Junioren-WM: Maghsoodloo und der Rest bei den Jungens, Spannung bis zum Schluss bei den Mädels

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Tagesaktuell hatte der Schachticker bereits den Bericht von Frank Hoppe für den Schachbund übernommen, von mir nun verspätet noch ein Rückblick auf die zweite Turnierhälfte. Wie kamen die jeweiligen Ergebnisse vorne zustande? Wie ist das Ergebnis der deutschen Teilnehmer(innen) einzuordnen? Ganz vorne landeten sie nicht, am besten war Donchenko auf Platz 11 – für den Dritten der Setzliste eher kein Erfolgserlebnis, auch wenn der an zwei gesetzte Jorden van Foreest nach Wertung hinter ihm blieb.

Der Titel verrät es bereits: Start-Ziel-Sieg für Parham Maghsoodloo, dagegen Durcheinander und Drama bei den Juniorinnen. Das kam jeweils am Ende dabei heraus – auch was andere Medaillen und vordere Plätze betrifft: Junioren GM Maghsoodloo 9.5/11, GM Puranik, IM Lobanov, GM Esipenko 8.5, GM Tabatabaei und GM Bai Jinshi 8, usw. . Von den Spielern mit 7.5/11 nenne ich den Wertungsbesten IM Christiansen sowie einige GMs, die zum engeren Favoritenkreis zählten: der dritte Iraner Firouzja, bereits erwähnt Donchenko und van Foreest, Karthikeyan, Aravindh und Martirosyan. Das waren die Nummern 8, 3, 2, 4, 10 und 5 der Setzliste – Maghsoodloo bestätigte seinen Status als Elofavorit, aber die beiden anderen Medaillen gingen an Nummer 23 und 21. Außerdem aus deutscher Sicht: Platz 22 für Kollars (7/11), Platz 43 für Lagunow und Platz 52 für Sawlin (beide 6.5/11 aber recht unterschiedliche Wertung).

Juniorinnen Maltsevskaya und WGM Tokhirjonova 8.5/11, WIM Khomeriki, WFM Nurgali, WIM Dordzhieva, IM Tsolakidou, WIM Zhu Jiner 8, usw. . Über Gold und Silber entschied formal der direkte Vergleich, Buchholz dabei auch recht klar zugunsten der Russin vor der Usbekin. Die an eins gesetzte Stavroula Tsolakidou machte es immerhin besser als die andere Spielerin mit männlichem Schachtitel – IM Davaademberel Nomin-Erdene wurde an zwei gesetzt 17. . Wertungsbeste mit 7.5/11 war die an drei gesetzte Bibisara Assaubayeva – wie Tsolakidou hat sie ihre Elozahl bestätigt, aber das reichte nicht für eine Medaille. Aus deutscher Sicht: Platz 26 für Fiona Sieber (6.5/11), Platz 31 für Jana Schneider (6/11).

Alle Fotos wieder ab Turnierseite vom türkischen Schachverband.

Diese beiden hatten in Runde 6 Weiß an Brett 1. Wer von ihnen “sechsy” ist, darf der Leser entscheiden: Parham Maghsoodloo spielte dann in dieser Runde ein bedingt ausgekämpftes Remis gegen Landsmann Firouzja und hatte danach 5.5/6, Nino Khomeriki gewann dagegen nochmals und hatte nun 6/6 – daraus wurden am Ende 8/11 und das bedeutete dann Bronze. Aber nun zuerst zu den Jungens, eher Spieler für Spieler als Runde für Runde:

Die Maghsoodloo-Show

ging ab Runde 7 weiter, er gewann einfach alles und hatte nach Runde 10 zwei Punkte Vorsprung. Damit stand er bereits als Weltmeister fest, prompt verlor er dann in der für ihn recht bedeutungslosen letzten Runde.

Javokhir Sindarov war der letzte mit Maghsoodloo punktgleiche Spieler – beide hatten vor dieser Partie 5.5/6. Der sehr junge Usbeke konnte allerdings weder körperlich noch schachlich mit dem Iraner mithalten – ein Figurenopfer für drei Bauern erwies sich (jedenfalls so wie er danach fortsetzte) als inkorrekt. In den weiteren Runden dann ein Remis und zwei Niederlagen für Sindarov, erst zum Schluss noch ein Sieg gegen einen FM. Das war dann Platz 19 und immerhin wohl eine GM-Norm. Insgesamt gab es eine Reihe GM-Normen über 9 oder mehr Runden, alle nenne ich nicht da ich dann vielleicht jemanden vergesse oder übersehe.

In Runde 8 hatte Maghsoodloo vielleicht etwas Glück, dass sein indischer Gegner IM Venkataraman im Endspiel offenbar mehr als Remis wollte und weniger bekam, danach noch zwei recht glatte Siege gegen US-Wonderboy GM Awonder Liang und den Russen IM Vavulin. Damit stand er als Weltmeister fest, die Niederlage am Ende gegen GM Esipenko änderte nichts daran. In der Live-Weltrangliste hat er sich (zusammen mit Ergebnissen bei einem kleinen Open Ende August) von Platz 102 auf Platz 58 verbessert und wird aktuell mit 2684.5 notiert – noch so ein Ergebnis und er ist Mitglied im Club 2700+.

Bei diesem Turnier dominierte Maghsoodloo noch mehr als 2016 bei der Junioren-WM der US-Amerikaner Jeffery Xiong – damals auch als zukünftiger Weltklassespieler bejubelt aber seither stagniert er elomässig. Ein bisschen Schachgeschichte: Einige Junioren-Weltmeister wurden später auch Weltmeister aller Klassen (Spassky 1955, Karpov 1969, Kasparov 1980, Anand 1987), andere (z.B. Jussupow, Seirawan, Aronian, Mamedyarov, Vachier-Lagrave) wurden immerhin Weltklassespieler. Es gab aber auch einige, die später mehr oder weniger in der Versenkung verschwanden, u.a. der einzige Deutsche Roman Slobodjan (Junioren-Weltmeister 1995).

Die anderen Medaillen

wurden erst in der letzten Runde vergeben. Sechs Spieler hatten zuvor 7.5/11 – drei gewannen, zwei verloren, einer spielte Remis. Esipenkos Sieg gegen Maghsoodloo entstand nach der Zeitkontrolle, da der Iraner drohende Gefahren am Königsflügel offenbar unterschätzte. Für Esipenko reichte es dann nur zu Platz vier, noch mehr als seinem russischen Landsmann Lobanov wurde ihm eine Niederlage bereits in Runde zwei zum Wertungs-Verhängnis.

Puranik besiegte den Armenier Hakobyan, der im Springerendspiel offenbar mehr als Remis wollte und weniger bekam. Am Ende fand Hakobyan nicht den schmalen Remisweg, ganz zum Schluss entschied ein Tempo zugunsten von Puranik. Wichtige Siege für Puranik zuvor Runde 8 gegen van Foreest und Runde 9 gegen Firouzja, die sich so jeweils von Medaillenhoffnungen verabschieden mussten.

Lobanovs Sieg gegen den norwegischen IM Christiansen dagegen im Mittelspiel, auch wenn er zwei Freibauern umwandeln konnte und dadurch am Ende drei Damen auf dem Brett hatte. Das und Momente zuvor in der Partie war durchaus diagrammwürdig, aber heute verzichte ich mal auf Diagramme. Trost für Christiansen: auch er hatte bereits zuvor eine GM-Norm in trockenen Tüchern.

Zwischendurch drei andere Fotos:

Im Foyer wurde mitunter auch analysiert, zu diesem Moment jedoch nur diskutiert bzw. geschlafen (nach der offenbar anstrengenden Partie ohne Konsequenzen). Für das leibliche Wohl war auch gesorgt.

Die deutschen Teilnehmer

Ich zitiere Frank Hoppe: “Die Deutschen spielten ein durchweg gutes Turnier, wurden allerdings nur zum Teil mit den Plätzen belohnt, die ihnen ihrer Spielstärke entsprechend zustehen.” Niemand hat dabei ein “Recht” auf einen Platz laut Setzliste!? Alle vier Jungens hatten ein Ergebnis oberhalb der Elo-Erwartung – aber um ganz vorne mitzumischen, muss man deutlich besser spielen als die eigene Elozahl. Donchenko wurde Elfter und gewann dabei 2,3 Elopunkte hinzu, die ersten neun hatten zweistellige Elo-Zugewinne (also ein bis zwei Punkte mehr als bei Elo-neutralen Ergebnissen). Kollars bestätigte als 22. fast Platz 20 in der Setzliste, Lagunow und Sawlin landeten in der Abschlusstabelle weiter oben als in der “Tabelle” vor dem Turnier.

Knackpunkt für Donchenko und Kollars waren Niederlagen in Runde 7 bzw. 8. Donchenko wurde vom Armenier Hakobyan regelrecht überrollt, danach zwei von der Papierform her leicht enttäuschende Remisen und erst durch zwei abschliessende Siege landete er wieder im Elo-positiven Bereich. Kollars erfuhr gegen Tabatabaei, dass Turmendspiele nicht immer remis sind, selbst dann nicht wenn man einen Mehrbauern hat. Der schwarze Bauer auf h7 war dabei irrelevant, entscheidend wer seine (jeweils zwei) Freibauern mobilisieren kann. Der entscheidende Fehler im 56. Zug: 56.-Kc7? versuchte wohl, den weissen a-Bauern zu kontrollieren – bzw. das gelang aber Weiß hatte auch noch einen f-Bauern. Richtig und remislich war, mit 56.-b4! den gefährlicheren eigenen Bauern auf die Reise zu schicken.

Zuvor in Runde 6 das direkte Duell Donchenko-Kollars. Kollars landete in einem Endspiel mit Minusbauer und konnte das letztendlich Remis halten.

Raphael Lagunow hatte bis Runde 5 das typische Auf und Ab im Schweizer System: Siege gegen nominell unterlegene Gegner, Niederlagen gegen Elo 2500+. Aber ab Runde 6 erzielte er auch gegen diese Elokategorie 50% (+1=3-1), wobei er Jorden van Foreest offenbar am Rande einer Niederlage hatte und dann zum Remis führende Vereinfachungen erlaubte. Leonid Sawlin mit etwas wechselhaftem Turnier, Elo-positiv wurde es durch einen Sieg in der letzten Runde gegen den generell indisponierten slowakischen GM Repka.

Auch das noch

Das Turnier mal von hinten fotografiert, im Vordergrund das 82. und letzte Brett aus Runde 8

Der Maltese Matthew Fleri, mit Elo 1625 165. und Letzter der Setzliste, zusammen mit seinem luxemburgischen Gegner Stefan Maltezeanu (Elo 2089). Zuvor hatte Fleri außer einem glatten Sieg gegen Freilos alles verloren, auch in dieser Partie hatte er das Nachsehen – aber danach noch drei Remisen gegen Elo 1685, 1994 und 1904.

Und nun zu den Mädels, ähnlich aufgebaut wobei “die Khomeriki-Show” als eigenes Kapitel entfällt – ab Runde 7 kam Sand ins Getriebe und später hatte Maghsoodloo andere Nachbarinnen:

Dinara Dordzhieva in Runde 7, da sie gegen (ebenfalls ein bisschen sichtbar) Khomeriki Weiß hatte. Nach ihrem Sieg später im Endspiel konnte sie und auch ihre russische Landsfrau Aleksandra Maltsevskaya zu Khomeriki aufschliessen.

Tags darauf hatten Maghsoodloo und Maltsevskaya Schwarz, Khomeriki wieder Weiß und zwar gegen Maltsevskaya – diesmal steuerte sie ihr Schiff schnell (Zugwiederholung ab dem 23. Zug) in den Remishafen. Da Dordzhieva ebenfalls Remis spielte blieb es bei diesem Führungstrio.

Der nächste Dämpfer für Khomeriki tags darauf gegen Assaubaeva. Sie stand verdächtig, hatte dann das Gröbste überstanden … und überschritt im 40. Zug die Bedenkzeit. Nun lagen fünf Spielerinnen vorne, vier Russinnen (Maltsevskaya, Assaubayeva, Dordzhieva und Potapova) und die Usbekin Tokhirjonova. Tokhirjonova übernahm dann die alleinige Führung, aber das war ja nach der zehnten und vorletzten Runde.

In der letzten Runde trennten sich Tokhirjonova und Dordzhieva Remis.

Assaubayeva verlor mit Weiß glatt gegen die Chinesin Zhu Jiner.

Und Maltsevskaya machte ihr Meisterstück gegen Landsfrau Potapova. Auch dahinter jede Menge Entscheidungen (das nächste Remis an Brett 11!), dadurch teilten sich viele Platz 3 aber Khomeriki hatte (natürlich nachvollziehbar) die beste Wertung. Trostpreis für die Vierte WFM Nurgali Nazerke aus Kasachstan waren immerhin hundertdreiundachtzig Elopunkte (an 45 gesetzt hatte sie vor dem Turnier relativ bescheidene Elo 2080). Derlei Elo-Zugewinne gehen natürlich nur mit K-Faktor 40 – mehrere andere Spielerinnen weiter unten in der Tabelle gewannen auch dreistellig Elo hinzu, dreistellige Elo-Verluste gab es auch.

Bekommt Maltsevskaya nun auch das, was alle Junioren-Weltmeisterinnen vor ihr bereits haben – einen Wikipedia-Artikel? Auch hier nenne ich einige Vorgängerinnen, die später den Sprung in die top10 schafften und nehme diesmal die Zeitmaschine rückwärts: Goryachkina (Junioren-Weltmeisterin 2014 und 2013), Anna Muzychuk (2010), Harika (2008), Elisabeth Paehtz (2005), Dzagnidze (2003), Zhao Xue (2002) Humpy Koneru (2001), Zhu Chen (1994 und 1996) wurde gar Weltmeisterin aller weiblichen Klassen. Deutschland hat nur eine Junioren-Weltmeisterin, da Ketino Kachiani erst 1993 Jürgen Gersinska heiratete und 1989 und 1990 noch für die Sowjetunion spielte.

Schon sind wir quasi bei den deutschen Spielerinnen:

Jana Schneider hier zweite auf der linken Seite, in Runde 8 an Brett 23. Damit ist wohl bereits klar, dass sie nicht in den Kampf um Medaillen eingreifen konnte, Fiona Sieber auch nicht.

Beide büssten auch Elo ein – minus 16 für Schneider lag dabei fast komplett an der Niederlage gegen die weit über ihren Möglichkeiten spielende WCM Isha aus Indien. Elo minus 31 für Sieber lag an insgesamt drei Niederlagen gegen nominell unterlegene bzw. (die Russin Potapova) genau gleichwertige Gegnerinnen. Die Partien der beiden deutschen Mädels nach dem Ruhetag habe ich mir nicht näher angeschaut – kann also nicht sagen ob es teilweise ebenso chaotisch war wie zuvor bzw. ob sie für die Galerie spielten.

Da haben wir das Stichwort – zum Schluss noch Spielergalerien:

Aus galerietechnischen Gründen Maltsevskaya doppelt. Wer ist Kyzy Begimay? Eine Kirgisin, die ihre bescheidene Elo 1770 nicht bestätigte – sondern 149 Punkte hinzu gewann.

Und hier breche ich erst einmal ab, Bilder von der Siegerehrung werde ich später noch einbauen. Nun ist es soweit:

Die Sieger – noch hat Maghsoodloo keinen Pokal

Die Siegerinnen – Maltsevskaya bekommt ihre Trophäe gerade

Gulrukhbegim Tokhirjonova freut sich auch über Silber – damit hatte sie nach mässigem Beginn (2.5/4, Remis gegen Jana Schneider und Niederlage gegen Maltsevskaya) vielleicht nicht mehr gerechnet. Aber nach 4/4 in Runde 7-10 war selbst Gold wieder möglich.

Nino Khomeriki (offene Haare stören beim Schach?) freut sich auch über Bronze, dabei schien für sie sicher mehr möglich.

Und Abhimanyu Puranik freut sich über Silber. Auf dem Papier war er nur Nummer 4 von 10 Indern im offenen Turnier, aber Elo-normale Ergebnisse von Karthikeyan, Aravindh und Sunilduth bedeuteten Platz 14, 15 und 12. Relativ zur eigenen Elozahl besser machten es die IMs Venkataraman und Bharathakoti, auch wenn letzterer offenbar knapp eine GM-Norm verpasste.

Ein russisches Gruppenfoto – neben den beiden Medaillengewinnern Lobanov (Bronze) und Maltsevskaya (Gold) sowie wohl dem Trainer auch Dinara Dordzhieva mit auf dem Foto. Diesmal fehlten ihr 2,5 Buchholzpunkte für Bronze , beim Halbfinale der russischen Meisterschaft fehlte dieses Jahr ein halber Buchholzpunkt zu Platz 5 und Qualifikation für das Superfinale. Vielleicht dafür das angedeutete Schulterkitzeln von Maltsevskaya – die andere Hand am Pokal, andere halten die Flagge.

Getanzt wurde, wie bei Abschlussfeiern üblich, auch.

Wie geht es weiter? Jedenfalls für einige mit der Olympiade ab dem 24. September. Maghsoodloo, Tabatabaei und Firouzja vertreten da – zusammen mit den bei der Junioren-WM nicht mehr spielberechtigten Idani und Mosadeghpour – den Iran. Khomeriki und Tsolakidou spielen am Spitzenbrett für Georgien 3 bzw. Griechenland, Jorden van Foreest ist Benjamin im Team der Niederlande (Benjamin Bok ist nicht im Team).

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