Zwischenbericht zu Russischen Meisterschaften (nun komplett)

  • 3
    Shares

Bei Damen und Herren sind sechs von elf Runden gespielt, nun ist der einzige Ruhetag. Jeweils ist bisher nur klar, wer wohl nicht russischer Meister wird. Bei den Herren sind es nicht überraschend Khismatullin (auch wenn drei andere Elo-Aussenseiter durchaus mithalten können) und überraschend der Elofavorit Nepomniachtchi. Bei den Damen sind es neben Bodnaruk zwei der jüngsten Teilnehmerinnen, Shuvalova und vor allem Protopopova. Die dritte junge Dame Goryachkina ist ja bereits etabliert (Titelverteidigerin), und sie hat neben zwei Niederlagen auch drei Siege auf ihrem bisherigen Konto.

Stand bei den Herren: Dubov, Inarkiev, Tomashevsky, Sarana, Oparin, Andreikin 3.5/6, Fedoseev, Kobalia, Jakovenko 3, Vitiugov 2.5, Nepomniachtchi 2, Khismatullin 1.5. Wenn auch am Ende ein Sextett vorne liegen würde wäre es deja vu für Andreikin – 2012 hatten am Ende sechs (von zehn) Spielern +1, und Andreikin gewann den fälligen Massen-Stichkampf im Schnellschach. Nun lag nach fünf Runden Dubov alleine vorne und war damit Kandidat für das Titelbild, aber er verlor in Runde sechs.

Stand bei den Damen: Girya und Kashlinskaya 4/6, Gritsayeva, Galliamova, Gunina, Goryachkina, Pogonina 3.5, Kosteniuk 3, Tomilova 2.5, Bodnaruk und Shuvalova 2, Protopopova 1. Das Titelbild gebe ich nun – ungewöhnlich – einer Dame. Girya hat Kleidung teils passend zur Schachuhr und schaffte etwas, das sonst fast keine Dame schaffte: nach sechs Runden noch ungeschlagen. Neben ihr schaffte es nur Gunina, die sonst oft viel gewinnt und/oder viel verliert – diesmal nach dem Auftaktsieg gegen die in diesem Feld überforderte bzw. Erfahrungen sammelnde Protopopova nur Remisen. Absicht kann man ihr dabei nicht unterstellen, siehe unten. Fotos stammen vom russischen Schachverband.

Eher im Schnelldurchlauf durch die Runden, erst die Herren:

Bei den Herren verlor in Runde 1 nur Khismatullin, also gewann sein Gegner Andreikin – tief im Endspiel und aus gegnerischer Sicht musste es vielleicht nicht unbedingt sein.

In Runde 2 dasselbe Bild: nur Khismatullin verlor, also gewann diesmal Inarkiev. Wieder im Endspiel, und diesmal war es aus Khismatullins Sicht tragikomisch:

So stand es nach 44.-h5. Weiß hatte fast seine gesamte zusätzliche Bedenkzeit nach dem 40. Zug schon wieder verbraucht und durchschaute die gegnerische Idee nicht. 45.-T6d3+ ist nur deshalb nicht Matt, da der weisse König noch das Feld f4 hat. Am besten war nun 45.Ta5 (und auf 45.-h4 46.Tf3 mit Angriff auf den Bauern auf f5), 45.h4 ging auch, einige andere Züge auch. Es kam 45.Ta4?? h4! und Weiß konnte nur noch entscheiden, wie er verliert. In der Partie kam noch 46.Txh4 Ke5 0-1, Alternativen waren 46.Th3/f3 Kg5! (Weiß verflucht seinen Bauern auf b3, sonst ginge noch 47.Ta3) oder 46.Tg8 T6d3+ 47.Kf4 Tf2# (Weiß hat nicht mehr Tf3) oder Turmverlust.

In Runde 3 verlor Khismatullin nicht, aber es gab drei andere Partien mit Sieger und Verlierer. Die erste schlechte Nachricht im Turnier für Nepomniachtchi (Remisen zuvor gegen Vitiugov und Tomashevsky waren OK) war diese Schlusstellung mit Weiß gegen Fedoseev:

Er hat zwar nur einen Bauern weniger, dennoch ist dies aufgabereif.

Inarkiev-Dubov 0-1:

Weiß hat hier klaren materiellen Vorteil, trotzdem (bzw. da diese Figuren weitgehend am Damenflügel im Abseits stehen) wird es unweigerlich Matt. Inarkiev hatte gierig einen gegnerischen Turm genommen, und dann noch einen – aber Matt beendet ja die Partie.

Der Weißsieg Oparin-Vitiugov war noch undurchsichtiger, am Ende der Partie verstanden selbst Engines (in niedriger Suchtiefe) nicht, was da eigentlich los war!

In Runde 4 verlor Khismatullin mit Weiß gegen Dubov, diesmal im Mittelspiel, und Kobalia zerlegte Jakovenko.

Runde 5, alles Remis – sind wir etwa in St. Louis? In Runde 6 haben sie diesen Eindruck dann korrigiert:

Tomashevsky beendete (oder unterbrach, das erfahren wir im weiteren Turnierverlauf) Dubovs Höhenflug.

Nepomniachtchi erlitt auch gegen Jakovenko Schiffbruch, das ist die Schlusstellung:

Gerade kam 33.Lxf5 und der schwarze König fühlt sich so unwohl dass sein General kapitulierte.

Fedoseev-Inarkiev 0-1, gab es in dieser Runde denn gar keine guten Nachrichten für die junge Generation? Doch, aber es hing am seidenen Faden:

Kobalia-Sarana nach 25.hxg6? fxg6? (Schwarz musste die Notbremse 25.-De3+ ziehen und könnte nach 26.Dxe3 fxe3 27.Txh7 0-0! überleben). Was nun? Es kam 26.The1? (richtiges Feld, falscher Turm!) 26.-Dxg5 27.Dc3 0-0 28.Le6+ Tf7 29.Lxf7+ Kxf7. Schwarz hatte genug Bauern für die Qualität und einen relativ sicheren König, er gewann im weiteren Partieverlauf. Richtig war 26.Tde1! – partieanalog ginge dann 30.Txh7+ und alles andere ist für Schwarz auch schlecht. Warum das Fragezeichen für 25.hxg6? Weil hier bereits 25.Tde1 +- ging.

Ich zeige noch alle zwölf Herren individuell:

Und hier breche ich, da es bereits spät ist, erst einmal ab – Damenturnier werde ich morgen hinzufügen.

Nun zu den Damen. Die Runden waren durchaus unterschiedlich: fünf Siege (vier mit Weiß) in Runde 1, jeweils nur einer mit Schwarz in den nächsten beiden Runden, jeweils drei Weiß- und zwei Schwarzsiege in Runde 4 und 6, und dazwischen war Schwarz wieder nicht OK (zwei Remisen in sechs Partien). Diesmal ignoriere ich das schachliche Geschehen ziemlich und zeige nur Fotos einiger entschiedener Partien:

Die Ex-Weltmeisterin (und leichte Elofavoritin) Alexandra Kosteniuk hatte also einen Fehlstart ins Turnier, 50% hat sie nun da sie auch in Runde 4 gegen Tomilova gewann. Auch Titelverteidigerin Goryachkina begann mit einer Niederlage gegen Kashlinskaya, hat aber inzwischen (das war bereits erwähnt) neben zwei Niederlagen auch drei Siege. In Runde 6 bremste sie die zuvor weit über ihren nominellen Möglichkeiten spielende Gritsaeva. Pogonina hat ebenfalls drei Siege, zwei Niederlagen und demnach ein Remis, nur Protopopova ist noch sieglos.

Im dramatisch-diagrammatischen Mittelpunkt nun allerdings Kosteniuk-Gunina 1/2 aus Runde zwei – die Schwarzspielerin tat wirklich alles, um nicht Remis zu spielen! Das erste Diagramm bereits nach neun Zügen:

Es begann mit 1.c4 e6 2.Sc3 d5 3.d4 a6!? (selten, aber zuletzt dreimal von Fedoseev gespielt, zuvor auch zweimal im Blitz von Carlsen und auch andere starke GMs spielten es bereits) 4.Sf3 Sf6 5.Dc2!? (sehr selten, das gab es nur in einer Partie Mader-Kluge, beide Spieler hatten fast tausend Elopunkte weniger als dies Russinnen! Fast alle spielten hier oder einen Zug zuvor cxd5.) 5.-c5 (ich dachte, Idee von -a6 ist -dxc4) 6.cxd5 (jetzt aber!) 6.-exd5 7.Lg5 Sc6 8.Td1 Sb4 9.Db1 g6?!. Idee natürlich -Lf5 und -Sc2+, aber das muss Weiß nicht zulassen: 10.e4!? (noch stärker offenbar 10.a3 Lf5 11.e4 – in den anschliessenden Varianten kann man oder frau allerdings den Überblick verlieren, wieviele Figuren beiderseits hängen, wieviele bereits geschlagen wurden und wie die Stellung demnach am Ende zu beurteilen ist). Das nächste Diagramm nach 16.-Lh3:

Darauf hatte sich Gunina offenbar verlassen – nun ein Turm nach e8 und alles ist völlig OK? Weiß kann das allerdings neutralisieren – am einfachsten 17.Dh4, und selbst nach dem Damenopfer 17.bxc5 Te8 (egal welcher) 18.Td4 Txe4+ 19.Txe4 steht Weiß klar besser. Aber es kam 17.Sd5? Dxb2 18.Td2 (nach 18 Minuten) 18.-Da1+ 19.Td1 Db2 20.Td2 Da1+ 21.Td1 Dg7? – wie bitte? Zum ersten aber nicht letzten Mal verweigerte Gunina eine Zugwiederholung und stand danach wieder schlechter. Einen Moment lang war dann allerdings “Gunina in Reinkultur” möglich – erst auf Verlust stehen, und dann gewinnen:

Statt 27.Le2? musste Weiß 27.Kg1 oder 27.Kg3 spielen – beides natürlich etwas krumm, und ein Teil des Vorteils war schon zuvor wieder dahin. Nun bekäme Schwarz nach 27.-Tae8 Oberwasser – der Plan “weisser Zentralkönig bei offener e-Linie überkompensiert materiellen Nachteil” wäre aufgegangen. Aber es kam 27.-Tc8? 28.Dxc8+ Lxc8 29.Kxe3 und mit dieser Materialverteilung und diesem noch nackteren weissen König ging es weiter – Computer haben etwas, aber nur etwas lieber Weiß. Alle Züge will ich nicht auf die Engine-Goldwaage legen – schliesslich spielten Menschen, deren Bedenkzeit auch knapp wurde.

Im 43. Zug verweigerte Gunina eine Zugwiederholung, das war einigermassen OK. Im 52. Zug verweigerte Gunina eine Zugwiederholung, und nun konnte Kosteniuk ihre Figuren koordinieren – auch der König wurde zum Angreifer!

Nach 59.-b3, Weiß am Zug was tun? Der b-Freibauer ist nicht wirklich gefährlich, 60.Sc6! gewann forciert (wenn man es sieht, nicht allzu kompliziert?). Aber nach einer Minute (etwas mehr Zeit hatte Kosteniuk wohl noch, viel mehr jedoch nicht) kam 60.Sxb3? und nach 60.-Db7+ wurde es wenig später remis. Das konnte Gunina bereits nach 21 Zügen erreichen. Dann hätte sie dem Publikum zuvor bereits einiges geboten, so wurde es ganz grosses Kino. Guninas andere Partien habe ich nur mit Computerurteil überflogen – auch da war mal mehr und mal weniger drin als Remis.

Nun zeige ich auch alle zwölf Damen individuell:

Ebenso wie die Herren wurden Damen in fast jeder Runde individuell fotografiert – ich sortiere sie wieder alphabetisch (Gedränge beim Buchstaben G) und habe Fotos mal mit und mal eher ohne Hintergrund.

Was bleibt sind noch mehr Fotos, Galerie-kompatibel habe ich noch deren sechs ausgewählt:

Bilder vom Austragungsort gehören bei russischen Turnieren immer dazu – grösste lokale Sehenswürdigkeit ist offenbar ein Steinbruch, aber das habe ich nicht eingebaut. Shipov kommentierte auf Englisch, good ol’ Morozevich auf Englisch(!).

Wie geht es weiter? Jeweils noch fünf Runden – bei so vielen Runden und so vielen Titelkandidat(inn)en ist ein Blick auf das Restprogramm wenig sinnvoll. Ausgewählte Partien aus Runde sieben: Bei den Damen Tabellenführerinnen gegen erste Verfolgerinnen Kashlinskaya-Galliamova und unter umgekehrten Farbvorzeichen Goryachkina-Girya. Bei den Herren u.a. das Duell der Jungstars Dubov-Fedoseev, das Kellerduell Nepomniachtchi-Khismatullin und der Spitzenkampf Inarkiev-Andreikin.

Print Friendly, PDF & Email

  • 3
    Shares