Elisabeth Pähtz – Weltklasse!

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Nach einem Top-Ten-Spieler sehnten wir uns in Deutschland jahrzehntelang – bis zum September 2018. Ihr jüngster Aufschwung hat Elisabeth Pähtz tatsächlich in die Top Ten der Weltrangliste der Frauen geführt. Mit 2.513 Elo ist sogar die absolute Spitze in Reichweite (abgesehen vom ersten Platz, auf dem einsam Hou Yifan thront). Auch den GM-Titel bekäme sie mit diesem Rating verliehen, aber dafür fehlt ihr noch die dritte und finale Norm.

National steht Elisabeth Pähtz schon lange einsam an der Spitze. 33 ist sie erst, aber gefühlt seit Ewigkeiten die Vorzeigedame des deutschen Schachs – was damit zusammenhängt, dass sie einst das Vorzeigemädchen des deutschen Schachs war. Auf Harald Schmidts Sofa plauderte sie fröhlich mit dem Entertainer und veralberte mit Hape Kerkeling die Schachabteilung des FC Bayern München. Wie kein anderer deutscher Schachmeister hat sie unser Spiel für eine breitere Öffentlichkeit ins Schaufenster gestellt.

Auf dieser Seite kam sie bislang nur einmal am Rande vor, ein fatales Versäumnis unserer Redaktion (Schnarchnasen!), das wir heute reparieren. Per Schachvideo zeigen wir Elisabeths bemerkenswerte Partie gegen einen Top-Ten-Spieler: US-Großmeister Hikaru Nakamura. Beim Open auf der Isle of Man 2016 saßen sich die beiden gegenüber, und von einem Klassenunterschied zwischen 2.800 und 2.500 Elo war lange nichts zu sehen – im Gegenteil. Nakamura musste hart arbeiten und brauchte ein wenig Glück, um Pähtz niederzuringen.

Video: Elisabeth Pähtz gegen Hikaru Namakura

Die Partie hatten wir vor einigen Wochen in einem Essay über die Holländische Eröffnung, speziell den Stonewall, erwähnt, aber nicht näher beleuchtet. Sie diente uns als Beispiel für die große Zahl von exotischen, aber giftigen Methoden, mit denen der Weiße Holländisch abseits der Hauptvarianten bekämpfen kann. Während die Eröffnung, speziell der Stonewall, besser ist als ihr Ruf, muss doch jeder, der sie spielt, auf all diese Nebenvarianten vorbereitet sein.

Im Artikel seinerzeit haben wir auch auf eine Fehleinschätzung in einer der Eröffnungsbibeln von Großmeister Boris Avrukh hingewiesen. Nicht schlimm, Boris, das passiert. Während Avrukhs Werke dennoch generell empfehlenswert sind und ihren Bibel-Status nicht ohne Grund erlangt haben, empfehlen wir für am Holländischen interessierte Schachfreunde ein anderes Werk: „The Diamond Dutch“ von Großmeister Viktor Moskalenko. Er beleuchtet die Eröffnung aus der weißen und schwarzen Perspektive und legt einen Schwerpunkt darauf, Pläne, Ideen und Fallen aufzuzeigen. Dazu kommen der eine oder andere historische Schwenk und Musterpartien. In der Variantendichte nicht auf Avrukh-Level, aber leichter konsumierbar und hinsichtlich Anschaulichkeit und einprägsamen Momenten überragend.

Schach spielen kann Elisabeth Pähtz, Schach lehren auch

Instruktive Momente herausarbeiten, das kann auch Elisabeth Pähtz. Zwar reist sie vor allem als Schachprofi um den Globus, aber wenn sie die Zeit findet, betätigt sie sich als Schachlehrerin – vor allem im Dienste von chess.com, deren deutschen Youtube-Kanal sie fast alleine befüllt. „Ellis Schachstunde“ heißt dort ihre Serie, in der sie mal dieses, mal jenes Thema beleuchtet und gelegentlich auch nur eine Runde „Geschwätzblitz“ gegen die Zuschauer spielt.

Weil Elisabeth Pähtz Schach gleichermaßen lehren wie spielen kann, ist sie auch Autorin, und als solche hat sie sich eines Themas angenommen, das uns besonders am Herzen liegt: der „Abtausch“ – ein irreführender Begriff, der suggeriert, dass per „Abtausch“ beide Spieler Gleichwertiges eintauschen. Aber das sollte eben nicht der Fall sein. Gute Spieler halten die Spannung und „tauschen“ nur, wenn ihnen das einen Vorteil verschafft, Wenn sie etwa ihren schlechten Läufer gegen den guten des Gegners vom Brett nehmen können.

Wer bei einem beliebigen unterklassigen Dorfverein (und das nicht nur am Bodensee) den Spielabend besucht, der sieht die Schachfreunde munter abtauschen, und wer sie dann fragt, was das soll, der erntet verständnislose Blicke: „Wieso, ist doch nur ein Tausch?“ Aber das sollte es eben nicht sein. Wer beim Schach einen Zug macht, der sollte damit stets seine Stellung verbessern, anstatt ihn dafür zu verschwenden, gedankenlos Figuren vom Brett zu prügeln.

Genau dieser verbreiteten Unsitte nimmt sich Elisabeth Pähtz in ihrer DVD „Der richtige Abtausch“ an. Wann bringt uns ein Abtausch Vorteile? Wann dient er unserer Struktur, hilft unserem Angriff oder stärkt unsere Verteidigung? In 4,5 Stunden Video beleuchtet die beste deutsche Schachspielerin mannigfaltige Aspekte des Abtauschs, zeigt Musterpartien und gibt dem Zuschauer zusätzliches Material an die Hand, damit der nicht länger um des Tauschen willens tauscht, sondern um die Partie zu gewinnen. Unser Urteil: eine Pflicht-DVD für jeden Dorfverein.

Quelle: Perlen vom Bodensee

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2 thoughts on “Elisabeth Pähtz – Weltklasse!

  1. Toller Kommentar Herr Steffens,

    und da sage noch einer, Deutschland wäre das Land der Neider und Missgünstlinge.
    Glückwunsch Elisabeth und Danke für das unvergessliche Video mit Hape.

  2. “Nach einem Top-Ten-Spieler sehnten wir uns in Deutschland jahrzehntelang”
    Wir? Wer ist denn WIR?? Ist das beim Schach jetzt schon so wie bei Olympia, wo Reporter sich brüsten: “WIR haben Bronze gewonnen”? Und jetzt beim Schach: “WIR haben Platz 10 der Frauen-Rangliste erobert”?? Sport und Nationalismus, wahrlich eine ungute Verbindung. Aber seit dem Sommer-Alptraum 2006 ist Fahnenschwenken, Hymen singen, “Wir” und “Uns” wohl leider auch auf andere Sportarten übergeschwappt. Zurück in eine unselige Vergangenheit …
    Und 2.513 Elo: Paehtz ist in punkto Schach quasi mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Der Vater Großmeister, bestmögliche Förderung seit Jugend, privilegiert und verhätschelt von Funktionären und (einigen) Journalisten. In Anbetracht dieser Voraussetzungen sind Elo 2500 wahrscheinlich keine herausragende Leistung. Vermutlich ist Elli der einzige Mensch auf diesem Planeten, der sich mit einer vergleichsweise bescheidenen Elozahl ein Leben als Schachprofi leisten kann. Eine Vielzahl von männlichen und auch einige weibliche Spielern können dies nicht, obwohl sie viel mehr geleistet haben bei wesentlich schlechteren Voraussetzungen.
    Aber die sind alle entweder keine Frauen oder keine Deutsche.
    Und von daher wohl uninteressant für “Wir”…

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