Junioren-WM am Ruhetag

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Die Leser des Schachtickers wurden bereits darüber informiert, dass Alexander Donchenko mit 3.5/4 gut aus den Startlöchern kam. Vor dem Ruhetag kam ein zweites Remis hinzu, damit haben vier andere Spieler derzeit noch bessere Karten: GM Maghsoodloo 5/5, IM Sindarov, IM Christiansen, GM Firouzja 4.5/5, usw. . Macht es am Ende ein Spieler aus dem aufstrebenden Schachland Iran, hier doppelt vertreten? Oder kann sich Norwegen weiterhin damit brüsten, dass sie zwei Weltmeister haben – Johan-Sebastian Christiansen als Nachfolger von Aryan Tari? Oder macht es der junge Usbeke Javokhir Sindarov (*2005) noch besser als letztes Jahr Praggnanandhaa? Pragg spielte im italienischen Tarvisio durchgehend vorne mit, am Ende Platz 4 und “nur” eine GM-Norm – statt Juniorenweltmeister und damit auch direkt der GM-Titel.

Die zwölf Spieler mit derzeit 4/5 sind allerdings sicher nicht chancenlos – darunter neben Donchenko (beste Wertung) auch Dmitrij Kollars, außerdem u.a. mit Tabatabaei noch ein Iraner, drei Inder und zwei Russen. Das Titelbild gebe ich allerdings Parham Maghsoodloo, der zwar vielleicht nicht an seiner Fitness arbeitet aber bisher seine Favoritenrolle (Nummer 1 der Setzliste) bestätigen konnte – etwas Glück war dabei. Alle Fotos vom türkischen Schachverband, Quelle Turnierseite.

Donchenko ist an drei gesetzt, der an zwei gesetzte Jorden van Foreest hat momentan 3.5/5 – ein Punkt mehr als letztes Jahr zum selben Zeitpunkt, und damals hat er danach mit 5/5 aufgedreht und spielte in der letzten Runde am Spitzenbrett gegen Tari. Es wurde Remis, mit einem Sieg wäre er doch noch Weltmeister geworden. Aus deutscher Sicht: Raphael Lagunow derzeit mit 3/5 auf Platz 52, Leonid Sawlin mit 2.5/5 auf Platz 101.

Auch bei den Mädels hat noch eine 100%, hier allerdings nicht die Elofavoritin: WIM Khomeriki 5/5, Maltsevskaya, FM Antova 4.5, WFM Sliwicka, WIM Dordzhieva, WFM Hilario, FM Assaubayeva, WGM Paramzina, WIM Haussernot 4, usw. . Die Georgierin Nino Khomeriki ist Neunte der Setzliste, die an eins gesetzte Griechin IM Tsolakidou führt die Gruppe von zwölf Spielerinnen mit 3.5/5 nach Wertung an, in dieser Gruppe auch mit relativ schlechter Wertung Jana Schneider und Fiona Sieber.

Ich beginne mit den Jungens, wobei es fotografisch allerdings etwas durcheinander geht:

Hat Jorden van Foreest das Zeug zum Weltklassespieler, die rasieren sich manchmal auch nicht? Ihn habe ich bisher noch nie mit Bart gesehen, weder auf anderen Fotos noch bei persönlichen Begegnungen. Hinter ihm die ebenfalls an zwei gesetzte Mongolin Davaademberel Nomin-Erdene, sie dann mit komplettem Fehlstart ins Turnier. Auf der Bühne für die ersten vier Bretter sassen Jungen und Mädels jeweils nebeneinander, damit konnten sie allerdings die Partien der jeweiligen Konkurrenz nicht direkt im Auge behalten. Im Saal dann separate Reihen für Boys and Girls.

Jordens Gegner FM Volodar Murzin (*2006) muss bzw. kann sich noch nicht rasieren, trotzdem endete die Partie dann remis. Links daneben die Chilenin WIM Gomez Barrera – nach Elo gut 300 Punkte schlechter als Nomin-Erdene, aber an diesem Tag auch mit Schwarz besser.

Zweimal gewann Donchenko im Endspiel und eher ohne diagrammwürdigen Moment, aber die Schlusstellung aus Runde zwei gegen IM Morozov kann ich zeigen:

Da wollte Schwarz angreifen und wurde dann ausgekontert. Eines kann ich bereits verraten: Jana Schneider und Fiona Sieber haben das Publikum öfter unterhalten – jedenfalls das deutsche, international wurde es vielleicht (da sie generell nicht an den vordersten Brettern spielten) kaum registriert.

Zu Runde 3 die Spitzenbretter:

Vorne Donchenko mit Schwarz gegen GM Bellahcene – der war mal Franzose und ist seit Juli diesen Jahres Algerier. Ebenfalls aus dem arabischen Raum kommt offensichtlich die Ägypterin WGM Wafa links neben Donchenko. Nach dieser Runde hatten noch neun Spieler 100%, Kollars (Remis gegen den Kasachen IM Makhnev) gehörte im Gegensatz zu Donchenko nicht mehr dazu.

Zu Runde 4 wieder Diagramme, der Sieg von Maghsoodloo am Spitzenbrett gegen GM Hakobyan war “ebenso glücklich wie insgesamt verdient”:

Hier (nach 64.Dxa5) hat Weiß zwei Mehrbauern – Engines sind sich allerdings nicht sicher, ob er das gewinnen kann. Der schwarze h-Bauer ist zwar ganz alleine aber dennoch potentiell gefährlich, Damentausch oft Selbstmord für Weiß.

Mehrere Male fand Maghsoodloo dann den im Vorteilssinne einzigen Zug, hier nicht mehr: bei 73.e7? hatte er wohl halluziniert, dass er nach 73.-Dxe7 den schwarzen h-Bauern gewinnt und dann ohne jegliche Verlust- und auch ohne Remischancen weiterspielen kann. Aber es ging! 74.Dg5+ Kh8! 75.Dh5+ Dh7 und Weiß muss Dauerschach geben. Richtig war 73.Df7+ Kh6 74.e7 (jetzt!) 74.-h1D 75.De6+! (75.e8D?? D4h2+! usw. verliert, Schwarz kann forciert mattsetzen) 75.-Kg7 76.e8D und nun hat Weiß wenn nötig 77.De2.

In der Partie kam 73.-h1D? 74.De5+! (74.e8D?? siehe oben) 74.-Kh7 75.e8D Dxc4+!??! 76.dxc4 und nachdem Weiß diesen hier einzigen Zug fand gab Schwarz auf.

Donchenko-Christiansen an Brett 2 wurde remis, drei andere mit zuvor 3/3 konnten ihre Partien gewinnen, nur bei GM Tang – GM Firouzja gewann dabei der Favorit. Bei IM Sindarov – GM Aravindh 1-0 und im indischen Duell GM Sunilduth – IM Bharathakoti 0-1 gewann jeweils der Spieler mit kleinerem Schachtitel und ca. 100 Elopunkten weniger. Im zweiten Fall ab dieser Stellung:

Das war ein Pirc-Gemetzel, in dem Weiß nun 25.c4?? entkorkte und nach 25.-Dxb5 zwar noch nicht aufgab, aber doch war es ab hier hoffnungslos. Laut Engines sind 25.b4 und einige andere Züge 0.00 – nach beiderseits bestem Spiel Dauerschach, wobei beide auch noch stolpern können.

Am nächsten Brett entwischte ein GM gegen einen IM mit Remis, und umgekehrt!?

IM Kevlishvili – GM Karthikeyan: Weiß hat zwei Mehrbauern und stand zuvor auf Gewinn, aber nach 41.-Dc5! musste er im Remissinne 42.Dg5! finden – es folgte noch 42.-Dxc4 43.Dxe5 g6 44.Sxg6!? (hier ist für Engines vieles 0.00, aber dies forciert das Remis) 44.-fxg6 45.De8+ 1/2.

Stand nach dieser Runde: GM Maghsoodloo, IM Sindarov, GM Firouzja, IM Bharathakoti 4/4, GM Donchenko, IM Christiansen, IM Vavulin, GM Puranik 3.5, usw. – IM-Titel reicht also, um vorne dabei zu sein.

Das sind die Spitzenbretter, am sichtbarsten links Brett 2 Firouzja-Sindarov und dahinter bei den Mädels Maltsevskaya-Stolakidou, in der Mitte fehlt Bharathakoti gerade gegen Maghsoodloo, dahinter Sliwicka-Khomeriki. Rechts Vavulin-Donchenko, aber diese drei Paarungen zeige ich nochmal in Großaufnahmen:

Bharathakoti-Maghsoodloo 0-1 aus dieser Stellung heraus:

Weiß musste hier unbedingt 37.Dh7+ spielen, nach 37.-Ke8 kann er dann Dauerschach geben oder eventuell mit 38.Lc3 weiterspielen. Aber es kam 37.Lc3?? (logisch, aber) 37.-Lh3+!! 38.Txh3 Df5+ 0-1. Es wird Matt, das war auch nach 38.Kxh3 der Fall (-Df5-f1-f3-h5-g5-g1-f1 immer mit Schach).

Firouzja-Sindarov 1-0 1/2 – da muss ich weit ausholen:

Wer kennt diese Stellung? Jedenfalls die Herren Kasparov und Karpov, sie hatten dies – Spanisch Zaitsev-Variante – im WM-Match 1986 zweimal auf dem Brett, 1990 spielte Karpov dann nicht 17.-c4 sondern 17.-f5. Ich bespreche nicht alle Feinheiten, nur soviel: üblich ist hier nun 18.Sd4 oder 18.axb5.

Die 16. Partie des WM-Matches 1986 kurz vor Schluss, es folgte 33.-Dxa3? (33.-d2 ist anscheinend OK für Schwarz) 34.Sh6 De7 35.Txg6 De5 (Damentausch und Schwarz steht gut?) 36.Tg8+ Ke7 37.d6+! Ke6 38.Te8+ Kd5 39.Txe5+ Sxe5 und nun noch 40.d7 Tb8 41.Sxf7 1-0. Das als Hinweis, wie dynamisch diese Stellungen sind oder werden können.

Firouzja spielte allerdings 18.Tee3!?, gab es das bereits? Laut chess24 Datenbank in acht Partien, die hochkarätigste Kurnosov-Matlakov, Moskau Open 2010 und die erste Wahls-Stern, deutsche Meisterschaft 1994. Laut Chessbase Online Database in 220 Partien, wo haben sie die denn alle gefunden? Diese Datenbank hat auch Fernpartien, als erster hat demnach ein gewisser Sergey Sabaev anno 2014 den Zug von Matthias Wahls übernommen. Das kannte Firouzja vielleicht und sein Gegner nicht, der ab hier überlegte: 18.-g6 (10 Minuten) 19.axb5 axb5 20.b3 La6 (11 Minuten) und nun überlegte auch Firouzja: Engines empfehlen 20.-c3 und sagen 0.00. Das gab es noch in neun Fernpartien, achtmal wurde es dann auch Remis, zweimal nach nur zwei weiteren Zügen.

Am Brett im 24. Zug die erste kleine Taktik – 24.Sxc4!, das geht! Später bekam Weiß noch mehr Oberwasser:

Engines sagen hier 35.Sxg6 (ab einer gewissen Suchtiefe +10 und mehr) oder auch 35.Sd4 (etwa +5), Firouzja spielte das naheliegende 35.Dxa4 und es ging weiter. Hier hat er dann vielleicht den Sieg vergeben:

39.Txg2 ging, Schwarz hat dann kein Dauerschach – kann allerdings forciert diese Stellung erreichen:

Ist das für Weiß gewonnen? Kann er Dame und Springer (Mehrzahl) koordinieren für Mattangriff? Im vorletzten Diagramm spielte Firouzja jedenfalls 39.Dd4+? und das war nur Remis, da Schwarz im 48. Zug den letzten weissen Bauern abtauschen konnte.

Vavulin-Donchenko an Brett 3 wurde Remis.

Aus Runde 5 noch die schöne Schlusstellung von Dmitrij Kollars gegen den Chinesen Zou Chen:

Kollars hatte Weiß und hat damit nun auch 4/5. Bisher hat er FMs besiegt und gegen IMs Remis gespielt, genauso wird es nicht weitergehen – siehe Vorschau auf Runde 6, aber erst zu den beiden anderen deutschen Teilnehmern: Raphael Lagunow hat bisher Elo unter 2250 besiegt und gegen Elo über 2550 verloren, Auf und Ab im Schweizer System und derzeit 3/5. Leonid Sawlin spielte in Runde 5 Remis gegen einen gewissen Ranindu Dilshan Liyanage, wer ist das denn? Er kommt aus Sri Lanka und hat, bzw. hatte vor dem Turnier Elo 1989. Zuvor hatte er dabei zwei mit Sawlin (2355) vergleichbare Spieler (Elo 2357 und 2390) mit Schwarz besiegt, und gegen Elo 2474 und 2447 mit Weiß verloren. Vom Partieverlauf her war ein dritter Schwarzsieg eventuell möglich, in einem Sizilianer stand er einige Zeit besser bis gewonnen. Dann stand allerdings Weiß auf Gewinn und gab Dauerschach.

Für die Sri Lankesen hat sich die Reise zur WM in der Türkei bisher gelohnt: sie sind zu viert und haben zusammen fast 270 Elopunkte gewonnen. Für die Mongolei lief es nicht ganz so gut: fünf Jungens gewannen zusammen knapp 200 Elopunkte, zwei Mädels (Nomin-Erdene hatte ich bereits) dagegen im Elosoll. Der Leser erwartet doch hoffentlich keine Statistiken für alle 59 vertretenen Länder?

Wie geht es bei den Jungens weiter? Nach dem Ruhetag an den vorderen Brettern drei Derbys: Brett 1 Maghsoodloo-Firouzja (beide Iran), Brett 3 Donchenko-Kollars (beide Deutschland, Kollars trifft also nun auf einen GM), Brett 5 Aravindh-Karthik (beide Indien).

Haben Donchenko und Kollars bereits gegeneinander gespielt? Zwei Partien konnte ich finden: bei der deutschen Meisterschaft U12 im Mai 2010 gewann der Elofavorit Donchenko mit Schwarz (er hatte 2094, Kollars 1611), beim Heusenstamm Schlossopen 2016 remisierten sie in 19 Zügen. Bernd Vökler wies darauf hin, dass sie sich auch im Finale der Internationalen Deutschen Juniorenmeisterschaft 2017 in Ströbeck begegneten: zwei Remisen mit klassischer Bedenkzeit, dann zwei Remisen und je ein Weißsieg im Blitz, dann Sieg für Donchenko im Armageddon. Es bleibt allerdings dabei, dass diese beiden Spieler (aus demselben Land, fast gleichaltrig und inzwischen fast gleichwertig) offenbar eher selten aufeinander trafen – und dass man sich das aus diversen unvollständigen Datenbanken zusammensuchen muss [meine Quellen waren chess24 und chessgames.com, jeweils eine der beiden mir bekannten Partien].

Ein Foto des Organisationsteams aus Runde 5. Die Dame (dritte von links) ist offenbar die Chefin, da sie das Signal gibt zu

Alle die Arme verschränken!

Drei Turniersaal-Ansichten

Und nun zu den Juniorinnen, etwas im Schnelldurchlauf und Schwerpunkt hier die beiden deutschen Spielerinnen. Die Niederlage von Nomin-Erdene, Nummer 4 der Setzliste, in Runde 1 war bereits erwähnt. Ebenso verlor die an sechs gesetzte Aydan Hojjatova aus Aserbaidschan, beide hatten später eine weitere Niederlage gegen eine nominell recht klar unterlegene Gegnerin.

In Runde 2 spielte Jana Schneider (rechts) gegen die an vier gesetzte Kasachin Gulrukhbegim Tokhirjonova – es wurde Remis, wobei für beide (aber konkreter für Schneider) mehr drin war.

Die Eröffnung ging dabei an die nach Elo favorisierte Schwarzspielerin. In einem Italiener stehen hier die meisten weissen Figuren am Damenflügel, Schwarz hat dagegen eine Drohkulisse am Königsflügel aufgebaut – mit 18.-Lxh3 konnte nun auch der weissfeldrige Läufer eingreifen. Das konnte Weiß mit zuvor (statt 18.Sc4) 18.Sh2 verhindern, aber auch dann wäre Schwarz am Drücker.

Tokhirjonova konnte das dann nicht konkretisieren – hier war wohl der Moment: 27.-Sxg2!, denn nach 27.-Tg6 (weitere Vorbereitung) hatte Weiß 28.Dd7 und nach Damentausch war das Gröbste überstanden. Später bekam Schneider dann Oberwasser:

Hier verpasste sie noch 38.Txc6!, aber auch so war das Endspiel dann klar besser:

Für den vorderen c-Freibauer musste Schwarz eine Qualität geben:

Und “der Rest war Technik”?! Aber es kam Sand ins Getriebe, definitiv nach

hier 65.Kf3? Sd2+ 66.Kf4 g5+! (erst das) 67.Ke3 Sxc4+, nun war es Remis.

In Runde 3 spielten Jana Schneider und Fiona Sieber dann nebeneinander, beide hatten Schwarz gegen WIMs aus Indien. Für Schneider war das Remis gegen eine 90 Elopunkte bessere Gegnerin ein gutes Ergebnis, Sieber unterlag dagegen WIM Ivana Maria unter umgekehrten und noch etwas deutlicheren Elo-Vorzeichen. Es war eine wechselhafte Partie:

Jedenfalls angesichts des letztendlichen Partieverlaufs musste Schwarz hier mit 25.-Sxa6 den weissen a-Bauern eliminieren, dann verflacht es schnell. Mit 25.-Sc2 wollte sie wohl mehr, konnte weniger bekommen, stand dann einige Züge lang klar besser und hier hatte sich die Situation geklärt:

Wieder zugunsten von Weiß! Das Endspiel ist vorteilhafter als es vielleicht scheint, das kam am Ende dabei heraus:

Hier könnte sich Schwarz nicht einmal mit dem regelwidrigen 61.-f3-f1D retten, also gab sie auf.

Zu Runde 4 muss ich doch auch die derzeit führende Georgierin Nino Khomeriki würdigen, das ist ihre Schlusstellung gegen die zuvor über ihren Elo-Möglichkeiten spielende Kasachin Nurgali Nazerke:

Materiell derzeit ausgeglichen, aber alles andere zugunsten von Weiß – Nazerke gab auf. Neben Khomeriki hatte nur noch die Polin Alicja Sliwicka 100%, dahinter vier Spielerinnen mit 3.5/4.

Spitzenpaarung in Runde 5 demnach Sliwicka-Khomeriki, die Entscheidung ab dem 21. Zug:

Gerade kam 21.dxe5? – falsch! Nach 21.d5 Sa7 22.Sxf3 bekommt Schwarz zwar (auf h4) den Bauern zurück, aber es ist danach ausgeglichen. So ging 21.-Lh5! – der f-Bauer bleibt am Leben bzw. wird teuer verkauft, der Sc6 kann eventuell über e5 eingreifen. Das kam dann dabei heraus:

0-1

An Brett 2 kam Elofavoritin Tsolakidou gegen die Russin Maltsevskaya ab einem gewissen Zeitpunkt kurz nach der Zeitkontrolle übel unter die Räder, dahinter gewann mal Weiß und mal Schwarz – Kontrastprogramm zu Runde 4: an den ersten zehn Brettern 9.5/10 für die Weißspielerinnen!

In Runde 5 hatten Sieber und Schneider Schwarz an Brett 14 und 19, und auf dem Papier lösbare Aufgaben. Beide gewannen dann auch, aber jeweils auf Umwegen:

Diagrammgalerie zu WFM Santeramo (2124) – WIM Sieber (2277):

Eine fianchettierte Dame, wie kam das denn zustande? Via 4.-Db6, 6.-Dxb2, 7.-De5 und 9.-Dg7 (9.-Dc7 ging auch), deshalb hat Schwarz auch einen Mehrbauern und Weiß eine offene b-Linie. Die offene h-Linie bekam sie dank 1.d4 Sf6 2.Lg5 Se4 3.h4 und später 5.-Sxg5 6.hxg5.

Nach 10.e5 rechtfertigen Engines das Damenfianchetto mit 10.-h6, das gespielte 10.-d6 11.Lb5+ Kd8 12.Sc4 Kc7 gefällt ihnen dagegen aus schwarzer Sicht nicht. Aber auch Weiß behandelte diese äusserst unkonventionelle Stellung dann nicht perfekt, z.B. war 17.Ke2 offenbar viel besser als das gespielte 17.Kf1. Objektiv musste die Italienerin Santeramo dann den Remishafen ansteuern, aber das wusste sie vielleicht nicht oder nicht wie. Ab dem zweiten Diagramm nicht wie in der Partie 24.Txb6 – Idee natürlich Dauerschach, aber Schwarz hatte 24.-De8! – sondern 24.axb6+ axb6 25.Ta5!! =. Ab dem dritten Diagramm nicht 30.Sf3 sondern 30.Txd6+!!?, und nach 30.-Dd3? (30.-Db3!) nun nicht das gespielte 31.Txd6+ sondern 31.Tc7 Lf6 (31.-Kxc7? 32.Dxe7+ verliert gar) 32.Da4=.

Die nächsten Züge waren 31.-Lxd6 32.Dh8+Kc7 33.Dxa8 Da6 (33.-Db5 offenbar genauer, 34.Dxa7+ Db7 35.Dxb7+ – muss sein – 35.-Kxb7 und dann fällt der weisse Bauer auf a5). Aber auch so hatte Schwarz nun definitiv Oberwasser und musste 11.-Kd8 und 12.-Kc7 am Ende keinesfalls bereuen.

Dieses Foto zeige ich nicht wegen den Chinesinnen Hu Yu (mit Weiß) und Zhu Jiner, sondern weil nebendran die Ukrainerin Nadezhda Salah gegen (halb verdeckt) Jana Schneider spielt. Salah hat bescheidene Elo 1918, aber erzielte in den ersten drei Runden satte 2.5/3 gegen Elo 2200+. Auch gegen Jana Schneider (2190) konnte sie, milde ausgedrückt, durchaus gewinnen – vier Diagramme:

Das erste Diagramm, da es diese Stellung offenbar noch nie gab. Schneider liess sich mit 6.-Kf8 nicht lumpen – es ging unkonventionell weiter und im zweiten Diagramm steht Weiß klar besser. Die lange Rochade sieht riskant aus, aber Schwarz kann davon nicht profitieren und Weiß konnte dann mit 23.Lg2 und 24.Th1 mehr Druck machen.

Das nächste Diagramm gab es in der Partie doppelt, zunächst spielte Weiß 31.Dd1 (droht 32.Lf1, oder?) 31.-Dc4 32.Dh5 Dd3 und nun richtig 33.g6! fxg6 34.De5. Im 31. Zug konnte Schwarz die weisse Drohung “übersehen”: 31.-d4! 32.Lf1 (32.g6 geht auch, ist hier aber nicht klar vorteilhaft) 32.-dxc3 33.Lxd3 cxb2+ 34.Kxb2 Txd4 – drei Leichtfiguren für die Dame, “unklar” und jedenfalls nicht viel schlechter für Schwarz.

Und dann 42.Dd7+???? – was war das denn für ein “mouse slip”? Nach 42.Dxd6 würden Engines die weisse Dame opfern, um das Ende noch etwas zu verzögern, so wieherte allerdings der schwarze Gaul: 42.-Sxd7!!! 0-1. Da hatte Nadezhda den Salaht, bzw. gute Nacht statt Salahm aleikum.

So sind Schneider und Sieber wieder oder weiterhin gleichauf – ein direktes Duell gab es noch nicht da sie immer dieselbe Farbe hatten, dabei wird es wohl vorläufig bleiben. In der nächsten Runde spielen sie mit Weiß nebeneinander an Brett 9 und 10, turnierrelevanter sind die Spitzenbretter Khomeriki-Antova und Assaubayeva-Maltsevskaya.

Und nun noch Galerien im Hoch- und Querformat:

Fünf Runden werden noch gespielt, die letzte am 15. September. Einen Abschlussbericht wird es von mir nicht oder verzögert geben, da ich vom 13.-16.9. auf Reisen bin (nicht-schachliche Gründe).

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3 thoughts on “Junioren-WM am Ruhetag

  1. Im Fernschach kann man wohl heutzutage keine langen forcierten Varianten mehr spielen – das kennt der Gegner auch und dann wird es unweigerlich remis. Wobei es aus meiner Nahschach-Sicht kurios ist, dass sich Fernschachspieler zweimal bereits nach 18.Tee3 g6 (18.-Sc5 ist offenbar der Hauptzug) 19.axb5 axb5 20.b3 c3! 21.Txc3 Lg7 22.Te3 Txa3 (bzw, einmal noch 23.Lxa3) auf Remis einigten. Weiß hat einen Mehrbauern, Schwarz hat offensichtlich Kompensation vor allem durch den starken Lg7, ist Weiterspielen im Fernschach bereits verschwendete Energie?
    Ein anderes Kuriosum: Ein gewisser Ian Phelby hatte mit Schwarz 2012 und 2014 zwei bis zum 46. Zug identische Fernpartien, jeweils ein Zug danach Remis.

  2. 18.Tee3 war der letzte Versuch im Fernschach, das Abspiel aus weißer Sicht am Leben zu halten. Weiß ich zufällig, weil ich das auch mal versucht hab’ und gescheitert bin. Im Nahschach ist’s egal, das kann es weiterhin so oder so ausgehen. Interessant und eine separate Geschichte wert ist, dass Matthias Wahls den Zug 1994 gespielt hat. Da müsste man ihn mal fragen, ob er noch weiß, welcher Denkprozess zu dieser Entscheidung geführt hat.

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