Hauen und Stechen bei den russischen Meisterschaften

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Und dann auch noch Stichkämpfe bei Damen und Herren. Danach dann dasselbe Ergebnis wie 2012 – russische Meister sind Andreikin und Pogonina. Unterschiede gibt es auch: Andreikin auch damals nach Stichkampf, allerdings damals gegen fünf(!) andere Spieler, Pogonina hatte dagegen damals einen vollen Punkt Vorsprung auf Gunina und Nadezhda Kosintseva. Ein halber Punkt Vorsprung auf Girya und kein Stichkampf war auch diesmal möglich, es kam anders.

Insgesamt ist so viel passiert, dass ich mich relativ kurz fassen muss … . Zu Runde 7 der Herren hatte ich Diagramme vorbereitet, die werde ich in den Bericht einbauen. Aber wenn ich auch zu den Damen und zu weiteren Runden diagrammwürdige Momente zeigen würde, wären es insgesamt vielleicht fünfzig oder mehr Diagramme.

Zunächst der Endstand und jeweils auch die “Tabelle”, die nur Partien nach dem Ruhetag berücksichtigt: Herren Andreikin 7/11 + 1.5/2, Jakovenko 7/11 + 0.5/2, Tomashevsky 6.5/11, Inarkiev, Fedoseev, Nepomniachtchi 6, Oparin 5.5, Dubov und Sarana 5, Vitiugov und Kobalia 4.5, Khismatullin 3.

Nach dem Ruhetag: Nepomniachtchi und Jakovenko 4/5, Andreikin 3.5, Fedoseev und Tomashevsky 3, Inarkiev 2.5, Oparin und Vitiugov 2, Dubov, Sarana, Kobalia, Khismatullin 1.5. Im Vorbericht hatte ich spekuliert, ob einem jungen Spieler vielleicht der grosse Wurf gelingt. Es schien durchaus möglich, aber: bei Dubov lief nach dem Ruhetag nur noch wenig, im Nachhinein hatte Tomashevsky in Runde 6 seinen Lauf davor tatsächlich beendet statt nur unterbrochen. Oparin führte nach Runde 7 gar alleine, aber verlor dann zweimal nacheinander gegen Jakovenko und Nepomniachtchi, und danach zwei Remisen. Fedoseev war vor der letzten Runde noch im Titelrennen, aber – nicht das erste Mal bei ihm – verlor dann seine letzte Partie (gegen Andreikin). Für Sarana wäre es beim ersten Mal im Superfinale eine Riesen-Überraschung: er konnte durchaus mithalten, auch seine Niederlagen gegen Jakovenko und Nepomniachtchi.

Im Zwischenbericht schrieb ich, dass Nepomniachtchi und Khismatullin wohl nicht russischer Meister werden – ansonsten war zu diesem Zeitpunkt (sechs Spieler punktgleich vorne, drei weitere mit einem halben Punkt Rückstand) noch ziemlich alles offen. Khismatullin behielt die rote Laterne, aber Nepo drehte auf. In Runde 10 war er gegen Inarkiev einen Moment lang nahe an einem vierten Sieg in Serie, dann hätte er doch noch ins Titelrennen eingreifen können. Vermutlich hätte er dann auch seine letzte Partie gegen Dubov anders angelegt, so wurde das ein schnelles und ruhiges Remis, für beide ging es um nichts mehr.

Zwischendurch zeige ich Jakovenko noch einmal individuell – sein vierter Stichkampf nach 2006, 2008 und 2012 aber wieder kein Meistertitel. Alle Fotos wieder vom russischen Schachverband. Weiterhin haben sie in allen Runden alle Spieler und Spielerinnen fotografiert, aber Galerien hatte ich bereits im Zwischenbericht.

Erwähnenswert noch, dass Inarkiev nach dem Ruhetag fünfmal Remis spielte. Aber nur gegen Kobalia war es das logische Ergebnis der Partie, ansonsten eine Gewinnstellung gegen Jakovenko (allerdings nicht trivial) und drei Verluststellungen gegen Andreikin, Nepomniachtchi und Sarana. Gunina spielte dagegen nach dem Ruhetag gar nicht mehr remis, schon bin ich bei den Damen:

Insgesamt: Pogonina 7.5/11 + 1.5/2, Girya 7.5/11 + 0.5/2, Kashlinskaya und Goryachkina 7/11, Gunina und Kosteniuk 6.5, Galliamova 6, Shuvalova 5, Gritsayeva 4, Tomilova 3.5, Bodnaruk 3, Protopopova 2.5.

Nach dem Ruhetag: Pogonina 4/5, Girya, Goryachkina, Kosteniuk 3.5, Kashlinskaya, Gunina, Shuvalova 3, Galliamova 2.5 (+2=1-2), Protopopova 1.5, Tomilova und Bodnaruk 1, Gritsayeva 0.5. Für Gritsayeva, am Ruhetag nur einen halben Punkt hinter den zu diesem Zeitpunkt führenden Kashlinskaya und Girya, lief in der zweiten Turnierhälfte gar nichts mehr (das Remis gegen Protopopova). Shuvalova wurde dagegen “aufmüpfig” und besiegte in Runde 8 und 9 nacheinander Kosteniuk und Kashlinskaya, so konnte sie auch das Titelrennen beeinflussen. Protopopova hatte ein komplettes Erfolgserlebnis – gegen Bodnaruk, die ein für ihre Elo-Verhältnisse sehr schlechtes Turnier erwischte. Gunina hat nach zuvor einem Sieg und fünf Remisen in der zweiten Turnierhälfte abwechselnd gewonnen und verloren. Auch die Tatsache, wie Galliamova ihre 50% erzielte, zeigt dass es viele Partien mit Siegerin und Verliererin gab – in Runde 8 gar alle sechs, in Runde 9 und 10 fünf von sechs.

Bei den Herren zu Runde 7-10 Schwerpunkt “Remisschieber” Inarkiev, die (fast) alles entscheidende letzte Runde dann separat:

Zur ersten Partie mit Weiß gegen Andreikin eine ganze Diagrammserie, etwa jeder dritte bis fünfte Zug!

Das war noch turbulenter als bei den Damen vor dem Ruhetag Kosteniuk-Gunina! Nach 9 Zügen hatte Schwarz neben einer Figur sechs Bauern entwickelt, Weiß ist “im Prinzip” besser entwickelt – aber die Dc2 steht nicht besonders toll, der Sh3 auch nicht. Die lange Rochade war äusserst mutig, nach 18.-Tc8 hat Weiß es sich anders überlegt (19.Kd2 und 20.Ke1). 23.gxh6 vernichtete zwar den letzten schwarzen Bauern am Königsflügel, aber hier verpasste Andreikin erstmals den klaren Sieg: 23.-Txc3! 24.bxc3 Lxc1 25.Txc1 Te8+ 26.Kf2 (26.Kd1 Da4+, 26.Kd2 Sb6 nebst -Sc4+, natürlich muss der Springer nicht immer in der Ecke auf a8 bleiben) 26.-De7 27.Kg1 (27.Te1 Dh4+, deshalb war gxh6 total falsch) 27.-De3+ 28.Sf2 Sf4 usw. .

Nach 27.-Lxd1 (da stand ein Turm) konnte die Partie eventuell komplett kippen: 28.Dxh4 Lc2 29.Tg7 usw. – wenn einer besser steht, dann nun Weiß! Aber es kam 28.Kxd1 Txc3! (jetzt machte er das) 29.bxc3 Da4+ 30.Kd2 (30.Dc2 nebst Damentausch und Endspiel mit Figur weniger, nach -Lxc1 hängt ja der Sf4, war für Engines besser) – nächstes Diagramm, Schwarz am Zug was tun? 30.-Txf4? war es eigentlich nicht, siehe gleich – sehr stark war 30.-Sc4+, gut genug auch 30.-Lxc1+ 31.Txc1 (31.Kxc1 Da1+ usw.) und jetzt nachdem der weisse Turm nicht mehr auf g1 steht kann man sich eventuell auf f4 bedienen.

In der Partie ging nun 31.Tg8+! Kh7 (31.-Kxg8 32.Dg3+ und Dxf4) 32.Tg7+ Kxh6 und erst jetzt 33.Dg3, nach direkt 31.Dg3 bekam Schwarz den nächsten Elfmeter – das Turmopfer war richtig und für grossen Vorteil nötig, aber danach nicht das gespielte 32.-Sc4+ sondern hier vernichtend 32.-Lb4+. Zur Partie passt, dass Weiß kurz vor Schluss noch ein “taktisches Motiv” hat: im letzten Diagramm ist der Sa5 gefangen – auch wenn das nun keine Rolle mehr spielte, mangels Material war es auch sonst Remis.

Aus dieser Runde noch zwei Diagramme:

Dubov-Fedoseev: 58.Tc4?? nebst akzeptiertem Remisangebot!? – statt mit 58.-Sxe3 nun zu gewinnen. So sagt es jedenfalls die Liveübertragung, später hat sich das geklärt (wobei ich nur einen der beiden Spieler befragen konnte).

Sarana-Jakovenko: nach 35.-Txg2+ (da stand ein Läufer) gab Weiß auf, da die schwarzen Springer gemeinsam einen Königsmord begehen werden. Der schwarze La6 leistet Beihilfe zum Mord, auch wenn er vor Gericht vielleicht sagen würde “ich stand da eben, was kann ich dafür?”.

Zurück zu Inarkiev: in Runde 8 wie gesagt ein recht ruhiges Remis gegen Kobalia. In Runde 9 dann gegen Jakovenko die einzige Partie der zweiten Turnierhälfte, in der für ihn mehr als Remis möglich war. Aber er kannte seine 7 Men Tablebases nicht! Dazu doch noch ein Diagramm:

Im Damenendspiel verschmähte er im 58. Zug Matt in 54 zugunsten von Matt in 75 – das war noch kein Problem, die 50 Züge Regel würde nicht eingreifen, da irgendwann ein Bauer zieht oder geschlagen wird. Aber zwei Züge später verpasste er den einzigen Gewinnweg. Ab dem Diagramm kam 58.Ke7?! (58.Df4 gewinnt schneller) 58.-Dg7+ (bei weitem die zäheste Verteidigung) 59.Ke6! (noch richtig) 59.-Dd4 (wieder die zäheste Verteidigung) 60.De5? und nun war es remis. Weiß musste mit 60.Db3! den c-Bauern behalten und den e-Bauern mit Schach schlagen lassen. Dann gewinnt er den schwarzen c-Bauern, und in dieser konkreten Stellung gewinnt er damit die Partie.

Dmitry Kryakvin, der das für den russischen Schachverband analysierte, hatte offenbar nur “Nalimov” (sechs Steine) und nicht “Lomonosov” (sieben Steine). Laut ihm vergibt 58.Ke7 den Sieg, während 58.Df4 “sehr wahrscheinlich gewinnt”. Das analysiert er bis zu einer Stellung mit Dame und e-Bauer gegen Dame, in der der schwarze König (Google-Übersetzung) “sehr erfolglos platziert” ist. Das wäre auch nach 58.Ke7 und später Dame und c-Bauer gegen Dame der Fall. Kryakvin hat in diesem Artikel zu Runde 8 und 9 auch eine Reihe andere interessante und turnierrelevante Partien aus Herren- und dann Damenturnier, aber ich will mich ja relativ kurz fassen.

Was bei Inarkiev-Jakovenko danach geschah: Mit 60.De5? gab Weiß den c-Bauern und behielt den e-Bauern – umgekehrt war ja richtig. Einige Engines dachten später, dass Schwarz “patzte”, indem er Damentausch erlaubte. Aber Dame (die nächste nach 84.e8D+) gegen vom König unterstützter einzugsbereiter c-Bauer ist nun einmal Remis, jedenfalls mit dem auf f6 “sehr erfolglos platzierten” weissen König. Nach 91.Db3+ Ka1 92.Dxc2 war die Partie dann vorbei – Patt!

Was zuvor geschah: ab dem 30. Zug ein ausgeglichenes aber keinesfalls “totes” Turmendspiel. Im 48. bzw. 53. Zug gaben beide ihren Turm für einen gegnerischen Freibauern bzw. eine neugeborene weisse Dame, und aus dem Bauernendspiel wurde dann das bereits diskutierte Damenendspiel. Mit einem Sieg konnte Inarkiev Jakovenko einen Dämpfer verpassen, und nach Runde 9 selbst die Führung mit Andreikin teilen.

Runde 10: Warum Nepomniachtchi gegen Inarkiev im 36. Zug nicht einfach Txh6 spielte verstehen Engines nicht, Nepo selbst versteht es im Nachhinein vielleicht auch nicht. Schwarz könnte den Bauern zwar zurückgewinnen, aber dann wäre sein König im Schwerfigurenendspiel mit Damen und Türmen “sehr erfolglos platziert” – nicht bezüglich eines gegnerischen Freibauern, aber im Sinne von Mattangriff oder später Verlust mehrerer Bauern.

Stand vor der elften und letzten Runde: Jakovenko 6.5/10, Fedoseev und Andreikin 6, Inarkiev, Nepomniachtchi, Tomashevsky 5.5, usw. . Jakovenko hatte in der Schlussrunde Schwarz gegen den in diesem Turnier ziemlich erfolglosen aber dabei soliden (neben zwei Niederlagen acht Remisen) Vitiugov, Fedoseev und Andreikin trafen aufeinander. Die drei anderen hatten nur bei passenden Ergebnissen in diesen Partien noch Titelchancen. Für Inarkiev und Nepo war ja zuvor ein halber Punkt mehr drin, Tomashevsky (zu diesem Zeitpunkt +1=9) war solide.

Aber nun erst zu den Damen, dazu nur Fotos:

Goryachkina-Girya war ein eher ruhiges Remis, aber beide zählten nun einmal zu den Favoritinnen. Shuvalova schaffte nach Siegen gegen Kosteniuk und Kashlinskaya doch kein “Tripel”. Bei Gunina war es aus gegnerischer Sicht nach dem Ruhetag Glückssache, wann frau gegen sie spielte – sie gewann und verlor ja abwechselnd (1/3 mit Weiß, 2/2 mit Schwarz). Die Partie gegen Pogonina dauerte schlappe 90 Züge.

Lächelnde Damen sind immer ein nettes Fotomotiv – bei Girya und Gunina ist es “angeboren”, bei Kashlinskaya war es seltener. Wer hatte auch nach Runde 8 Grund dazu? Girya erzielte den “Pflichtsieg” gegen Protopopova, Gunina verlor dagegen mit Weiß gegen Kashlinskaya. Das ging so: Kashlinskaya spielte Russisch, Girya darauf die Variante mit 5.Sc3 und dann 8.Lc4 – bekannt aus Carlsen-Caruana gerade beim Sinquefield Cup, Cuijpers (2481) – Burg (2460) und Partien auf relativ niedrigem Eloniveau. Diesmal kam dann 8.-0-0 9.Dd2 Se5 (Caruana spielte 9.-Lf5) 10.Sxe5 dxe5 11.0-0-0 Dxd2+ 12.Txd2 – ein für Weiß vielleicht minimal besseres Semi-Endspiel. Carlsen hätte das wohl endlos geknetet, nichts riskiert und auf gegnerische Fehler gewartet, Gunina ist anders drauf: wenn es keinen Gewinnweg gibt, dann eben ein Verlustweg. Schnell opferte sie einen Bauern, hatte danach einen Bauern weniger und gab nach 26 Zügen auf.

Zu Runde 8 noch ein Bühnenfoto, auch wenn die Damen da im Hintergrund sind (direkt vor der Wanddekoration, siehe Fotos zuvor).

Für Runde 9 erschien Protopopova mit optimistischem (und dankenswerterweise englischsprachigem) Oberteil, und es funktionierte! Sieg gegen Bodnaruk, in Runde 11 hat es dann allerdings (Niederlage gegen Galliamova) im selben Outfit nicht funktioniert. Einen Traum hatte sie sich wohl bereits mit der Qualifikation für das Superfinale erfüllt, da war sie dann eben Aussenseiterin.

Nach Runde 10 war dann auch bei den Damen vor der elften und letzten Runde (nebst, aber das war noch nicht bekannt, Stichkampf). Stand hier: Pogonina, Goryachkina, Girya 7/10, dahinter lauerte Kashlinskaya mit 6.5/10, andere maximal 5.5/10 und damit ohne jegliche Titelchancen. Alle drei Führenden hatten tags darauf Weiß: Pogonina gegen … Kashlinskaya, Goryachkina gegen die immer unberechenbare (in der zweiten Turnierhälfte dabei empirisch berechenbare) Gunina, Girya gegen die formschwache Bodnaruk. Vorteil Girya? Es sollte anders kommen. Aber nun erst wieder zu den Herren:

Erst nochmals die Bühne

Vitiugov-Jakovenko 1/2 – ein durchaus interessantes Geplänkel, aber eben am Ende remis. Damit sicherte sich Jakovenko mindestens einen Platz im Stichkampf, was machten die beiden Verfolger im direkten Duell?

Fedoseev-Andreikin 0-1 – Fedoseev kam ein Bauer abhanden, aber er konnte in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern abwickeln. War das noch in der Remisbreite? Vielleicht, so wie er dann spielte allerdings nicht.

Ansonsten: Dass Inarkiev eine Verluststellung gegen Sarana überlebte hatte ich bereits erwähnt. Langfristig relevant noch Tomashevsky-Kobalia 1-0 – so wurde der unauffällig agierende Tomashevsky (+2=9) Dritter und qualifizierte sich bereits für das Superfinale 2019.

Wieder zu den Damen:

Girya und Pogonina beide gut gelaunt, Giryas Outfit teilweise passend zum Hintergrund – vielleicht wurde sie deshalb gebeten, so zu posieren. Noch wussten beide nicht, dass ihr Arbeitstag etwas länger dauern würde und wer zuletzt lachen würde. Die drei Schlüsselpartien:

Girya-Bodnaruk 1/2 – Schwarz dachte “lange Rochade (Niederlagen in Runde 8-10), das reicht!”. Sollte es für Girya reichen?

Goryachkina-Gunina 0-1 war in diesem Sinne eine gute Nachricht – Gunina stand nie schlechter und ab dem 40. Zug dann immer besser, nach 56 Zügen war Schluss.

Pogonina-Kashlinskaya 1-0 1/2 war auch eine relativ gute Nachricht für Girya. Weiß verpasste den Sieg – richtiger geschlagener Bauer, falsche Figur: 37.Lxf7+ war gewinnträchtig, 37.Txf7 nur weiterhin vorteilhaft – aber Schach kennt den Begriff “Remisbreite”. Ob das Glas für Pogonina halb voll oder halb leer war, erfuhr sie im Laufe des Stichkampfs.

Zwischendurch noch eine Kommentatoren-Galerie:

Morozevich redete meistens Englisch, hat aber auch mal Shipov beim russischen Livekommentar geholfen. Zu einem anderen Zeitpunkt machte das Rublevsky. Pavel Tregubov hat meines Wissens nie kommentiert, sondern leistete Ehefrau Kosteniuk wohl moralische Unterstützung, das konnte sie bei durchwachsenem Turnier (fünf Siege aber auch drei Niederlagen) vermutlich gebrauchen. Das Foto stammt aus Runde 10, war er durchgehend vor Ort?

Dubov und Nepomniachtchi spielten ja auch selbst, aber in Runde 11 nur ein bisschen (Blitzremis in 21 Zügen). Vor Ort bleiben mussten sie ohnehin, beide offenbar ungern (siehe gleich), da können sie auch Partien ihrer Kollegen kommentieren.

Mein Facebook-Chat mit Dubov bezog sich vor allem auf das Ende der Partie gegen Fedoseev. Daneben erwähnte ich, dass er ja (dank zuvor Abu Dhabi Open) immerhin Mitglied im Club 2700+ bleibt – nach Elo minus sechs live-aktuell 2703 – und fragte, ob ihm das (viel) bedeutet. Etwas kurios, dass er in Satka mit Weiß immer Remis spielte (alle fünf Partien) und mit Schwarz nur einmal zu Beginn – danach kamen erst zwei Siege und dann drei Niederlagen. Das hat er nicht kommentiert, generell war er diesmal etwas kurz angebunden – dafür habe ich Verständnis.

Dubov: “Nun, ich habe keine Zeit für sehr lange Antworten, also nur kurz: 2700 bedeutet rein gar nichts. Natürlich kein Tc4 in dieser Partie – ich habe Remis angeboten, ohne einen Zug auszuführen. Satka is a terrible place. Basically that’s it.

Ich musste da an mein Interview mit Markus Ragger 2017 in Wijk aan Zee denken, er hatte meine Liste mit Höhepunkten anno 2016 (Sekundant für Harikrishna, deutscher Meister mit Solingen, Vaterschaft) ergänzt: “erstmals im Schachleben 2700!”. Das schrieb ich Dubov, seine Reaktion: “Nun, vielleicht deshalb steht Ragger wo er steht. Wenn Deine Ambition top50 ist, wirst Du nicht viel erreichen.” Dubov ist 22 und hat wohl noch höhere Ziele, Ragger ist (inzwischen) 30, zum Zeitpunkt des Interviews war er fast 29, und daher bescheiden-realistisch? Ob für Dubov mehr drin ist wird die Zukunft zeigen – gilt ähnlich für Fedoseev und Artemiev. Sarana natürlich erst recht “unklar”, Oparin vielleicht zu instabil – und kein Schachprofi sondern Student.

Nepomniachtchi schrieb am 4. September (wohl nach Runde 10 und verpasstem Sieg gegen Inarkiev) auf Twitter “Depressing place, depressing play, depressing result. Just perfect. #disgusted”.

Bleiben noch die Stichkämpfe – jeweils zunächst Schnellschach (15 Minuten und 10 Sekunden Inkrement), dann eventuell Armageddon. Soweit kam es nicht – bei den Damen war es eine recht klare Angelegenheit, bei den Herren turbulenter:

In der hier fotografierten ersten Partie hatte Jakovenko nach einer von Andreikin wohl übersehenen oder falsch beurteilten taktischen Abwicklung zwei gesunde Mehrbauern. Er konnte Damentausch forcieren, dann wäre es wohl nur noch “Technik”. Stattdessen behielt er die Damen auf dem Brett, Andreikin konnte wühlen und tatsächlich wieder Ausgleich erzielen, bzw. gar etwas mehr. Das Damenendspiel mit schwarzem Mehrbauern war allerdings laut Lomonosov-Tablebases immer remis. Am Ende gab Jakovenko Dauerschach, und Andreikin war sichtlich enttäuscht.

Andreikin legte die zweite Partie mit Weiß betont ruhig an. Die Kommentatoren Moro und Miro vermuteten, dass er (der bessere Blitzer) gegen Armageddon nichts einzuwenden hatte. Dann opferte Jakovenko allerdings eine Figur – Moro und Miro gefiel es, sie hatten es vorgeschlagen bevor es auf dem Brett erschien. Nepo (Quelle chat auf chess24) beim russischen Kommentar mit Shipov gefiel es auch. Engines gefiel es nicht, ganz korrekt war es also wohl nicht. Mit 34.-Txd7 35.Txd7 f4 konnte Jakovenko zumindest noch wühlen, nach dem Partiezug 34.-Lc7? nicht mehr.

Pogonina, letztes Jahr Verliererin im Stichkampf gegen Goryachkina, spielte mit Weiß betont schnell – erst ab dem 26. Zug investierte sie auch mal mehr als eine Minute. Da hatte sie bereits klaren Vorteil auf der Uhr, und dann kam es wie es vielleicht kommen musste – bei knapper Bedenkzeit stand Girya dann auch auf dem Brett schlechter und verlor letztendlich.

Die zweite Partie musste Girya also mit Weiß gewinnen. Nach frühem Damentausch erreichte sie ein leicht besseres Endspiel, ein Problem hatte sie dabei: wohin mit dem König? Rochieren will frau nicht mehr, Ke2 oder Kf2 war nur umständlich zu realisieren. Mit aktiven Figuren hatte Pogonina dann volle Kompensation für Bauernschwächen, am Ende stand sie gar (Engine-Urteil) auf Gewinn. Aber Dauerschach reichte ja, und das war offensichtlich möglich.

Beide hatten schon oft bei russischen Meisterschaften mitgespielt – mal gute und mal nicht so gute Ergebnisse. Für Pogonina war es im dritten Stichkampf (2010 gegen Galliamova, 2017 gegen Goryachkina) der erste Sieg – der Buchstabe G ist also doch nicht komplett “vergiftet”! Daneben, eingangs erwähnt, gewann sie ja 2012 ohne Stichkampf. Girya war in all den Jahren seit 2007 (damals als 16-jährige) noch nie so nahe am Titel.

Wie geht es weiter? Als nächstes wohl die Olympiade. Jakovenko hat seine Nominierung gerechtfertigt, Vitiugov muss sich nun vielleicht Sorgen machen – es wäre nicht das erste Mal, dass Russland bereits nominierte Spieler aufgrund danach schlechter Ergebnisse aussortiert. Das geht ja und kostet pro Spieler 100 Euro, die sicher in der Portokasse vorhanden sind. Wird er von Landesmeister Andreikin ersetzt? Russischer Meistertitel bedeutet allerdings – siehe Svidler – nicht automatisch Platz in der Nationalmannschaft.

Bei den Damen hat von den nominierten Girya, Goryachkina, Gunina, Kosteniuk und Pogonina (wie derzeit für alle Teams alphabetisch sortiert) allenfalls Kosteniuk enttäuscht, aber nach zwei Siegen zum Turnierende auch nicht extrem. Bei Gunina weiss die russische und die internationale Schachwelt ja, womit man rechnen kann – mit allem, manchmal spielt sie sogar aus Versehen remis.

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