Olympia-Zwischenbilanz: Noch hat Polen nicht gewonnen

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Jede Menge Berichte zur Olympiade, da kann meiner eher kurz und knapp ausfallen. Aber zwei Runden vor Schluss will ich das Geschehen seit dem Ruhetag doch zusammenfassen, mit auch ein paar Fotos.

Der durchaus überraschende Zwischenstand im offenen Turnier ist Polen 16, USA, China, Armenien, England 15, Frankreich, Russland, Deutschland, Kroatien 14, usw. . Polen galt zuvor als Geheimfavorit, aber dass sie gegen stärkste Gegner weiterhin als Team ungeschlagen sind hatte wohl kaum jemand erwartet. Die nächsten sechs Teams haben alle eine Niederlage: die USA gegen Polen, China gegen die Tschechische Republik (zwischendurch auch weit oben dabei, inzwischen bzw. derzeit etwa da wo sie laut Setzliste hingehören), Armenien gegen Nachbar Aserbaidschan (die dann gegen USA und China das Nachsehen hatten), England ebenfalls gegen Aserbaidschan, Frankreich und Russland gegen … Polen.

Und dann kommt das neben Polen einzige ungeschlagene Team: Deutschland, das sich auf 2-2 spezialisierte. Das taten sie schon einmal bei einer Olympiade, da auch gegen nominell unterlegene Gegner. Aber diesmal hatten sie viele etwa gleichwertige bis nominell bessere Gegner. Kroatien war gegen Teams aus der zweiten Reihe erfolgreich – so durften sie auch gegen China und die USA spielen und verloren jeweils glatt.

Bei den Damen vorne eine Mischung aus engerem und erweitertem Favoritenkreis: China 16, Ukraine 15, Armenien und USA 14, Russland, Aserbaidschan und Georgien 1 13, usw. . Armenien, USA und Aserbaidschan sind im Damenschach nominell nicht ganz so gut wie im offenen Schach, Gastgeber Georgien ist dagegen eine Hochburg des Damenschachs. Da beginne ich mal von hinten: Georgien verlor gegen Kasachstan – vielleicht überraschend, aber sensationell nun auch wieder nicht – und remisierte gegen Indien und Ukraine. Es könnte noch für eine Medaille reichen, wenn sie in den letzten Runden optimal punkten. Das gilt auch für Russland, die zwar sieben Matches gewannen und oft hoch, aber auch zweimal verloren – vor dem Ruhetag gegen Usbekistan, nach dem Ruhetag gegen Armenien.

Die USA schafften es irgendwie, bisher kaum sehr starke Gegner zu bekommen – war bedingt auch bei den US-Boys der Fall. Armenien hatte dagegen bereits China, Russland und Ukraine und erzielte aus diesen Matches 50%, sowie 100% gegen andere Teams. Die Ukraine könnte vielleicht bereits fast als Olympiasieger feststehen, wenn ja wenn sie ihre Chancen in diversen Matches genutzt hätten. Und China führt derzeit.

Wo ist Deutschland? Immerhin wieder auf Platz 28, nach Runde 6 war es der 67. Platz und dann gewannen sie die nächsten drei Matches. Wird es doch noch für einen Platz unter den ersten zehn reichen? Das wissen wir nach dem Turnier.

Fotos wieder ab Turnierseite auf Flickr von diversen Fotografen, das Titelbild stammt von Seyran Baroian. Und ich mache erst einmal mit Fotos aus Runde 6 weiter:

Nochmals von Seyran Baioran, das bunte Team aus Jamaica. Sonst habe ich diesmal vor allem relativ bekannte Spieler ausgewählt, aber erst noch eine Ausnahme:

Team Bangladesh von David Llada. Und ich bleibe zunächst bei den Damen:

Diese drei – Polgar, Polgar und Polgar – spielten nicht mit sondern kommentierten, und liessen sich von Alina l’Ami fotografieren.

Von Alina l’Ami auch das nächste Foto: Maia Chiburdanidze machte immerhin einen Zug und überliess den Rest ihren Landsfrauen – an allen acht Brettern, denn Georgien 1 spielte gegen Georgien 2. Etwa 100 Elopunkte Vorteil an allen Brettern reichten für ein 2.5-1.5 – aber nur weil Charkhalashvili in Diensten des zweiten Teams gegen Javakishvili im 40. Zug den Übergang in ein Bauernendspiel falsch einschätzte. So war die Stellung nicht mehr in der Remisbreite, die an den anderen Brettern kaum verlassen wurde.

An den vordersten Tischen zweimal 2-2, auf unterschiedliche Weise: vier Weißsiege bei Indien-USA, zwei Schwarzsiege und zwei Remisen bei Ukraine-China. Ukraine hatte das Match quasi bereits gewonnen, aber Ushenina vergeigte gegen Huang Qian noch ein eigentlich trotz Minusbauer unverlierbares Turmendspiel. Bei Russland-Armenien zwei Weißsiege und zwei Remisen, aber beide Weißsiege für die nominell klar unterlegenen Armenierinnen!

Tisch 21 erwähne ich auch noch: Deutschland hatte mit Griechenland eine “lösbare Aufgabe”. Elisabeth Paehtz gewann dann auch – nach zuvor Elo 1872 und 1678 besiegte sie auch 2252. Aber an den drei anderen Brettern nur ein halber Punkt für Deutschland, damit Absturz auf Platz 67. Und nun zum offenen Turnier:

Zunächst Indien-Russland, das hat David Llada fotografiert. Indien ist komplett sichtbar, die Russen verstecken sich hinter Nepomniachtchi – der statt des pausierenden Karjakin an eins spielte, damit kein Duell zweier Vize-Weltmeister und Kandidatenturnier-Sieger. Das Match endete 2-2. für beide Teams ein Dämpfer betrifft Medaillenchancen. Nur kurz die Ergebnisse an den Tischen davor: Aserbaidschan – Tschechische Republik 3-1 (Dämpfer für die zuvor sehr erfolgreichen Tschechen), Polen-Ukraine 2.5-1.5! (Duda-Ivanchuk 1-0), Israel-Deutschland 2-2, Bosnien-USA 0.5-3.5, Iran-China 1.5-2.5.

Für Deutschland konnte Fridman mit seinem Sieg gegen Nabaty, der fünfte Sieg in fünf Partien, die Niederlage von Svane gegen Sutovsky kompensieren. Die USA hatten Losglück und taten etwas für ihr (eventuell Tiebreak-relevantes) Brettpunktkonto. China konnte Geheimfavorit Iran nur an einem Brett besiegen, aber das reicht wenn man an den anderen Brettern Remis spielt.

Zu Runde 7 nur drei Spielerfotos von Lana Afandiyeva:

Jorden van Foreest konnte Fridmans Siegesserie beenden – da diese Partie und die drei anderen Remis endeten trennten sich die Niederlande und Deutschland 2-2. Das war in dieser Runde ohnehin das angesagte Ergebnis oben im offenen Turnier: auch bei Polen-Aserbaidschan, Ukraine-China und Tschechische Republik-Israel. Die USA bekamen wieder einen relativ leichten Gegner und gewannen 3-1 gegen Kroatien.

Aus dem Damenturnier nur zwei Ergebnisse: die USA verloren 1.5-2.5 gegen Armenien und mussten die Tabellenführung damit an ihre Gegnerinnen abgeben. Nicht so turnierrelevant war das 4-0 von Deutschland gegen ICCD an Tisch 39.

Zu Runde 8 zwei Fotos von David Llada:

Die Schiedsrichter hat er kollektiv fotografiert,

Baskaran Adhiban individuell.

Matchwinner beim 2.5-1.5 von Indien gegen die Tschechische Republik war allerdings Sasikiran an Brett 4. Auch sonst war diesmal 2.5-1.5 das angesagte Ergebnis. So gewann Deutschland gegen Spanien, da Fridman wieder gewann. Ebenfalls 2.5-1.5 für England gegen Israel, Frankreich gegen die Ukraine und China gegen die Niederlande. Für die Chinesen war dabei mehr drin, Ding Liren hätte gegen Giri wohl unter anderen Umständen chancenreich weitergespielt statt mannschaftsdienlich remis zu machen.

War da noch was? 2.5-1.5 auch für die USA gegen Aserbaidschan – Vorentscheidung bei der Olympiade, so hiess es jedenfalls vor und auch nach diesem Match. Polen und Armenien trennten sich runden-untypisch 2-2.

Bei den Damen dagegen weitgehend klare Ergebnisse: Ukraine-Armenien 3-1, China-Rumänien 3.5-0.5, USA-Italien 3-1, Ungarn-Indien 3-1 (das war überraschend, am Spitzenbrett die erste Niederlage für Humpy Koneru seit ihrem Comeback), Georgien 2 – Aserbaidschan 1.5-2.5 (die Ausnahme zur Regel), Georgien 1 – Kasachstan 1-3 (eingangs bereits erwähnt), Niederlande-Russland 0-4, …… Luxemburg-Deutschland 0.5-3.5 an Tisch 27. Elisabeth Paehtz gönnte Elvira Berend ein Remis – Absicht will ich ihr nicht unterstellen, zumal sie auf Gewinn stand.

Zu Runde 9 nochmals Spielerporträts von David Llada:

Im offenen Turnier war vorne wieder 2.5-1.5 angesagt. Das schaffte Polen gegen die USA, dafür gab es vier Gründe: Duda, Wojtaszek und Tomczak remisierten gegen Caruana, So und Shankland – alle drei standen zwar mal schlechter, Duda tief im Endspiel vorübergehend glatt verloren, aber es wurde jeweils Remis. Und Kacper Piorun gewann ein Schwerfigurenendspiel, später Turmendspiel gegen Hikaru Nakamura. Caruana braucht nun wohl 2/2 aus den verbleibenden Runden, um Carlsen als Nummer 1 in der Live-Weltrangliste abzulösen. Zwei amerikanische Serien rissen: Wesley So konnte nur fünf seiner sechs Weißpartien gewinnen (mit Schwarz verlor er gegen Radjabov, aber das konnten seine Kollegen überkompensieren). Und Nakamura hatte ab Runde 2 immer Remis gespielt.

Ebenfalls 2.5-1.5 für China gegen Aserbaidschan und für Armenien gegen Indien, Entscheidung da jeweils an Brett 4. Meine Prognose, dass das fünfte armenische Brett Haik Martirosyan nur sporadisch spielt, ist nicht eingetreten – und er bestätigte das ihm gegebene Vertrauen mit beachtlichen 5.5/7. Deutschland spielte gegen Frankreich nur 2-2 – so kann man es formulieren, denn da war mehr drin! Dahinter war dann 3-1 angesagt: für England gegen Norwegen, Russland gegen Italien, Kroatien gegen Österreich, die Niederlande gegen Moldawien und Israel gegen Ungarn. Jeweils zwei Siege und zwei Remisen, aber nur die Kroaten machten es nach dem Motto “mit Weiß gewinnen, mit Schwarz Remis halten”.

Bei den Damen sorgte das 3-1 von China gegen Kasachstan zusammen mit Aserbaidschan-Ukraine 2-2 dafür, dass die Chinesinnen nun alleine vorne liegen. Aus ukrainischer Sicht verpasste Iulija Osmak an Brett 4 den Sieg im Mittelspiel gegen Fataliyeva, war später allerdings mit Remis im Endspiel gut bedient. Deutschland gewann an Tisch 22 gegen Norwegen, im Damenschach keine Über-Nation. Knapp (2.5-1.5) wurde es, da Paehtz am Spitzenbrett gegen Olga Dolzhikova verlor, damit hat sie live-aktuell Elo 2491.8 – wenn man “über 2500” erwähnt hatte kann man auch das erwähnen.

Weiter geht es im offenen Turnier mit China-Polen, Armenien-USA, Russland-England, Frankreich-Kroatien, Vietnam-Deutschland, Aserbaidschan-Ukraine, Niederlande-Indien usw. . Der nächste Brocken für die Polen, und eine nominell eher leichte Aufgabe für Deutschland – wobei Vietnam inhomogen besetzt ist: vorne stark, an Brett 3 und 4 nicht so stark. Bei einem Sieg bekommt Deutschland in der letzten Runde wohl ein Spitzenteam, eventuell ist 2-2 im Lossinne kein schlechtes Ergebnis – auch dann droht allerdings in der letzten Runde (je nach Ergebnissen tags zuvor) Aserbaidschan, Ukraine oder Indien.

Bei den Damen vorne China-USA und dann zwei Derbys: Ukraine-Russland und Armenien-Aserbaidschan. Deutschland spielt an Tisch 13 gegen Usbekistan. Nominell ist das eine “lösbare” Aufgabe, aber die Usbekinnen gewannen immerhin 2.5-1.5 gegen Russland und spielten zuletzt 2-2 gegen Frankreich.

Abschlussbilanz aus internationaler und deutscher Sicht natürlich nach den letzten beiden Runden, wobei man aus deutscher Sicht schon jetzt sagen kann: gutes Turnier für die Herren, kein gutes Turnier für die Damen.

 

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