Carlsen-Caruana – es geht los!

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Beide Spieler haben sich vorbereitet, beide haben auch ein Team – Namen wurden wohl nur teilweise verraten oder angedeutet, mehr werden wir vielleicht nach dem Match erfahren oder auch nicht. Beide hinterliessen auch bei der Pressekonferenz vor dem Match einen guten Eindruck, jeder auf seine Weise. Und ab heute, Freitag 9.11. 15:00 Ortszeit, wird Schach gespielt – bis Ende November: die letzte Partie mit klassischer Bedenkzeit am 26.11. (es sei denn, einer hat schon zuvor 6.5 oder auch 7 Punkte), Stichkampf wenn nötig am 28.11. .

Ein paar Fotos (Quelle Worldchess auf Facebook) habe ich von der bereits erwähnten Pressekonferenz, das Titelfoto zeigt vor allem das grosse Medieninteresse. Vielleicht erkennen Leser auch bereits die sechs Personen auf der Bühne (wie immer kann man auf das Foto klicken und dann erscheint es grösser). Sonst zeige ich sie später noch einmal nur diese sechs – drei haben den GM-Titel, zwei haben eine FIDE-Eloseite aber keine Elozahl, einer ist bei FIDE unbekannt und dennoch wichtig. Drei kommen aus Russland, drei aus dem Rest der Welt.

Aber zunächst ein paar Worte zu dem, was die Spieler (oder ihre PR-Berater?) über ihre Vorbereitung verraten haben. Carlsen hatte ein Trainingslager im norwegischen Kragero und eines an einem Ort, der geheim bleiben sollte – aber dann wurde er auf Lanzarote entdeckt. Nun muss Team Caruana damit rechnen, dass ein gewisser Pedro Rodriguez Teil von Team Carlsen ist. Der 15-jährige Lanzarotenser ist international unbekannt und hat eher bescheidene nationale Elo 1759, aber in lokalen Schnellturnieren ist er ein gefürchteter Spezialist im Blackmar-Diemer Gambit. Vielleicht gab es auch noch ein Trainingslager in Bremen, bei dem Olaf Steffens Tips zu 1.b4 gab.

Aber nun ernsthaft: Carlsen selbst hat ausgeplaudert, dass Peter Heine (Nielsen) und Laurent (Fressinet) in seinem Team sind, außerdem nicht namentlich genannte “junge Spieler”. Etwas verdächtig ist, dass Jan Gustafsson nicht für chess24 kommentiert – 2016 war er Teil von Team Carlsen gegen Karjakin und kommentierte trotzdem “aus einem Studio in Hamburg”. Gleichzeitig war er in Norwegen, damals (sechs Stunden Zeitunterschied mit New York) konnte er vielleicht das eine tun und das andere nicht lassen, nun beträgt der Zeitunterschied mit London nur eine Stunde. Chess24 schreibt auch “Wir haben noch ein aufregendes Projekt in Vorbereitung mit einer einmaligen Perspektive zum Match, aber Details können wir derzeit noch nicht verraten!” – darf Gusti hinterher über seine Erfahrungen als Sekundant berichten?

Zu Team Caruana gibt es diesen Hinweis: Cristian Chirila tweetete ein Foto, auf dem er mit Rustam Kasimdzhanov und Alejandro Ramirez an der spanischen Costa del Sol am Joggen ist. Team Caruana also amerikanisch-international geprägt: der Rumäne Chirila wohnt offenbar in den USA, der ehemalige Costa Ricaner Ramirez ist Schach-Amerikaner. Ob Ben Finegold auch dabei ist aber beim Joggen abgehängt wurde, dazu habe ich nicht recherchiert.

Beide haben sich also in Spanien vorbereitet, aber das muss nicht heissen, dass im Match Spanisch gespielt wird. Carlsen ist ja ohnehin oft in Skandinavien, beide sind nun einige Wochen in England, Holland war zu dieser Jahreszeit wie Schottland wettermässig riskant – Italien mit oder ohne Sizilien war allerdings auch eine Möglichkeit, Südfrankreich auch. Ich tippe allerdings auf viel 1.e4 e5 im Match, aber habe keine Insider-Informationen.

Eines von vielen Carlsen-Zitaten im Vorfeld zusammengefasst: Caruana ist zu Konzessionen bereit, um das Zentrum zu kontrollieren – Bauernopfer, gegnerischer Freibauer oder Königsangriff. Ich übersetze das mal: “Caruana ist ein Dynamiker, ich bin ein pragmatischer Langweiler – Komplikationen möglichst vermeiden und den Gegner dann irgendwie aussitzen.” Der Erfolg gab Carlsen recht – welche Art, Schach zu spielen, im WM-Match Erfolg hat, werden wir in den nächsten Wochen erfahren.

Und nun zur Pressekonferenz in London:

Die sechs auf der Bühne waren Andrey Guryev, CEO des Sponsors PhosAgro, Ilya Merenzon (AGON), Arkady Naiditsch Dvorkovich (neugewählter FIDE-Präsident), Carlsen, Caruana und Daniel King – neuer FIDE Press Officer. Die beiden mit Elo über 2800 nochmal in Grossaufnahme:

Carlsen blickt mürrisch drein, das hat er ja jahrelang geübt. Beide haben eine perfekte Frisur – bei Guryev und Merenzon unproblematischer, gilt es auch für Danny King? Carlsen gab dann oft kurze und dabei “witzige” Antworten, Caruana verzichtete auf Witzchen und blieb ruhig-sachlich.

Caruana bekam konkretere Fragen und sagte u.a. “ich fühle mich als Amerikaner UND Italiener” (das war vielleicht vorbereitet und änderte sich im Laufe der Jahre mehrfach) sowie “noch bin ich kein Nachfolger von Bobby Fischer, vielleicht nach Sieg in diesem Match. Wobei ich sowohl schach-stilistisch als auch was mein ganzes Leben betrifft ein anderer bin.” Mehr zur Pressekonferenz findet der Leser anderswo.

Wer wird das Match live kommentieren?

Zahlende Kunden auf der Turnierseite bekommen Judit Polgar und offenbar auch Anna Rudolf, deren häufige Partnerin Sopiko Guramishvili ist anderswo aktiv: Teil von Kommentarteam chess24, jedenfalls bis Ehemann Anish Giri Zeit hat (noch spielt er in Shenzhen). Svidler ist auf chess24 unvermeidlich, und das ist gut so (nur am Samstag 10.11. spielt er wohl in der Bundesliga). Ersatz für Gustafsson haben sie nahe im Alphabet gefunden – Grischuk ist per Telefon aus Moskau zugeschaltet, dieser Kommentar trotzdem auf Englisch. Auf Deutsch machen es für chess24 Lubbe und Lubbe. Russischen Livekommentar gibt es sicher auch, dazu habe ich nicht recherchiert.

Chess.com hat IM Danny Rensch und GM Robert Hess, außerdem haben sie Gäste angekündigt – u.a. Nakamura, Vachier-Lagrave, So und Shankland. Nicht klar, ob Chessbase auch Livekommentar hat – hinterher werden da u.a. Duda, Adams, Navara, Shankland und Gelfand Partien analysieren. Wer viel zu tun hat und wer eher wenig (bzw. vor der Herausforderung steht, ein langweiliges Remis interessant zu kommentieren) wird sich herausstellen. JK Duda hat offenbar die beste Kondition und macht es gleich dreimal – die ersten drei Partien. Oder er denkt “die werden sich zu Beginn des Matches vorsichtig abtasten, erst danach wird es konkreter”.

Neben dieser Prognose und relativ viel 1.e4 e5 habe ich keine, einfach wird es sicher nicht – weder für Carlsen noch für Caruana. Abschliessend ein Auftritt von Niclas Huschenbeth in der Sportschau – da hat Schach Seltensheitswert, aber für ein bzw. jedenfalls für dieses WM-Match machten sie eine Ausnahme:

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2 thoughts on “Carlsen-Caruana – es geht los!

  1. Ich habe doch geschrieben, dass ich keine Prognose habe, dann mache ich das auch nach Aufforderung nicht – zumal ich mit meinen Prognosen 1.e4 e5 und anfangs passiert eher wenig daneben lag.
    Für Caruana spricht die zuletzt gezeigte Form sowie vielleicht auch, dass er eventuell “hungriger” ist. Für Carlsen spricht die Erfahrung in WM-Matches. Ich sehe übrigens nicht, dass Carlsen seinen Stil geändert hat – so spielte er schon immer (bevorzugt), nur war er früher damit erfolgreicher.

    Wenn in der ersten Partie des Matches nicht nach dem 73. Zug nicht noch (weitere) erstaunliche Dinge passieren, kann man sie so beschreiben: Carlsens Technik ist bei weitem nicht so toll wie Carlsen-Fans behaupten. Caruana hat schlecht gespielt, aber nicht schlecht genug. Das hat durchaus WM-Niveau, derlei gab es auch bei der Damen-WM.

  2. Leider bin ich ja zu alt, um noch als nicht genannter “junger Spieler” durchzugehen, aber mal gucken, vielleicht kommt ja trotzdem 1.b4 aufs Brett?!

    Was meinst Du denn, Thomas, wer gewinnt? Ich neige ja zu Caruana, der irgendwie fitter wirkt, mehr Schärfe in seinem Spiel zeigt und aushält. Carlsen hat mir nicht mehr so gut gefallen, rein stilistisch, in den letzten Monaten. Es war doch alles etwas zu behäbig und technisch, und so soll man doch nicht Weltmeister werden. Darum: Caruana, und Carlsen kann sich dann in zwei Jahren wieder ins Titelrennen einbringen, als dynamischer Herausforderer.

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