Dabei profitierte der Amerikaner davon, dass der Franzose nach dem Schnellturnier zu viel Rückstand hatte – immerhin konnte MVL sich noch vom geteilten siebten auf den alleinigen zweiten Platz verbessern. Sonst konnte nur Grischuk sich durch das Blitzturnier in der Tabelle verbessern (von 9-10 auf 8) – abgesehen davon, dass Nakamura den ersten Platz nach dem Schnellturnier noch mit Mamedyarov teilte.

Nakamura machte im Blitz sein Ding: ab und zu mal eine Partie gewinnen – nur in der entscheidenden Phase zum Schluss einmal zwei nacheinander. Dabei verlor er auch vier Partien, wobei er bereits vor der Niederlage ganz zum Schluss gegen MVL als Gesamtsieger feststand. Entscheidend sein 2-0 im Mini-Match gegen Mamedyarov, da schienen in beiden Partien zuvor alle drei Ergebnisse möglich. Verkraften konnte er am Ende zwei glatte Niederlagen gegen Karjakin (jeweils nicht von Anfang an, aber ab einem gewissen Zeitpunkt im Endspiel). Wenn wir schon bei Karjakin sind: insgesamt konnte er seinen Ruf als sehr starker Blitzer diesmal nicht bestätigen.

Das wäre wohl das Titelbild, wenn das Blitzturnier keinen “Kontext” hätte oder zuerst ausgetragen würde – Saint Louis Blitz and Rapid statt Saint Louis Rapid and Blitz. Wobei MVL seinen Lauf im Blitzturnier auch ein bisschen damit erklärte, dass er nach dem Schnellturnier nichts mehr zu verlieren hatte. Alle Fotos ab Turnierseite auf Flickr, die meisten von Lennart Ootes (andere Fotografen werden wieder jeweils erwähnt).

Das ist der Stand insgesamt: Nakamura 22.5/36, Vachier-Lagrave 21.5, Mamedyarov 21, Caruana 20, Aronian 18, Karjakin 17, Dominguez 16, Grischuk 15.5, So 15, Anand 13.5. Alle spielten ja an fünf Tagen 27 Partien, aber die 9 Schnellpartien zählen doppelt. Da MVL im Schnellturnier dreimal nacheinander verloren hatte, brauchte er sechs seiner zehn Siege im Blitzschach um daraus im “Subturnier” 50% zu machen. Eine Blitzpartie hat er verloren, da er da übereifrig-inkorrekt opferte. Aber auf Partien werde ich kaum eingehen, zu viele davon, “Runde für Runde” gibt es diesmal auch nicht.

Das Blitzturnier separat und dann noch nach Tag 1 und 2 (bzw. 4 und 5 des Turniers insgesamt) aufgeteilt: Vachier-Lagrave 13.5/18 (7/9+6.5/9), Nakamura 10.5 (5.5+5), Grischuk 9.5 (5.5+4), Aronian 9 (5+4), Caruana 9 (4.5+4.5), Mamedyarov 9 (5+4), Karjakin 8 (3.5+4.5), Anand 7.5 (3.5+4),  So 7 (3+4), Dominguez 7 (3+4). Das kann man noch weiter aufbröseln, z.B. begann Karjakin den ersten Tag mit zwei Siegen aber verlor dann in Runde 6-9 viermal nacheinander – die letzte Niederlage ausgerechnet gegen So war so wohl nur bei der Chess Tour möglich. Aronian remisierte am ersten Tag recht viel (sechs von neun Partien), am zweiten Tag dann gar nicht mehr. Grischuk begann den ersten Tag mit fünf Remisen, verlor dann aus Gewinnstellung gegen Anand (Anand hatte zuvor nur seine allererste Schnellpartie gewonnen, Grischuk blieb weiterhin komplett sieglos) und gewann danach dreimal in Serie. Undsoweiter … .

Auffällig auch, verglichen mit anderen Blitzturnieren der Chess Tour, dass diesmal niemand abgeschlagen am Tabellenende landete – sei es weil es gar nicht lief, sei es weil er als Wildcard in diesem Feld etwas fehl am Platz war (Dominguez, der diesmal den Freiplatz bekam, ist ja Schnell- und Blitzschachspezialist). Damit ist das Ergebnis von MVL vielleicht noch höher zu bewerten, vergleichbare Ergebnisse zuvor bei der Chess Tour: MVL 2017 in Paris 13/18, Karjakin 2017 in Saint Louis 13.5/18, Carlsen 2017 in Leuven 14.5/18. Nakamura, laut Fanmeinung im Blitz in seiner eigenen Liga oder jedenfalls klar Nummer zwei hinter Carlsen, erzielte offenbar maximal 12/18 (2018 in Paris). Wilde Wildcards in diesen Turnieren waren Jobava, Navara, Bacrot und wohl auch Topalov (er war nie ein guter Blitzer), formschwache Weltklassespieler zweimal Caruana und je einmal So und Kramnik. Mit dem Ergebnis von MVL vergleichbar eventuell noch Karjakins 10/13 dieses Jahr beim Tal Memorial Blitz – etwas anderes Format: einrundig mit “weiteren Russen” (Artemiev, Dubov, Fedoseev, Andreikin).

Das sind nun erst einmal genug Fakten, nun wieder Bilder – erst eine Spielergalerie, diesmal sechs von zehn:

Nakamura wurde vielleicht am häufigsten fotografiert – ich habe ein Bild ausgewählt, auf dem die unvermeidliche Red Bull Dose sichtbar ist. So einflussreich wie Carlsen ist er nicht, der kann sein Isklar-Wasser auch anderen Spielern aufzwingen.

Und nun Tag eins mit nur einigen Höhe- oder Tiefpunkten:

Ob die Bühne Höhe- oder Tiefpunkt ist, da kann man geteilter Meinung sein: Die Inszenierung stimmt, aber eher wenig Platz für Zuschauer – diesbezüglich ist Saint Louis vielleicht in seiner eigenen Liga.

Nakamura-Karjakin in Runde 1, das Ergebnis kennt der Leser bereits und kann es auch anhand der Stellung auf dem Brett erraten – Karjakin hatte den späteren Turniersieger im Endspiel komplett überspielt.

So gab Nakamura dann auf – im Stehen und ohne den Gegner anzuschauen. Dass es auch anders geht, siehe weitere Fotos.

In Runde eins immerhin ein Erfolgserlebnis für die USA – So-Caruana 0-1. Wieso So später an diesem Tag immerhin einmal gewann, kommt später.

Caruana-Mamedyarov 0-1 – auch hier erkennt man vielleicht, dass Mamedyarov mit Schwarz klar Oberwasser hatte. Schon aus der Eröffnung heraus stand er besser und verwertete das dann sauber und geduldig. Das gab es also auch, nicht nur in Mamedyarovs Partien waren Siege nicht immer so geradlinig – eben Blitzschach.

Zum Verlauf des Tages insgesamt: ständige Führungswechsel zwischen Nakamura und Mamedyarov – nicht sooo erstaunlich, da Remis im Blitz ein relativ seltenes aber auch mögliches Ergebnis ist. Mal gewann der eine und der andere spielte Remis, mal war es umgekehrt und beide verloren auch mal: Nakamura nach Runde 1 gegen Karjakin auch in Runde 7 gegen Aronian – der die Partie insgesamt total dominierte, auch wenn er einmal in beiderseitiger Zeitnot patzte und sein Vorteil wäre dahin gewesen, wenn Nakamura es gesehen hätte. Mamedyarov in Runde 3 ebenfalls gegen Aronian und in Runde 5 gegen MVL (der eine schlechte Stellung noch komplett drehen konnte, bzw. das machte Mamedyarov selbst).

Das direkte Duell in Runde 8 war bereits erwähnt: wechselnde Vorteile und dann hatte Mamedyarov mit Schwarz alles unter Kontrolle. Vor dieser Partie lag er einen halben Punkt vor Nakamura, anderthalb Punkte Vorsprung nach der Partie war möglich. Aber dann patzte Mamedyarov übelst, übersah eine Fesslung und verwandelte so eine Gewinnstellung einzügig in eine definitive (d.h. aufgabereife) Verluststellung. Kurz schlug Mamedyarov frustriert auf den Tisch, aber sofort riss er sich wieder zusammen: entschuldigende Geste, Uhr abstellen und dem Gegner normal gratulieren. Dieser “Vorfall” wurde im Livekommentar und anderswo ausgiebig erwähnt, Nakamuras Verhalten nach seiner Niederlage gegen Karjakin nicht.

MVL-Nakamura 1/2 – schon sind wir in Runde 9. Nakamura hatte zwischenzeitlich Oberwasser, aber forcierte am Ende selbst das Remis. Da Mamedyarov schnell gegen den indisponierten Anand gewonnen hatte, lagen beide nun wieder gleichauf.

Der bekennt gläubige Wesley So profitierte in dieser Runde quasi von einem Wunder, eine Bilderserie zu seiner Partie gegen Karjakin:

Ein total ausgeglichenes Endspiel wurde endlos weitergespielt, dann überschritt Karjakin die Bedenkzeit! Sos Reaktion: “Ich danke dem Lord dafür, dass es bei der Chess Tour statt Inkrement delay gibt. So kann selbst ich eine Blitzpartie gewinnen!”. Mit Inkrement hätten sie sich wohl, wenn beide wieder 10 oder 20 Sekunden auf der Uhr haben, längst auf Remis geeinigt. Es gab mehrere Partien mit wildem Gehacke in ausgeglichenen Endspielen und beiderseits Sekunden auf der Uhr. Dann wurde es da Remis und die Livekommentatoren waren begeistert: “what a dramatic draw!”.

Beide konnten über diesen Vorfall lachen, wobei es für Karjakin die vierte Niederlage nacheinander war. Es begann in Runde 6 gegen Mamedyarov, b6-b7 im falschen Moment: im 47. Zug gewann es, im 50. Zug machte er es und nun war es ein grober Bock. Ansonsten war über weite Strecken der Partie Remis das logische Ergebnis. Gegen MVL verlor Karjakin dann, weil der Franzose eben gut drauf war, gegen Caruana durch einen groben Fehler kurz nach der Eröffnung.

Eine Szene mit Caruana, Aronian und MVL – was der Armenier den beiden anderen auf seinem Handy zeigt, dazu konnte ich nicht recherchieren.

Und Austin Fuller hat dreimal (bzw. noch öfter) draussen fotografiert.

Tag 2, vorläufig war es weiterhin ein Rennen zwischen Nakamura und Mamedyarov, bei dem MVL immer mehr aufholte. Caruana schien zunächst auch noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen zu können, verlor dann aber nacheinander gegen Nakamura und Mamedyarov (später auch noch gegen MVL) und damit hatte sich das erledigt. So weit durchgereicht wie ich es im Bericht nach dem Schnellturnier angedeutet hatte wurde er nicht, es reichte noch für Platz vier.

Wann MVL seine Brille zurechtrückte ist nicht klar – jedenfalls nicht vor Runde 13 (vierte Partie des Tages) gegen Aronian. Da hatte er Schwarz, spielte Najdorf-Sizilianisch und opferte dann übermütig-inkorrekt mit 23.-Lxa2+. Von dieser Niederlage liess er sich dann nicht beirren, sondern gewann die nächsten beiden Partien, die erste gegen Mamedyarov.

Das Rennen zwischen Nakamura und Mamedyarov wurde im Livekommentar natürlich dramatisiert – “so spannend war es noch nie bei der Chess Tour!”. Dabei war es dieses Jahr in Leuven am letzten Tag wohl noch spannender, und da bis zum Schluss – siehe z.B. der Bericht in sechs Kapiteln auf chess24.

Der erste Führungswechsel, bzw. erstmals Vorteil Mamedyarov, da Nakamura zu Beginn auch mit Schwarz (zuvor mit Weiß) glatt gegen Karjakin verlor. Vielleicht von MVL inspiriert wählte auch der Russe das Berliner Endspiel – zunächst war es ausgeglichen, nach Nakamuras Lapsus im 35. Zug nicht mehr.

In Runde 12 war Mamedyarov Lotteriesieger gegen Aronian. In dieser Partie wurden gleich drei Figuren eingestellt: Mamedyarov hatte angefangen (in einer Stellung mit gesundem Mehrbauern), Aronian machte weiter und legte dann noch einen drauf. Ganz anfängerhaft war es dabei nicht, sondern mit taktischen Motiven verbunden – bzw. Mamedyarov hatte ein taktisches Motiv gesehen, das aufgrund eines Zwischenschachs nicht funktionierte.

Auch in Runde 13 hatte Mamedyarov durchaus Glück, dass Caruana gegen ihn eine bessere Stellung einzügig in eine glatt verlorene Stellung verwandelte. Parallel geschah schon wieder ein Wunder: Wesley So gewann bereits seine zweite Blitzpartie, da Grischuk total inkorrekt opferte. Schon faselte Maurice Ashley über Folgen eines “Comebacks” von So, wenn er weitere Partien gewinnen sollte. USA!USA!USA! ist eben das inoffizielle Motto der Chess Tour.

Letztmals lagen Mamedyarov und Nakamura nach Runde 15 gleichauf. Dann verlor Mamedyarov ausgerechnet gegen So – Shak wollte mit Schwarz das Spiel machen, wählte die verkehrten Mittel und Sos reaktives Schach triumphierte. Parallel profitierte Nakamura von Aronians taktischem Übersehen und hatte nun einen Punkt Vorsprung auf Mamedyarov.

Dann wieder das direkte Duell Mamedyarov-Nakamura. Auch MVL drückte wohl Mamedyarov die Daumen, da er nur bei einem Sieg des Azeri selbst eventuell noch Turniersieger werden konnte, es kam anders. Bilderserie zur Partie:

Auch diesmal waren alle drei Ergebnisse möglich, im Mittelspiel und auch im Quasi-Endspiel in dem Mamedyarov für die früh in der Partie geopferte Qualität zwei Mehrbauern (potentielle Freibauern) hatte. Aber dann konnte Nakamura den gegnerischen Läufer “matt setzen” – Spiel, Satz und Turniersieg für den Amerikaner.

Danach betonte Yasser Seirawan, dass er Nakamura vorab als Turniersieger vorhergesagt hatte. Sofort beeilten sich Jennifer Shahade und Maurice Ashley zu versichern, dass sie auch Nakamura-Fans sind. Ist schliesslich die Rolle aller drei, jedenfalls bei der Chess Tour – in Wijk aan Zee ist Seirawan eher neutraler Kommentator.

Russisch verstehe ich nicht, aber Svidlers Livekommentar war vermutlich neutral-kompetent-unvoreingenommen. Noch zwei Fotos zwischendurch:

Anand mit (ich vermute, bin mir nicht 100% sicher) Sekundant Gajewski. Eine Schachstellung auf dem Handy, oder gratulierte er in diesem Moment Nihal Sarin via Twitter zur GM-Norm in Abu Dhabi?

Ruhe bitte – Dominguez will ungestört lesen bzw. in einem Fotoalbum blättern.

In der letzten Runde fiel noch die Entscheidung über Platz zwei. Mamedyarov und MVL waren zuvor punktgleich, beide hatten zuletzt Schwarz, Shak hatte gegen Anand die vermeintlich leichtere Aufgabe. Aber er erreichte nur ein Remis – oder immerhin, zwischenzeitlich stand er mehrfach auf Verlust. MVL hatte Schwarz gegen Nakamura, der wieder den Anti-Najdorf 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ wählte. Es entstand eine Igel-Stellung, lange folgten sie ihrer Schnellpartie aus demselben Turnier, in der MVL später chancenlos verlor (seine zweite von drei Niederlagen in Serie). Diesmal lief es besser für ihn – mit dem (vorübergehenden) Bauernopfer 19.-d5 konnte er sich befreien und bekam später Oberwasser.

Nochmals Fotos:

Nakamura beim Livekommentar und auf dem Sofa, MVL ebenfalls beim Livekommentar

Und von der Abschlusszeremonie Bilder von Nakamura und anderen:

Der Pokal

Nakamura, Nakamura, Nakamura und manchmal auch Sinquefield. Auch mit anderen posierte er für Fotos, aber diese hier reichen.

Aronian hatte nach vor allem am letzten Tag ereignisreichem Turnier offenbar auch etwas zu sagen, wortkarg ist er ja ohnehin nicht.

Fotos von Spectrum Studios sind generell etwas dunkel, aber einige Momente haben nur sie abgelichtet:

Wer hat eigentlich das Turnier gewonnen? Hier würde man auf den still geniessenden Mamedyarov oder den verschmitzt lächelnden Anand tippen. Anand war ohnehin gut gelaunt:

Mit Wesley So – “beim Sinquefield Cup spielen wir beide besser!”

Frau Sinquefield war davor oder danach auch an diesem Gespräch beteiligt.

“Wie geht es weiter?” ist quasi bereits beantwortet: mit klassischer Bedenkzeit beim Sinquefield Cup – dieselben Spieler minus Dominguez plus Carlsen. Davor allerdings heute noch “Ultimate Moves”, eine Spezialität aus Saint Louis: Weltklassespieler spielen Schach, und dann übernehmen Rex und Randy Sinquefield. Laut Nakamura macht das mehr Spass, wenn (wie offenbar dieses Jahr) Kasparov nicht dabei ist, der kann Patzerzüge rein gar nicht ertragen. Ohne Garry würden die Sinquefields auch viel besser spielen – Elo 1400 statt Elo 1200? Geld haben sie, Ahnung vom Schach – ja sie wissen wie die Figuren ziehen.

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