Aus Verzweiflung Skandinavisch gegen Kasparow: Anands Eröffnungscoup im WM-Kampf 1995

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Niemand vor und nach ihm hat die Eröffnungstheorie um so viele Ideen und Konzepte bereichert wie Garry Kasparow. Und niemand war so gezielt auf seine Gegner vorbereitet wie der russische Ex-Weltmeister. Dessen Matches gegen Anatoli Karpow, gespielt zur Zeit, in der die Schach-Datenbanken aufkamen, markieren eine Ära, in der das Spitzenschch in vielerlei Hinsicht ein neues Level erklomm.

Visvanathan Anand, geboren 1969, entstammt der Generation nach Karpow, der ersten, die von Beginn an mit Computern und Datenbanken arbeitete. Und doch schützte ihn seine Jugend und seine Technik-Affinität nicht vor Kasparows Vorbereitung, als sich die beiden 1995 im World Trade Center in New York zum WM-Match gegenübersaßen.

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So sah Schach 1995 aus: Anand konfrontiert Kasparow mit dem unerwarteten 1…d5.

An den Rand der Verzweiflung geführt und zwei Punkte zurückliegend, änderte Anand in der 14. Partie des Matches radikal seine Eröffnungsstrategie. Anstatt sich wieder auf ausgetretenen Pfaden vom allwissenden Kasparow vorführen zu lassen, spielte er „Irgendetwas“, eine auf WM-Niveau abseitige Eröffnung, in der er sicher sein konnte, auf keine vom Weltmeister ausgelegte Mine zu treten.

Anand hatte der Skandinavischen Verteidigung damit ihren einzigen Auftritt in einem WM-Match der neueren Zeit beschert, obwohl sich schon Mitte der 90er herumgesprochen hatte, dass die Eröffnung nicht so schlecht ist wie ihr Ruf. Dafür verantwortlich waren ein Skandinavier und ein Deutscher. Der dänische Großmeister Curt Hansen erklomm Mitte der 90er die Top 20 der Weltrangliste. Obwohl er wieder und wieder Skandinavisch spielte, prallte regelmäßig die Vorbereitung seiner Gegenspieler an der dänischen Mauer ab.Zur Belohnung bekam Anand – Vorteil. Kasparow fand sich nicht zurecht und geriet mit den weißen Steinen schnell in Nachteil. Anschließend haderte er mit seiner mangelnden Erfahrung in diesem Stellungstyp, obgleich ihm seine größere Erfahrung doch die Partie und damit das Match (so gut wie) gewonnen hatte.

GM Matthias Wahls

Hansen galt seinerzeit als führender Experte für diese Eröffnung, was auch der deutsche Großmeister Matthias Wahls zu spüren bekam. Als Wahls 1992 gegen Hansen die weißen Steine führte, stand er nach der Eröffnung erst ohne rechten Plan und bald mit einer schlechteren Stellung da. Zu Wahls‘ Glück war Hansen an diesem Tag friedlich gestimmt, denn er brauchte nur einen halben Punkt zum Turniersieg, so dass er dem Deutschen ein Remis aus der Position der Stärke anbot.

Von dieser Partie inspiriert, machte sich Wahls daran, Skandinavisch zu studieren. Bald spielte er die Eröffnung selbst, und das mit so großem Erfolg, dass er sogleich ein Buch darüber schrieb, „Modernes Skandinavisch“ von 1997 – wahrscheinlich eines der erfolgreichsten Eröffnungsbücher eines Deutschen überhaupt, das neben der Theorie der Eröffnung auch die deutsche Sprache um Begriffe wie „Springerzurückhaltungspolitik“ bereicherte.

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War „Modernes Skandinavisch“ noch ein Eröffnungsbuch alter Schule auf Basis von Varianten und Zugfolgen, fokussierte sich der Nachfolger „Modernes Skandinavisch 2“ von 2006 auf Strukturen, Pläne und Ideen. Eine aktualisierte Version dieses Werks erschien 2011 in der renommierten Schachschmiede „New in Chess“ als „The Modern Scandinavian – Themes, Structures and Plans„. Da sich Wahls zu dieser Zeit mehr oder weniger vom Schach zurückgezogen hatte, firmieren neben ihm der Hamburger GM Karsten Müller und IM Hannes Langrock als Co-Autoren des Werks.

„Wohin mit der Dame?“ ist für Schwarz im dritten Zug die Skandinavisch-Gretchenfrage nach 1.e4 d5 2exd5 Dxd5 3.Sc3. Wahls und seine Mitstreiter plädieren für 3…Da5, den Zug, den Hansen spielte, und für den sich 1995 auch Anand entschied. In der Praxis gilt 3…Da5 als arg unter Feuer (ebenso wie 3…Dd6), und die deutschen Fachleute räumen in ihrem Werk ein, dass einige Abspiele nicht leicht für Schwarz sind, bieten aber Alternativen für den Schwarzen, um problematischen Varianten auszuweichen.

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Die Gruppe der 3…Dd8-Befürworter wird angeführt vom amerikanischen IM und Schach-Youtuber John Bartholomew, der die Eröffnung erfolgreich spielt und unter dem Twitter-Hashtag „#TeamScandi“ eine Schar von Skandinavisch-Fans hinter sich vereint. Bartholomew ist Autor des relevantesten Werks über den 3…Dd8-Skandinavier, das er auf der von ihm mitgegründeten Studienplattform Chessable veröffentlicht hat. Wer sich nicht sicher ist, ob er das kaufen will, der kann zuvor eine komprimierte (und in der Breite doch erstaunlich umfangreiche) Gratis-Version  von „John Bartholomew’s Scandinavian“ testen.

Aus Verzweiflung Skandinavisch gegen Kasparow: Anands Eröffnungscoup im WM-Kampf 1995

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