Deutsche Sieger in Barcelona: Nisipeanu, Hoefelsauer, Kueppers, (Keymer)

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Ich beginne mal mit dem Buchstaben K: Karpov, Kortschnoi, Kasparov, Kramnik, Karlsen, Karjakin und Karuana (um nur die zu nennen, die sich für mindestens ein WM-Match qualifizieren konnten) waren aus unterschiedlichen Gründen verhindert. Keymer konnte die Hoffnungen – ich schreibe bewusst nicht “Erwartungen” – nicht erfüllen. Aber es gab noch den für Katernberg spielenden Kueppers, der nicht nur durch ein “unwahrscheinliches” Ergebnis in der letzten Runde wohl alle Erwartungen und auch Hoffnungen übertreffen konnte.

Ja, ich weiss, dass man Carlsen und Caruana (außer auf kyrillisch) mit C schreibt. Am nächsten im deutschen Vereinsalphabet ist der Buchstabe D – Dresden machte es relativ zur Papierform tendenziell besser als Deizisau. Die andere grösste deutsche Überraschung neben Timo Kueppers war allerdings der für SK München Südost spielende FM Thomas Hoefelsauer, auch er mit einem ebenso unerwarteten wie “notwendigem” Sieg in der letzten Runde.

Nicht so überraschend war, dass Liviu-Dieter Nisipeanu das Turnier insgesamt gewann. Er war immerhin an drei gesetzt, wobei er im Stichkampf einige Gewohnheiten ablegen musste. Fünf Spieler teilten zuvor den ersten Platz mit 8/10, alle haben den GM-Titel. Nach Wertung, die in Blitz-Stichkämpfen nur leicht “durcheinander gewürfelt” wurde, sortiert waren es Nisipeanu, Moussard, Anurag, Volkov und Lokalmatador Illescas. Wer ist Mhamal Anurag? Diesen Inder (*1995, also jung aber nicht mehr sehr jung) kannte ich auch nicht. Er war Nummer 27 der Setzliste, erzielte aber in den entscheidenden letzten Runden 2.5/3 gegen nominell überlegene Gegner. Damit sorgte er auch dafür, dass die Nummer 2 der Setzliste Dariusz Swiercz unter ferner liefen landete, einen deutschen Spieler konnte der Pole in der letzten Runde “leicht ärgern”.

Von den 14 Spielern mit 7.5/10 nenne ich zunächst den Wertungsbesten Demchenko – der allerdings ein Armageddon-Wunder brauchte, um auch nach dem Stichkampf auf Platz 5 zu landen. Er war Nummer eins der Setzliste, führte zwischenzeitlich alleine und ist nun auch in Deutschland bekannt, eventuell berüchtigt. Aus deutscher Sicht nenne ich GM Andreas Heimann und nochmals FM Thomas Hoefelsauer. Heimann war leicht im Eloplus, da kann man also nicht meckern, aber er wollte wohl mehr als Platz 15 und 200 Euro Preisgeld. Hoefelsauer bekam trotz schlechterer Wertung 300 Euro – er profitierte davon, dass er der auf dem Papier schlechtere Spieler ist.

Weiter durch die deutsche Brille: 7/10 unter anderem für die IMs Neef (wie Nisipeanu USV TU Dresden), Yankelevich (Speyer Schwegenheim), Keymer (wie Heimann Deizisau) und den titellosen Kueppers (Katernberg, das hatte ich bereits). 6.5/10 unter anderem für den dritten Dresdner FM Hans Moehn.

“Runde für Runde” entfällt generell ebenso wie Details zu Partien, später einige kuriose Momente aus den Stichkämpfen. Fotos stammen von der Turnierseite – ich verwende diejenigen, auf denen ich Spieler erkennen kann. Der bzw. die Fotografen hatten vielleicht (den Eindruck habe ich mitunter auch bei anderen Opens) eine Vorliebe für international unbekannte einheimische Spieler. Einer wird nicht namentlich erwähnt, der andere (zwei entsprechend gekennzeichnete Fotos) heisst Lourdes Pardo.

Das sind die Spitzenbretter aus Runde 2. Vorne links der an vier gesetzte Ungar GM Gledura, der die Elo-Erwartung erfüllte aber durch ein schwaches Finish nur 20. wurde. Schräg ihm gegenüber Nisipeanu, aber das wussten die Leser wohl bereits. Brett 2 ist zu diesem Zeitpunkt offenbar verwaist, am Spitzenbrett mit Weiß gegen den unsichtbaren Demchenko Gregor Haag (SC Brombach).

Noch jemand aus der deutschen Delegation (insgesamt 28) wurde in dieser Runde fotografiert – wohl nicht weil sie Deutsche sondern weil sie weiblich ist (auch dafür haben einige Fotografen eine gewisse Vorliebe?). Unter den Damen im Turnier keine international sehr bekannte Namen, Damenpreise gab es nicht. Für Josefine Heinemann war das Remis gegen GM Svetushkin ein Erfolgserlebnis, insgesamt hatte sie ein Ergebnis leicht oberhalb der Elo-Erwartung bevor sie zu den letzten drei Runden nicht mehr antrat. Grund war laut Heinemann selbst eine Mandelentzündung.

Svetushkin spielte übrigens in Runde 1 gegen Maaike Keetman aus den Niederlanden, in Runde 2 gegen WIM Heinemann, in Runde 3 gegen WFM Gueci aus Italien, und in Runde 5 gegen WGM Soumya aus Indien. So wollte es die Auslosung – wenn er deswegen protestiert hat, wurde es nicht breit erwähnt.

Das (Foto Lourdes Pardo) sind die Spitzenbretter aus Runde 4. Vorne Keymer-Demchenko, neben ihnen Narciso Dublan gegen Nisipeanu, der Inder Anurag ebenfalls sichtbar, Andreas Heimann abgeschnitten. Das Ergebnis der Partie am Spitzenbrett kennt der Leser wohl bereits – Demchenko spielte eine riskant-dubiose Eröffnung und meisterte die Komplikationen dann besser. Keymer verlor tags darauf auch mit Schwarz gegen IM Bofill Mas (2323). Diese Partie ist auf chess-results.com verfügbar: in einem Katalanen war 12.-c5 ein im Prinzip korrektes bzw. vorübergehendes Bauernopfer, aber diesen Bauern bekam er dann nie zurück. Endgültig bergab ging es, nachdem er im 34. Zug durch einen taktischen Lapsus zwei Figuren für einen Turm verlor – der Rest war zäher bis verzweifelter Widerstand. GM-Norm war wohl zu diesem Zeitpunkt bereits außer Reichweite, erst recht nach einem Remis in Runde 6 gegen den Polen Pietruszweski (2208). Dann lief es wieder besser – zunächst ein Sieg gegen Timo Kueppers.

Lourdes Pardo hat Demchenko auch individuell fotografiert. Das Foto zeige ich, da er zunächst sehr gut im Rennen war. Nach einem weiteren Sieg in Runde 5 gegen GM Quesada Perez führte er alleine mit 5/5. Dabei blieb es auch nach Runde 6, da er nun gegen Nisipeanu remisierte und alle anderen Partien an den ersten sechs Brettern ebenfalls Remis endeten.

Dieses Foto aus Runde 5, nur Remis gegen den Inder Kulkarni war ein Dämpfer für Dariusz Swiercz – bereits sein drittes Remis gegen nominell unterlegene Gegner. Auch ohne die Namensschilder mit Flaggen ahnt der Leser wohl, wer von den beiden Inder ist.

Zurück zum Turniergeschehen: Nach Runde 7 führte dann ein Quintett: der Inder Vaibhav (derzeit auf Europatournee, zuvor spielte er das Open in Biel und das FIDE-Open im Rahmenprogramm der deutschen Meisterschaft), der Russe Demchenko, der Argentinier Peralta, der Katalane (nicht etwa Spanier, jedenfalls für die Turnierseite nicht) Illescas und am überraschendsten der Österreicher Andreas Diermair nach Sieg gegen den jungen Russen Esipenko.

Noch ein Foto, das neben der allgemeinen Turniersaal-Atmosphäre auch zwei deutsche Spieler zeigt, aber wen? Mehrfach im Turnier sassen zwei deutsche Spieler nebeneinander und hatten Schwarz, z.B. Runde 2 David Wachinger und Thomas Hoefelsauer (aber die spielten gegen einen Katalanen und einen Niederländer), oder Runde 3 Michael Fedorovsky (älter als die hier fotografierten) und Josefine Heinemann (passt zwar altersmässig, aber sonst nicht). Bei Runde 7 passt alles, auch woher die Gegner kommen – Frankreich und Italien. Also vorne Lev Yankelevich, und dahinter Julian Martin.

Yankelevichs Turnier hatte ich bereits, 7/10 kam so zustande: perfekte 6/6 gegen mindestens 100 Elopunkte schwächere Gegner, und immerhin zwei Remisen in vier Partien gegen Elo 2500+. Julian Martin hatte letztes Jahr gross aufgespielt: 8/10 war der geteilte zweite bis vierte Platz (nach Stichkämpfen dann Platz drei), eine GM-Norm und “im Prinzip” auch ein Ratingpreis – den er dann aber nicht erhielt, da man es nicht mit dem deutlich höheren regulären Preisgeld kombinieren kann. Diesmal wurden es erwartungsgemässe bzw. leicht Elo-negative 6.5/10. 2017 erzielte Leon Mons auch eine GM-Norm, in den Jahren davor war Deutschland offenbar – jedenfalls was Titelträger betrifft – spärlicher vertreten. Deutsche Titelnormen dieses Jahr kommen später, nun setzte ich die deutsche Brille erst einmal wieder ab.

In Runde 8 Remisen an den Spitzenbrettern Vaibhav-Demchenko (nach 94 Zügen mit noch König gegen König) und Peralta-Illescas, sowie Swiercz-Diermair 1-0. Neben Swiercz konnten sechs weitere Spieler aus der Gruppe mit zuvor 5.5/7 aufschliessen, also führte nun – passt ja zu Barcelona – eine Fussball-Mannschaft: 11 Spieler, am überraschendsten die Inder IM Krishna und GM Anurag.

Nach Runde 9 waren es dann wieder drei: Moussard, Anurag (der mit einem Sieg gegen Swiercz noch einen drauflegte) und Volkov. Vier weitere Spieler mit zuvor 6.5/8 remisierten, Krishna verlor gegen Nisipeanu – wie die deutsche Nummer eins sein Turnier insgesamt einteilte, siehe unten.

Schon sind wir bei der zehnten und letzten Runde, in der sich Moussard und Volkov schnell remiseinig waren – fünf Züge, drei mit Bauern und noch zwei mit Figuren: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5! exd5 4.Sf3 Sf6 5.Ld3 Ld6. Die finanzielle Abwägung war wohl: ein Sieg könnte 3000 Euro Preisgeld bedeuten, eine Niederlage dagegen nur einen niedrig dreistelligen Eurobetrag. Sie wussten, dass sie noch einen Stichkampf spielen würden – es sei denn, Anurag würde mit Schwarz gewinnen. Gegen GM Petrov stand er wohl mal besser, mal schlechter, ein paar Züge lang auf Verlust, und nach 72 Zügen wurde es remis. Damit ein Führungstrio, zu dem zwei weitere Spieler mit Schwarzsiegen aufschliessen konnten: Nisipeanu gegen IM Sochacki und Illescas gegen GM Vetoshko.

Nun fasse ich erst einmal zusammen, wie dieses Quintett 8/10 erzielte: Ich weiss nicht, ob Liviu-Dieter Nisipeanu auch mal gegen einen Fussball tritt – er wählte jedenfalls das 4-4-2 System: vier Siege, vier Remisen und nochmals zwei Siege. Es lag vielleicht auch an der Auslosung: gegen Elo unter 2500 gewann er, gegen 2500+ spielte er Remis. Das deckt sich fast mit GM oder nicht – nur GM Narciso Dublan hatte Elo 2483, und der titellose(!?) Russe Sviridov hatte 2528. Der Franzose Jules Moussard wählte das 2-1-2-2-2-1 System, im Fussball meines Wissens unbekannt aber so verteilte er Siege (damit begann es natürlich) und Remisen über die Runden. Etwas gegen die Elo-Logik remisierte er gegen GM Pogorelov (2389, GM-Niveau das war einmal) und besiegte GM Peralta (2556), sonst behandelte er Spieler mit über bzw. unter 2500 ebenso wie Nisipeanu. Der Inder Mhamal Anurag ebenfalls recht rhythmisch: drei Siege, drei Remisen, drei Siege und dann das bereits erwähnte Kurzremis – weit nach oben kam er durch zwei Siege in Runde 8 und 9 gegen die ihm nominell überlegenen GMs Cruz und Swiercz. Im Stichkampf dann ein anderer bzw. kein Rhythmus, aber das kommt später. Der Russe Sergey Volkov im 3-1-1-2-2-1 System, hochkarätigster und wichtiger Sieg in Runde 9 gegen Gledura. Bleibt noch Lokalmatador Miguel Illescas mit klar schlechterer Wertung, warum? Weil er in Runde 2 gegen einen italienischen FM verlor, dadurch zunächst nominell schwache Gegner – die er ebenso besiegte wie zum Schluss zwei von vier GMs mit Elo 2500+.

Zwischendurch nochmals der Turniersaal, und nun zuerst zu dem was noch in der letzten Runde geschah, oder auch nicht: Eine Reihe Spieler hatten sich für die letzte Runde abgemeldet – die hatten wohl nicht alle Mandelentzündung oder ähnliches (was ich bei Heinemann natürlich nicht bezweifle) sondern vielleicht keine Lust auf den Rundenbeginn Sonntag um 9:30. 12 weitere Spieler haben sich nicht abgemeldet und dann kampflos verloren – das waren vor allem junge Spanier, vielleicht hatten sie (gemeinsam?) das Nachtleben am Samstag erkundet und dann verschlafen, an anderen Tagen (Rundenbeginn 16:30) eher kein Problem.

Für drei deutsche Spieler (neben dem bereits erwähnten Nisipeanu) ging es in der letzten Runde noch um etwas, und sie hatten relativ zu ihrem eigenen Niveau schwerere Aufgaben: für Titelnormen mussten sie gegen mindestens 200 Punkte bessere Spieler gewinnen. IM Maximilian Neef schaffte es gegen GM Swiercz nicht, also doch keine GM-Norm – Remis war dabei kein schlechtes Ergebnis. Thomas Hoefelsauer(2339) schaffte es mit Schwarz gegen GM Guerra Mendez(2550), Timo Kueppers(2151) schaffte es mit Weiß gegen IM Cruz(2420) – damit jeweils eine IM-Norm und noch etwas das ich gleich erwähne. FM Hans Moehn hatte seine IM-Norm bereits vor der letzten Runde in trockenen Tüchern, das geht ja auch über neun Runden. Kurz setze ich die deutsche Brille ab: GM-Norm für den Russen Valery Sviridov, der gegen fünf GMs Remis spielte und fünf Nicht-GMs (WGM-Titel für Swaminathan Soumya zählt nicht) besiegte.

Welche deutsche Sieger gab es in Barcelona? Nisipeanu konnte sich in den Stichkämpfen durchsetzen, dazu komme ich noch. Thomas Hoefelsauer gewann auch den Ratingpreis für Elo unter 2400, immerhin 300 Euro. Da muss ein “Kurzporträt” sein: Jahrgang 1991, erhebliche Elo-Fortschritte seit 2015, Turniere im Ausland zuvor vor allem in der Tschechischen Republik. Foto werde ich einbauen, wenn jemand vom SK München Südost mir eines schicken sollte.

Von Timo Küppers habe ich es nämlich bekommen – es stammt von der Deutschen (Jugend)Meisterschaft 2017, Quelle SF Katernberg, Mailkontakt Kollege Bruno Müller-Clostermann. Für diesen Essener Verein spielt Küppers (*2000) seit etwa drei Jahren (zuvor Schachclub Weiße Dame Borbeck) und wird seither von Bernd Rosen trainiert. Nach eigener Aussage hat er “zu spät” mit Schach angefangen, laut Bruno Müller-Clostermann hat er inzwischen “Ehrgeiz entwickelt”. Dazu gehören neben trainieren vielleicht auch Turniere im Ausland, Barcelona dabei anscheinend das erste im Schachleben. Die weiteste Anreise einschließlich wohl Übernachtungen vor Ort war zuvor offenbar das Staufer-Open, ansonsten jede Menge in der näheren Umgebung von Essen: Dortmunder Sparkassen-Open, Unser Fritz Open, Solinger Karnevals-Open, Münsterland Open, Bayer Sommeropen, Recklinghäuser Schachwoche. Den Sieg gegen Naidich dieses Jahr in Dortmund sollte man nicht überbewerten – ich habe mich nicht vertippt, es war der titellose Moldawier Vasily Naidich (Elo 2088).

Neben IM-Norm und 146 Elopunkten bekam er auch den Ratingpreis unter 2250 von 200 Euro – nächstes Jahr kann er diesen Titel nach aktuellem Stand nicht verteidigen.

Vincent Keymer bekam kein Preisgeld aber immerhin einen Pokal – als Bester der Altersklasse U14. Potentielle Konkurrenz hatte er vom knapp 100 Punkte eloschlechteren Inder IM Gukesh, der auch fotografiert wurde und das gleich mehrfach:

Hier gegen GM Peralta (das wurde remis)

Und hier individuell, vielleicht auch wegen der “Ähnlichkeit” mit Praggnanandhaa – Strich auf der Stirn ist offenbar ein Zeichen für fromme Hindus.

Den Pokal als bester Spieler U16 bekam der Russe GM Esipenko, daneben auch etwas Preisgeld (180 Euro für Platz 17, Zuschuss zu den Reisekosten). Und nun zu den Spielern, die mehr Preisgeld bekamen: Mich als Reporter – und vielleicht auch die Spieler selbst – hat es eher genervt, dass es noch Stichkämpfe gab, die fünf Spieler mit 8/10 um Platz eins, die drei Wertungsbesten von 14 mit 7.5/10 um Platz 6-8. Finanzieller Einsatz im ersten Fall mehr als 2000 Euro (3000 für den Turniersieger, 600 für Platz 5), im zweiten Fall 150 Euro (500 für Platz 6, 350 für Platz 8). Stichkämpfe ab 17:00, damit relativ lange Pause nach der letzten Runde ab 9:30.

Zuerst spielten die Nummern 4 und 5 sowie 7 und 8 eine Vorrunde, es gab gleich den ersten lehrreich-kuriosen Moment:

Volkov-Illescas, erste Blitzpartie. Zuvor hatte Schwarz ein sicherlich aber nicht ganz trivial gewonnenes Damenendspiel (anfangs hatten beide noch einen Läufer), nun hat er zu einem Bauernendspiel abgewickelt – Weiß am Zug, was tun? Richtig und remis war 68.g3 oder auch 68.h5 (und nach 68.-g6 auf h5 schlagen lassen), falsch war das gespielte 68.Kf1? und Schwarz stand wieder auf Gewinn, da sein König via g6 eingreifen konnte. Einen halben Zug lang war es später nochmals Remis, aber Illescas gewann – diese Partie und danach aus zwischenzeitlich verlorener Stellung heraus auch die zweite Blitzpartie.

Damit war Volkov ausgeschieden, parallel auch der Kolumbianer GM Cuartas gegen den Argentinier GM Peralta. Nun ein Moment aus dem Halbfinale Moussard-Anurag:

Nach zuvor wechselhaftem Verlauf (Schwarz stand mal klar besser, jedenfalls aus Engine-Sicht) diese Stellung. Wohin mit dem Turm? Es gab drei gute Felder und zwei falsche, Anurag spielte 45.-Th4? 46.Lxf5! und ein wichtiger Bauer war weg. Dass er später in verlorener Stellung nochmals Opfer einer Springergabel wurde war dann nicht mehr partieentscheidend. Unter Siegzwang verlor Anurag dann auch die zweite Blitzpartie – formal durch einen groben Patzer, aber Remis hätte ja auch nicht gereicht und mehr war zu diesem Zeitpunkt nicht drin.

Zwischen Illescas und Nisipeanu war in den beiden Blitzpartien eher wenig los, noch machte Nisipeanu es wie zuvor: gegen Elo über 2500 remis spielen. Aber in der Armageddon-Partie hatte er Weiß, Remis reichte also nicht – die Entscheidung fiel bereits ab dem 9. Zug:

Es begann mit 1.d4 Sf6 2.Sc3!? usw., zuletzt 9.e4 (natürlich e3-e4). Das gab es schon mehrfach, Schwarz spielte fast immer 9.-d4. Aber Illescas dachte vielleicht “Remis reicht ja, also Figuren tauschen” und landete nach 9.-dxe4?! 10.Sxe4 Sxe4 11.Lxe4 Dxd1 12.Taxd1 in einer etwas unangenehmen Stellung, die er nicht “keepen” konnte. Später wollte er keinen Bauern verlieren und verlor dadurch eine Figur, 1-0 nach 22 Zügen.

Dramatischer verlief die Armageddon-Partie um Platz 6 Peralta-Demchenko. Dem Russen reichte ein Remis, und er spielte Königsindisch!? So ist er offenbar drauf, nur gegen Keymer Pseudo-Damenindisch. Turbulent war es schon zuvor, aber ich steige ein nach 30.Lf1:

Für Menschen unklar, für Engines 0.00 – aber nicht mehr nach 30.-Kf6?! 31.e5+! Kxe5?? 32.Tg5+ Ke6 und nun 33.Lh3+?? (ein Zwischenschach schadet doch nicht, oder?) 33.-Kf6?? (wieder das falsche Feld, warum 33.-Ke7 sein musste wird gleich deutlich) 34.Txc5! (ging bereits einen Zug zuvor) 34.-g5 (Augen zu und durch) 35.Txc6

und Schwarz gab auf? Keinesfalls, er spielte einfach weiter, bis zu dieser Stellung nach 60 Zügen:

Nun hat er aber doch aufgegeben!? Nein, er zeigte wohl auf die Uhr und es war Remis – Schwarz hat kein Mattpotential, aber Weiß hatte die Bedenkzeit überschritten! Ab dem 61. Zug hätte es Inkrement gegeben… . Zuvor sicher ein wildes Gehacke, das aber meines Wissens nicht gefilmt wurde. Laut chess24-Liveübertragung hatte Schwarz noch 5 Sekunden – das könnte stimmen, aber sicherlich nicht, dass Weiß für zuvor 60.g8D 59 Sekunden brauchte. Die Liveübertragung haperte immer mal wieder – Ursache sicher vor Ort in Barcelona und blitztypisch – und dann erschien plötzlich wieder etwa ein Dutzend Züge gleichzeitig.

Damit hatten auch Peralta und Demchenko Feierabend, aber vier andere spielten noch Finale (Einsatz 3000-2000 = 1000 Euro) und Spiel um Platz 3 (1200-800 = 400 Euro). Beides konnte 2-0 enden, Anurag verlor insgesamt alle vier Blitzpartien. Gegen Illescas stand er, unter Siegzwang mit Schwarz, in der zweiten Partie klar besser und dann geschah das:

35.-Tfd7?? 36.Txf8 Dxf8 37.Txf8 Kxf8 – noch nicht 1-0 aber ab hier stand Weiß besser. Dass Anurag später noch ein einzügiges Matt übersah (oder hat er es symbolisch erlaubt?) war eher Detail.

Im Finale machte Nisipeanu in der ersten Partie kurzen Prozess mit Moussard:

29.Ta1 und 1-0. In der zweiten Partie dann quasi Armageddon – Remis mit Schwarz reichte, und es wurde Remis:

Ab hier noch 47.-Txf3 48.Th8+ Kxh8 49.Tb8+ Kg7 50.Tg8+ Kxg8 – patt! Natürlich stand Schwarz zuvor auf Gewinn – ich will nicht einmal völlig ausschliessen, dass Nisipeanu gegen Elo über 2500 doch noch einmal Remis spielen wollte und dies bewusst erlaubte. Unter anderen Vorzeichen wäre es natürlich ebenso kurios-witzig wie peinlich und schmerzhaft [ja, der Buchstabe m gehört dazu!].

Wie geht es weiter? Der Schachticker bleibt dran am Geschehen – jedenfalls bei Vincent Keymer (nächstes Open offenbar Isle of Man), vielleicht auch bei Thomas Hoefelsauer und Timo Kueppers (jedenfalls wenn er in Dortmund auch mal gegen Naiditsch spielen sollte). Bei Nisipeanu garantiert im Rahmen der Olympiade-Berichterstattung. Resultate

 

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One thought on “Deutsche Sieger in Barcelona: Nisipeanu, Hoefelsauer, Kueppers, (Keymer)

  1. Ich finde es immer wieder faszinierend welche Details Thomas Richter aus der Ferne alle beobachtet und so mit seinem tollen Schreibstil einen wunderbaren Beitrag komponiert. Hier haben zusätzlich die unbekannten Fotografen sehr schöne Fotos beigesteuert!

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