Vorschau zur Olympiade in Batumi

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Ab 24. September (bzw. die Eröffnungsfeier ist tags zuvor) trifft sich die Schachwelt in Batumi, Georgien. Und zwar wirklich die ganze Schachwelt, oder jedenfalls ein grosser Teil davon: einige Teams haben Großmeister, teilweise Weltklassespieler, aber die insgesamt 245 GMs verteilen sich ungleichmässig über die 185 Teams – viele haben Spieler mit kleineren oder keinen Schachtiteln, bescheidener bis gar keiner Elozahl. Naturgemäss geht es im Vorbericht vor allem um die Topteams, wobei ich auch die Nummer 16 der Setzliste erwähnen werde und ansatzweise noch ein paar andere Mannschaften. Dann auch ein paar Worte zum Damenturnier.

Die ersten zehn der Setzliste sind USA, Russland, China, Aserbaidschan, Indien, Ukraine, Frankreich, Armenien, England und Israel. Alle werde ich nicht im Detail besprechen, jeweils auch ein Rückblick auf die Olympiade 2016. Titelverteidiger USA nun nach Eloschnitt der ersten vier Bretter vor Russland, vor zwei Jahren lagen sie noch knapp dahinter. Deutschland ist Nummer 16 der Setzliste.

Dasselbe Spielchen bei den Damen: Russland, Ukraine, China, Georgien, Indien, Frankreich, Polen, Kasachstan, Deutschland, USA. Teilweise also dieselben Länder in anderer Reihenfolge, Gastgeber Georgien und auch Kasachstan sind allerdings Hochburgen des Damenschachs.

Aber nun zuerst zu den Herrenteams: die USA mit den grossen drei Caruana, So und Nakamura, dem zuletzt erfolgreichen Shankland und Reservespieler Robson. Vor zwei Jahren reichte es für Gold, aber nur nach Tiebreak vor der Ukraine – dank deutscher Schützenhilfe: erst nachdem Deutschland an Tisch 28 Estland mit 2,5-1,5 abgefertigt hatte, hatten die Amis die Nase vorn.

Russland in etwas anderer Aufstellung als vor zwei Jahren: Karjakin, Nepomniachtchi, Kramnik, Vitiugov, Jakovenko. Ob das die definitive Brettreihenfolge ist wird sich vor Ort herausstellen – auch 2016 spielte Karjakin vor Kramnik, Nepo allerdings nominell Brett 4, daraus wurde meistens Brett 3. Nicht dabei im Vergleich zu 2016 Tomashevsky und Grischuk, Svidler fehlt auch – er konnte eben bei Einsätzen in der Nationalmannschaft des öfteren nicht überzeugen. Vor zwei Jahren Platz 3, das lag vor allem am verlorenen Derby gegen die Ukraine.

China mit Ding Liren, Yu Yangyi, Wei Yi, Bu Xiangzhi und Li Chao. Statt Wang Yue, der elomässig abstürzte und nicht mehr Mitglied des Clubs 2700+ ist, nun Bu Xiangzhi. Ansonsten dieselben Spieler, die 2016 ebenfalls an drei gesetzt waren und daraus wurde Platz 13 – 2014 wurden sie allerdings, an 7 gesetzt, souverän Olympiasieger.

Aserbaidschan mit Mamedyarov, Radjabov, Naiditsch, Mamedov und Safarli – dieselben Spieler, die bei der Heimolympiade in Baku mit Platz 12 enttäuschten. Damals spielte Naiditsch “zu digital”: nach vier Siegen kamen vier Niederlagen und erst zum Schluss wieder ein Sieg gegen einen turkmenischen FM. Durch sehr gute Ergebnisse gegen fast durchgehend Elo unter 2600 (Gideon Japhet Memorial, chinesische und zweite spanische Liga) hat er sich gerade wieder auf Elo 2721 verbessert, welche Gegner er in Batumi bekommt liegt am Abschneiden des Teams insgesamt.

Indien wurde vor zwei Jahren Vierter, noch überraschender war Bronze 2014. Nun haben sie sich am Spitzenbrett verstärkt – erstmals seit 2006 wieder mit Vishy Anand! Welche Version von Vishy mitspielt wird sich herausstellen: Version 2006 mit 4.5/9 (die Niederlage gegen den Kanadier GM Charbonneau war sein letzter Auftritt im Nationalteam) oder Version 2004, wo er am Spitzenbrett mit 8/11 abräumte (TPR 2824, Sieg u.a. aber nicht nur gegen IM Charbonneau). Ein noch besseres Ergebnis nach TPR erzielte damals nur der ewig unberechenbare Baadur Jobava. Harikrishna und Sasikiran spielten schon damals für Indien, komplettiert wird das Team von Vidit und Adhiban.

Die Ukraine mit Ivanchuk, Eljanov, Kryvoruchko, Korobov und Ponomariov – dasselbe Team wie 2016 minus Volokitin (der mit 8.5/9 an Brett 4 abräumte) plus Ivanchuk (der damals lieber ein Dameturnier spielte). Welcher Ivanchuk erscheint ist ebenfalls unklar – bei Olympiaden war er mehrfach gut drauf (TPR 2800+) aber nicht immer. 2016 bekam die Ukraine ohne ihn Silber, 2014 wurden sie mit ihm Sechster (seine Niederlagen gegen Urkedal und Kasimdzhanov kosteten wichtige Mannschaftspunkte).

Die nächsten vier etwas knapper: Frankreich natürlich mit Vachier-Lagrave, Armenien natürlich mit Aronian – hinter ihm eine recht grosse Elolücke, dennoch waren sie als Mannschaft oft erfolgreich, 2016 in Baku fehlten sie dabei komplett. England mit Adams, bei Olympiaden haben sie oft enttäuscht: 2014 nur Platz 28, 2016 wurden sie nach wechselhaftem Turnier Neunter. Israel diesmal wieder in Bestbesetzung, also vorne Gelfand.

Deutschland mit Nisipeanu, Meier, Bluebaum, Svane und Fridman – Mischung aus Erfahrung und (relativer) Jugend. Ein Kommentar hier auf dem Schachticker hatte Keymer gefordert, aber das wäre wohl verfrüht. 2014 (letztmals mit Naiditsch) belegte Deutschland an 12 gesetzt Platz 30 und war immerhin Remiskönig – 2-2 gegen starke Teams (England, Kuba, USA) aber auch gegen nicht so starke (Usbekistan, Katar, Australien). 2016 spielten sie nur gegen Weißrussland Mannschaftsremis, Höhepunkt im Turnier Sieg gegen Israel, durchaus akzeptable Niederlagen gegen Ukraine, Russland und Frankreich, die gegen Usbekistan verhinderte ein besseres Ergebnis – an 13 gesetzt Platz 37. Was ist nun das Ziel? Auf jeden Fall wohl besser als zuvor.

Welche Teams haben Junioren eingebaut? “Im Prinzip” Armenien mit Martirosyan an Brett 5, er wird aber wohl allenfalls sporadisch spielen. Iran mit dem frischgebackenen Junioren-Weltmeister Maghsoodloo, Tabatabaei und Firouzja – sie haben keine elobesseren Erwachsenen, Ghaem Maghami ist mittlerweile nur noch Nummer sechs im eigenen Land. Usbekistan mit Abdusattorov und Yakubboev – da ist es ähnlich, wobei Kasimdzhanov bis auf weiteres noch die klare nationale Nummer eins ist. Vermutlich auch noch das eine oder andere Team weiter unten in der Setzliste.

Und nun kürzer zu den Damen: Russland (Kosteniuk, Goryachkina, Gunina, Pogonina, Girya) ist Elofavorit, dahinter drei nominell fast gleichwertige Teams: die Ukraine mit zweimal Muzychuk, Ushenina, Osmak und Zhukova, China mit Ju Wenjun am Spitzenbrett (die anderen nicht so bekannt, neben Hou Yifan fehlt auch Tan Zhongyi), Georgien mit Dzagnidze, Javakhishvili, Batsiashvili, Khotenashvili und Arabidze. Indien kommt danach, da ist die Frage was Humpy Koneru (nach jahrelanger Pause reaktiviert) drauf hat. Titelverteidiger ist China (2016 allerdings noch mit Hou Yifan), damals Silber für Polen, Bronze für die Ukraine und Blech für Russland. 2014 gewann Russland vor China, Ukraine und Georgien.

Deutschland (Paehtz, Osmanodja, Hoolt, Schleining, Fuchs) ist an neun gesetzt. Das Spielerinnenkarussel dreht sich traditionell munter – nur Paehtz ist natürlich gesetzt. Sarah Hoolt war zwischenzeitlich klare Nummer zwei und konnte eventuell gar den Status von Paehtz als Nummer eins bedrohen, danach ging es wieder Elo-abwärts aber noch ist sie keine Wackelkandidatin. Die anderen wurden vielleicht auch für gute Ergebnisse bei der Europameisterschaft belohnt. Sie wollen wohl an die Olympiade 2014 anknüpfen – Platz 9, vor der 4-0 Klatsche in der letzten Runde gegen Georgien konnte man gar von mehr träumen. 2016 wurde es dann nach zwei abschliessenden Niederlagen Platz 31.

Bei Elisabeth Paehtz erfahren wir demnächst, mit welcher Haarfarbe und Frisur sie antritt. Ob sie an Erfolge der letzten Zeit – wie bei Naiditsch vor allem gegen nominell recht klar unterlegene Gegner – anknüpfen kann wird sich im Laufe des Turniers herausstellen. Ob sie gar eine dritte und letzte GM-Norm erzielt liegt dann auch am Abschneiden der Mannschaft insgesamt bzw. gegebenenfalls muss Losglück dazu kommen: neben den Spitzenteams China, Russland, Indien, Ukraine und Georgien haben nur wenige andere GMs am Spitzenbrett, und sie bräuchte ja bei 9 Partien drei, bei mehr als neun vier Gegnerinnen mit dem geschlechtsneutralen GM-Titel.

Rundenbeginn ist vom 24.9.-5.10. jeweils um 15:00 Ortszeit (13:00 in Mitteleuropa), mit zwei Ausnahmen: Ruhetag am 29.9. zwecks Erholung von der Bermuda-Party, letzte Runde am 5.10. bereis um 11:00 Ortszeit. Prognosen gibt es von mir keine, empirisch kann man anhand der beiden letzten Olympiaden sagen: bei den Damen landen die favorisierten Teams meistens vorne (nicht unbedingt Reihenfolge genau nach Setzliste), im offenen Turnier gibt es eher Überraschungen – positiver und damit auch negativer Art.

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