Ein Genie wäre heute 75

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Jürgen Dueball spielte seit seiner Kindheit Go, ein Spiel, das in seiner Familie gepflegt wurde, seit Dueballs Großvater Dr. Felix Dueball dieses Spiel in den 1930er-Jahren in Deutschland popularisierte. Sein Vater Fritz Dueball wurde 1957, 1958 und 1959 Europameister.

Jürgen Dueball wurde mehrmals Vize-Europameister und verbrachte in den 1960er-Jahren ein halbes Jahr in Japan, um sich dem Go-Spiel widmen zu können. Er erreichte den 5. Dan.

Etwas verspätet fand er zum Schach. Erst in den 1960er-Jahren begann er auf sich aufmerksam zu machen: 1966 gewann er den Dähne-Pokal (die deutsche Pokal-Einzelmeisterschaft) durch einen Sieg über Ulrich Jahr. Zu dieser Zeit war er bereits im Berliner Schachverein Wilmersdorf aktiv und neben Rudolf Teschner dort der beste Spieler.

Den blühendsten Abschnitt seiner internationalen Laufbahn hatte er zu Beginn der 1970er-Jahre, als es ihm gelang, 1973 den Titel Internationaler Meister zu erringen. Sein größter Individualerfolg war der geteilte erste Platz im internationalen Turnier von Reggio nell’Emilia 1973/74. Als Mannschaftsportler kam er auf 72 Einsätze in der deutschen Nationalmannschaft, u. a. auf den Schacholympiaden 1972 in Skopje (9 Punkte aus 13 Partien) und 1974 in Nizza (10,5 Punkte aus 16 Partien) sowie bei der Mannschaftseuropameisterschaft 1973 in Bath.

Nach seiner Übersiedlung 1978 nach Solingen wurde er Mitglied der Solinger SG 1868, mit der er 1980, 1981, 1987 und 1988 deutscher Mannschaftsmeister wurde und 1990 den Europapokal gewann. Dueballs Beiträge zur Entwicklung der Eröffnungstheorie waren auch auf Großmeisterniveau geachtet und geschätzt. Er war für sein ausgezeichnetes Gedächtnis bekannt.

Neben Schach und Go spielte er auch Bridge auf hohem Niveau. Mit seinem Klub in Leverkusen wurde Dueball auch deutscher Mannschaftsmeister im Bridge.

Dueball studierte ab dem Sommersemester 1962 Physik an der Freien Universität Berlin, wobei er allerdings hauptsächlich Vorlesungen in Mathematik belegte. 1964 veröffentlichte er einen Aufsatz zur Astronomie: Zum Problem der Periodenlänge von UZ Draconis, in: Berliner Arbeitsgemeinschaft für Veränderliche Sterne, S. 109–111, Berlin 1964. [Hier die Veröffentlichung als pdf-Dokument].

Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 in Folge eines Schlaganfalls war er Programmierer bei der Stadtverwaltung Solingen.

Quelle: Auszüge aus Wikipedia 


Meine ganz persönlichen Gedanken zum Tod von Jürgen

Erinnerungen von IM Bernd Schneider – Vor fast 16 Jahren verstarb der gebürtige Berliner IM Jürgen Dueball an einem Schlaganfall. Jürgen wäre dieses Jahr 75 Jahre alt geworden, ein guter Zeitpunkt an ihn zu erinnern (ein besseres Photo konnte ich leider nicht finden). Er lebte von 1978-2002 in der Klingenstadt Solingen und war in dieser Zeit, über die Schachszene hinaus, als eine Art hochintelligenter Außenseiter, stadtbekannt.

Mein durchaus ambivalentes Verhältnis zu Jürgen habe ich 2002 in einem Nachruf (Meine ganz persönlichen Gedanken zum Tod von Jürgen) festgehalten. Es ist ein ellenlanger Text, den ich seinerzeit lediglich in der Vereinszeitung der Solinger Schachgesellschaft veröffentlicht habe. Hier der Inhalt (falls jemand Zeit und Lust hat, diesen zu lesen):

“Wenn ich diese Zeilen schreibe ist Jürgen schon mehr als 2 Wochen verstorben. Ich erhielt die traurige Nachricht wenige Stunden nach Jürgens Tod von einem seiner Arbeitskollegen, dessen Tochter mit Annika in die gleiche Klasse geht. Traurig ist der richtige Ausdruck, denn als ich den Inhalt der Nachricht verstand, standen mir unwillkürlich Tränen in den Augen. Ich muss zugeben bei ähnlichen Anlässen häufig nicht von Gefühlen dieser Art gepackt zu werden. Aber es ist wahrscheinlich so, dass der Tod von Jürgen viele Leute anders oder mehr berührt, als dies bei vielen anderen Personen der Fall sein mag. Das dem wirklich so ist, habe ich in den Tagen nach seinem Ableben deutlich verspürt. Noch am Todestage habe ich quasi die gesamte Schachpresse informiert. Die Reaktion darauf war überwältigend – im Laufe der Woche erhielt ich ca. 30 Anrufe von Schachfreunden, Arbeitskollegen und Bekannten von Jürgen. Dabei war es wohl nur wenigen Menschen vergönnt, Jürgen als (richtigen) Freund zu bezeichnen – gab er sich doch absolut verschlossen und äußerst zurückhaltend, wenn es um seine eigene Person ging. Ich kannte Jürgen fast 24 Jahre, er war mein Vereins- und Mannschaftskollege, mein Trainer, mein Kumpel, mein „IM – Rivale“, mein „Chefsekundant“, mein guter Bekannter – wohl aber nie mein Freund im eigentlichen Sinne. Und weil mir diese 24 Jahre mit Jürgen sehr viel bedeuten, möchte ich diese nun aus meiner ganz persönlichen Sicht Revue passieren lassen:

Die ersten Begegnungen

Zum ersten Mal gesehen habe ich Jürgen bei einem Bundesligakampf, wahrscheinlich in der Saison 1978/79 (?) im Haus Turnerbund. Es war wohl seine erste Saison in Solingen, vormals spielte er für Berlin-Wilmersdorf. Bei dieser Runde verprügelte Jürgen seinen bedauernswerten Gegner derart, dass die Partie bereits nach 3 Stunden durch Matt beendet war. Natürlich wollte ich mir die anschließende Analyse nicht entgehen lassen. Ich war von den Ideen des Meisters sehr beeindruckt und konnte mir in diesem Augenblick keinen stärkeren Spieler vorstellen. Als 13-oder 14- jähriger „König“ von Rochade Solingen wollte ich natürlich auch zu den Analysen beitragen und erntete einerseits mildes Lächeln, andererseits Anerkennung von Jürgen, was mir glühende Wangen bereitete. Überhaupt habe ich damals bei der Bundesliga gerne zugeschaut und war immer wieder von Jürgens scheinbar leichten Siegen mit Weiß beeindruckt. Damals konnten die Bretter noch gewechselt werden und ich meine mich zu erinnern, dass Jürgen häufig mit Weiß ran durfte, während Dr. Heinz Lehmann mit den schwarzen Steinen seine berühmte Zähigkeit unter Beweis stellte. Später habe ich es noch einmal auf Photographien eines Bundesligaschiedsrichters geprüft: Jürgen fein gekämmt, von dynamischer Gestalt in einem Norwegerpullover!

Der peinliche Übertragungsfehler eines Blinden

Quelle: Peter Bolt

1979 fanden in Solingen große Europapokalbegegnungen statt. Schon 1976 hatte unsere Mannschaft den Pott geholt und mühte sich um die Titelverteidigung. Irgendwann gewann die SG Solingen gegen eine jugoslawische Mannschaft im Tenniszentrum Widdert, ich gehörte zu den gerade einmal 30 Zuschauern.

Der nächste Gegner war ein anderes Kaliber und kam aus Moskau. Natürlich musste hier Platz für deutlich mehr Zuschauer geschaffen werden – die Klingenhalle war dafür genau richtig. Als zusätzlichen Service für die Zuschauer wurden sechs Demobretter aufgebaut. Ich durfte das Demobrett zur Partie von Heikki Westerinen bedienen. Leider war ich zu dieser Zeit bereits kurzsichtig – mein Kassengestell aufzusetzen war mir aber zu peinlich. Zudem spielt dieser Finne immer recht skurrile Züge und es kam wie es kommen musste: Ich führte auf dem Demobrett den normalen Zug h2-h4 aus – Jürgen kam angestürzt und korrigierte prustend, indem er den Bauern wieder nach h2 zurückstellte und den Turm von b4 nach h4 stellte. Oh Gott, was mag er wohl über mich gedacht haben? Und überhaupt, was will der Finne mit dem Turm auf h4 – echt unästhetisch….

Mein nicht zustande gekommener Wechsel nach 1868.

Mit 15 Jahren hatte ich eine Spielstärke erreicht, die gegen einen Verbleib bei Rochade Solingen sprach. Tja, so Recht hatte ich keinen Ansprechpartner bei der Schachgesellschaft. Für alle war es klar, Bernd geht zur SG spielt in der Zweiten und bekommt Training von Jürgen Dueball. Ich wartete auf ein Zeichen, aber niemand sprach mich an – schrecklich. Da wurde endlich Peter Hans aktiv und wollte den Wechsel einfädeln. Bei einem Essen sprach er mich auf meine hervorragende Perspektive bei der SG 1868 an und versprach mir dauerhaftes Einzeltraining mit Jürgen. Kurze Zeit nach diesem Essen verstarb der rührige Verreinsorganisator Peter Hans ganz überraschend. Die Vereinsbosse kannte ich noch nicht, also sprach ich Jürgen an. Aber irgendwie kam bei diesem Gespräch für mich nichts heraus – konnte ich wissen, dass Jürgen für derartige Gespräche nicht geeignet war? Stattdessen buhlte PSV Wuppertal in Person von Uli Dresen um mich – auch kein schlechter Trainer und ein Stammplatz in der 2. Bundesliga, na dann eben ab in die Schwebebahnstadt.

Dort habe ich dann in der ersten Saison in der 2. Bundesliga mit 6,5 aus 7 überraschend für Furore gesorgt. Das rief dann Herbert Scheidt auf den Plan und eine Saison später war ich plötzlich Teamkollege von Jürgen in der 1. Bundesliga. Immerhin war ich nun Deutschland jüngster Bundesligaspieler. Überhaupt Herbert auf Einkaufstour: Mit Michael (Remis-) Bilek, dem Deutschen Meister Manfred Glienke und mir saßen drei Pfeifen im Team, die kein Bein auf die Erde bekamen. Für mich gab es ein riesiges Desaster (1,5 aus 8) wobei sich Jürgen fast fürsorglich um mich kümmerte. Fast jede meiner 5 Verlustpartien wurde von Jürgen in der anschließenden Analyse gedreht. Jürgen konnte nicht nur meine Partien bestens beurteilen, er erklärte mir auch logisch den sportlichen und psychologischen Hintergrund einer jeden Niederlage. Doch es half nichts – ich war ein Versager.

Meine Trennung von Solingen und Jürgen

Nein, den Ort meines Versagens mußte ich wieder verlassen. Natürlich hätte ich in der kommenden Saison bei der SG Solingen nur in der 2. Mannschaft spielen dürfen, dann doch lieber wieder ab in die 2.Bundesliga nach Wuppertal. Und dann auch noch an Brett 2 – ein logischer Entschluss, oder? So fanden sicher viele meine Entscheidung nachvollziehbar, bei Solingen ließ sich niemand etwas anmerken… nur Jürgen zeigte mir die kalte Schulter. Er war von mir bitterlich enttäuscht, was ich damals nicht nachvollziehen konnte. In den Jahren begab ich mich gerne mit Pommi in die Solinger Kneipe „Mumms“ und ähnliche Spelunken. Immer wenn Jürgen mich traf, sagte er artig „Guten Abend“, wechselte mit mir wenige Sätze, trank sein Bier auf und verabschiedete sich. Das konnte ich nun gar nicht verstehen: Sitzt in einer Kneipe, spricht kein Wort, endlich kommt ein Bekannter – zahlreiche Schachthemen stünden an – er aber verzichtet. Von allem ein wenig: ein sehr einsamer Mensch; ein konsequenter – aber kein polternder Mensch – hätte er es nicht mal aussprechen können, dass er meinen Wechsel nicht als korrekt empfand?

Unsere Rivalität

Später entwickelte sich eine Art Rivalität zwischen uns beiden. Jürgen war ohnehin nicht besonders gut auf mich zu sprechen, zudem versohlte er mich in zwei Pokalpartien (ca. 1982 – 1984) ziemlich deutlich. Er war zu dem Zeitpunkt noch klar stärker und kannte meine Spielweise aus dem Effeff. Einmal schlug er mich mittels 1.c4 mit meinen eigenen Waffen, was ihn köstlich amüsierte. Die beiden Siegpartien erklärte er zu Dokumenten überlegener Spielführung – womit er zwar Recht hatte – mich aber nunmehr sehr verstimmte. Gerne erinnere ich mich daran, wie ich es Jürgen und Solingen einmal richtig beweisen und „heimzahlen“ konnte: In der Aufstellung 1.) Dresen 2.) Schneider 3.) Behle 4.) Güroff bezwang das Wuppertaler Viererpokalteam Solingen mit 2,5:1,5. Die übermächtigen Solinger traten damals mit der Hobbytruppe 1.) Hübner 2.) Lau 3.) Ostermeyer 4.) Dueball auf Bezirksebene an!

Mein damaliger Sieg gegen GM Ralf Lau beeindruckte Jürgen derartig, dass wir sogar gemeinsame Analysen für eine Schachzeitung anfertigten. Fortan hatten wir wieder ein normales Verhältnis und leerten so manches Pils in geselliger Runde. Bei vorhandenem Vertrauen konnte Jürgen ein faszinierender Gesprächspartner sein. Was aber niemals bei Jürgen auf die Tagesordnung durfte, waren Gespräche über seine persönliche Situation. Auch nach seinem ersten Schlaganfall vermied er stets Themen über seine Gesundheit, in dem er einfach ein belangloseres Thema einbrachte. Nur niemandem an sich heran lassen, schien seine Devise zu sein. So konnte Ihm natürlich niemand helfen, er wollte es wohl aber auch nicht, selbst bis zu seinem Tod nicht! Mehrmals wurde darüber nachgedacht, ob es nicht besser sei, wenn er nach dem Schlaganfall betreutes Wohnen in Anspruch genommen hätte – er wollte nicht.

Jürgen der Sportsmann

Er hatte große Freude an seinen Sportarten: Schach lebte und liebte er mit absoluter Hingabe – nur spielen wollte er es nicht häufig. Das konnte sicher niemand verstehen, war er doch zu seinen besten Zeiten absolute deutsche Spitzenklasse. Bridge spielte er überraschend schon häufiger und liebte es auch genau wie Schach. Go war wohl früher eine Leidenschaft – immerhin wurde in dieser Disziplin einmal Vizeeuropameister. Ich habe ihn aber nie Go spielen oder über Go lesen sehen. Selbst bei „fremden“ Sportarten konnte Jürgen messerscharf analysieren. Hier nur zwei Beispiele: Irgendwann nahm ich Jürgen mit nach Mönchengladbach zu einem Europapokalspiel gegen Espanyol Barcelona (Tobi Scheidt war, so glaube ich, auch dabei). Leider lief das Spiel nicht zu meiner und zur Zufriedenheit der Gladbacher Zuschauer. Jürgen erläuterte uns während des Spieles feixend weshalb die Gladbacher denn nun verlieren werden. Dabei ging er mit der Heimmannschaft hart ins Gericht, tatsächlich verloren die Gladbacher sang und klanglos mit 0-1. Jürgen hatte bei seinen lauten und durchaus zutreffenden Analysen jedoch komplett übersehen, dass wir uns mitten in der Gladbacher Fankurve befanden. Zudem hatte er es falsch gedeutet, dass ihn mehrere Fans beäugten. Diese waren nicht von seinen Kommentaren beeindruckt, sondern (mit Blick durch die Vereinsbrille) über den Inhalt ziemlich ungehalten. Also schnell weg…

In der Glanzzeit des Solinger Schlittschuh Club führte ich Jürgen zum ersten Mal zu einem Eishockeyspiel. Es war faszinierend, er als absoluter Neuling brauchte gerade einmal bis zum Ende des ersten Drittel, um mir anschließend die richtige Taktik des SCS darzulegen. Verdammt, so eine Gabe wird wahrlich nicht jedem zuteil!

Jürgen das verschrobene Genie

Stets habe ich mich gefragt, wie kann der Mann das alles speichern. Zeigt mir Partien, die 20 oder 30 Jahre zurückliegen. Manchmal sprach er mich auf meine eigenen Partien an, an die ich mich nicht einmal mehr erinnern – geschweige denn diese nachspielen – konnte. Wer über solche Möglichkeiten verfügt – hat entweder ein fotografisches Gedächtnis oder er muss dafür alle Reserven aufbieten. Häufig sind andere Bereiche dann einfach nicht von Bedeutung. Bei Jürgen wird es so gewesen sein. Jürgen im neuen Anzug gab es nur dann zu sehen, wenn der Weihnachtsurlaub in Berlin bei seiner Mutter stattgefunden hat. Duschen? Ein frisches Hemd nach durchzechter Nacht? Es war wohl einfach nicht wichtig! Auch in unserem Verein und der ersten Mannschaft war dies ab und an ein Thema, insbesondere nach langen Autofahrten. Uli Kalkum hat sich dann einmal an die Gestanks-Problematik heran getraut und mit Jürgen offen über das Thema besprochen. Geholfen hat dies vielleicht 14 Tage. Es war einfach nicht wichtig genug!

Oder eine Story, die mir ehemalige Postkollegen immer wieder gerne erzählt haben: Jürgen fährt jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit zum Rechenzentrum. Jeden Morgen steigt er am Graf-Wilhelm-Platz ein. Meistens mit Sandalen – natürlich auch im Winter. Jeden Morgen kauft er einen Einzelfahrschein beim Fahrer. Beim Kramen in der Geldbörse verliert er fast jeden Morgen im anfahrenden Bus das Gleichgewicht und sein Kleingeld fällt zu Boden. Warum kauft er keine Jahres- / Monats- / oder Wochenkarte? Es war ihm nicht wichtig! Mit Valentino Usein hatte ich einmal eine „Lösung“ angedacht. Wir wollten für Jürgen eine Heiratsanzeige aufgeben, die potentielle Kandidatin dann auf den Fall einschwören und diese dann dem Jürgen als Zufallsbekanntschaft unterjubeln. Natürlich haben wir uns nie an die Realisierung herangetraut. Er wäre uns als intelligenter Mensch wahrscheinlich auf die Schliche gekommen. Aber ein solch lieber Kerl hätte eine treusorgende Frau verdient gehabt. Heute bereue ich es, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Jürgens Eifer

Für unsere deutschen Spieler (damals Brunner, Lau, Borngässer, Ostermeyer, Dueball und Schneider, noch jemanden vergessen?) wurde einmal ein mehrtägiges Trainingslager mit Dr. Robert Hübner durchgeführt. Dabei stand ein Springerendspiel aus der Partie Kasparov gegen Hübner (Spiegelverlag, Hamburg 1986) im Mittelpunkt, welches Hübner verloren hatte und vom jungen Weltmeister im Informator mit leichter Hand analysiert wurde. Die kritische Stellung wurde von uns über mehrere Tage analysiert, in der wissenschaftlichen Erwartung, es könne eine andere Bewertung als die des Weltmeisters erarbeitet werden. Eigentlich eine tolle Geschichte bei einem so bedeutenden, wissenschaftlichen Versuch mitzuwirken, doch nichts für Typen wie z.B. Rene Borngässer und mich. Ganz anders Jürgen, der nach 8 Stunden Arbeitszeit im Büro, ab 17:00 Uhr immer noch mühelos genügend Motivation aufbrachte, um die Analysen an vielen Stellen aufzumischen. Auf Hübners Frage an den geschundenen Borngässer, wie er diese oder jene Stellung beurteile, antwortete der genervte Düsseldorfer: „Ich bin mir mit Bernd einig, die Stellung muss man ausblitzen“. Dies ist halt die Sichtweise eines Praktikers. Peter Ostermeyer bewies seine Begeisterung für die Sache, in dem er am vorletzten Abend lapidar erklärte, er hätte ganz kurzfristig für den morgigen Tag ein Simultan in Hannover vereinbart (ist klar), weshalb er am letzten Tag nicht am Lehrgang teilnehmen könne. Ganz anders Jürgen, er hätte dieses Springerendspiel noch wochenlang mit wachsender Begeisterung sezieren können.

Jürgens letztes internationales Turnier

Er war hartnäckig! Nein, er spielt kein Turnier. Tatsächlich war er ausschließlich für unseren Verein, in wenigen Partien pro Jahr, aktiv. Im Frühjahr 1989 wollte ich mit Diana nach Liechtenstein zu einem Open fahren. Okay, altes Ritual: Jürgen hättest Du nicht Lust…? Er hatte! Ob er nun wegen der herrlichen Landschaft, wegen den bevorstehenden Analysen mit mir oder wegen der Anwesenheit von Diana mitgereist ist? Es war ein sehr schönes Erlebnis – auch für Jürgen. Besonders sein Sieg gegen GM Kozul hat ihm viel Auftrieb gegeben. Eines meiner letzten Gespräche mit Jürgen handelte tatsächlich von Liechtenstein 1989. Jürgen hatte im Schach-Magazin 64 eine Anzeige aufgegeben, ob jemand das Bulletin dieses Turniers besäße. Mangels Resonanz auf seine Suche hatte ich ihm dann empfohlen beim Liechtensteinischen Schachverband anzufragen. Eine Woche später kam er mit breitem Grinsen in den Club und berichtete über den Erfolg, denn das Bulletin hatte er bereits per Post erhalten. 10 Tage später war er tot.

Rivalität II

1986 kehrte ich als IM nach Solingen zurück. Mein Verhältnis zu Jürgen war glänzend, unsere Spielstärke war inzwischen etwa gleich einzustufen. Natürlich fühlte er sich aufgrund seines großen Wissens immer noch überlegen, er zollte mir aber ob meines praktischen Erfolges Respekt. Solch praktischen Erfolg konnte er gut erklären, wollte sich mit diesem aber nie schmücken. Während ich gegen einen nominell schwächeren Spieler auch in heikler Position gerne einmal Remis ablehnte, legte Jürgen sein Hauptaugenmerk auf die Objektivität.

Anfang der 90er Jahre wurde Jürgen im Turnierschach merklich schwächer, unsere „Rangordnung“ wurde dadurch automatisch festgelegt. Eigentlich hatte ich seit Erreichen des IM-Titels nie mehr Lust Schach zu trainieren oder zu analysieren. Selbst meiner Frau habe ich selten Partien vorgeführt. Jürgen aber habe ich immer gerne meine Partien gezeigt – besonders meine mit positivem Ergebnis. Habe ich immer um seine Anerkennung gebuhlt?

Mein letztes Gespräch mit Jürgen

Ich hatte vor einiger Zeit in Spanien bei einem Urlaubs-Open eine wirklich grandiose Kombinationspartie gespielt, die mit einem schönen Opfer und einem anschließenden, stillen Zug auf den Weg gebracht wurde. Schon in Spanien hatte ich mich darauf gefreut Jürgen diese Kombination und besonders den stillen Zug zeigen zu können. Jürgen hatte mir vor Jahren eine Partiestellung gezeigt, die überraschend mit dem stillen Zug a2-a3 von Weiß gewonnen werden konnte. Eine meisterhafte Analyse einer forcierten Eröffnungsvariante – leider fällt mir die Position (typischerweise) nicht mehr ein. Und mein stiller Zug aus Spanien lautete ebenfalls a2-a3 ! Ich werde Jürgens schallendes Lachen niemals vergessen, als ich ihm zwei Wochen vor seinem Tod die Partie vorführte und er den Zug a2-a3 auf dem Brett realisierte.”

Partien von IM Jürgen Dueball

 

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One thought on “Ein Genie wäre heute 75

  1. Ein wunderbarer Beitrag von Bernd Schneider über einen Schachspieler, dessen Angriffssiege und Kombinationen mich schon früher fasziniert haben! Danke!

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