Schach kann richtig Spaß machen

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Nun darf der Text doch ruhig, eingedenk ausreichend großen Bezuges, in der Ich-Erzählform weiter gehen?!

Meine erste Begegnung mit diesem so genannten Scheveninger System – welches ich genau zu diesem Anlass erfuhr – gab es bereits im Jahre 1975. Es gab einen Besuch eines holländischen Schachvereins in Berlin, welcher sich nach passender Gegnerschaft umschaute. Nun trafen wir diese Truppe im damaligen Billard-Salon am Tauentzien, welcher außer der im Namen bereits erkennbaren Beschäftigung auch jene des Schachspielens anbot. Natürlich gab es Bretter, Figuren sowie Schachuhren – jedoch gab es die Atmosphäre dort nicht her, im Alltagsbetrieb ernsthafte Turnierpartien zu spielen. Da die Schachfreunde aus Holland stammten, angesichts der Gegebenheiten in der Lokalität jedoch Einsehen zeigten, zugleich aber – „Scheveningen“ liegt schließlich in den Niederlanden – das namensgleiche System kannten, schlugen sie kurzerhand dieses vor.

Uns Unwissenden musste dieses System nur rasch erklärt werden: eine ausgewählte Bedenkzeit, angemessen an die Anzahl der Bretter, und Jeder spielt gegen Jeden – mit der kleinen Einschränkung, dass man nicht gegen die eigenen Mannschaftskameraden zu spielen hatte. Na klar, man wollte ja noch immer eine Vergleichskampf spielen. Da die Truppe zu acht angereist war, entschieden wir uns für 15-Minuten Partien. So hatte jeder Teilnehmer acht Partien zu spielen, gegen einen jeden der gegnerischen Mannschaft. Gesamtspieldauer: vier Stunden. 8 * 15 * 2 in Minuten, sind 240 Minuten, geteilt durch 60 (Minuten pro Stunden) macht vier Stunden. Im Grunde also mit der gleichen Zeitdauer, als man gemeinhin eine Turnierpartie veranschlagt.

Bei mir stieß dieses System unmittelbar auf riesige Begeisterung. An das Ergebnis habe ich nicht die geringste Erinnerung, aber den Spaß, den es machte, sehr wohl. Das war ideal, wie ich fand.

Die Wiederholungen hielten sich in Grenzen, selbst wenn dies immer wieder von mir vorgeschlagen wurde. Dennoch gab es mal einen Jugendvergleichskampf, in etwa in dieser Zeit, wo es wohl 16 Gegner gab (für Berlin damals), insofern also 5-Minuten Blitz gespielt wurde. Auch dieses Turnier machte mir einen Riesenspaß. Eines der ersten, welches ich als aufstrebender Jugendlicher, mit 16 Jahren, sozusagen für eine Auswahl spielen durfte.

Eine weitere Wiederholung gab es mal, als wir (damals spielte ich für Zehlendorf) gegen die TSG Oberschöneweide recht schnell an allen acht Brettern Remis vereinbarten (so sehr man sich dafür zu schämen hätte; vielleicht an anderer Stelle mal das Thema „Absprachen“ aufzugreifen) und uns im Anschluss fragten, wie wir die eingesparte Zeit nun sinnvoll ausfüllen könnten? Damals fand mein Anliegen Gehör und alle waren begeistert – ob nun unmittelbar oder im Nachhinein, als sie den Modus dann wohl erstmals ausprobierten.

Hier bekommt man einen ganz guten Eindruck von der Atmosphäre am Spielort. Wobei die ersten vier Bretter in einem separaten Raum untergebracht waren, welcher dadurch — von Zuschauern überflutet — etwas eng wirkt. Vorne spielt Panagiotis Cladouras gegen Dirk Poldauf, daneben Mladen Muse gegen Karsten Volke, an 3 Raj Tischbierek gegen Dirk Paulsen und ganz hinten Grünberg – Rabiega. Offensichtlich hatte West in dieser Runde Schwarz.

Ebenfalls gibt es (zumindest gab es diesen viele Jahre in Folge) in Berlin regelmäßig den Wettkampf „Jung gegen alt“, bei welchem dann eine vorgegebenen Anzahl von Jugendlichen gegen Senioren (ursprünglich mal als Ü60 angesetzt; heute weiß ich nicht) ebenfalls in 15-Minuten Partien gegeneinander antreten. Auch dies ist hoch spannend als Ereignis, macht allen immer wieder so richtig Spaß und das Ergebnis tritt sogar in den Hintergrund. Wer würde sich da langfristig im Vorteil befinden? Natürlich hängt dies auch stark von der Auswahl auf beiden Seiten ab. Da es mehr als Spaßwettkampf aufgefasst wird, werden sich vermutlich nicht alle den Termin frei halten. Man wird gefragt, ob man dabei sein möchte und sagt, abhängig von der persönlichen Zeitverfügbarkeit, zu oder ab.

Der allerschönste Vergleichskampf dieser Bauart fand übrigens im Dezember 1989 statt. Es war nur gut einen Monat nach der Wiedervereinigung und immerhin habe ich als Berliner und Zeitzeuge ja die 28 Jahre MIT der Mauertrennung erlebt, genau wie den Fall der Mauer am 9.November, als wir sogar am Wochenende nach München mussten, um dort Bundesliga zu spielen und etwa 11 Stunden benötigten inclusive der ehemaligen Transitstrecke.

Jedenfalls gab es unmittelbar danach erste Kontakte zu den Schachfreunden aus dem Ostteil und sehr bald konnte dieser Mammutvergleichskampf ausgetragen werden. Soll ich sagen „natürlich“ im Westteil? Jedenfalls fanden sich im Goethe-Institut fast am Ernst-Reuter-Platz (Hardenbergstraße) ideale Bedingungen und ein paar Enthusiasten, welche, von beiden Seiten, alle Hebel in Bewegung setzten, um möglichst schlagkräftige, repräsentative Aufstellungen an die Bretter zu bekommen. Schließlich ging es ja auch um eine Art Leistungsprobe? In welchem Teil der Stadt war, völlig unabhängig voneinander, die höhere Schachkultur entstanden?

Nun war dieser Kampf weiterhin in absoluter Freundschaft und Friedfertigkeit ausgetragen, eher als „Wiedervereinigungskampf“ aufzufassen, und in den einzelnen Partien legte man „nur“ den ohnehin gewohnten Ehrgeiz an den Tag. Der Austragungsmodus damals – auch dieser natürlich von mir zur Nachahmung empfohlen – war übrigens dieser: es wurden jeweils vier Bretter zusammen gelegt. Also Brett 1 bis 4 spielte untereinander und zugleich gegeneinander, dann die Bretter 5 bis 8, und so weiter, so viele man beiderseits gesichert zusammen bekam und möglichst durch 4 teilbar. Diese vier Partien spielte man damals mit 30 Minuten Bedenkzeit. Auch dies ergab in der Summe vier Stunden für den gesamten Kampf.

Von links nach rechts: Panagiotis Cladouras, Robert Rabiega, Karsten Volke, Dirk Poldauf, Raj Tischbierek, Mladen Muse, Hans-Ulrich Grünberg, Dirk Paulsen

Um es ein bisschen plastischer zu machen, aber natürlich vor allem zwecks Selbstbeweihräucherung, erwähne ich hier gerne, dass sich auf Westberliner Seite die Schachfreunde Panagiotis Cladouras, Robert Rabiega, Mladen Muse und Dirk Paulsen an die Bretter 1 bis 4 begaben, während auf der Ostberliner Seite die Schachfreunde Dirk Poldauf, Hans-Ulrich Grünberg, Karsten Volke und Raj Tischbierek zum Klingen kreuzen bereit standen. Einzig mein eigenes Ergebnis ist mir übrigens in Erinnerung geblieben: Siege gegen Poldauf und Volke, Remisen gegen Tischbierek und Grünberg. Vermutlich hat sich erst an dieser Stelle meine wahrhafte Begeisterung für diesen Modus herauskristallisiert…

Im Anschluss ging es übrigens weiter zu einer gemeinsamen Mahlzeit, in welcher die ersten persönlichen Kontakte, von denen sich etliche bis heute nicht nur gehalten sondern intensiviert haben, geknüpft wurden.

Es gab auch international hier oder da mal derartige Vergleichskämpfe und ich muss sagen, dass ich das jedes Mal, einfach nur als Austragungsmodus, hochinteressant und spannend finde.

Der Vorschlag lautet also: könnte man nicht ganz eventuell mal darüber nachdenken, die traditionellen Mannschaftskämpfe durch derartige zu ersetzen? Vielleicht auch im ersten Schritt nur überhaupt derartige Wettkämpfe alternativ anbieten, als extra Meisterschaft in den einzelnen Verbänden und darauf das Feedback abwarten? Vielleicht würde es ja ähnlich einschlagen wie die seit einigen Jahren in Berlin übrigens reichlich frequentierte Feierabendliga es getan hat?

Nächste Woche ein paar weitere Gedanken zum Thema „Mannschaftskämpfe“ und bis dahin…

FM Dirk Paulsen

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