätere Endspiel war vielleicht noch “optisch” spannend (Bauernrennen), aber dabei schlicht und ergreifend für Weiß gewonnen. Schon am ersten Tag konnte statt Caruana Mamedyarov im Mittelpunkt stehen, so allerdings 50% für ihn und 100% für den Italo-Amerikaner.

Das freute die Livekommentatoren Jennifer Shahade und Yasser Seirawan natürlich (Foto Austin Fuller).

Maurice Ashley freute es auch, Caruana selbst ohnehin. Offenbar bekommt Fabi Modeberatung – was Schuhe betrifft, nicht von Levon Aronian.

An Tag 2 dominierte dann von den Spielern niemand (50%, +1 oder -1 für alle außer Anand mit 0.5/3 bzw. 1/6), schachfarblich dominierte Schwarz mit fünf Siegen bei nur einer Niederlage. Wieder erst ein Foto vorab:

Für Wesley So war nach seinem Fehlstart ins Turnier die Zeit für Mätzchen mal wieder gekommen.

In Runde 4 war Nakamura-Caruana ein eher geruhsames Remis, so lief diese Runde generell.

Ausnahme war MVL, der Zeitnot-Grischuk im Endspiel überlistete (Foto Austin Fuller) und damit an diesem Tag auch die Ehre der Weißspieler ein bisschen rettete. Wobei er ja noch nicht wusste, was kommen sollte – weder aus allgemein-weisser noch aus eigener Sicht.

In Runde 5 dominierte dann Schwarz, wobei das relativ war – zwei Siege aus Verluststellungen!

So verdarb sein Endspiel gegen Dominguez noch zum Verlust (Foto Austin Fuller). Anand stand kurz vor Partieende gegen Aronian noch klar besser und verdarb das ebenfalls komplett, dabei hatte er deutlich mehr Bedenkzeit als sein Gegner. Am nächsten dran an einem “sauberen” Schwarzsieg war MVL mit ‘seinem’ Najdorf-Sizilianer gegen Caruana, auch er konnte es allerdings mal verlieren – das wurde dann Remis.

Bei Grischuk-Karjakin waren drei Ergebnisse möglich – 1-0 am ehesten, Remis wurde es. Grischuk verpasste mit, na klar, knapper Bedenkzeit ein forciertes Matt, dann stand Karjakin besser, dann wieder Grischuk. Den zweiten Sieg sah er gar, aber traute der Sache mit Sekunden auf der Uhr nicht und forcierte das Remis.

In Runde 6 gar drei Schwarzsiege, zwei davon relativ korrekt. MVL stand gegen Mamedyarov schon aus der Eröffnung heraus schlecht, Anand hatte gegen So – im Gegensatz zum Gegner – irgendwann keinen Plan mehr. Nakamura gewann dagegen gegen Aronian aus Verluststellung heraus.

Wann Aronian an diesem Tag zu Gast bei Livekommentator Svidler war, kann ich nicht sagen. Sie redeten Russisch miteinander, das kann der Russe Svidler also auch (ebenso der Armenier Aronian).

Rex Sinquefield setzte sich auf das Sofa bei Maurice Ashley. Modeberatung braucht er nicht, schliesslich hat er $$$$$$$.

Schon sind wir bei Tag 3, da dominierten vom Ergebnis her Mamedyarov und Nakamura (beide 2.5/3 bzw. 5/6).

Runde 7: Mamedyarov-Karjakin 1-0, da hatte Shak seinen Gegner regelrecht schwindlig gespielt. Nakamura-MVL 1-0: mit 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ vermied Weiß wohlweislich Najdorf, es entstand eine Art Igel-Struktur mit der der Franzose gar nicht zurecht kam. Ein souveräner Sieg von Nakamura, das geht also auch (es war einer seiner vier Siege im Schnellturnier).

Dann war da noch Caruana-Dominguez 1-0 0-1. Caruana wollte es doch noch einmal wissen und legte die Partie scharf an. Dabei stand er erst nach einem unnötigen gegnerischen Figurenopfer besser, und nachdem der Noch-Kubaner zwei Türme für die gegnerische Dame gab klar besser. Mit zwei Türmen und Springer gegen Dame belästigte er den gegnerischen König, nach Dominguez’ ungenauem Spiel “eigentlich” erfolgreich – aber er fand den Gewinnweg nicht. Dann das abrupte Ende: 54.Te7?? Dxe7 und das geplante Sf5+ ging nicht, der Springer war gefesselt! Daher musste Caruana aufgeben und die Führung im Schnellturnier nun mit den bereits erwähnten Mamedyarov und Nakamura teilen.

Runde 8 wieder ruhiger. Caruana spielte gegen Anand Russisch, keine Experimente! Das wurde remis, wie auch die Partien der anderen beiden Führenden. Karjakin wollte mit Weiß gegen Nakamura wohl mehr, aber der konnte gegnerische Angriffsversuche abfedern und die Stellung vereinfachen. Dafür wurde er von den amerikanischen Livekommentatoren gelobt, weil man Nakamura eben lobt. Mamedyarov wollte mit Schwarz gegen Dominguez wohl auch mehr und bekam um ein Haar weniger – diesmal hatte er den Bogen überspannt aber es wurde dann Remis.

Die Livekommentatoren lobten auch Dominguez, wofür eigentlich? Für seine zwei Siege aus Verluststellungen?? Vermutlich eher, weil er offenbar demnächst auch Schach-Amerikaner wird. Warum es so lange dauert ist ebenso unklar wie ob auch hier $$$$$$$ eine Rolle spielt.

Zwei Entscheidungen gab es noch. Aronian-MVL 1-0 – wie zuvor gegen Nakamura erlaubte Aronian Najdorf-Sizilianisch (er spielte mit Weiß konsequent 1.e4). Diesmal stand er zunächst besser, dann klar schlechter, dann bekam er doch wieder Oberwasser. Nach Niederlage gegen Nakamura aus Gewinnstellung nun Sieg aus Verluststellung – “ausgleichende Gerechtigkeit” für Aronian, “Pech” für den Franzosen.

So-Grischuk 1-0 – da profitierte Wesley So von einem groben gegnerischen Fehler: in einem Königsinder sollte Schwarz nicht einfach so den wichtigen Bauern auf d6 einstellen, genau das machte Grischuk.

Zwischendurch noch (Foto Fuller) mit wem Svidler generell auf Russisch kommentierte: der allgegenwärtige Miro(shnichenko).

Runde 9 tendenziell wieder ruhiger. Wieder erlaubte MVL das Berliner Endspiel, die Partie gegen Karjakin erreichte gewisses theoretisches Neuland und wurde dann remis – aus französischer Sicht immerhin besser als zum vierten Mal nacheinander verlieren. Grischuk hatte gegen Aronian mal wieder Sekunden gegen fast zehn Minuten und steuerte sein Schiff wohlweislich in den Dauerschach-Remishafen. Caruana-So 1/2 fand praktisch nicht statt – im 19. Zug rochierte Weiß und bot gleichzeitig Remis, gab es derlei schon einmal? Dabei war die Stellung auch schon ausgelutscht.

Bleiben noch die Weißsiege von Mamedyarov und Nakamura, auf unterschiedliche Weise erzielt: Mamedyarov zerlegte Anand regelrecht, Nakamura wählte dagegen gegen Dominguez’ Berliner Mauer die Baldrian-Variante 5.Te1 und gewann trotzdem, warum eigentlich? Dominguez schämte sich vielleicht für seine glücklichen Siege gegen So und Caruana und sorgte dafür, dass derlei gegen Amerikaner nicht noch einmal passiert. Fragwürdig und im höheren Sinne partieentscheidend war, dass er früh viiiiel Bedenkzeit verbrauchte (machte er allerdings immer). Die fehlte später, und so konnte er eine leicht schlechtere Stellung nicht halten. Anfang vom Ende war, dass er unnötigerweise den weissen Durchbruch 35.d5 erlaubte.

Wie geht es weiter? Natürlich mit dem Blitzturnier, das bereits begonnen hat. Nakamura-Fans betrachten Nakamura als klaren Favoriten, er selbst fürchtet nach eigener Aussage nur Karjakin – aber MVL und Grischuk (der allerdings einen grossen Rückstand in der Gesamtwertung hat) sind mitunter auch starke Blitzer. Caruana (Ausnahmen bestätigen die Regel) eher nicht – kann sein, dass er noch recht weit nach hinten durchgereicht wird. Aber das ist dann Thema des Abschlussberichts.

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