Der Spaziergang des Jaime Santos und Neues aus der Eröffnungsküche

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Von IM Marco Baldauf

Gab es nach vier Runden noch vier Spieler mit weißer Weste, so sind es nun nurmehr zwei. Die beiden bisher am eindrücklichst aufspielenden Großmeister, Jaime Santos und Robert Hovhannisyan gewinnen beide und treffen morgen aufeinander, eine Partie die vielleicht bereits vorentscheidenden Charakter trägt. Der Spanier Santos überspielt Sanal Vahap als wäre das Ganze ein Kinderspiel. Während der Partie sitzt er kaum am Brett, in äußerst unübersichtlicher Stellung blitzt er Zug um Zug raus. Ob der Junge während seinen Spaziergängen nachdenkt oder einfach eine unfassbar gute Intuition hat – ich weiß es nicht, die Resultate sind jedenfalls beeindruckend!

Beispielhaft, die Stellung im Mittelspiel nach 32.Tae1. Eine strategisch hochgradig komplexe Position. Sanal hat eben die Qualität für einen Freibauern auf der b-Linie geopfert, zudem hat er gute Kontrolle über die schwarzen Felder. Nach 32…Tb8 kommt der Bauer ins Rollen. Es gibt viel zu rechnen und einzuschätzen, jeder Normalsterbliche würde jede Minute Bedenkzeit bis aufs letzte
auskosten. Santos – wie gesagt, ich bin zutiefst beeindruckt – blitzt 33.f4 raus und überlegt in den folgenden 12 Zügen der Partie nur an einer Stelle länger als zwei Minuten. Am Ende der Partie hat er nach dem Zuschlag am 40 Zug 1 Stunde und 24 Minuten auf der Uhr.

 

Nachdem in den bisherigen Berichten das Augenmerk doch eher auf Endspielen, Mattangriffen und Taktik lag, wollen wir uns nun mal den Anfangszügen der Partie zuwenden. In den ersten fünf
Runden wurde an den Live-Brettern (1-60) zumeist mit 1.e4 eröffnet, gefolgt von 1.d4. Noch gar nicht gespielt wurden bisher die Bird-Eröffnung (1.f4) oder das Larsen-System (1.b3) – Leute, habt den Mut, aus dem engen Korsett der Eröffnungstheorie auch mal auszubrechen!

Wie zu sehen ist, hat 1.Sf3 mit 60.8% die beste Erfolgsquote. Kein Wunder, Figuren zu entwickeln ist ja bekanntlich keine schlechte Idee. Besondere Erwähnung verdient natürlich 1.a3, gespielt in
der 3. Runde von Großmeister Leon Mons. Als wir uns vor der Runde zu Mittag trafen, meinte Leon wörtlich, er „spiele mit dem Gedanken, heute mit 1.a3 zu eröffnen“. Arik Braun war sofort
hellauf begeistert und referierte auf seine eigene Erfahrung mit diesem Zug, welchen er vor 13 Jahren am Tegernsee aufs Brett brachte. Ariks Experiment war von großem Erfolg gekrönt, ein Sieg
in zehn Zügen und das gegen einen Spieler mit über 2300 Elo. Das ermutigte Leon, auch wenn bei ihm der Erfolg leider ausblieb. An der Eröffnung lag es jedenfalls nicht.

Leon Mons – unser 1.a3-Held!

Auf 1.e4 ist die mit Abstand häufigste Antwort übrigens Sizilianisch (64 Partien), gefolgt von 1...e5 (28 Partien). Caro-Kann und Französisch werden noch weniger entgegnet, Spielerinnen und Spieler am Tegernsee scheinen Raumnachteil zu meiden. Die kurioseste Entgegnung auf den Schritt des Königsbauern bescherte uns mit dem Nimzowitsch-System 1...Sc6 Nato Imnadze. Kein schlechter Zug und bekanntlich das Steckenpferd des Ungars Richard Rapport, der mithin zu den kreativsten Spielern der Weltspitze zählen mag.

Waren Arik Brauns Eröffnugnswahlen bereits vor 13 Jahren experimentell bis unseriös, so toppte er dies in der heutigen 5. Runde mit einem System, das in Berliner Blitzrunden einen Namen trägt, den ich hier lieber nicht ausschreibe – es könnten unter den Leserinnen und Lesern ja auch Kinder sein. Nennen wir sie doch lieber mal nach jenem Großmeister, der sie mit Abstand am öftesten anwendet, Wladimir Malakhow. Gemeint ist damit die Zugfolge 1...g6 2...Lg7 3...e6 4...Se7 5...d5 gegen eigentlich jegliche Eröffnungswahl des Weißen. Ariks heutiger Gegner, Dr. Matthias Fahland, hatte sich mit dem großen Bauernzentrum e4-d4-c4 dagegen aufgebaut, nicht ahnend, dass die Malakhow-Variante gerade dagegen besonders wirkungsvoll ist. „Wirkungsvoll“ sei ein „starkes Wort“, wirft Arik übrigens an dieser Stelle ein.

Die Malakhow-Variante in ihrer Grundstellung

Verfechter der Malakhow-Variante, GM Arik Braun, mit bisher mäßigem Turnier. An den Eröffnungen lag es allerdings nicht.

Die faszinierendste Eröffnungsphase durfte ich am Nebenbrett sitzend in der 1. Runde gar live mitverfolgen. Der skandinavischer Walzer der Damen zwischen Fabian Thiel und Israel Caspi endete mit folgender Stellung.

Ein unübliche Stellung, doch die Dramatik dieser Eröffnung wird erst ersichtlich, wenn man bedenkt, dass der letzte Zug des Weißen, Dg3, bereits der 9. der Partie war. Ok, der schwarze dBauer
mag ein bis zwei Mal gezogen haben, dazu ...Sc6 und ...Ld7, aber wo bleiben die anderen vier bis fünf Züge? Dieselbe Überlegung gilt übrigens wenn man sich die Stellung des Weißen ansieht. Man mag kaum glauben, dass die schwarze Dame bereits auf d5, e6, und d6 gestanden hat bevor sie wieder auf ihr Ausgangsfeld zurück ist. Die weiße Dame fand nach g3 den Umweg über f3, e2 und d3.
Wer das Rätsel um die Zugfolgen lösen möchte, ist herzlich dazu eingeladen, die ersten 9 Züge selbst herauszufinden. Für alle anderen ist der Skandinavische Walzer der Damen hier nochmal in
voller Länge zu sehen.

1.e4 – d5 2.Sc3 – dxe4 3.Sxe4 – Dd5 4.Df3 – Sc6 5.Sc3 – De6+ 6.De2 – Dd6 7.Sb5 – Dd8 8.Dd3 – Ld7 9.Dg3

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