Rochade und en passant

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Von FM Dirk Paulsen

Diesmal möchte ich mich mal einem richtig alten Hut widmen. Wobei man auch diesem einen neuen Anstrich verleihen kann, indem man beispielsweise das Kostüm wechselt? Nun ja, bekanntlich ist ja nicht alles, was hinkt, ein Vergleich.

Der uralte Scherz ist nämlich hier gar nicht gemeint. Und für alte Witze ist eher das Knarren der Bartwickelmaschine im Keller ein Indiz. Wobei ich persönlich, als selbst ernannter Meister des Witzeerklärens – mit der selbstverständlich begleitenden Folge des ultimativen Verderbens der Pointe desselben – nun nicht umhin kann, diese kleine Geschichte, als erweitertes Vorgeplänkel, zum Besten zu geben: fragt man also einen beliebigen Spieler, ob er denn Schach spielen könne, so erhält man ziemlich häufig die Antwort: „Nein, kann ich nicht wirklich. Ich habe zwar die Regeln gelernt, aber darüber hinaus nicht besonders viel.“ Nun möchte man ja einen derartigen „Schachspieler“ nicht zwingend bloßstellen, also könnte man das Gespräch auch locker beenden, zumindest zu diesem Thema, man könnte aber auch dieser gewissen Neigung nachgehen, und ein wenig „nachbohren“: „Weißt du auch, wie der Zug heißt, bei welchem man König UND Turm in einem einzigen Zug bewegen darf?“ Sicher, ja, es dämmert irgendwie und unser so weit kompetenter Gesprächspartner antwortet: „Na klar, die Rochade meinst du?“ „Exakt. Wie sieht es aus mit der Ausführung einer Rochade? Könntest du mir das netterweise mal in deinen Worten erklären?“ Wie gesagt, diese Gesprächsfortsetzung ist nur für die Schachspieler geeignet, welche Wert darauf legen, ihre sonstigen sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren – einer weniger wäre hier schon mal gesichert. Man würde nicht zwingend auf eine plastische Erklärung treffen, vor allem wohl kaum auf eine, welche den tatsächlichen Schachregeln entspricht – falls sich der Gesprächspartner nicht längst anderen, angenehmeren Themen in anderen Kreisen zugewandt hätte.

Sollte das Gespräch jedoch überraschenderweise in Schwung bleiben und der Gegenüber entweder sein gewisses Unverständnis auf eine temporäre Erinnerungslücke zurückgeführt haben und sich freundlicherweise noch einmal rasch erklären ließe, dabei Kopf nickend zustimmte „ach ja, klar, so ging das, ich weiß wieder“, so würde man ihn spätestens dann verbindlich und zuverlässig loswerden, wenn man ihn nun noch mal rasch auf den en-passant Schlag eines Bauern ansprechen sollte. „Nun gut, du sagtest doch, du kennst die Regeln. Dann erklär mir doch mal bitte das Schlagen im Vorübergehen?“ Gehört hätte er es zwar mal, aber die Ausführung? Nein, da müsse er – nun aber endgültig – passen. Wie gesagt, nur für den Fall, dass er uns aus welchen Gründen auch immer bisher noch nicht die Freundschaft gekündigt hätte.

Der alte Scherz ginge demnach in etwa so: man muss die Schachspieler unterscheiden in jene, welche angeblich die Regeln kennen, diejenigen, welche die Rochade kennen und jederzeit ausführen können, und, die höchste aller Kategorien, welche Rochade UND en passant kennen, ausführen können und sogar fehlerfrei erklären können. Nun befinden wir uns bereits fast auf Schachclub Niveau.

Nun hat dieses kleine Vorgeplänkel nicht unbedingt dafür gesorgt, hier die Leserschaft zu erweitern. Dennoch gibt es durchaus einer „sehr ernsten Hintergrund“. Dieser wurde mir in verschiedenen Situationen deutlich.

Auch dazu eine kleine Geschichte: ich spielte einmal die Deutsche Pokal-Mannschaftsmeisterschaft, Halbfinale. Dort fanden sich im Laufe der Partie(n) eine durchaus ordentliche Anzahl an Zuschauern ein. Nur waren diese nicht im Frühstadium meiner Partie anwesend. Die Situation war nämlich die: jeder halbwegs mit den Regeln vertraute (also: Klubspieler) hätte in meiner bedrängten Lage eine einfache Lösung gefunden. Da macht man einfach Rochade. Warum zieht der Mann nicht und worüber denkt er so angestrengt, und das schon seit vielen Minuten, nach? Deutschen Mannschafts-Pokal – da könnte ich auch mitmischen. Ungefähr mein Niveau – oder etwas darunter. So in etwa müssen die Gedanken gewesen sein. Ich fühlte mich beinahe bei jedem, der vorbeikam, bemüßigt, aufzustehen und ihm diese kleine Vorgeschichte zu erzählen. „Also die Partie begann mit 1. e4, d6 2. d4, e5 3. de de 4. Dd8+ Kd8 5. Lc4 Ke8. Im Moment des Zuges Ke8xd8 habe ich das Rochade-Recht verwirkt. Mit dem Zug Kd8-e8 habe ich bei den Zuschauern die Illusion erweckt, diese doch wieder ausführen zu dürfen, da der König wieder auf seine Ausgangsfeld steht. Der Zug Rochade wäre absolut wünschenswert, er wäre perfekt, er wäre ein Traum – nur ist er regeltechnisch nicht zulässig.“ Meine Kopffarbe mag sich auch angesichts meiner wachsenden Schwierigkeiten, aber auch aufgrund der Peinlichkeit, nicht den offensichtlich richtigen Zug ausführen zu können aber eben auch, nicht darüber Aufklärung verschaffen zu dürfen, allmählich Richtung „hochrot“ gegangen sein und ich suchte – auch in der Folge – nach Lösungen des Problems, welches sich auch jenseits des reinen Stellung-Problems auftürmte (ich rettete mich ins Remis; Anmerkung der eitlen Redaktion).

Man sieht nämlich ab und an verständige Schachspieler tatsächlich den Blick über das Formular schweifen lassen, möglicherweise um sich über derartige Umstände Aufklärung zu verschaffen. Nur wäre auch dieses Verhalten eher ein aufdringliches und vielleicht als unangenehm zu empfindendes. Also: sie könnten es genau so gut unterlassen, ausreichende Verständigkeit vorausgesetzt.

Genau so erging es mir einmal in einer Stellung, als mein Gegner den Zug f7-f5 ausgeführt hatte und ich die Möglichkeit des en passant Schlages e5 x f6 erwog. Falls der Zuschauer jedoch vom letzten schwarzen Zug KEINE Kenntnis hatte, so hätte er sich wundern müssen, warum ich nicht einen offensichtlichen alternativen Zug ausführte. Auch hier hätte man sich jedem einzelnen Zuschauer (es war dies in der Berliner Meisterschaft) zuwenden können um ihm rasch zu erläutern: „Sie müssen wissen: ich denke nur so lange nach, weil es außer dem guten Zug, den Sie sehen, auch die Möglichkeit e5xf6 e.p. gäbe. Ich beschäftige mich gerade mit den Folgen davon. Weil das auch interessant und vielleicht sogar sehr gut ist.“ Auch hier überwog zwar die Vernunft, dennoch könnten derartige Situationen durchaus bedrückend wirken, möglicherweise gar später auf die Zugentscheidung Einfluss nehmen. Beispielsweise, indem man sich schneller zu einem Zug entscheidet als es die Situation ratsam erscheinen ließe, nur, um die Fragezeichen auf den Gesichtern der Zuschauer zu beseitigen. Wobei: bei dem Rochadeproblem hätte das ja möglicherweise Bestand. „Jetzt hat er nicht rochiert, warum, weiß ich nicht. Aber im nächsten Zug MUSS er es doch jetzt endlich tun?“

Dies brachte mich auf den Gedanken, über eine allgemeine Lösung dieses Problems nachzudenken. Sollte jemand behaupten, Schach ist ein Spiel vollständiger Information, dann kann man nur bis zu einem gewissen Grad zustimmen. Denn: es gibt Stellungen, in welchen man einfach zunächst informiert werden muss, welche Zugmöglichkeiten in Frage kommen oder eben, welche bereits ausgeschlossen sind – und diese Information ist nicht in der Stellung allein enthalten. Es ist ein Vorgeschichte erforderlich, welche sich nicht logisch erschließen lässt.

Die Lösung im Problemschach ist auch keine verbindliche und es ist auch nur eine Konvention: sofern sich nicht nachweisen lässt, dass die Rochade nicht mehr möglich ist, ist sie möglich, per Definition. Nur handelt es sich ja bei einer Problemstellung nicht um eine praktische Partie.

Die allgemein gültige Lösung, für welche ich ernsthaft plädiere lautet so: es müssten bei jedem Diagramm, bei jeder übertragenen Partie, an jedem Brett in einer Turnierpartie Schilder sichtbar gemacht werden. Auf diesen wird man einerseits über die beidseitigen Rochaderecht informiert (Weiß: kurze Rochade möglich, lange Rochade möglich; Schwarz: kurze Rochade möglich, lange Rochade unmöglich; als ein Beispiel) und weiterhin über mögliche en-passant Schlagmöglichkeiten, so selten diese auch auftauchen mögen. Der Vorteil dieser Lösung: danach könnte man tatsächlich behaupten, dass Schach das Spiel vollständiger Informationen wäre.

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