Daniil Düsentrieb Dusel Dubov gewinnt in Abu Dhabi

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Warum war das nicht das Dubai Open? Ich mag Alliterationen, und Dubov hätte wohl auch nichts dagegen einzuwenden – da werden Geldpreise streng nach Wertung vergeben, nebenan in Abu Dhabi werden sie offenbar nach dem Hort-System unter punktgleichen Spielern verteilt. “Dubov dominiert” wäre übertrieben, “Düsentrieb” bezieht sich darauf, wie er seine Partien anlegte.

“Dusel” bezieht sich vor allem darauf, wie sein wichtiger Sieg in der letzten Runde zustande kam – der geteilte erste Platz schien außer Reichweite, und auch der Wiedereintritt in den Club 2700+ war gefährdet. Ein bisschen bezieht es sich auch darauf, dass er nach Wertung denkbar knapp vor Korobov landete (gegnerischer Eloschnitt 2619 zu 2610, Buchholz war identisch).

Und nun erst der Endstand: Dubov, Korobov, Salem 7.5/9, Sargissian 7, Rapport, Wang Hao, Cheparinov, Fedoseev, Amin, Maghsoodloo, Karthikeyan, Jojua, Harsha, Abdusattorov, Debashis 6.5, usw. . Alle außer dem Inder IM Bharathakothi Harsha sind GMs. Unter diesen fünfzehn acht der ersten zehn der Setzliste, es fehlen der an eins gesetzte Le Quang Liem (Platz 36 mit 5.5/9) und der an neun gesetzte Sjugirov (Platz 56 mit 5/9).

Da das Fotoangebot auf der Turnierseite ziemlich mager ist, habe ich ein Archivfoto von Daniil Dubov. Wenn man es vergrössert sieht man, bei welcher Gelegenheit es entstanden ist: Bundesliga für Werder Bremen, dadurch hatte er zuvor schon einmal Elo 2700 geknackt und dann ging es wieder etwas abwärts. Ich bekam es Anfang Februar vom Bremer Fotografen Andreas Burblies.

Nun Runde für Runde. Momente aus den ersten beiden Runden hatte ich bereits, Runde 3 überspringe ich, los geht’s mit Runde 4: Dubovs erster Streich – na gut der vierte, danach hatte er als einziger Spieler 4/4, aber Siege in den frühen Runden sind noch nicht unbedingt turnierrelevant. Gegen Vocaturo spielte er Sveshnikov – offenbar sein neuester Sizilianer, zuvor Richter-Rauzer sowie Kan/Taimanov. Im 11. Zug ein Bauernopfer – Materialist ist er nicht. In genau dieser Stellung war es fast neu (auf relativ hohem Niveau einmal 2006 von Illescas), wobei die Idee oder das Konzept aus anderen Varianten bekannt ist. Den Bauern bekam er dann zurück:

Und hier ist der anfällige weisse König relevanter als die “schlafenden” weissen Freibauern am Damenflügel. Das kam dabei heraus:

In Runde 5 spielte Dubov dann am Spitzenbrett ein mässig ausgekämpftes Remis gegen Landsmann Fedoseev. Vorab vereinbart war es zumindest nicht unbedingt, und am Ende musste er Dauerschach geben. Eine Reihe Spieler konnten so zur Spitze aufschliessen, darunter Korobov – zu seiner Partie gegen Adly nur die Schlusstellung:

Früh wurden vier Leichtfiguren abgetauscht, die verbleibenden weissen Figuren waren dann alle aktiver als die schwarzen – und das ist auch bei symmetrischer Bauernstruktur relevant. Der überraschendste von vier Weißsiegen an Tisch 3-6 (Spieler mit 3.5/4 beteiligt) vielleicht Pantsulaia-Short 1-0. Short hatte insgesamt kein tolles Turnier – neben dieser Niederlage vier Remisen gegen Elo 2410-2540 – aber Sinn seiner Turnierteilnahme war vielleicht auch FIDE-Wahlkampf. An Tisch 2 wurde Rapport-Kravtsiv Remis in 16 Zügen – das war wohl nicht abgesprochen, aber Weiß dachte vielleicht “ich stehe etwas schlechter, schnell Remis anbieten”.

Nun lagen fünf Spieler vorne, in Runde 6 wurden daraus wieder zwei – Schlusstellungen der Angriffspartien an den Spitzenbrettern:

Korobov – Wang Hao 1-0

Pantsulaia-Dubov 0-1

Runde 7: Remis in 18 Zügen am Spitzenbrett Dubov-Korobov, diesmal war das Gleichgewicht nie auch nur ansatzweise gestört. Dahinter der nächste Dämpfer (nach Runde 1) für den Elofavoriten Le Quang Liem:

Lokalmatador Saleh Salem opferte hier einfach so mit 26.Sxh7! Kxh7 27.Txh7 Kxh7 28.Le5!, und es war korrekt. Später meckern Engines, dass er ein Matt in fünfzehn Zügen nicht sah – stattdessen wählte er den Übergang in ein Quasi-Endspiel und gewann dann doch quasi im Königsangriff:

1-0, da nur 39.-Lxg4 ein schnelles Matt verhindern könnte. Rapport hatte eher leichtes Spiel mit Tabatabaei, der früh und in diesem Fall inkorrekt opferte, was er bereits nach 22 Zügen eingestand. Von den Turnierfavoriten mit Elo 2700+ gewann Cheparinov ebenfalls (gegen Vocaturo), Wang Hao gewann nicht (Remis gegen den Dänen Mads Andersen), Fedoseev gewann gegen Karthikeyan auch nicht:

Das Turmendspiel war ausgeglichen-remislich, bis Fedoseev gerade 39.-b6?? entkorkte: 40.b5! – ein eher aus Bauernendspielen bekanntes Motiv, aber in diesem Turmendspiel funktionierte es auch, 1-0 nach 53 Zügen.

Nun hatten wir ein Führungstrio Dubov-Korobov-Salem (alle 6/7), sechs Spieler ein halber Punkt dahinter.

Runde 8: Am Spitzenbrett Salem-Dubov wieder ein Kurzremis (20 Züge), dahinter Endspielsiege:

Korobov-Rapport – Weiß steht besser, kann er das gewinnen? Nach 49.-g5??! war es einfach: 50.Txd6 Txd6 51.Sxd6 Kxd6 52.fxg5 hxg5 53.hxg5 Ke6 54.e4 1-0 (ich nehme an, dass 54.-Ke5 der DGT-Kontrollzug ist und nicht mehr gespielt wurde). Nach bekannten Mustern können sich im Bauernendpiel zwei Bauern auch dann gegenseitig schützen, wenn sie nicht direkt nebeneinander stehen – Weiß kann also in aller Ruhe den schwarzen c-Bauern abholen und dann den Rest erledigen.

Zu Cheparinov-Karthikeyan zunächst ein Mittelspiel-Moment:

Das war Sizilianisch (Richter-Rauzer), Schwarz entkorkte hier 19.-Sxf3! 20.Sxf3 Lxe4 und es blieb unübersichtlich, auch nach späterem Damentausch. Das kam (zunächst) dabei heraus:

Engines haben hier viel lieber Schwarz – jedenfalls wenn er hier, wie in der Partie, 34.-Kd6 spielt und f6+ so verhindert. Im weiteren Verlauf kostete der weisse e-Bauer den schwarzen Turm, dafür hatte Weiß 38.Lxa6 gespielt und dann seinen b-Bauern mobilisiert. So stand es dann:

Schwarz am Zug, was tun? Hier ging 52.-Td8+ oder 52.-Tb8, jeweils nach 53.Kc7 wieder 53.-Tf8 (und weisses Lxf7 scheitert dann an -Txf7 mit Schach). Es ging auch 52.-Kf5 – das wird dann ein Bauernrennen bei dem beide eine neue Dame bekommen. Übrigens konnte Schwarz zuvor bereits im 38. Zug statt 38.-Kf4 “prophylaktisch” 38.-Kxf5 spielen. Es kam 52.-g4?? 53.Lxf7! g3 53.Ke7 Tb8 54.Ld5 Ke5 55.Lg2 1-0 – Weiß hat zwar eine Qualität weniger, aber unwiderstehliche Freibauern während der weisse Läufer den/die schwarzen Freibauer(n) kontrolliert. In dieser Partie bekam Cheparinov mindestens einen halben Punkt mehr als er verdiente. Für Karthikeyan vielleicht “ausgleichende Gerechtigkeit” nach dem Zufallssieg tags zuvor, auch Cheparinov spielte (wie alle, die zur letzten Runde antraten) noch eine Partie.

Ein Kurzremis erwähne ich noch: Nihal Sarin – Kuybokarov 1/2 an Tisch 8. Höhepunkt dieser Partie vielleicht 4.-LxSf3 5.exf3 – weitere Klötze (Figuren oder Bauern) wurden nicht geschlagen und nach 21 Zügen einigten sie sich auf Remis. Sinn der Sache wohl: damit hatten beide bereits vor der letzten Runde eine GM-Norm sicher. Ich ging davon aus, dass Nihal Sarin diese nicht mehr brauchte – da er zwar nicht beim Leiden Open, aber danach in der türkischen Liga seine dritte Norm erzielt hätte. Vielleicht irre ich mich: chess24 und Vishy Anand (der in St. Louis offenbar auch Internet-Zugang hat) gratulierten ihm auf Twitter erst jetzt zum GM-Titel. Weitere GM-Normen gab es am Ende für die ebenfalls jungen indischen IMs Harsha, Erigaisi und Iniyan. Muss man sich diese Namen merken? Werden sie zusammen mit Nihal Sarin und Praggnanandhaa später mal mindestens Nationalspieler? Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kuybokarov ist Usbeke.

Nun führte Korobov (7/8) alleine vor Dubov, Salem, Sargissian und Cheparinov mit 6.5/8

Runde 9 mit mal wieder einem Kurzremis am Spitzenbrett, Stand nach 10 Zügen bei Sargissian-Korobov:

Und mehr passierte in dieser Partie nicht mehr. Korobov konnte zwar noch ein- aber nicht mehr überholt werden, und von den Verfolgern hatte nur Dubov eine bessere Wertung – Vor- oder Nachteil von (statt Buchholz) gegnerischer Eloschnitt als erster Tiebreaker ist ja, dass alle vor der Runde sicher Bescheid wissen. Sargissian wählte den Spatz in der Hand und bekam letztendlich 3.500$ (mehr war möglich, weniger allerdings auch).

An den nächsten Tischen wurde gekämpft, aus dramaturgischen bzw. ergebnischronologischen Gründen zunächst Tisch 3:

Aravindh-Salem war Najdorf-Sizilianisch – Stellung nach 28.-Sb6, Weiß am Zug was tun? Diverse Züge waren richtig, z.B. 29.Lb3 (Doppelbauer nach -Sxb3 kein Problem) oder 29.Lxc5 (weg mit diesem Springer!) oder auch 29.f5 Sxc4 30.Txc4 Sd3 31.f6 (schwarzer Läufer nun kein Problem). Es kam 29.Dg2? Sxc4 30.Txc4 Sd3 und nun hatte Weiß Probleme. Später opferte Schwarz seine Dame, Weiß gönnte ihm auch noch die volle Kontrolle über die e-Linie und der Lokalmatador Saleh Salem bekam die Dame mit Zinsen zurück:

0-1

Dubov-Cheparinov 0-1 1-0 war, wie eingangs bereits angedeutet, turbulent – bereits ab dem siebten Zug:

7.b3!? war ein (definitives) Bauernopfer – in genau dieser Stellung offenbar total neu, aus ähnlichen Strukturen bekannt. Weiß bekam durchaus Kompensation und setzte dann auf Angriff:

Auch danach war Dubov alles andere als materialistisch, so stand es nach 39.f6:

Weitere Bauern hatte er bereits über Bord geworfen (32.d5, 37.g6) und nun war der Spass eigentlich vorbei – Schwarz musste sich zwar mit 39.-Te5 von einer Qualität verabschieden (39.-d4 ging allerdings offenbar auch) aber danach hatte Dubov sein Pulver verschossen. Aber er wühlte weiter:

Nach 43.-Kg8 44.Dh7+ Kf8 45.Tf1 kann Schwarz f7 bequem überdecken und dann ist er dran. Nach 43.-Kf8 44.Dd8+ Le8 45.Th8+! Dxh8 46.Tf1+ Kg7 47.De7+ Kh6 48.Dh4+ Kg7 49.De7+ hätte Weiß immerhin Dauerschach. Es kam 43.-Dh5? 44.Df4! und plötzlich war es jedenfalls “unklar”: 44.-a1D 45.Txh5 gxh5 46.Txa1 Txa1+ 47.Lf1 Sc3 (47.-Td1 um dem Springer das Feld d4 zu sichern war offenbar besser) 48.De5+ Kg8 49.Kg1 Txf1+ (49.-d4 kostet statt einer Qualität einen Bauern) 50.Kxf1 Se4

Kann Weiß das gewinnen? Er konnte letztendlich – ob er dabei einen konkreten Plan hatte und umsetzte oder eher manövrierte und probierte, das kann ich nicht beurteilen.

Ich habe Dubov auf Facebook gratuliert und nachgefragt – mit einer Antwort rechnete ich “irgendwann”, vielleicht wenn er wieder in Russland ist. Aber sie kam prompt, offensichtlich noch vor der Siegerehrung: “Es ist wohl Hort-System [die Hälfte des gesamten Preisgelds punktgleicher Spieler wird gleichmässig geteilt, die andere Hälfte nach Wertung vergeben]. Zur Partie: Yeah ich hatte natürlich unglaubliches Glück – wobei ich erst nach Te5 verstand, dass ich auf Verlust stehe. Zum Endspiel: Ich neige zu Deiner Einschätzung und war überrascht, dass er aufgab – aber es ist verloren.”

Ich hatte gefragt, ob er sich nach 50 Zügen sicher war, dass das für ihn gewonnen ist. Aufgegeben hat Cheparinov in dieser Stellung (nach 80.Dxc2):

Das ist laut 7 Men Tablebases (gibt es als App auf dem Handy) Matt in 22 Zügen. Zuvor musste Weiß ja die schwarzen c- und d-Bauern gewinnen, war das forciert?

Die Favoriten am Ende weitgehend mit noch einem Sieg: Rapport gegen Nihal Sarin, Wang Hao gegen Kuybokarov, Fedoseev gegen Nguyen Anh Khoi (ebenfalls IM, aus Vietnam) – damit noch etwas Preisgeld und etwa Elo-neutrale Turniere. Nur Le Quang Liem machte da nicht mit und verlor gegen GM Jojua (Elo 2583) seine dritte Partie im Turnier.

Zum Abschluss noch ein Endspielmoment – Tisch 24 in der letzten Runde:

GM Lupulescu – IM Gukesh, Weiß am Zug was tun? Der weisse König kann den schwarzen König austanzen – wie genau, darf der Leser selbst ermitteln oder er befragt Tablebases. Kleiner Hinweis: es geht ein bisschen nach dem französischen Schachmotto reculer pour mieux sauter (frei übersetzt: rückwärts und dann wieder vorwärts). Lupulescu hatte derlei bereits einige Züge lang versucht, nun kam 54.f4? Ke4 55.Kf3 Kd5! (nur so) und es war remis. Er spielte noch weiter bis zu dieser Stellung: Weiß Kh6 und Bauer auf h7, Schwarz Kh8, Schwarz am Zug hat keinen.

Das ist dann nach derzeitigem Regelwerk Remis – Nigel Short will das ja abschaffen und den Pattsieg einführen, aber noch ist er nicht FIDE-Präsident. Ob er es wird? Ich bleibe dabei, dass Schachpolitik nicht so mein Ding ist.

Aber wenn ich schon wieder Elo 2700+ für Dubov erwähnt hatte, noch ein ganz kurzer Blick nach China: Dort endete ein Match China-Ausland insgesamt 4-4. Ding Liren besiegte Topalov 3-1 und hat damit nun als dreizehnter oder vierzehnter Spieler aller Zeiten Elo 2800+ (Giri hatte es zwar mal live aber nie offiziell). Dzagnidze gewann ebenfalls 3-1 gegen Tan Zhongyi, damit ist Elisabeth Paehtz weiterhin Nummer 11 – bei einigen anderen Ergebnissen wäre sie nun Nummer 10, da die eine oder die andere Spielerin Paehtz “unterholt” hätte. Mehr nicht zu diesen Matches, schliesslich heute abend ja noch ein Blitzspektakel in Saint Louis.

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