Offenes Visier gegen den Weltmeister: Alexander Donchenkos Gefecht mit Magnus Carlsen

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Um sich vor dem WM-Match im November aufzuwärmen, haben die beiden Kontrahenten ein sehr unterschiedliches Programm gewählt. Fabiano Caruana vertrat bei der Schacholympiade am ersten Brett die USA und musste sich fast durchweg mit Weltklassegroßmeistern auseinandersetzen. Magnus Carlsen ließ die Schacholympiade sausen und fuhr stattdessen zum Europacup der Vereine nach Griechenland, um (ohne Honorar!) für den norwegischen Club Valerenga zu spielen.

„Weniger Druck“ habe er dort, deswegen Europacup statt Olympia, hatte Carlsen der schachverrückten Presse seines Heimatlandes erklärt. Nun sieht es aus, als sei seine Rechnung nicht aufgegangen, denn im gleichen Atemzug erklärte er, dass er den Spitzenplatz der Weltrangliste als seine natürliche Position empfindet und diesen keinesfalls verlieren will. Aber nachdem Caruana während seiner glänzenden Olympia-Performance dem Norweger noch näher auf die Pelle gerückt ist, steht nun in Griechenland in jeder Partie Carlsens Nummer-eins-Spot zur Debatte.

Auf des Messers Schneide: Die Zuschauer hielten die Spannung kaum aus, Magnus Carlsen blieb cool, obwohl das Brett in Flammen stand. Alexander Donchenko auch. Der junge deutsche Großmeister genoss die Gelegenheit, sich mit dem besten Spieler des Planeten herumzuprügeln. (Foto: Niki Riga/ECCC2018)

Das galt auch für die Partie gegen Alexander Donchenko, der gerade auslotet, ob er gut genug werden kann, um als Schachprofi zu leben. Würde der Deutsche gewinnen, wäre Carlsen entthront. Und er wollte gewinnen! Verglichen mit Donchenkos Verlustpartie gegen Vincent Keymerdie wir unlängst beleuchtet haben, schien hier ein ganz anderer Spieler die schwarzen Steine zu führen.

Die Partie wurde ein Lehrbeispiel dafür, wie Partien gegen bessere Spieler anzugehen sind: Kampf mit offenem Visier. Wer sich hinten reinstellt und nur aushalten will, der wird irgendwann erdrückt, zumal gegen Magnus Carlsen. Darum suchte Donchenko seine Chancen und genoss die Gelegenheit, den besten Spieler des Planeten in einen zweischneidigen Kampf zu verwickeln. Am Ende war es Carlsen, der das Gefecht per Dauerschach beenden musste, weil sonst der Angriff Donchenkos durchgeschlagen wäre.

Carlsen hat jetzt den Druck, den er beim Aufwärmen für die WM eigentlich vermeiden wollte

Donchenkos Aachener haben trotzdem verloren, aber Alexander Donchenko dürfte den Tag genossen haben. Magnus Carlsen weniger. Die Mimik des Champions am Ende der Partie zeigte deutlich seine Unzufriedenheit.

Heute steht er wieder unter genau dem Druck, den er beim Aufwärmen für das WM-Match eigentlich vermeiden wollte. Mit den weißen Steinen sitzt ihm Shakh Mamedyarov gegenüber, Nummer drei der Welt, der in Folge seines nun fast zwei Jahre anhaltenden Aufwinds auch seinen Carlsen-Komplex überwunden hat.

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Magnus Carlsen gegen Alexander Donchenko (Video)

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3 thoughts on “Offenes Visier gegen den Weltmeister: Alexander Donchenkos Gefecht mit Magnus Carlsen

  1. Carlsen ist jede Runde in Shorts erschienen. Wie auch andere Teilnehmer, wobei mein Eindruck war, dass dieses erst gegen Ende zunahm, da der WM auch so erschien?! Verwarnung eventuell – Konsequenzen keine.

  2. Chess.com hat nun ein Foto des Partieformulars, tatsächlich stand da (ziemlich unleserlich) “Absolutely No / Shorts Allowed”. Carlsen und andere waren zu früheren Runden in Shorts erschienen, laut ECU dress code verboten, und wurden deshalb anscheinend verwarnt.

  3. Kommentar von der HP von Autwärts Aachen:

    Alexander bringt Weltmeister ins Schwitzen!

    Das Partieformular des Weltmeisters war wie folgt beschriftet: „White: Absolutely WG / Black: Shorty Allemand“. Der norwegische Betreuer meinte, dass diese Beschriftung doch viele Interpretationsspielräume lasse und gewiss nicht als Respektlosigkeit zu verstehen sei. Auch hier soll die Einordnung jedem Leser selbst überlassen werden. „Shorty Allemand“ Alexander Donchenko heizte Magnus Carlsen mit Schwarz dann ordentlich ein. Zwar sah seine Königsstellung nach gxf6 etwas luftig aus, zumal sich der schwarze Monarch noch in der Mitte befand und Schachs auf der Diagonale a4-e8 drohten. Doch der von Alexander aufgezogene Königsangriff ließ dem absolut Weltbesten keine Zeit zum Atemholen. Als Alexander die h-Linie mit hxg3 geöffnet hatte, musste Carlsen sich in ein Dauerschach retten, um die Partie noch zum Remis zu retten. Herzlichen Glückwunsch, Alexander, und schade, dass dies (vorläufig?) Dein letztes Turnier für Aachen ist.
    Hier der Link:
    https://djk-aufwaerts-aachen.de/news-news.html?formgenfull=1733&page=
    Alexander hat ihm die korrekte Antwort zur Beschriftung auf dem Brett gegeben!

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