Gegner am Brett, Nachbarn im Grabe: der erste WM-Kampf 1834 (Video)

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Die Partien der alten Meister studieren, diesen Hinweis hören Schachschüler immer wieder. Und das zu Recht.

Das Studium mit den Partien der Meister von heute zu beginnen, würde den Novizen nicht weiterbringen. Zu schwierig. Wer Physik studiert, der steigt ja auch nicht bei Heisenberg ein, sondern wird sich erst einmal damit befassen, was Galilei und Newton ausgetüftelt haben. So entsteht ein Fundament, auf dem sich nach und nach aufbauen lässt.

Aber wer sind die eigentlich, die alten Schachmeister? Und haben die ganz alten von denen womöglich einen so langen Bart, dass wir sie heute besser ignorieren?

Paul Morphy hatte verstanden, wie wichtig beim Schach Entwicklung ist.

Traditionell beginnt die Schachausbildung bei Paul Morphy. Der hatte Ende der 1850er-Jahre besser als seine Zeitgenossen verstanden, dass eine Party erst dann richtig losgeht, wenn alle Gäste eingetroffen sind.

Weil Morphy stets darauf bedacht war, alle Kräfte ins Spiel zu bringen und zusammenarbeiten zu lassen, war er seinen Zeitgenossen einen Schritt voraus. Seine Partien zeigen, wie wichtig Entwicklung ist und wie fatal derjenige bestraft wird, der sie vernachlässigt. Wegen seiner phänomenalen taktischen Stärke (und wegen der Elfmeter, die ihm seine weniger starken Gegner gelegentlich servierten) bestrafte niemand so schön wie der US-Amerikaner. An seinen Kombinationen erfreuen wir uns bis heute.

Nach Morphy kommt Wilhelm Steinitz, der erste Weltmeister, der als Erster fundamentale positionelle Prinzipien formulierte und konsequent anwandte (manchmal zu konsequent). Die Bedeutung des Zentrums, der Segen einer gesunden Bauernstruktur, auf diesen Grundlagen konnte um die Jahrhundertwende Siegbert Tarrasch aufbauen, bevor in den 1920ern die „Hypermodernen“ alles über den Haufen warfen und das Gegenteil behaupteten. Alexander Aljechinschließlich, Weltmeister bis 1946, erkannte, dass beide Recht hatten und vereinte als führender Spieler seiner Zeit hypermoderne und klassische Prinzipien.Weil Morphy stets darauf bedacht war, alle Kräfte ins Spiel zu bringen und zusammenarbeiten zu lassen, war er seinen Zeitgenossen einen Schritt voraus. Seine Partien zeigen, wie wichtig Entwicklung ist und wie fatal derjenige bestraft wird, der sie vernachlässigt. Wegen seiner phänomenalen taktischen Stärke (und wegen der Elfmeter, die ihm seine weniger starken Gegner gelegentlich servierten) bestrafte niemand so schön wie der US-Amerikaner. An seinen Kombinationen erfreuen wir uns bis heute.

Wer neue Ideen verstehen will, müsse erst einmal die alten verinnerlicht haben, schreibt sinngemäß Richard Réti in seinem wunderbaren Büchlein „Die neuen Ideen im Schachspiel“. Reti, Vertreter der Hypermoderne, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, der Welt zu erklären, warum Steinitz‘ und Tarraschs Sichtweise der Dinge zwar nicht grundsätzlich falsch, aber eben unvollständig ist. Ob Reti dachte, dass er gerade das letzte Wort in Sachen Schach formuliert, als er seine „neuen Ideen“ in mehreren Aufsätzen zu Papier brachte?

Aljechin als erster universell-moderner Weltmeister hätte in den 1930ern nicht geglaubt, wie viele evolutionäre Sprünge dem Schach noch bevorstehen. Hätte man ihm per Zeitmaschine ein Exemplar von Kasparows „Revolution in the 70s“ zukommen lassen, Aljechin hätte sich erst einmal mühsam erschließen müssen, wogegen Fischer, Larsen und andere Meister der 70er überhaupt aufbegehrten, was sie grundsätzlich anders machen als ihre Vorgänger.

Seiner Zeit voraus, trotzdem fast vergessen

Wir könnten die Reise von Aljechin bis Carlsen über manche Station fortsetzen, gehen aber erst einmal einen großen Schritt zurück. Die Schachausbildung mit Morphy anzufangen, ist beileibe kein Gesetz. Von gestern waren die Meister vor Morphy ja nicht, das gilt insbesondere für den 1795 geborenen Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais, den besten Spieler der Welt in den 1820er- und 1830er-Jahren.

Auf eine Weise ist es ein Unglück, dass von seinem Schach vor allem die Schlussstellung einer Partie aus seinem Wettkampf gegen den Iren Alexander McDonnell in Erinnerung geblieben ist. Darüber, wie gut La Bourdonnais war, wird wenig gesprochen. Beim inoffiziellen WM-Kampf gegen McDonnell 1834 dominierte der Franzose seinen taktisch ebenbürtigen Gegner, weil er Schach besser verstand. La Bourdonnais war seiner Zeit voraus.

Video: McDonnell – La Bourdonnais, ein strategisches Lehrstück

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Ein prima Beispiel dafür ist genau jene Partie, die auch die Wikipedia unkommentiert zitiert, aber natürlich ein Diagramm der berühmten Schlussstellung abbildet (siehe links). Wir zeigen diese Partie heute in einem anderen Licht – mit einem Fokus auf das planvolle Vorgehen des Franzosen im frühen Mittelspiel und eine Reihe von instruktiven Ungenauigkeiten seines Gegenübers. In beiderlei Hinsicht ein Lehrbeispiel in Sachen Strategie. Das Finale Furioso ist ein hübsches Extra, schön anzusehen, aber das macht niemanden zu einem besseren Schachspieler.

La Bourdonnais war wahrscheinlich der einzige Schachprofi seiner Zeit, beheimatet im berühmten Pariser Café de la Regence, in dem sich die intellektuelle Pariser Elite des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu treffen pflegte. Napoleon zählte zu den Gästen, Voltaire oder der US-Diplomat und spätere Gründervater der Vereinigten Staaten Benjamin Franklin. Auch Marx und Engels sollten einander hier zum ersten Mal begegnen. Mittendrin saß  Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais und spielte gegen jeden, der willens war, ein wenig Geld einzusetzen.

mcdonnell

Dem Wettkampf gegen Alexander McDonnell hat der Autor (und Schachspieler) Cary Utterberg ein papiernes Denkmal gesetzt, ein Schach- und zugleich ein historisches Lesebuch, das so beginnt: „Verbringen wir einen Sommertag auf den Pariser Straßen des Jahres 1815…“ Utterbergs mehrfach euphorisch besprochenes Werk beleuchtet die Umstände eines Schachmatches, das auf dem Brett moderner und relevanter war, als wir heute annehmen, und nimmt zugleich den Leser mit auf eine Reise ins postrevolutionäre Frankreich.

Den beiden Kontrahenten von damals bekam ihr monatelanges Ringen über 85 Partien nicht gut. Weil Alexander McDonnell gesundheitlich nicht in der Lage war, das Match fortzusetzen, musste es abgebrochen werden. Er starb wenig später, und dann dauerte es nicht lange, bis ihm La Bourdonnais, verarmt und einsam, ins Grab folgte. Heute liegen sie, in unmittelbarer Nähe wie ein altes Ehepaar, nebeneinander begraben auf einem Londoner Friedhof.

 

Quelle: Perlen vom Bodensee

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