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Zwei Partien sind bei der Damen-WM im sibirischen Khanty-Mansiysk gespielt, und das Feld von ursprünglich 64 Spielerinnen ist derzeit fast genau dreigeteilt: 21 haben die nächste Runde erreicht, 21 sind ausgeschieden und 22 spielen morgen Schnell- und eventuell Blitzschach. In einigen Fällen waren beide Spielerinnen damit in der zweiten Partie mit klassischer Bedenkzeit schnell einverstanden.

“Favoritinnen”, die bereits ausgeschieden sind, bezieht sich jedenfalls auf ihr Match in der ersten Runde. Darunter auch Elisabeth Paehtz gegen die nominell gut 250 Elopunkte schlechtere Iranerin Mobina Alinasab, Ursachenforschung bzw. Zusammenfassung der beiden Partien später, vorab soviel: Paehtz hat in beiden Partien alles gegeben, allerdings ihre Chancen nicht genutzt – im Gegensatz zur Gegnerin. Vom Verlauf der Partien her insgesamt kann man das Ausscheiden dabei als sang- und klanglos bezeichnen. Wer außerdem bereits ausgeschieden ist und damit eher nicht gerechnet hatte, kommt zum Ende des Beitrags – zwischendurch auch ein kurzer Exkurs zu anderen Turnieren.

Fotos stammen von der Turnierseite. Da das Herunterladen etwas mühsam ist (die Seite hängt sich immer wieder auf) nur eine relativ kleine Auswahl. Ich beginne mit Tag null (Eröffnungsfeier) und springe später nochmal zu Tag minus eins (Ankunft der Spielerinnen).

Der neugewählte FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich hatte etwas, das allgemein als gute Nachricht bezeichnet wurde: dies ist wohl die letzte WM im KO-Format mit vielen, ab demnächst gibt es bei den Damen einen mit den Männern vergleichbaren Zyklus mit Kandidatenturnier nebst WM-Match. Da soll auch mehr Geld fliessen, allerdings wohl an weniger Spielerinnen.

Drei der vier Halbfinalistinnen dieses Turniers sind dann bereits für dieses Kandidatenturnier qualifiziert, nur die Siegerin des Finales nicht – sie wird ja noch später in den nächsten Zyklus eingreifen. Die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun wird, egal wie sie abschneidet (es sei denn sie gewinnt auch im KO-Format) auch am Kandidatenturnier teilnehmen. Die restlichen Plätze im Kandidatenturnier werden dann anscheinend nach Elo vergeben, jedenfalls hat Colin McGourty das laut Kommentar auf chess24 “irgendwo” gelesen. Demnach wird die Grand Prix Serie der Damen wohl abgeschafft, eventuell (derzeit seine Spekulation) auch bei den Herren.

Dann gab es, wie bei Eröffnungsfeiern üblich, Musik, neben Gitarre auch andere Instrumente und Gesang.

Tags darauf wurde es ernst, ich konzentriere mich im Bericht auf zwei Partien: Paehtz-Alinasab 0-1! sowie Alinasab-Paehtz 1-0 1/2 – das nicht durchgestrichene Ergebnis reichte Weiß ja, um die nächste Runde zu erreichen. Dabei begann es jeweils, an Tag zwei zumindest in der gegebenen Matchsituation, nach Wunsch für die deutsche Spielerin. Die Eröffnung in der ersten Partie war leicht ungewöhnlich: 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 dxc4 4.Da4+!? (4.e3 ist viel häufiger, aber u.a. Mamedyarov, Radjabov und zweimal Ivanchuk holten sich den Damengambit-Bauern auch so mit der Dame zurück). Paehtz erhielt bequemen Raumvorteil und nach 24.d5 h6 25.Sd4 exd5 26.cxd5 Txd5 wurde es konkret – Engines geben Weiß mehr als ausreichende Kompensation für den Bauern.

27.e6! war hier der enginebeste Zug. Man ahnt, dass es dem schwarzen König an den Kragen gehen könnte, da auch der Lb2 eingreifen wird und der schwarze Damenflügel momentan schläft (sie hatte 4.-Sc6 und 21.-Sb8 gespielt) – Enginevarianten gehen dabei eher in die Richtung “Bauern mit Zinsen zurückgewinnen”, aus einem Minus- würde ein Mehrbauer. Das mit 27.Dxc7 sofort anstreben war auch nicht falsch sondern vorteilhaft.

Es kam allerdings 27.Db3 Tc5 (27.-Txe5) 28.Sf5 (28.e6!) 28.-Lf8. Und nun ist für Engines die Zeit gekommen, Remis zu forcieren – mit 29.Sxh6+ gxh6 30.Dg3+ Kh7 31.Dd3+ Kg8 32.Dg3+ oder auch 29.Dg3 Kh7 30.Dd3+ Kh8 31.Dg3 (wenn Schwarz abweicht, steht Weiß wieder besser). Nach 29.a4? Sc6 konnte Schwarz sich entknoten, und nun war die Frage, ob sie den Mehrbauern verwerten kann. 30.f4? De6! erzwang auch noch Damentausch. Engines glaubten gar nicht mehr an die weisse Stellung, aber Paehtz wehrte sich so gut sie konnte, Alinasab fand nicht durchgehend die besten Züge und im Turmendspiel hatte Weiß wieder Remischancen.

Ab hier (zuletzt 50.Txh6) wissen 7-Men-Tablebases auf meinem Handy Bescheid – Remis! Das auch noch nach 50.-Te6 51.Th7 b5, wenn Weiß nun 52.Th8 oder 52.Th5+ spielt – nach 52.Tb7? war es erstmals einen halben Zug lang nicht mehr Remis. Derlei Feinheiten wären etwas für Karsten Müller, aber bisher hat sich auf Chessbase nur Klaus Besenthal gemeldet – der hat offenbar kein Handy oder jedenfalls keine Lomonosov Tablebase installiert. 52.-Ke5 und einige andere Züge waren für Schwarz richtig, 52.-Kg6? war dagegen wieder Remis – die falsche Richtung, der schwarze König muss zum Damenflügel, um seine Bauern zu unterstützen. Dann der letzte kritische Moment:

Zuletzt 55.Th8+ Th6 – Weiß am Zug, was tun? Natürlich kein Turmtausch und auch kein Turmeinsteller, also ein Turmzug auf der achten Reihe. Paehtz spielte zu schwungvoll 56.Tb8 – 56.Tc8/d8/e8 oder auch nach g8 war immer noch bzw. wieder Remis. Nach 56.-Kxh4 geht der weiße Turm dann auf die erste oder auch zweite/dritte Reihe, Schwarz kann zwar mit 57.-Tf6+ Schlimmeres (Matt oder Turmverlust) verhindern aber diese Version von Turm gegen Turm und zwei Bauern ist anscheinend Remis. Es wäre vermutlich auch für Karsten Müller noch einige (Schreib-)Arbeit um zu erklären, warum genau.

Wann Turm und zwei Bauern gegen Turm doch nur Remis ist, können auch starke Spieler nicht immer beurteilen. Ein Beispiel war auch Sprenger-Matlakov 1/2 0-1 vom Europacup 2015, der Weißspieler (damals IM in Diensten von LSG Leiden) hatte tief im Endspiel plötzlich wieder Remischancen. Nach 56.Tb8 Kxh4 kann der weisse Turm nicht eingreifen, nun sind es sechs Klötze und damit wissen auch diese Tablebase und KG Besenthal Bescheid – Schwarz gewinnt. Der schwarze König ging langsam aber sicher zum Damenflügel, ganz am Ende versuchte Paehtz noch Patt-Tricks aber darauf fiel die Gegnerin nicht herein. 81.Tc8?!?, was nach 81.-Txc8 kein Patt ist, hat das Ende dann nur beschleunigt.

Alinasab im anschliessenden Interview – die Übersetzerin links wurde nicht unbedingt gebraucht, sie kann durchaus Englisch. Zur Partie meinte sie “es war schwer (tough), ich habe gewonnen, ich bin glücklich”.

Tags darauf musste Paehtz also mit Schwarz gewinnen. Ich rechnete mit z.B. Pirc, es wurde Najdorf-Sizilianisch – auch nicht schlecht, wobei es eventuell zwei Probleme gibt: Weiß kann mit 3.Lb5+ oder auch z.B. 6.g3 den Ball flach halten, oder man/frau landet eventuell in einer forcierten Remisvariante. Letzteres wäre Keymer in der letzten Runde auf der Isle of Man gegen Sutovsky wohl Recht gewesen, er brauchte für die dritte GM-Norm ja noch einen halben Punkt, den er dann nicht bekam.

Alinasab erlaubte einen offenen Schlagabtausch abseits etablierter Theorie, das ist – je nachdem wie die Partie dann ausgeht – riskant/übermütig oder auch mutig und richtig, es wurde Letzteres. Wobei Paehtz zumächst jedenfalls das bekam, was sie brauchte – eine zweischneidige Stellung mit beiderseitigen Chancen. Schwarz stand laut Engines zunächst etwas besser, dann nicht mehr, dann wieder. Beide spielten dann im 23. Zug den falschen mit dem König: 23.Kf1 und Weiß steht offenbar besser, nach 23.Kd1 steht stattdessen Schwarz besser, aber nur nach statt 23.-Kd7 (Partiezug) doch noch kurzer Rochade. Das müsste man sich näher anschauen. Schwarz steckte eine Qualität ins Geschäft, Weiß konnte sich konsolidieren und stand laut Engines dann glatt gewonnen (+7). Aber sie erlaubte ein unbalanciertes und dabei objektiv ausgeglichenes Endspiel, in dem Schwarz zwei verbundene Freibauern für die Qualität hatte. Das gab es ähnlich bei Sutovsky-Keymer, wobei Weiß das dann doch gewann. Hier wurde es Remis, ab dem 57. Zug akzeptierte Paehtz eine Zugwiederholung und war demnach ausgeschieden.

Irgendwie ist Elisabeth Paehtz bei KO-Weltmeisterschaften nie besonders erfolgreich, am besten lief es zu Beginn als Teenagerin: 2001 und 2004 erreichte sie jeweils die dritte Runde und hatte zuvor nominell überlegene Chinesinnen eliminiert. 2006 war dagegen bereits in der ersten Runde Schluss, danach zählte sie zum erweiterten Favoritenkreis (erste 20 der Setzliste) und schied meistens in der zweiten Runde aus. Zwei Ausnahmen waren 2015 (auch bereits in der ersten Runde) und zuvor 2012 (nicht qualifiziert). Dabei sein ist wohl nicht alles, das schaffte sie immerhin neun von zehn Mal.

Wer ist Mobina Alinasab? Eine 18-jährige Iranerin, viel mehr konnte ich nicht über sie herausfinden. Zuletzt hatte sie ein gutes Ergebnis bei der Olympiade (8/11, allerdings gegen teils nicht allzu starke Gegnerinnen, drei mit Elo unter 2000), davor ein schlechtes bei der Juniorinnen-WM (5/11, ebenfalls nicht allzu starke Gegnerinnen), davor spielte sie vor allem im Iran bzw. Nachbarländern – Türkei und Abu Dhabi.

Exkurs: Chess24 erwähnte auf Twitter, dass Iraner auch anderswo erfolgreich waren: Jungtalent Alireza Firouzja teilte bei der Offenen Bayrischen Meisterschaft nach Schlussrundensieg gegen den lange führenden Hovhannisyan Platz eins mit dem Letten Igor Kovalenko und dem Ungarn Gabor Papp. Etwas rätselhaft, warum Papp sich gegen Nisipeanu in Engine-Gewinnstellung mit Remis begnügte, sonst wäre er alleiniger Turniersieger. Es war der 37. Zug, beide hatten noch gut 3 Minuten bis zur Zeitkontrolle im 40. Zug (nicht viel, aber auch nicht wenig). Dreifache Stellungswiederholung aus Versehen war es jedenfalls nicht – letzter Zug 37.b4, und nach Bauernzügen gibt es nie eine dreifache (oder auch zweifache) Stellungswiederholung. Und Pouya Idani gewann das recht stark, dabei ziemlich russisch besetzte Chigorin Memorial alleine mit 8/9, Junioren-WM-Dominator Maghsoodloo in der grossen Gruppe mit 7/9.

Zurück nach Khanty-Mansiysk, und nun erst zu Favoritinnen, die sich locker durchsetzen konnten – bei noch höherer eigener Elo als Paehtz hatten sie auch recht eloschwache Gegnerinnen:

Ju Wenjun, amtierende Weltmeisterin und Nummer 1 der Setzliste, konnte die Australierin WFM Hardegen (Elo 1832) 2-0 besiegen. In Runde 2 wartet bereits eine schwerere Aufgabe – die Stichkampfsiegerin im Match Krush-Gaponenko.

Humpy Koneru brauchte, da sie zum Quali-Zeitpunkt noch als inaktiv galt (danach spielte sie bei der Olympiade) eine Presidential Wildcard um mitzuspielen. Ebenfalls 2-0 gegen WIM Hayat aus Algerien (Elo 1870).

Auf diesem Turniersaal-Foto vorne Anna Muzychuk, ebenfalls 2-0 gegen WIM Hamid aus Bangladesh (Elo 1935). Das schaffte auch Kosteniuk gegen WIM Vazquez aus Puerto Rico (Elo 2065, immerhin). Und nun zu Spielerinnen, mit denen sich Elisabeth Paehtz eventuell auf dem Rückflug unterhalten kann:

Bei Ankunft hatte Olga Girya noch ihr übliches Lächeln, das sollte ihr vielleicht vergehen.

Nicht wegen dem winterlichen Wetter in Khanty-Mansiysk – das kennt sie, da sie jedenfalls ursprünglich aus dieser Region stammt, sondern

durch das Match gegen die nominell 129 Punkte schwächere Chinesin Zhai Mo, die anfangs etwas Hilfe bekam. Die erste Partie wogte hin und her – bei entgegengesetzten Rochaden hatte erst Schwarz Engine-Oberwasser, dann jedoch Weiß. In der zweiten Partie stand Girya mit Weiß eher schlechter als besser, und erlaubte am Ende (unter Siegzwang?) ein ebenso hübsches wie sofort vernichtendes gegnerisches taktisches Motiv – China-Russland 2-0.

Ebenfalls bereits ausgeschieden ist die zuvor auf der Isle of Man sehr erfolgreiche Alina Kashlinskaya, dabei lief die erste Partie scheinbar nach Wunsch: gegen Russisch entkorkte die Usbekin WGM Tokhirjonova 5.Sc3 (soweit modisch) und dann 8.Lc4 – selten, kein tolles Feld für den Läufer. Die hochkarätigsten Vorgänger sind Carlsen-Caruana 1/2, Sinquefield Cup 2018 (Carlsen darf alles) und Gunina-Kashlinskaya 0-1, russische Meisterschaft 2018. Da erntete Kashlinskaya am Königsflügel Bauern (bzw. die Gegnerin hatte sie inkorrekt geopfert) und gewann locker-leicht, nun erntete sie wieder und stand im Prinzip klar besser. Aber ein Zeitnotlapsus, und die Partie kippte komplett. Tags daraus war Kashlinskaya nie nahe am nun nötigen Sieg, es wurde remis. Eine grosse Überraschung war dieses Matchergebnis dabei nicht, der Elo-Unterschied betrug nur 42 Punkte zugunsten von Kashlinskaya.

Lela Javakishvili wurde mit Schwarz von der knapp 100 Punkte eloschlechteren Chinesin Zhu Jiner in der ersten Partie komplett überrollt und verlor tags darauf auch mit Weiß – auch hier also 2-0 für die “falsche” Spielerin. Haben Chinesinnen eigentlich immer gewonnen? Nein, Lei Tingjie und Ni Shiqun müssen in die Verlängerung, und WIM Sun Fanghui schied aus – erwartungsgemäss gegen Landsfrau Tan Zhongyi.

Eines muss ich abschliessend noch erklären: Warum schrieb ich eingangs, dass einige Spielerinnen schnell mit einem Stichkampf einverstanden waren? Matnadze und Saduakassova einigten sich nach neun Zügen auf Remis, Anita Gara und Lei Tingjie spielten immerhin elf Züge und sagten dann zueinander “bis morgen”. Für wen das jeweils die richtige Entscheidung war und für wen die falsche wird sich morgen herausstellen.

Ich könnte noch auf diverse Partien eingehen – teilweise fiel die Entscheidung plötzlich, teils ging es drunter und drüber. Das gibt es im Damenschach, unter Männern auf vergleichbarem Eloniveau wohl auch.

 

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