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Ihr Spitzenbrett hat es hinterher auf Twitter so formuliert: “Congrats to my home town team, Bronze Horseman (@N_Vitiugov, V. Fedoseev, M. Matlakov, @Maxrodmax, K. Alekseenko, A. Goganov) for winning their 2nd ECC, despite giving the field a one board handicap.” Maxrodmax ist Maxim Rodshtein, der für Israel spielt aber gebürtiger St. Petersburger ist. Seinen eigenen Namen erwähnt Peter Svidler nicht, als einziger von sieben erzielte er weniger als 50% – Details später.

Alternativ war als Titel auch denkbar “Valerenga hatte nur sechs Runden Dusel”, aber es wurden eben sieben gespielt – und zum Schluss trafen sie auf St. Petersburg bzw. Mednyi Vsadnik (Goldener Reiter). Team Carlsen stand in der Berichterstattung anderswo Tag für Tag, Runde für Runde generell im Mittelpunkt. Aber ich berichte nun Team für Team und der Reihe nach – nicht alle 61 aber die ersten sechs und dann noch zusammenfassend kurz und knapp aus deutscher Sicht.

Alle Fotos von Nikki Riga, Quelle Turnierseite, eingangs zeige ich alle oder jedenfalls viele Teilnehmer.

Das ist der Endstand vorne mit in Klammern Tiebreaks: Mednyi Vsadnik 12-2 (229.5), AVE Novy Bor 12 (217.5), Molodezhka 11 (231), Obiettivo Risarcimento Padova 11 (228), Valerenga 11 (219.5), Alkaloid 11 (219), usw.  . Von den favorisierten Teams fehlt noch Odlar Yurdu, das an drei gesetzt mit 9-5 Mannschaftspunkten und immerhin klar bester Wertung von acht punktgleichen Teams Platz 9 belegte – sie sind wohl ebenso unzufrieden wie das an eins gesetzte “mazedonische” Team Alkaloid. Tiebreak ist der berühmt-berüchtigte Olympiad Sonneborn-Berger, grob gesagt: wieviel Brettpunkte erzielte man gegen welche Gegner? Mitunter war es extrem knapp, welche Ergebnisse ausschlaggebend waren, dass Mednyi Vsadnik vor Novy Bor (Tschechische Republik plus Nachbarländer plus Indien) landete, untersuche ich mal nicht. Einen halben Brettpunkt mehr hatte das Team aus St. Petersburg.

Mednyi Vsadnik verlor gegen Alkaloid 2.5-3.5 und gewann alle anderen Matches, auch zum Schluss gegen Valerenga. Das waren ihre beiden starken Gegner. Sieben Runden Schweizer System ist zu wenig für Duells aller Favoriten gegeneinander, damit ist das Ergebnis (auch unabhängig von Tiebreaks) etwas Lotterie.

An diesem Herrn lag es eher nicht – Name bei der Redaktion bekannt, beim Publikum vermutlich auch. In der ersten Runde setzte Peter Svidler aus, gegen die Pseudo-Russen von Blackthorne Russia (englische IM/FM-Truppe) wurde er nicht gebraucht. Danach hatte er Aussetzer am Brett und verlor viermal in Serie, davon dreimal mit Weiß – zweimal aus Gewinnstellung heraus – sowie mit Schwarz gegen Ding Liren. Nur letzteres war turnierrelevant, sonst konnten seine Teamkollegen es jeweils überkompensieren. Ab Runde 6 wurde es besser: Sieg in einem objektiv lange remisen Turmendspiel gegen den Schweden Blomqvist, und zum Schluss ein Remis gegen den Norweger Carlsen. Das waren dann 1,5 Punkte aus 6 Partien, besser machten es hinter ihm Vitiugov (5/6), Fedoseev (6/7) und Matlakov (5/6). Sie gewannen damit jeweils acht bis neun Elopunkte, Svidler verlor 22 und ist gerade noch in der top20 vertreten, der Rest der Truppe etwa Elo-neutrale Ergebnisse.

Zu AVE Novy Bor zeige ich David Navara, weil er nun einmal fotogen ist:

Er bekam Brett 3 hinter Wojtaszek und Harikrishna. Individuell verlor Harikrishna (3/6) 9,5 Elopunkte, die anderen Spieler alle etwa Elo-neutral (dahinter noch Vidit, Sasikiran, Ragger, Laznicka und in den ersten beiden Runden spielte auch Mateusz Bartel).

Kollektiv spielten sie zweimal unentschieden und gewannen die fünf anderen Matches. Beim 3-3 gegen Valerenga und Obiettivo Risarcimento jeweils zwei Niederlagen und zwei Siege, damit wohl keine Absicht oder Schieberei. Dritter starker Gegner war in der Schlussrunde Odlar Yurdu, da zwei Siege und null Niederlagen also 4-2. Gefühlt hatte Novy Bor stärkere Gegner als Mednyi Vsadnik, das dennoch die Tiebreak-Nase vorn hatte.

Molodezhka, wer oder was ist das denn? Das ist offenbar russisch für Putins Potkins Kindergarten, außer ihm nur junge Spieler – wenn auch alt genug, dass sie Bart haben oder sich rasieren müssen. Sie verloren hoch und dumm gegen Valerenga, remisierten gegen die halbitalienische Truppe von Obiettivo und gewannen den Rest – oft hoch, daher bester Tiebreak von vier Teams mit 11-3 Mannschaftspunkten. Individuell waren Spitzenbrett Potkin und Brett 5 Antipov Elo-neutral, der Rest (Paravyan, Chigaev, Yuffa sowie die IMs Lomasov und Golubov) alle positiv.

Fotos gibt es erst wieder zu Valerenga. Obiettivo Risarcimento – vier Siege gegen nominell unterlegene Teams, der vierte nur knapp, und dann dreimal 3-3 gegen Alkaloid, Novy Bor und Molodezhda. Die Ausländer (Wang Hao, Leko, Vallejo und Granda Zuniga) alle etwa Elo-neutral, von den Italienern glänzte dagegen Vocaturo mit 5/5 (Siege auch gegen die nominell besseren Eljanov und Sasikiran). Dvirnyy begann mit 3/3 und wurde danach nicht mehr eingesetzt, seine Siege gegen zwei titellose Spieler und einen FM.

Valerenga mit demonstrativem Teamgeist:

Den hatten andere wohl auch – jedenfalls Mednyi Vsadnik und Novy Bor spielen seit Jahren in nahezu derselben Aufstellung, Valerenga wurde dieses Jahr neu zusammengestellt. Aber andere Teams zeigten es vielleicht nicht so fotografinnenfreundlich, oder sie wurden nicht fotografiert. Dass Valerenga auch fotografisch im Mittelpunkt stand, lag wohl an dem Herrn links, ein gewisser Magnus Carlsen (daneben hier Howell und Grandelius). Angeblich spielte Carlsen – trotz finanzieller Angebote anderer Vereine – gratis für das Team aus einem Osloer Stadtviertel. Kann sein, muss nicht sein, bei ihm ist ja vieles Inszenierung.

Vorher gab er seinen Teamkollegen zwei wertvolle Tips, zum einen “Keine Fehler machen!”, zum anderen “Dein Gegner wird schon einen Fehler machen”. Und lange lief es in diesem Sinne nach Wunsch. Beim 4,5-1,5 gegen Molodezhka verlor Potkin am Spitzenbrett in ausgeglichen-vereinfachter Stellung völlig den Faden, die Carlsen-freundliche Version: Magnus betrieb seine übliche Magie – es blieb dann sein einziger Sieg im Turnier, im weiteren Verlauf hypnotisierte er vor allem Gegner seiner Teamkollegen. Daniil Yuffa mache es gegen Predojevic so wie zuvor mal Hou Yifan gegen Carlsen (später auch gegen Giri): als Damenendspiel war die Stellung remis, aber er tauschte unnötigerweise die Damen und das Bauernendspiel war verloren. Antipovs Beitrag war ein simpler Bauerneinsteller.

Nächste Runde gegen Novy Bor: David Navara ist ein lieber Kerl, also verdaddelte er gegen Grandelius eine Qualität. Aus norwegischer Sicht machte Howell den Carlsen und gewann ein lange ausgeglichenes Endspiel – da war nicht so offensichtlich, wann Harikrishna den entscheidenden Fehler machte. Haris Landsmann Vidit und Navaras Landsmann Laznicka sorgten dafür, dass das Match insgesamt unentschieden endete.

In der nächsten Runde ein standesgemässes 5-1 gegen DKJ Aufwärts Aachen. Die Partie Carlsen-Donchenko 1/2 am Spitzenbrett wurde bereits besprochen. Donchenko lieferte dem Weltmeister einen offenen Kampf und wurde mit einem halben Punkt belohnt. Carlsen hatte dabei durchaus Siegchancen, aber dafür hätte er rechnen und eventuell etwas riskieren müssen – nicht so sein Ding. Interessant zum Vergleich vielleicht, was der “Remisschieber” Giri 2017 mit Donchenko anstellte. Das war allerdings ein individuelles Turnier, in einem Mannschaftskampf konnte Carlsen davon ausgehen, dass einige der anderen Bretter gewinnen würden.

Dann ein 3,5-2,5 gegen Odlar Yurdu. Mamedyarov-Carlsen am Spitzenbrett wurde recht geräuschlos remis, auch in vier der fünf anderen Partien war eher wenig los. Aber Guseinov machte gegen Predojevic den Navara und verdaddelte eine Qualität. Die gab Predojevic dann zurück, das Endspiel war danach für ihn vorteilhaft aber nicht unbedingt zwingend gewonnen – dann machte Predojevic den Carlsen bzw. Guseinov machte den Carlsen-Gegner.

Tags darauf bekam Carlsen beim 3,5-2,5 gegen Alkaloid mit Ding Liren den nächsten 2800er, dieses Match stand unter etwas anderen Vorzeichen. Andreikins Skandinavier gegen Grandelius war fast von Anfang an verdächtig, matchentscheidend war, dass Carlsen(!) und Howell Verluststellungen irgendwie überlebten. Später in dieser Partie:

Ding Liren grübelt, wie er den Sack zumachen soll

Carlsen nicht gut gelaunt, sondern Carlsen-typisch missmutig. 23.g4?!, was war das denn von ihm? Er ist doch nicht Levon Aronian oder ein ähnlich kreativer Spieler, seine Spezialität ist eher pragmatisch-opportunistisches Warteschach. Versucht hat er es diesmal mit Kreativität, aber objektiv war es schlicht und ergreifend schlecht.

Dann die Schlussphase des Matches: Grandelius-Andreikin dauerte 88 Züge, Yu Yangyi – Howell deren 93.

Carlsen kibitizt, wie viele andere auch.

Carlsen gratuliert Grandelius demonstrativ und kamerafreundlich. Derlei Szenen wurden als “großartiger Teamgeist” bezeichnet, aus meiner Sicht: auch in Amateur-Mannschaftskämpfen ist es üblich, bis zum Schluss zu bleiben. Vor einigen Wochen war ich in Grandelius’ Situation: ich spielte als Letzter noch, gewann und dadurch wurde es 4-4 (ich wusste nicht, wie es zuvor stand!). Auch da die Schlussphase umringt von Kibitzen und anschliessend Komplimente/Gratulationen – vielleicht nicht so extrovertiert wie auf diesem Foto, bei unserem Wettkampf gab es ja auch keine Kameras.

Eigentlich müsste ich Matches der anderen Teams auch ausführlicher besprechen, aber das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. In Runde 7 war dann das Glück von Valerenga vorbei – 2-4 gegen Mednyi Vsadnik, ausgerechnet die Matchwinner an den Tagen zuvor verloren. Predojevic hat gegen Rodshtein einfach so eine Figur eingestellt, die letzten Züge: 24.Se1 (Springer am Rand brachte Kummer und Schand – für den Gegner. Heimlich still und leise deckte er die weisse Dame auf c2, dadurch war der Lc3 nicht mehr gefesselt) 24.-Se4?? 25.Lxb4 1-0. Carlsen hatte seinen Mannschaftskollegen doch “keine Fehler machen!!!!” gesagt …. . Grandelius verlor gegen Fedoseev im damenlosen Mittelspiel die Geduld und wollte sich aus leicht beengter Stellung mit 31.-c5? befreien, der Schuss ging nach hinten los.

Grund zur Freude hatte Norwegen dennoch: Tarjei Svensen erwähnte Twitter-jubelnd, dass Carlsen nach Remis gegen Svidler weiterhin Nummer 1 der Weltrangliste ist. Drei Punkte Vorsprung hat er noch auf Caruana, wenn beim WM-Match eine Entscheidung mit klassischer Bedenkzeit fällt ist der neue/alte Weltmeister gleichzeitig auch die neue/alte Nummer eins der Weltrangliste.

War da noch was? Die deutschen Teams landeten alle etwa da, wo sie laut Setzliste hingehörten. Perfekt machte es Solingen – an 14 gesetzt Platz 14. Die Schachfreunde Berlin waren auf dem Papier 12. und am Ende 15., für DJK Aufwärts Aachen vorher Platz 16 und nun Platz 17. Werder Bremen landete dagegen an 10 gesetzt auf Platz 19, da sie als einziges deutsches Team in der letzten Runde nicht gewannen sondern 3-3 spielten. Zuvor gab es für alle mal gute und mal nicht so gute Ergebnisse gegen etwa gleichwertige bis nominell unterlegene Teams. Gegen Spitzenteams gab es diese Ergebnisse: Solingen – Fehlanzeige. Obiettivo-SF Berlin 5-1, SF Berlin-Molodezhda 0.5-5.5. Valerenga-DJK Aufwärts Aachen 5-1. Alkaloid-Werder Bremen 5-1. Sinn der Sache beim Europacup ist, möglichst auch mal gegen derlei Teams zu spielen, Niederlagen sind (auch in dieser Höhe) wohl einkalkuliert.

Es gab auch zwei deutsch-deutsche Duelle: Werder Bremen besiegte Solingen 3,5-2,5 dank Siegen an den beiden letzten Brettern tief in der Turmendspiel-Tablebasezone, diese Niederlagen waren aus Solinger Sicht “unnötig” (und bei 3,5-2,5 statt 2,5-3,5 hätten sie in der nächsten Runde vielleicht Alkaloid bekommen). Werder Bremen-SF Berlin 3-3 bei vier Schwarzsiegen und zwei Remisen (Baldauf konnte gegen Markgraf eine Gewinnstellung mit Schwarz nicht gewinnen, sonst hätte Berlin einen Mannschaftspunkt mehr bekommen und Bremen einen weniger).

War da noch was? Zum Damenturnier nur der Endstand: Es gewann Cercle d’Echecs de Monte Carlo (vorne Anna Muzychuk und Cramling) vor Nona (Team Georgien), Ugra (Ushenina, Pogonina, Girya, …) und etwas überraschend das nur an 7 gesetzte SSHOR. Da keine Tiebreak-Diskussionen, da zunächst in zwei Gruppen gespielt wurde und dann zwei Runden im KO-Format, Ugra und SSHOR mussten nach vier Remisen mit klassischer Bedenkzeit blitzen. Laut Setzliste “gehörte” Platz 3 dem halb-italienischen Team Caissa Italia Pentole Agnelli (vorne Gunina und Paehtz), aber sie belegten Platz 7. Elisabeth Paehtz mit 4/6 etwa im Rahmen der Elo-Erwartung, Valentina Gunina mit 1,5/6 dagegen nicht. Für Mulhouse Philidor erzielte Josefine Heinemann am Spitzenbrett 3/7, auch das war etwa Elo-neutral.

Wie geht es weiter? Schon ab Samstag auf der Isle of Man und in Hoogeveen, aber dazu ein separater Vorbericht.

 

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