Namen von Schacheröffnungen – Wer legt die eigentlich fest?

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Englisch. Rubinstein-Variante. Lasker-System. Wenn man solche und ähnliche Namen für Schacheröffnungen hört, gibt es immer wieder ein Problem: Sie existieren doppelt und dreifach und zwar für völlig verschiedene Systeme. Die FIDE muss diese Entwicklung geahnt haben, als sie sich 1924 als Weltverband des Schachs in Paris konstituierte und ging dieses Problem der Eröffnungs-Benennung schon bald, 1933, mit verblüffendem Tempo und Tatkraft an.

Namen von Schach-Eröffnungen – eine untergegangene FIDE-Kommission

Darf eigentlich jedermann Eröffnungen irgendeinen Namen geben, den der Großmutter, den eines Gebäudes usw.? Natürlich. Wer könnte es Dir verbieten?

Die Russische Verteidigung

Zur allgemeinen Verständigung und klaren Aufdrucken auf Büchern, DVDs etc. hat es sich jedoch als nützlich erwiesen, eben nicht jede zweite Variante “Englisch” zu nennen oder mit den Namen “Rubinstein”, “Lasker” oder anderen Berühmtheiten zu verbinden. Auffallend wenig taucht dabei einer créativsten Spieler der Eröffnungs-Geschichte auf: Der mit Tarrasch in Streit geratene Rumäne Adolf Albin. Aber auch Paul Morphy, Bobby Fischer, Reuben Fine oder Pierre Fournier de Saint-Amant sind unterrepräsentiert. Und auch Benennungen wie “Dracula Variante”, “Fried Liver (gebratene Leber) Attack” oder sonstige Kuriositäten trugen nicht gerade dazu bei, sofort zu verstehen, worum es geht. Das ganze Durcheinander begann wohl schon im 16.Jahrhundert, als man, so wird berichtet, für 1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 zeitgleich sowohl “Ruy Lopez” als auch “Spanish” verwandte, wobei es bis zum heutigen Tag blieb.

Die am Rande der Olympischen Spiele Paris 1924 ins Leben gerufene FIDE handelte blitzschnell, bis heute kennzeichend ihrer Aktionen, und … gründete schon in den beginnenden 1930er Jahren einen Arbeitskreis! Andere nennen dafür sogar den Kongress von Venedig 1929 als Start.

[Weil es ab jetzt einige Jährchen dauerte, ein kleiner Exkurs: Vom 4. Mai bis 27. Juli 1924 bilden die 7. Olympischen Sommerspiele in Paris, die in der damaligen kulturellen Hauptstadt der Welt den Rahmen zur Gründung der FIDE (Fédération Internationale des Échecs). Die Party-Exklave mit Schampus, Whiskey und Swing, vertreten von z.B. Ernest Hemingway, Gertrude Stein, George Gershwin, Cole Porter, Coco Chanel, Josephine Baker, Djuna Barnes (die sich vielleicht gut mit Sonja Graf verstanden hätte), und vielen mehr bestimmt den “Sound” dieser Stadt.

Parallel dazu findet vom 13. bis 24.Juli 1924, also knapp vor Schluss, im Pariser Hotel Majestic ein Schach-Mannschafts-Amateurturnier statt, das vom tschechischen Team gewonnen wird, wobei der bis heute weitgehend unbekannt gebliebene Spieler Hermanis Matisons das beste Ergebnis holt und damit plötzlich “Amateurweltmeister” ist.

Der spätere “Tarzan”-Darsteller Johnny Weissmueller gewinnt derweil für die USA dreimal Gold (100 m Freistil in 59,0 sec., zum Vergleich: Der Sieger in Rio 2016 brauchte immer noch 47,58 sec.), der sprichwörtliche Wunderläufer Paavo Nurmi rennt innerhalb einer Stunde die Konkurrenz über 1.500 m und 5.000 in Grund und Boden und wirkte danach noch immer empörend frisch.

Eher nebenbei wird auch ein ziemlich großer Eisen-Skelett-Turm in die Mitte der schönen Stadt geeiffelt, derart hässlich, dass man überein kam, diese Demonstration der Ingenieurs-Kunst (im Widerstreit mit den Stahl-Baronen im Ruhrgebiet und diesen Geizkragen aus Manchester) sofort am Ende der Ausstellung wieder abzureißen. Hat man dann zu tun vergessen. Ende des Exkurses]

Mitten in diesem Mannschafts-Turnier (“Ruhe bitte, es wird noch gespielt!”) verkündete der Franzose Pierre Vincent am 20. Juli 1924 die Gründung der FIDE natürlich nicht als Augenblicks-Eingebung während des Essens, sondern er gab den entsprechenden Beschluss der Delegierten aus 15 Nationen würdevoll bekannt. Monsieur Vincent, der keine tieferen Spuren in der Historie hinterließ, war Organisator des Turniers, angeblich zusammen mit ausgerechnet Alexander Aljechin, der – nach allem, wie er sich in anderen Fällen aufführte – wohl kaum einen Finger für Leute rührte, gegen die er sonst bestenfalls gegen Gage simultan antrat. Bemerkenswert ist aber, dass es auch damals schon ein Damen-Brett im Wettbewerb gab (bestes Ergebnis: Die Britin Edith Martha Holloway, 1868–1956). Leider diente das noch nicht als Anlass für allgemeine Anstrengungen, die Präsenz der Damen am Brett auf normale 50% anzuheben.

Präsident der FIDE sollte Alexander Rueb (Niederlande) sein. Gründungsmitglieder der FIDE waren Argentinien, Belgien, Großbritannien, Finnland, Frankreich, Italien, Jugoslawien, Kanada, Niederlande, Polen, Rumänien, Schweiz, Spanien, Tschechoslowakei und Ungarn. Also nicht die USA, nicht die in starken innenpolitischen Veränderungen befindliche UdSSR – und auch nicht Deutschland. Es gibt auch heute noch ein “Hotel Majestic” in Paris, 16. Arr. Vielleicht hängt dort irgendwo noch ein Foto der Gründung, aber es ist nicht ganz klar, ob es mit dem damaligen identisch ist. https://www.leshotelsbaverez.com/en/majestic-hotel-spa/

Aufgaben der FIDE sollten die weltweite Vereinheitlichung der Schachregeln sein und die Austragung der Schachweltmeisterschaft, damit nicht immer wieder der jeweilige Champion durch schwer erfüllbare Forderungen (Finanzen, Ort, Termin etc.) einen Titelkampf zu verhindern vermochte bzw. überhaupt “die Schachwelt” den würdigsten Herausforderer bestimmen konnte, der nun eben nicht mehr vom Titelinhaber ausgesucht werden durfte. Wie wir wissen, hat zumindest das mit den Regeln recht gut geklappt …, das mit dem jeweiligen WM-Match war jedoch eher selten ein Ruhmesblatt des Weltverbandes.

Erst weit danach, erfolgten in Sachen Eröffnungs-Nomenklatur bedeutende Schritte: Der ECO-Code der fünfbändigen Encyclopedia of Chess Openings ersetzte 1974 zumindest in diesem Kompendium und schon ab 1966 im Schach-Informator die Namen durch systematisch wirkende Ziffern-Buchstaben-Kombinationen. Vom Problem abgesehen, dass völlig neue Eröffnungen damit nicht immer gut eingereiht werden konnten, wie es das Beispiel 1.d4 d5 2.Bg5 = D00 zeigt, vermochte sich kaum jemand zu merken, wofür genau denn nun zum Beispiel “B93” stehe (1.e4 c5 2.Nf3 d6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 a6 6.f4) oder auch “E49” (1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.e3 b6). Der NIC-Code, der zusätzlich in New In Chess ohne jede Not entwickelt wurde, wiederholte nur das Problem mit selbstverständlich eigenen Bezeichnungen. Mutter FIDE hatte das schon von Anfang an abgelehnt, denn “terms such as the ‘Dutch Defence’, ‘Falkbeer Counter Gambit’ and ‘Giuoco Piano’ are part of the culture and charm of chess”.

Zugleich warteten auch noch diverse Verlage mit eigenen Benennungen auf; der sich an russische Vorbilder anlehnende Sportverlag Berlin tat das ebenso wie der Rudi-Schmaus-Verlag, Heidelberg, erst recht der multinational agierende Batsford Verlag und natürlich noch viele andere mehr. Zusammen mit all den Kuriositäten, die in zahllosen Schachzeitungen geboren wurden, war somit das Durcheinander perfekt; Abspiele im Sizilianer mit -e5, die für jedermann ausreichend zuvor noch nach Jorge (Jiri) Pelikan benannt wurden, mussten nun im Kampf der Ost-West-Verlage unbedingt nach Sweschnikow heißen, um nur ein trauriges Beispiel zu nennen, an dem sich die nunmehrige Vorherrschaft sowjetischer Kommentatoren im Weltschach ablesen ließ.

Was aber war denn aus dem 1929er FIDE Projekt geworden?

Der Kongress von Venedig hatte der tschechischen Föderation so etwas wie die Federführung in dieser Angelegenheit gegeben, die das Werk dann – nach zahlreichen Zwischenberichten und Anläufen – dem FIDE Kongress Folkestone 1933 ankündigte und dem FIDE Kongress Zürich 1934 tatsächlich als ein 54-seitiges Büchlein präsentierte. Es war noch deutlich als “Entwurf” gekennzeichnet, ließ aber eben doch eine erste Systematisierung der Eröffnungen erkennen.

Das mit der Sache betraute Komitee der FIDE (Rueb, Przepiórka, Collijn, Grünfeld und Tartakower) dankte für diesen ersten, wichtigen Schritt in die bezweckte Richtung, was Prsd. Rueb auch unterstrich. Wie so oft in ihrer Geschichte agierte die FIDE nach der Drucklegung im jetzt nötigen finanziellen Teil glücklos: Es wurde nämlich 1934 bis 1935 genau ein Exemplar verkauft (an wen, ist anscheinend nicht übermittelt) und der sagenhafte Erlös von 1 Francs und 40 Centimes dient angeblich noch heute dem Weltschach.

Offenbar wurde das Projekt danach nicht mehr weitergeführt. Das ist angesichts dieser Erfahrung nur zu verständlich, aber das schon damals befürchtete Durcheinander der Eröffnungs-Nomenklatur besteht heute eben weiter. Das Positive: Jeder kann Eröffnungen so benenne, wie es ihm beliebt. Der “Jittenmeier-Angriff” wäre also keine Utopie! In Zeiten, in denen anscheinend Durchsuchungen und internationale Haftbefehle beruflicher Alltag für höchste FIDE-Funktionäre geworden sind, ist wohl auch nicht damit zu rechnen, dass neue Projekte, die neues Geld kosten, zum Wohle des Schachs in Angriff genommen werden. So endete oder vielmehr: versickerte 1935 das FIDE-Projekt der Vereinheitlichung der Schach-Eröffnungs-Benennung.

Text Ralf Mulde                     Grafiken von Frank Stiefel

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