China – Rest der Welt 5:4 in Khanty-Mansiysk und Shenzhen

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Bei mehreren Turnieren gleichzeitig muss ich Berichte gelegentlich kombinieren – gut, wenn es dafür ein “Leitmotiv” gibt. Gegen den Rest der Welt führte China bereits 5-0, und dann wurde es doch noch knapp – wobei der chinesische Sieg bereits feststand. Die Ergebnisse dreigeteilt: Mittwoch am mitteleuropäischen Nachmittag gewann China 3-0 – das war in den Matches der Damen-WM, die nach zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit entschieden waren. Donnerstag morgens (vor Ort nachmittags) gewann China in Shenzhen 2-0, und dann verloren sie, wieder in Khanty-Mansiysk, alle vier Stichkämpfe.

Schwerpunkt dieses Berichts ist die Damen-WM, da in Shenzhen bisher vor allem Remis gespielt wurde – im KO-Format gibt es dagegen irgendwann immer Siegerin und Verliererin. Weiterhin reichten dafür meistens zwei oder vier Partien, wie in Runde 1 ging auch in der zweiten Runde nur ein Stichkampf in die verlängerte Verlängerung. Und dann war nach insgesamt sechs Partien Schluss, noch mehr oder gar Armageddon wurde “uns” bisher nicht geboten bzw. blieb den Spielerinnen erspart.

Fotos stammen von der Turnierseite, wiederum eine eher kleine Auswahl. Auf dem Titelfoto die vordersten Tische mit den nominell stärksten Spielerinnen, die zwei von drei Matches gewinnen konnten – Ju Wenjun ohne Nachsitzen gegen Irina Krush, Lagno nach Stichkampf gegen Hoang Thanh Trang. Dazwischen eine der Überraschungen der zweiten Runde: Humpy Koneru hatte gegen Jolanta Zawadzka das Nachsehen. So steht eine Polin in der Runde der letzten sechzehn, dabei nicht die mit der zu rechnen war: eine andere Überraschung der zweiten Runde war, dass die Iranerin Mobina Alinasab nach Elisabeth Paehtz auch Monika Socko eliminierte. Die deutsche Fahne an der Wand bleibt allerdings offenbar bis Turnierende.

Die chinesischen Ergebnisse in Khanty-Mansiysk kann man auch so aufbröseln: die Elofavoritinnen spielten 1-1 (Ju Wenjun gewann, das hatten wir bereits, Tan Zhongyi verlor dagegen), die Außenseiterinnen spielten ebenfalls unentschieden, insgesamt 2-2 (weiter sind Zhai Mo und Lei Tingjjie, ausgeschieden sind Ni Shiqun und Zhu Jiner). Das verbleibende Match Abdumalik(2473)-Zhao Xue(2478) war Elo-ausgeglichen und ging an den Rest der Welt. In Shenzhen gewannen dagegen die Elofavoriten Yu Yangyi gegen Vitiugov und Ding Liren gegen Wojtaszek.

Nun nur zu einigen Matches, teils mit Bildern:

Der direkte Vergleich Russland-Ukraine in Runde zwei endete unentschieden: Anna (Muzychuk) gewann glatt 2-0 gegen Ana(stasia Bodnaruk) – Vorteil Ukraine, für Russland konnte Gunina gegen Ushenina ausgleichen. Insgesamt reden alle über China (ich auch), aber quantitativ hat Russland nun im Restturnier die Nase vorn, dazu später mehr.

Anna Muzychuk spazierte quasi in die nächste Runde, Schwesterherz Mariya Muzychuk musste dagegen – trotz genau 100 Elopunkten Vorteil – gegen Ekaterina Atalik bange Momente überstehen. Ab hier ein paar Worte zu den Partien: In der ersten Partie hatte Muzychuk im Endspiel das Nachsehen, offenbar da sie die falsche Figur für den gegnerischen h-Freibauern gab – Engines betrachten 37.Sg4 hxg4 38.fxg4 als etwa ausgeglichen, Weiß hat dann zwei Bauern für den Springer. Wenig später musste 39.Lxh4 Lxh4 offenbar sein – auch hier hatte Weiß zwei Bauern für die Figur, aber Schwarz behielt den Läufer und der weisse f-Bauer war weiterhin verdoppelt. Am Ende schaffte Atalik, was Ushenina einmal nicht geschafft hatte: mit Läufer und Springer mattsetzen.

Die zweite Partie musste Muzychuk nun mit Schwarz gewinnen – passend dazu die Eröffnung Wolga-Gambit, Weiß nahm den Bauern nicht sondern spielte das seltene 4.Dc2. Das gab es allerdings schon auf hohem Niveau, vor allem von Mamedyarov und Dreev. Schwarz überführte dann Figuren zum Damenflügel, Weiß widmete sich dem vernachlässigten Königsflügel … und erreichte eine Gewinnstellung. Mit 29.Sf4? Dxa2 (da stand ein Läufer, den sie auch behalten konnte) 30.Sxg6 wollte Atalik dann sicher den Sack zumachen und übersah dabei ein vernichtendes Rückopfer. Wer Material mehr hat, kann etwas davon zurückgeben. Nach Damentausch hatte Weiß kein Mattpotential, und Schwarz eine Mehrfigur – Ausgleich und Stichkampf statt 2-0 für Atalik.

In der ersten Schnellpartie stand Mariya Muzychuk dann im Endspiel offenbar etwas schlechter, aber nicht schlecht genug – Remis. Die zweite Partie wurde als “Eröffnungskatastrophe” für Atalik beschrieben, was war los? Sie folgten einer alten Variante, Vorgänger auf hohem Niveau Gelfand-Timman, Tilburg 1990 (das war mal Austragungsort von Superturnieren), Topalov-Kramnik, Linares 1997 (das auch), Topalov-Kasparov, Sarajevo 2000 (das auch) und dann noch Gelfand-Grischuk, Amber rapid 2010 (auch dieses Turnier gibt es nicht mehr). Livekommentator Morozevich konnte sich dunkel an alte Partien erinnern, Details hatte er nicht parat. Atalik neuerte mit 13.Lh3, nun brauchte Muzychuk 6 1/2 Minuten für 13.-Sde5 und Atalik (die wohl doch nicht vorbereitet war?) 6 Minuten für den entscheidenden Fehler 14.Sd2. 14.-Sxf2!, bumm! Es gewann letztendlich eine Qualität und damit die Partie.

Muzychuk-Muzychuk kann es übrigens nur im Finale geben.

Dronavalli “Halbfinale” Harika ist, im Gegensatz zu Landsfrau Humpy Koneru, eine Runde weiter. Im Halbfinale stand sie dreimal nacheinander 2012, 2015 und 2017 – jeweils war dann Schluss, diesmal würde es ja neben ordentlichem Preisgeld auch Qualifikation für das Kandidatenturnier bedeuten. Ihren bangen Moment hatte sie – vielleicht ohne es “live” zu bemerken – bereits in Runde eins. Gegen Sopiko (nicht Guramishvili, sondern Khukashvili, -vili bedeutet auch hier aus Georgien) stand sie in der zweiten Schnellpartie nach einem üblen Bock total verloren, aber die Gegnerin spielte darauf Doppelbock und verlor selbst noch.

Gegen die nächste -vili, Vorname Bela Khotenash, war in beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit eher wenig los. Im Schnellschach dominierte dann Harika. Schon mit Weiß hatte sie ein glatt gewonnenes Endspiel und fiel auf einen Patt-Trick herein: der schwarze Turm beging Selbstmord für einen guten Zweck und bestand darauf, bis Harika das akzeptieren musste. Ein gewonnenes Endspiel nicht gewinnen hatte anderswo Folgen, aber Harika dominierte danach auch mit Schwarz und diesmal gewann sie. Zum Schicksal der Georgierinnen im Turnier komme ich noch.

Warum ist Humpy Koneru ausgeschieden? Die erste Partie gegen Jolanta Zawadzka wurde Remis, in der zweiten erlaubte sie das Eindringen der gegnerischen Dame in ihre Stellung. Schwarz konnte offenbar im Mittelspiel gewinnen, “verzichtete” darauf und erreichte ein viel besseres Endspiel. 7-Men Tablebases bestätigen, dass es am Ende trotz reduzierten Material “mit rechten Dingen zuging” – die Stellung nach 54.Lxa6 Sxa2+ (noch b-Bauer für beide und schwarzer e-Bauer) ist für Schwarz gewonnen, und so kam es in der Partie.

Ich hatte Chinesinnen versprochen, nun ist es soweit – Fotos und Worte zu zwei Stichkämpfen:

Tan “Titelverteidigerin” Zhongyi hatte gegen Gulrukhbegim Tokhirjonova das Nachsehen – den komplizierten usbekischen Namen muss man sich vielleicht merken, zuvor hatte sie bereits Alina “Isle of Man” Kashlinskaya nach Hause geschickt. Auch hier endeten beide Partien mit klassischer Bedenkzeit Remis. Im Schnellschach machte Tokhirjonova mit Weiß aus Königsangriff ein glatt gewonnenes Doppelturmendspiel. Drei Mehrbauern brauchte sie am Ende nicht unbedingt – es wurde Matt bzw. Tan Zhongyi gab gerade noch rechtzeitig (einen Zug vorher) auf. In der zweiten Partie musste Tan Zhongyi mit Weiß gewinnen, vielleicht deswegen bekam Tokhirjonova mit Schwarz Oberwasser. Mehr als Remis war wohl drin, aber Remis reichte und das erzwang sie dann.

Natalia Pogonina und Zhu Jiner mussten als einzige doppelt nachsitzen, schon zuvor war in diesem Match jede Menge los. In der ersten Partie mit klassischer Bedenkzeit gewann die 15-jährige Chinesin glatt mit Weiß, sollte sie nach -vili (Vorname Lela Javakhish) auch -nina (Vorname Natalia Pogo) nach Hause schicken? Mit Schwarz stand sie tags darauf zwar nicht besser, aber auch nicht schlechter – bis 22.-Le5?, Läufertausch und Einleitung zu einer “unnötigen” Niederlage.

In der ersten Schnellpartie hatten beide Spielerinnen kein glückliches Abtausch- oder Schlaghändchen. Pogoninas 43.-Lxg4? war falsch, statt dieses gegnerischen Läufers musste ihr eigener von e6 aus den weissen Sd5 verspeisen. Weiß stand danach total gewonnen (Engine-Urteil +7), bis sie statt 48.exd5 (da stand ein Turm) 48.Txg6 (da stand ein Springer) spielte. Nun war es Remis.

Auch in der zweiten Schnellpartie stand Zhu Jiner mit Schwarz klar besser – bis sie zwar den richtigen Bauern nahm, aber mit der falschen Figur: 26.-Txe4 gewinnt, nach dem Partiezug 26.-Sxe4 wurde es remis.

Wie ging es weiter? Mit zehn Minuten Bedenkzeit, weder Fisch noch Fleisch – weder Schnell- noch Blitzschach sondern zwischendrin. In der ersten (insgesamt fünften) Partie ein Kik, auf den Zhu Jiner sicher verzichten konnte – es bedeutet “königsindische Katastrophe”. 11.-Se4? (Aufforderung zum Springertausch) war völlig falsch, nach 25 Zügen war dann Schluss – Vorteil Pogonina, erstmals im Match.

In der zweiten Zehnminutenpartie entkorkte Zhu Jiner, wie zuvor im Schnellschach, das altehrwürdige Evans-Gambit. Pogonina sagte wieder “nein danke” (4.-Lb6 statt 4.-Lxb4), Weiß stand danach nie besser und hatte zum für sie schlechten Ende einen Blackout: Springergabel übersehen, Figurenverlust und damit definitiv ausgeschieden. Den Namen Zhu Jiner muss man sich vielleicht dennoch merken, sie ist ja noch jung.

Auch Ni Shiqun “musste” gegen Kosteniuk nicht unbedingt ausscheiden: das Endspiel in der zweiten Partie mit klassischer Bedenkzeit war “eigentlich” für sie gewonnen, aber wurde remis. Im Stichkampf dominierte dann Kosteniuk und gewann 2-0. Die Schlusstellung der zweiten Schnellpartie war dabei, nach zuvor klarem Vorteil für Kosteniuk, wieder ausgeglichen – statt 53.Khnull (Aufgabe) konnte Ni Shiqun auch 53.Tg1= spielen, aber Remis war ja auch zu wenig.

Um das chinesische Stichkampf-Quartett zu komplettieren: Zhao Xue – Abdumalik stand unter dem Motto Erfahrung gegen Jugend, wobei hier die Chinesin schon lange im Geschäft ist. Auch hier zwei korrekte Remisen mit klassischer Bedenkzeit, in der ersten Schnellpartie hat Zhao Xue dann eine Figur eingestellt. Die Revanche mit Schwarz war durchaus möglich, einige Züge lang stand Zhao Xue klar auf Gewinn. Aber dann wurde es remis – bzw. nicht, da Zhao Xue ganz am Ende die Bedenkzeit überschritt und das wurde auch bei reduziertem Material (Springer und Bauer für sie, Springer für Abdumalik) als 1-0 gewertet.

Die guten Nachrichten aus chinesischer Sicht zuvor: Ju Wenjun gewann erwartungsgemäss gegen Irina Krush. Zhai Mo konnte nach Olga Girya auch -vili (Vorname Nino Batsiash) 2-0 besiegen. In der ersten Partie stand sie zunächst zumindest verdächtig, aber statt ihre Angriffschancen zu nutzen gab Batsiashvili zwei Bauern ohne Kompensation. In der zweiten Partie bekam Zhai Mo dann nach einem gegnerischen taktischen Lapsus entscheidend Oberwasser. Und Nana Dzagnidze (nicht -vili, trotzdem aus Georgien) hat in der zweiten Partie gegen Lei Tingjie einen Bauern sinnfrei geopfert oder vielleicht einfach eingestellt, und dann konnte die Chinesin ihren Mehrbauern verwerten.

Im Turnier sind damit nun noch drei Chinesinnen (von anfangs acht), fünf Russinnen (von zehn), zwei Ukrainerinnen (von fünf, Muzychuk und Muzychuk) und je eine aus Usbekistan, Kasachstan, Polen und dem Iran. Aus Georgien dagegen noch null von fünf Spielerinnen, aber das wurde im Laufe dieses Berichts ja bereits deutlich. Zum Vergleich: die “sweet sixteen” im letzten KO-Turnier 2017 waren vier Chinesinnen, je drei aus Russland und Georgien, zwei aus Indien und Ukraine sowie je eine aus Vietnam, Bulgarien und Schweden (Pia Cramling diesmal nicht qualifiziert). Sechs Namen sind dieselben: Ju Wenjun, Harika, Anna Muzychuk, Stefanova, Kosteniuk, Pogonina.

Wie geht es weiter? Die nächsten Matches: Ju Wenjun – Zhai Mo (damit eine Chinesin sicher im Viertelfinale), Tokhirjonova-Gunina, Mariya Muzychuk – Alinasab. Das sind die drei Matches mit klaren Elofavoritinnen, aber das hat die Außenseiterinnen bisher auch nicht interessiert. Mehr oder weniger ausgeglichen-ergebnisoffen sind Anna Muzychuk – Stefanova, Kosteniuk-Harika, Zawadzka-Abdumalik, Lagno-Pogonina (auch eine Russin sicher im Viertelfinale, Samstag oder Sonntag wissen wir welche) und Galliamova – Lei Tingjie.

Aus Zeitgründen nur kurz nach Shenzhen: Wie gesagt, das doppelrundige Turnier mit sechs Spielern begann mit zwölf Remisen – Nachrichtenwert hatte es vor allem, da damit auch Ding Liren weiterhin ungeschlagen blieb und nun eine längere Serie hat als Mikhail Tal. Dann gewann allerdings Yu Yangyi gegen Vitiugov im Endspiel – das allerdings von Anfang an klar gewonnen war. Und Ding Liren konnte Wojtaszek im Endspiel bezwingen, bzw. das machte der Pole ein bisschen selbst. Giri und Vachier-Lagrave spielten gegeneinander remis und haben damit weiterhin 50%.

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